Ella Promeuschel
Ein vorbereiteter Glückspilz
Lea Unterseer – Dramaturgin
Lea Unterseer ist 27 Jahre alt und bereits fest angestellte Dramaturgin am Residenztheater München. Mit Leidenschaft und Engagement nimmt sie mich in ihrem Arbeitsalltag mit und lässt mich so durch ihre Augen sehen, was Theater für sie bedeutet. Ein Porträt, das weit mehr über Lea erzählt als ihren Beruf.
- Geschrieben von Ella Promeuschel
„Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe gar nicht gewusst, dass Dramaturgie existiert“, ist das Erste, was Lea Unterseer mir erzählt. Mit großen Puschelohrringen, einem blauen Blazer und runder Brille grinst sie mich dabei an. Kein Wunder, dass sie sich schon immer für die Bühne interessiert hat – ob als Sängerin im Kinderchor oder als Schauspielerin im Schultheater. „Aber da gab es die Position der Dramaturgie nicht, weil es eine der Positionen im Theater ist, die man von außen gar nicht sieht.“
Nachdem Lea bei ihrem Lehramtsstudium am meisten im Nebenfach „Kunst, Musik, Theater“ aufgegangen ist, lenkt sie ihre Karriere nochmal um und kommt durchs „Googeln“ auf Dramaturgie – „hört sich ja spannend an“, ist ihre erste Reaktion. Ihr Master-Alltag bei der Theaterakademie August Everding besteht dann aus Sprechunterricht, Spielplangestaltung, Werkanalysen und ganz viel diskutieren. Letzteres behält Lea bis heute bei. Während des Interviews taucht immer wieder ein neuer Kopf aus der Türe ihres Büros auf. Einer fragt sie um Rat für ein Publikumsgespräch, ein anderer möchte die gemeinsame London-Reise - um die neueste Inszenierung von Romeo und Julia zu sehen - planen. Es ist schnell spürbar, dass Dramaturgie für Lea mehr als nur ein Beruf ist.
In ihrem dritten Semester hat sie einen Kurs bei der damaligen Dramaturgin des Residenztheaters und kommt so zu einem Praktikum. Anschließend wird sie zur Dramaturgieassistentin und ist vorübergehend als Presseassistentin tätig. Nur eineinhalb Jahre nach ihrem Studium ist sie „durch ein paar Glücksfälle“ Dramaturgin. Bei diesem Thema erinnert sie sich an eine Busfahrt. Bildlich erzählt sie, wie sie, bepackt mit Theaterplakaten, mit einer älteren Dame ins Gespräch kam. Auch ihr gegenüber blieb Lea bescheiden und schob ihren Beruf auf das Glück. „Man muss ein vorbereiteter Glückspilz sein, um sich das, was sich einem bietet, nehmen zu können“, gibt Lea scheinbar noch immer berührt die Antwort der Dame wieder. Bei dieser Geschichte verstehe auch ich, warum Lea ins Theater gehört.
Nach unserem Interview nimmt Lea mich mit zum Eingang des Residenztheaters. Heute ist die Premiere von Pippi Langstrumpf. Während ich auf dem Weg schon dreimal beinahe falsch abgebogen bin, grüßt Lea ganz nebenbei alle, die ihr entgegenkommen mit Namen. Am Eingang angekommen, wartet bereits ein Halbkreis aus schwarzen Anzügen, den Lea als bunten Farbklecks schließt. Im Foyer tummeln sich immer mehr Menschen. Das „Premierenpublikum“, wie Lea es nennt, ist meist anders als das reguläre – besonders bei einem Kinderstück. Zwischen Erwachsenen in Sakkos finden sich dann aber doch auch Kinder mit horizontalen Zöpfen. Der erste Gong ertönt und Lea verabschiedet sich von mir. Nach 90 Minuten Gesang und Schabernack ändert Lea ihre Position von hinter der Bühne zu auf der Bühne, um sich ihren Applaus abzuholen. Mit stolzem Lächeln in Leas Gesicht, ist Pippi nicht länger die Einzige, die die Welt um sich herum kunterbunt macht.