1. Eine konsequente Befreiung der Schiffbrücke von motorisiertem Durchgangsindividualverkehr.
Die Schiffbrücke mit ihrer Kaikante befindet sich in bester Lage, um einer der beliebtesten Naherholungsorte und Ausflugsziele in der Flensburger Innenstadt zu sein. Doch sie ist weit davon entfernt, ihr Potential auszuschöpfen. Statt Möwen und Wind beherrschen Autos die Geräuschkulisse, deren Lautstärke Gespräche beim Spaziergang übertönt. Statt einer einladenden naturnahen Hafenkulisse dominieren Autos, Versiegelung und Straßenraum das Erscheinungsbild. Dem motorisierten Individualverkehr (MIV) wird eine Priorität eingeräumt, die andere Verkehrsteilnehmende aufgrund zu enger Räume in Konflikte drängt (siehe 2.) und die Aufenthaltsqualität stark mindert (siehe 3.). Eine andere Prioritätensetzung, durch die Befreiung vom motorisierten Durchgangsindividualverkehr, würde Raum schaffen für eine sichere Gestaltung des Verkehrs und einen Ausbau der Infrastruktur des Umweltverbundes (Rad- und Fußverkehr sowie ÖPNV). Gleichzeitig würde Raum geschaffen, um das Potenzial der Schiffbrücke als Aufenthalts- und Naherholungsort mit einer Vielzahl an Gestaltungselementen und Freizeitangeboten für diverse Bevölkerungsgruppen zu nutzen.
Stattdessen erzeugt die aktuelle Gestaltung der Schiffbrücke, mit dem starken Fokus auf optimale Bedingungen für den MIV, eine erhebliche Trennwirkung zwischen Hafenkante und der Innenstadt. Dies wirkt sich sowohl nachteilig auf die Erreichbarkeit des Hafens für die Bewohnenden aus, als auch auf die Belebung der Innenstadt durch die Besuchenden, die primär wegen des Hafens kommen. Diese Trennwirkung würde durch eine Befreiung der Schiffbrücke vom motorisierten Durchgangsindividualverkehr deutlich reduziert und sowohl den Hafen attraktiver für die Bewohnenden machen als auch die Belebung der Innenstadt fördern. Aktuelle Studien legen zudem nahe, dass eine Verkehrsberuhigung auch für den Einzelhandel in Flensburg von Vorteil wäre [1].
Gegen die Befürchtung, die Schließung von Straßen für den MIV führe zu einem "Verkehrskollaps" auf den Ausweichrouten, sprechen zahlreiche Studien. Tatsächlich verschwindet ein bedeutender Teil des Autoverkehrs, da Menschen ihr Verhalten anpassen. Die Reduzierung kann je nach Umfeld und Begleitmaßnahmen
zwischen 5% und 25% des betroffenen Verkehrs betragen. [2]
Doch nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig würde Flensburg von dieser Maßnahme profitieren. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Flensburg die negativen Auswirkungen der häufiger auftretenden Extremwetterereignisse in Folge der Klimakrise zu spüren bekommt. Flensburg sollte also auch intrinsisch motiviert sein, die Folgen der Klimakrise so gut wie möglich abzuschwächen. Dafür spielt der Verkehrssektor mit einem Anteil von 20% an den CO₂-Emissionen eine entscheidende Rolle [3]. Denn ca. 96 % dieser Emissionen im deutschen Verkehrssektor entstehen auf der Straße [4]. Auch deshalb hat die Stadt Flensburg bereits mehrfach beschlossen, den Anteil des Autoverkehrs in Flensburg deutlich zu reduzieren, beispielsweise im Masterplan Mobilität oder in der Strategie Flensburg 2030+ [5,6]. So hat sich die Stadt Flensburg mit dem Masterplan Mobilität das Ziel gesetzt, den Anteil des motorisierten Individualverkehrs von 54% auf 39% zu reduzieren [5]. Um eine solche Reduktion zu erreichen, muss Flensburg sowohl auf die Förderung anderer Verkehrsmittel als auch auf die Einschränkung der Privilegien des Autoverkehrs setzen [3].
