Text extracted by BackToLuther from CTM vol. 2 (Oct. 1931), pp. 761-771. Spelling modernized in places. Published at this blog post.

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D. Pieper als Prediger.

D. Pieper war vor allem Dogmatiker. Mit seltener Meisterschaft beherrschte er das ganze reiche Gebiet der dogmatischen Theologie. Mit einzigartiger Klarheit und Schärfe wußte er die rechte Lehre darzustellen und den gegenüberstehenden Irrtum aufzudecken und zu widerlegen. Das tat er in einer so lichtvollen, klaren, einfachen Sprache, daß man schier gezwungen wurde, ihn zu verstehen. Er hätte auch eine andere Form der Darstellung gebrauchen können. Wer seine dogmatischen Schriften liest, wird bald erkennen, daß er die Sprache auch der modernen Theologen, so unklar und schwülstig sie oft ist, vollständig beherrschte. Meisterhaft verstand er es, die Irrtümer und Entgleisungen und Trugschlüsse, die sich so oft unter dem Schwulst der Sprache zu verstecken suchen, dieser ihrer Hülle zu entkleiden und sie in ihrer wahren Gestalt hinzustellen. Er, der die Sprache der modernen Theologie so gründlich verstand, hätte sie auch gebrauchen können. Aber durch Gottes Gnade blieb er davor bewahrt, seine klaren, schriftgemätzen, theologischen Gedanken in unverständliche Sprache zu kleiden. Als Schüler Luthers redete er eine allgemeinverständliche Sprache, so daß der Genuß und der Segen, den man von dem Lesen seiner köstlichen, inhaltreichen Schriften hat, nicht durch die schwerverständliche Sprache beeinträchtigt, gehindert oder gar unmöglich gemacht wird.

D. Pieper war auch ein Prediger von Gottes Gnaden. Das war er vor allem deswegen, weil, wie in allen seinen Schriften, so auch in einer jeden seiner Predigten der articulus stantis et cadentis ecclesiae, die Lehre von der Rechtfertigung eines Sünders allein aus Gnaden, allein um Christi willen, allein durch den Glauben, der Mittelpunkt war, um den sich alle seine Gedanken drehten, das Allerheiligste, auf das er immer wieder seine Zuhörer aufmerksam machte, in das er sie immer wieder hineinführte. Die Gedanken, die er aus dem Schacht des göttlichen Wortes durch eifriges Forschen und tiefes Graben zutage gefördert

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hatte, brachte er dann in einer dieser Gedanken würdigen Form zum Ausdruck. Seine ganze Predigtweise war klar, lichtvoll und seine Sprache bei aller Einfachheit doch edel, keusch, und eben deshalb von ganz eigentümlicher, oft hinreißender Schönheit. Daher war nicht nur das Anhören seiner Predigten, sondern ist und bleibt auch das Lesen derselben ein Genuß in des Wortes bester Bedeutung.

D. Pieper hat oft gepredigt. Er predigte gar häufig auf der ihm so lieb gewordenen Kanzel der Immanuelsgemeinde in St. Louis, deren Hilfspastor er jahrelang war. Er predigte aber auch bei den verschiedensten Gelegenheiten auswärts. Aber ob er vor seiner eigenen oder vor einer andern Gemeinde stand, ob er vor großen Versammlungen oder vor nur wenigen Zuhörern redete, immer glichen seine Predigten goldenen Äpfeln in silbernen Schalen. Es wird unsern Lesern von Interesse und Nutzen sein, wenn wir im nachfolgenden ihnen zwei Proben der Predigtweise Piepers bringen, eine Gemeindepredigt, eine wunderschöne Karfreitagsbetrachtung, und dann eine Predigt bei der Einweihung eines Anstaltsgebäudes, worin gerade uns Predigern beherzigenswerte Worte gesagt werden.                 T. L.

Luk. 23, 39-43.

Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt, erbarme dich unser und gib uns deinen Frieden. Amen.

Vernehmt einen Karfreitagstext, wie er sich ausgezeichnet findet Luk. 23. 39—43.

In Christo geliebte Zuhörer!