Dass die Menschen in Flensburg diesen Weg unterstützen, haben die verschiedenen Beteiligungsformate der Stadt vielfach gezeigt. Über 73%, also fast drei Viertel der Teilnehmenden der Online-Umfrage der Stadt zur Gestaltung der Schiffbrücke und Hafenkante, können sich die Schiffbrücke ohne Autoverkehr vorstellen [7].
Um diese Unterstützung für die Maßnahme nicht zu gefährden und die positiven Auswirkungen voll auszuschöpfen, muss darauf geachtet werden, dass sich die negativen Auswirkungen des MIV nicht verlagern. Deshalb müssen Anwohnende zum Beispiel der Duburger Straße und anderer westlicher innerstädtischer Straßen davor geschützt werden, dass sich der Durchgangsverkehr in ihre Wohnquartiere verlagert.
2. Eine Schiffbrücke mit deutlich mehr Raum für Rad- und Fußverkehr
Noch wird der Bereich um die Innenstadt in Flensburg von Autoverkehr dominiert, während Fuß- und Radverkehr im öffentlichen Raum zu wenig Platz haben. Auf der Schiffbrücke zeigt sich dieser Missstand besonders deutlich: Enge Gehwege, fehlende sichere Radspuren und die Dominanz von Kfz und Parkflächen verhindern, dass dieser Stadtraum seiner Bedeutung als zentraler Verbindungs- und Aufenthaltsort gerecht wird.
Eine Haushaltsbefragung in Flensburg (2011) ergab folgende Verkehrsaufteilung: Der Motorisierte Individualverkehr lag bei über 50 %, während der Radverkehr 19%, der Fußverkehr lediglich 16% und der ÖPNV 11% ausmachten.
Damit liegt Flensburg beim Rad zwar leicht über dem Bundesdurchschnitt, beim Fußverkehr jedoch klar darunter. Das Ergebnis ist eine von Autos geprägte Innenstadt, während die aktiven und nachhaltigen Mobilitätsformen im öffentlichen Raum zu kurz kommen.
Der Masterplan Mobilität und Flensburg 2030+ formulieren eindeutige Zielvorgaben, um dieses Ungleichgewicht zu korrigieren. So soll der Anteil des Autoverkehrs bis 2030 von über 50 % auf ca. 39
% sinken. Für 2050 wird in einem Klimaschutz-Szenario eine annähernd gleichmäßige Verteilung von je 25 % für Auto, Rad, Fuß und ÖPNV angestrebt. Beide machen deutlich: Die Stärkung des Umweltverbundes ist eine zentrale Aufgabe der Stadtentwicklung und die Schiffbrücke ein Schlüsselraum, um diese Verlagerung sichtbar und spürbar umzusetzen. Klar ist auch: Ohne mehr Platz für Fuß, Rad und ÖPNV sind die angestrebten Klima- und Nachhaltigkeitsziele nicht erreichbar.
Mehr Raum für Rad- und Fußverkehr ist daher nicht nur eine Frage der Aufenthaltsqualität, sondern ein unverzichtbarer Beitrag, um den Modal Split im Sinne des Masterplans Mobilität zu verändern und die Klimaziele von Stadt, Bund und EU einzuhalten. Die Befreiung der Schiffbrücke vom motorisierten Durchgangsindividualverkehr ist notwendig, um die verkehrspolitischen Leitlinien von
Flensburg 2030+ umzusetzen und gleichzeitig den Erwartungen der Bürger*innen gerecht zu werden. Nur so kann aus einer bislang autoorientierten Konfliktzone eine lebendige, sichere und klimafreundliche Hauptverbindung der Innenstadt entstehen, ein Ort, der Flensburgs Potenzial als lebenswerte und zukunftsorientierte Stadt sichtbar macht.