Das ist ein wunderbarer Text. Der Heilige Geist gebraucht ja bei verschiedenen Personen verschiedene Texte, um ihnen den christlichen Glauben recht gewiß und tröstlich zu machen. Solche Texte werden dann diesen Personen zu Lieblingstexten. Wer für diesen verlesenen Text haben Tausende und aber Tausende Gott noch besonders gedankt, und zwar nicht nur arme und niedrige Leute, sondern auch Große in der Welt, Könige und Fürsten und berühmte Gelehrte. Weshalb? Diese Schriftworte bringen das trostreiche Evangelium von Christo, dem Gekreuzigten, so klar und gewaltig zum Ausdruck, daß jeder Mensch, dem seiner Sündenschuld wegen um Trost bange ist, gar nicht umhinkann, der Gnade Gottes ganz gewiß zu werden und alle Furcht vor Tod und Gericht zu überwinden. Denn was sehen wir in unserm Texte? Dies: Christus unser Heiland, für die Sünden der Welt am Kreuz hangend, spricht einem Verbrecher, der mit Recht zum Tode verurteilt ist, der ihn aber in seiner Gewissensangst um Hilfe anruft, mit einer feierlichen Beteurung und sofort das Paradies zu: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein."

Von Golgatha aus, von der Schädelstätte aus, von dem schauerlichsten Ort aus, den es in der Welt gibt, von dem Ort aus, wo die

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Menschen den HErrn der Herrlichkeit, den menschgewordenen Sohn Gottes kreuzigen, von diesem Ort aus richtet nun der Sohn Gottes selbst unsern Blick auf den schönsten und lieblichsten Ort, den es hier auf Erden gegeben hat, auf das Paradies. Und er sagt, daß durch seinen Kreuzestod der Rückweg ins Paradies offen stehe. Jawohl! Golgatha und Paradies hängen eng zusammen. Von Golgatha geht es ins Paradies. „Der Cherub steht nicht mehr dafür; Gott sei Lob, Ehr' und Preis." Das ist es, was unser Text uns lehrt. Das laßt uns noch etwas näher erwägen.

Christi Kreuz, der Rückweg in das Paradies.

Wir wollen sehen,

1. wie gewiß;   2. wie tröstlich diese Wahrheit ist.

1.

Weltliche Dichter singen ergreifende Lieder von der bürgerlichen Heimat. Sie reden von der schönen Heimat, der süßen Heimat. Die Liebe zur Heimat ist den Menschen angeboren. Wir Christen wissen nun aus der Heiligen Schrift, daß die ganze Menschheit eine gemeinsame Heimat hat, eine alte, ursprüngliche Heimstätte. Das ist das Paradies. Diese jetzige Erde, diese Dornen und Disteln tragende Erde, diese Erde mit ihren tausendfachen Schmerzen, mit Not und Tod ist nicht die ursprüngliche Heimat des Menschengeschlechtes. Als Gott den Menschen nach seinem Bilde erschaffen hatte in Heiligkeit und Gerechtigkeit, setzte er ihn nicht in eine Wüste zwischen Dornen und Disteln, sondern Gott pflanzte, wie die Heilige Schrift ausdrücklich berichtet, einen schönen Garten in Eden und setzte den Menschen darein, den er gemacht hatte, 1 Mos. 2, 8. Wir wissen auch aus der Heiligen Schrift, wie wir unsere alte, schöne Heimstätte, das Paradies, verloren haben. Es ist geschehen durch die Sünde. Als die Menschen Gottes Gebot übertreten, sich mit Sündenschuld beladen hatten, da trieb Gott sie aus der schönen Heimat und lagerte vor der Pforte derselben den Cherub mit dem bloßen hauenden Schwert. Alles Elend dieser Erde samt dem Tode ist lediglich eine Frucht und Folge der Sünde. Und nun hören wir hier, daß es einen Rückweg in die Heimat gibt, in die süße Heimat, in die selige Gemeinschaft mit Gott. Christus, am Kreuze hangend, versetzt den mit Schuld beladenen Schächer, der ihn um Gnade anruft, ins Paradies. Daran kann gar kein Zweifel sein. Der Schächer bittet: „HErr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst." Der HErr antwortet: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Wie kommt das? Geliebte Zuhörer, wie kommt das? Das kommt von der großen Liebe und dem großen Erbarmen unsers Gottes gegen uns unglückliche und verlorne Menschen. Wir konnten uns selber nicht helfen. Wir konnten das verschlossene Paradies nicht wieder öffnen. Der Cherub mit dem hauenden Schwert, die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, lassen sich mit Geld nicht bestechen, auch nicht mit den sogenannten guten