3. Eine Schiffbrücke mit deutlich höherer Aufenthaltsqualität - barrierefrei und klimaangepasst.
Die Neugestaltung der Schiffbrücke muss sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen: dem fortschreitenden Klimawandel, einer alternden Stadtgesellschaft und dem Anspruch an eine gerechte und inklusive Stadtentwicklung. Besonders Innenstädte in Wassernähe sind zunehmend von Hitze, Starkregen und Hochwasser betroffen.
Allein im Zeitraum 2014–2023 kam es in Deutschland nach Schätzungen zu rund 48.000 hitzebedingten Todesfällen[8], mit einem besonderen Risiko für ältere und chronisch kranke Menschen [9]. Auch in Flensburg nahm die Belastung deutlich zu. Konkret: Heute gibt es im Norden rund 8 Hitzetage pro Jahr, zukünftig werden es 20-30 oder mehr [10]. Diese Hitzeperioden führen zu erheblichem Hitzestress und schränken die Aufenthaltsqualität stark ein. Hinzu kommt das wachsende Risiko für Starkregenereignissen und Überflutungen. Flensburg ist dabei durch seine trichterförmige Topographie besonders betroffen. Studien zeigen, dass Maßnahmen zur Regenwasserrückhaltung Abflussmengen bei Starkregen um bis zu 40 % reduzieren können [11]. Also eine Vorraussetzung damit die Schiffbrücke auch nach Extremereignissen ein nutzbarer und sicherer Raum bleibt.
Öffentliche Räume müssen so geplant werden, dass sie Aufenthaltsqualität, soziale Teilhabe und den Bedürnissen sowie Schutz der Menschen bei immer extremeren Klimabedingung gerecht werden und diese in den Mittelpunkt stellen.
Besonders vulnerable Gruppen, d. h. ältere Menschen, Personen mit Vorerkrankungen, Kinder und sozial benachteiligte Menschen sind durch diese Veränderungen gefährdet. und zugleich oft auf niedrigschwellige, barrierefreie Aufenthaltsräume angewiesen. Fehlender Schatten, fehlende Sitzgelegenheiten oder unzureichende Barrierefreiheit führen dazu, dass diese Gruppen aus öffentlichen Räumen ausgeschlossen werden. Damit sinkt nicht nur die Aufenthaltsqualität, sondern auch die soziale Teilhabe und Atraktivität im Herzen unserer Stadt.
Die breite Beteiligung an der Umfrage zur Neugestaltung der Hafenkante zeigt, dass die Bevölkerung genau diese Probleme erkannt hat und klare Erwartungen an die Schiffbrücke formuliert:
- Über 450 Teilnehmende nannten als wichtigste Qualität das „Sitzen, Chillen und Genießen“.
- 500 Menschen wünschten sich Sitzgelegenheiten unter Bäumen, über 430 zusätzliche Bänke und 374 Blumen- und Grünflächen.
- Kritisiert wurden vor allem Verkehrsführung, Autoverkehr und Gestaltungsdefizite.
- Eine deutliche Mehrheit sprach sich für eine Schiffbrücke ohne Parkplätze (345 Stimmen) bzw. ohne Parkplätze und Autoverkehr (400 Stimmen) aus[12]
Daher Fordern wir, um diesen Herausforderungen zu begegnen zu können, braucht es eine konsequent klimaresiliente Gestaltung!
Dafür Notwendige Maßnahmen:
- Mehr Grün und Wasser: begrünte Flächen und wasserdurchlässige Beläge senken die Umgebungstemperatur spürbar und speichern Regenwasser.
- Dezentrale Regenwasserbewirtschaftung: Mulden, Rigolen und Versickerungssysteme reduzieren die Abflussmengen bei Starkregenereignissen um bis zu 40 % und verhindern Überflutungen der Gehbereiche.