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Werken der Menschen. Was die Menschen gute Werke nennen, ist vor Gottes heiligem Angesicht wie Stroh im Feuer. Die Schrift sagt: „Die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch." „Kann doch ein Bruder niemand erlösen" usw., Ps. 49, 8. 9. Aber nun schaut auf Gottes Liebe und Erbarmen. Gott hat das, was uns aus dem Paradies vertrieb, unsere Sündenschuld, auf seinen menschgewordenen Sohn gelegt und von ihm sich bezahlen lassen. Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt! Joh. 1, 29.

Und was ist die Wirkung dieses für uns dargebrachten Opfers? Der an der Pforte des Paradieses gelagerte Cherub tritt zurück und gibt den Eingang frei. Der Vorhang im Tempel zerreißt. Das Allerheiligste, die Gemeinschaft mit Gott, das himmlische Paradies, schöner und herrlicher als der Garten in Eden, steht völlig offen. So lasset uns nun hinzutreten, mahnt der Hebräerbrief, mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhle, auf daß wir Barmherzigkeit empfahen und Gnade erlangen. So ist Christi Kreuz der Rückweg ins Paradies. Unsere Karfreitagslieder, in denen wir anbetend das Leiden und den Tod Christi betrachten, sind zugleich Heimatsklänge: Zurück in das selige Heimatsland! Durch das Dunkel des Karfreitags bricht der Glanz des geöffneten Paradieses. Was zu Weihnachten anhub, ist nun vollbracht: „Heut' schleußt er wieder auf die Tür" usw. Die Sache ist ganz gewiß. Der Heiland selbst, der Sohn Gottes, sagt es. Und an seines Sohnes Mund und Wort hat uns Gott der Vater gewiesen, wenn er sagt: Dies ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören. Freilich Gott der Vater hält Gericht. Aber zugleich gibt er durch Zerreißung des Vorhangs Zeugnis, daß das Gericht nun ein Ende hat, sein Zorn über die ganze Menschheit gestillt ist. Auch dem Schächer steht das Allerheiligste offen; durch den Glauben an Christum, an den Sohn Gottes, geht er von der Richtstätte ins Paradies.

2.

Und das ist nun tröstlich, über die Maßen tröstlich. Das wollen wir uns nach den einzelnen Umständen unsers Textes noch etwas näher vor Augen stellen.

Wir haben erstlich in unserm Texte eine überaus klare Antwort auf die Frage, wen Christus annimmt. Solange ein Mensch noch in fleischlicher Sicherheit lebt, fühlt er sich wohl beleidigt, wenn man ihn in seinem Verhältnis zu Gott mit dem Schächer in eine Klasse stellt. Wenn aber einem Menschen durch Gottes Gesetz die Augen über seine Sündenschuld aufgegangen sind, dann beneidet er wohl den Schächer. Er denkt oder spricht: Wenn doch der Heiland auch zu mir sagte: „Wahrlich, ich sage dir" usw., dann wollte auch ich der Gnade Gottes gewiß sein. Nun, Geliebte, damit jeder Mensch — merken wir wohl, jeder Mensch, wer er auch sei — der Gnade Gottes gewiß sein könne, hat Christus von seinem hohepriesterlichen Thron aus, von dem Kreuze, gerade den Schächer zum Gnadenexempel gewählt. Der Schächer war