- Hitzeschutz-Infrastruktur: Schattenspendende Sitzplätze, öffentliche Trinkbrunnen, regelmäßige, leicht zugängliche Sitzplätze unter Schatten / Pergolen, reflexive Beläge und wasserbasierte Abkühlungselemente
- Cooling Spots sorgen für unmittelbare Entlastung bei Hitze und steigern die Aufenthaltsqualität für alle.
- Barrierefreiheit für alle Generationen: Schwellenfreie Wege, taktile Leitsysteme, rutschfeste Beläge und Sitzgelegenheiten mit Rückenlehnen, öffentliche Toiletten, klare Wegweisung zu ÖPNV, Ruhezonen, Notrufpunkte, alle Übergänge Bus/ÖPNV/Promenade barrierefrei, d. h. also auch möglichst ohne die Trennung und der Gefahrenpunkt, den der MIV auf der Schiffbrücke darstellt, sind zentrale Bausteine einer inklusiven Gestaltung.
- Schutz vor Sturmflut und Hochwasser:i, Schutz öffentliche essentizieler Infrastrucktur (Wasser und Stromversorgung), Information und Hilfsangebote zu lokalen Gebäudehochwasserschutz, zukünftig im Erdgeschoss nur noch Untergeordnete Nutzungen genehmigen
Dabei hat sich die Stadt Flensburg mit dem Stadtentwicklungsplan
„Flensburg 2030+“ schon klar zur Klimaanpassung, Barrierefreiheit und zur Schaffung lebenswerter öffentlicher Räume bekannt. Die hier beschriebenen Maßnahmen entsprechen daher nicht nur ökologischen Notwendigkeiten und den Ergebnissen der Bürger*innenbeteiligung, sondern sind auch ein konsequenter Schritt zur Umsetzung der beschlossenen städtischen Entwicklungsziele.
Eine klimaangepasste und barrierefreie Schiffbrücke ist aus unserer Sicht kein Luxus, sondern eine zwingende Voraussetzung, um diesen zentralen Stadtraum zukunftsfähig zu machen. Sie schützt die Gesundheit der Bevölkerung, fördert soziale Teilhabe, steigert die Aufenthaltsqualität und macht Flensburg widerstandsfähig gegen die Folgen des Klimawandels.
Quellen:
[1]
https://difu.de/publikationen/2025/verkehrsberuhigung-und-einzelhandel-dann-wirds-laut[2]
https://www.researchgate.net/publication/245574459_Estimation_of_Applied_Forces_on_Railway_Vehicle_Wheelsets_from_Measured_Vehicle_Responses ;
https://www.itf-oecd.org/itf-transport-outlook-2021 ;
https://nacto.org/wp-content/uploads/disappearing_traffic_cairns.pdf[3]
https://www.bpb.de/themen/klimawandel/dossier-klimawandel/516500/nachhaltige-mobilitaet/[4]
https://taz.de/Klimakrise-und-Verkehr/!6108078/[5]
https://www.flensburg.de/PDF/Bericht_Masterplan_Mobilit%C3%A4t.PDF?ObjSvrID=2306&ObjID=7957&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=1543906562[6]
https://www.flensburg.de/PDF/Flensburg_2030_Bericht.PDF?ObjSvrID=2306&ObjID=16716&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=1721653119[7]
https://flensburg-mitmachen.de/polls/12/results[8]
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39433977/[9]
https://www.who.int/europe/health-topics/heatwaves?utm[10]
https://www.gdv.de/gdv/medien/medieninformationen/zahl-der-hitzetage-seit-den-1950er-jahren-mehr-als-verdreifacht-71046?utm[11]
https://link.springer.com/article/10.1007/s11356-021-12616-3?utm[12]
https://flensburg-mitmachen.de/innenhafen-hochwasserschutz-und-neugestaltung