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kein guter Mann; er war kein ehrlicher Mann, sondern ein Verbrecher, und zwar ein schwerer Verbrecher. Es war gefährlich, ihn frei herumgehen zu lassen. Deshalb hatte man ihn gefangen gesetzt. Aber auch als Gefangener war er noch zu gefährlich. Er hätte aus dem Gefängnis ausbrechen können. Um die Menschheit sicher vor ihm zu stellen, achtete man es für nötig, ihn zu töten, ihm das Leben zu nehmen. Und nun vollstreckte man an ihm das Todesurteil. Das war kein Justizmord. Er selbst bekennt, er empfange, was seine Taten wert seien. Noch mehr: Er hat zuerst auch noch, am Kreuze hängend, mit dem andern Schächer Christum gelästert. Aber da kommt er zur Erkenntnis seiner Sünde. Die Furcht vor Gottes Zorn und Hölle ergreift ihn, und in seiner Angst wendet er sich an Christum mit der Bitte um Gnade: „HErr gedenke an mich" usw. Und siehe da, der HErr spricht nicht zu ihm: „Das geht nicht; du hast es zu arg und zu lange getrieben. Alles hat seine Grenzen. Dich kann ich nicht annehmen", sondern der HErr spricht zu ihm: „Wahrlich" usw.

Das ist Gnade! Das ist die freie und unbegrenzte Gnade, die durch Christi Kreuz für alle vorhanden ist, die keinen Menschen ausschließt. Auch dich nicht, mein Zuhörer, wer du auch seist. Willst du ins Paradies? So wende dich an Christum und sprich: „HErr, gedenke an mich." Und deine Bitte wird gewährt. Christus hat nie, nie eine Bitte um Einlaß in das Paradies abgeschlagen. Christus hat, als er auf Erden wandelte, gewisse Menschen hart, sehr hart gescholten. Aber gescholten hat er die Pharisäer, die da meinten, sie bedürften des Arztes nicht, sie könnten mit ihrer Tugend ins Paradies eindringen. Aber wir finden kein Beispiel in der Schrift, daß er den zerschlagenen und demütigen Herzen, die ihn um Gnade anriefen, diese Bitte abgeschlagen habe. Nicht dem bußfertigen Zöllner, nicht der bußfertigen Maria Magdalena und so auch nicht dem bußfertigen Schächer. Mit der Schächergnade haben sich daher auch alle geängsteten Herzen getröstet, auch der Apostel Paulus, wenn er schreibt: „Das ist je gewißlich wahr" usw., 1 Tim. 1, 16.16. So wird auch von dem Astronomen Kopernikus berichtet, daß er sich selbst eine Grabschrift verfaßt habe, die dahin lautet, er begehre nicht die Gnade, mit der einem Paulus und Petrus verziehen worden sei, sondern erbitte nur die Gnade, mit der Christus den Schächer angenommen habe. Nun, wir alle sind auch mit der Schächergnade zufrieden und darum der Gnade ganz gewiß.

Tröstlich ist auch das Wort „heute". Es scheint, daß der Schächer nur an zukünftige gnädige Berücksichtigung dachte, als er bat: „HErr, gedenke an mich." Aber der HErr belehrte ihn dahin: Nicht erst später, nein, nein, heute noch, wenn deine Seele abgeschieden ist, wird sie mit mir im Paradiese, das heißt, in der beseligenden Gemeinschaft Gottes sein. Hieraus lernen wir, daß das Fegfeuer der Papstkirche eine menschliche Erdichtung ist, zur Marter der Seelen und zum Zweck des Geldgewinnes ersonnen. Nein, wer im Glauben an Christum abscheidet,

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dessen Seele kommt nicht ins Fegfeuer, sondern in das Paradies, in Gottes Hand, in die selige Gemeinschaft Gottes, wie der HErr dem Schächer versichert: Heute, ohne Verzug, wirst du mit mir im Paradiese sein, und wie Paulus spricht: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein."

Achten wir endlich zu unserm Trost auch noch besonders darauf, wie lieblich das Sterben der Gläubigen durch das Wort Paradies gemacht wird. Der Tod ist kein Kinderspiel. Der Tod an sich, das heißt, der Tod nach dem natürlichen Gefühl und nach dem natürlichen Ansehen ist schrecklich. Nun ist ja die Heilige Schrift des Trostes Wider den Tod voll für alle Gläubigen. Der HErr spricht zum Beispiel: „Ich bin die Auferstehung" usw., Joh. 11, 25. 26. Und abermal: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer mein Wort höret und glaubet dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben" usw., Joh. 5,24. Und abermal: „So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich", Joh. 8, 51. Aber ein besonderer Trost liegt noch in den Worten, die der Heiland dem sterbenden Schächer zuruft: „Wahrlich" usw. Was ist hiernach der Tod der Gläubigen? Er ist ein Gehen in das Paradies. Wir gehen durch den Tod nicht ins Gericht, nicht an einen dunklen, traurigen oder wüsten Ort, sondern ins Paradies. Wer wollte sich fürchten vorm Paradies? Darum, geliebte Zuhörer, wenn unser Ende kommt, sei es heut oder morgen, so wollen wir unser Glaubensauge gerichtet sein lassen auf das Paradies und daher fröhlich sprechen [TLH 619 v. 2; German, v. 2]:

O schöner Tag und noch viel schönre Stund',

Wann wirst du kommen schier,

Da ich mit Lust, mit freiem Freudenmund

Die Seele geb' von mir

In Gottes treue Hände

Zum auserwählten Pfand,

Daß sie mit Heil anlände

In jenem Vaterland!

So ist das Kreuz Christi der sichere Rückweg ins Paradies. Der Heilige Geist versiegle das gehörte Wort in unser aller Herzen. Amen.

2 Kor. 5,14: „Die Liebe Christi dringt uns also.”

Teure Väter und Brüder!

Zu den Gebäuden, in denen unsere —— Concordia bisher ihre Wohnung hatte, dürfen wir heute in öffentlicher Feier abermals ein neues Gebäude hinzufügen. Wir tun das in einer öffentlichen Feier auch zu dem Zweck, um uns an den Beweggrund zu erinnern, der uns zur Errichtung und zum Aufbau unserer christlichen höheren Lehranstalten treibt. Der Beweggrund ist ausgesprochen in den Worten des heiligen Apostels Paulus 2 Kor. 6, 14: „Die Liebe Christi dringt uns also." Wir kennen durch Gottes Gnade die Liebe, von der der heilige Apostel redet. Es ist die wunderbare Liebe, daß der ewige Gottessohn

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Mensch geworden und für uns gestorben ist, damit wir nicht mehr den Tod unter dem Zorne Gottes, der in die ewige Verdammnis führt, fürchten müssen. Wir Menschen lagen unter dem Zorne Gottes und damit unter dem Urteil der ewigen Verdammnis beschlossen. In dieser Not ist Christus für uns eingetreten. Er ist an unserer Stelle gestorben. Infolgedessen sieht Gott es nun so an, als ob wir selbst die Strafe unserer Sünden vollkommen bezahlt hätten, wie der heilige Apostel hinzufügt: „Sintemal wir wissen, daß, so einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben." Durch den Glauben an die Liebe, die uns Christus durch seinen Versöhnungstod erwiesen hat, sind wir ganz gewiß, daß wir Vergebung unserer Sünde und eine ewige Heimat im Himmel haben. Sollte es Gottes Wille sein, daß wir den Jüngsten Tag erleben, so erschrecken wir nicht vor diesem Tage, sondern heißen ihn mit Freuden willkommen. Sollte es Gottes Wille sein, daß wir noch durch den leiblichen Tod hindurchgehen, so kommen wir dabei nicht um, sondern die Seele wird ins Paradies versetzt und am Jüngsten Tag mit unserm herrlich verklärten Leibe vereinigt, um ewige Heimat bei Gott zu haben in der Gemeinschaft der heiligen Engel und aller Seligen.

Das verdanken wir der Liebe, die Christus uns erwiesen hat. Und diese uns erzeigte Liebe hat uns das Herz abgewonnen. Sie dringt uns also, daß wir unser Leben hier auf Erden nicht mehr in unserm eigenen Interesse leben, sondern im Interesse dessen, der uns also geliebt hat, daß er sich nicht geweigert hat, sein Leben für uns in den Tod zu geben, wie der Apostel noch ausdrücklich hinzusetzt: „Christus ist darum für alle gestorben, auf daß die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist."

So fragen wir denn: „HErr, lieber Heiland, was ist dein Wille an uns? Was ist es, das wir dir tun sollen?" Nun, unser ganzes Leben gehört ihm, weil wir sein erkauftes Eigentum sind. Wir wollen auch alle Werke unsers irdischen Berufs, die auf den Dienst des Nächsten gehen, um seinetwillen mit großer Treue ausrichten, so daß unser Leben auch vor der Welt dem zur Ehre gereicht, der uns bis zum Tode am Kreuz geliebt hat. Aber vor allen Dingen ist es ein Werk, das er von uns haben will, das Werk, das ihm besonders am Herzen liegt. Weil die Versöhnung nicht bloß für unsere, sondern für der ganzen Welt Sünde erworben ist, so will er, daß wir diese Heilsbotschaft in die Menschenwelt hinaustragen, damit sie mit uns glaube und selig werde, Joh. 3,17. So lautet daher sein Auftrag an uns und an alle, die an seinen Namen glauben: „Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur." Und abermals, als er den Jüngern das Verständnis der Schrift öffnete: „Also mußte Christus leiden und auferstehen von den Toten am dritten Tage und predigen lassen in seinem Namen Butze und Vergebung der Sünden unter allen Völkern." Zu diesem Christenwerk läßt Christus uns hier auf Erden noch leben, und diesem Christenwerk sollen auch unsere christlichen Schulen dienen, die niederen und die

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höheren Schulen. Die Predigt des Evangeliums und christliche Lehranstalten gehören zusammen. So war es im 16. Jahrhundert, zur Zeit der Reformation. Als nach der Finsternis des Papsttums das Licht des seligmachenden Evangeliums durch die Reformation Luthers wieder auf den Leuchter gestellt war, da schrieb Luther seine gewaltigen Schriften, in denen er die Christen zur Aufrichtung christlicher Schulen, niederer, höherer und höchster Art, so herzlich und dringlich ermahnt. Das sind Ermahnungen, die durch Mark und Bein dringen. Nun hat sich die Reformation durch Gottes Gnade hier in den Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert wiederholt, und zwar vornehmlich durch den Dienst der Väter unserer Synode. Schon im Herbst des Jahres ihrer Einwanderung, als unsere Väter noch blutarm waren an irdischem Gut, als in ihren ärmlichen Wohnungen zum großen Teil noch der Fußboden fehlte, da haben unsere Väter eine höhere Schule in Perry County ins Leben gerufen. Es war das eine Schule zur Ausbildung von Lehrern und Predigern, die fähig waren, das Licht des unverfälschten Evangeliums hier in ihrer neuen Heimat in die Lande leuchten zu lassen und an ihrem Teil die Bewohner dieses Landes zum Frieden mit Gott und aus dieser Welt in die ewige Heimat zu führen. Wir, die Nachkommen, haben danach getrachtet, dem Beispiel unserer Väter nachzufolgen. Durch Gottes Gnade haben wir, das Ausland mitgerechnet, achtzehn höhere Schulen einrichten dürfen, davon zwölf in den Vereinigten Staaten. Ihr vornehmster Zweck ist, Lehrer und Prediger des seligmachenden Evangeliums auszurüsten. Mit dieser Predigt des Evangeliums dienen wir, wie Luther ebenfalls in seinen gewaltigen Schulschriften erinnert, zugleich auch dem Staat und der bürgerlichen Ordnung. Wir müssen nicht vergessen, zu welchem Zweck Gott die Welt und die Staaten in der Welt noch bestehen läßt. Nicht zu dem Zweck, damit die Menschen zeigen, was für große Dinge sie leisten können; auch nicht zu dem Zweck, daß die Reiche dieser Welt sich gegenseitig stürzen. Das ist eine ganz unrichtige Weltanschauung. Unser Heiland sagt sehr klar und deutlich, wozu die Welt noch steht: „Es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zu einem Zeugnis über alle Völker, und dann wird das Ende kommen", nämlich das Ende der Welt, der Jüngste Tag. Daraus lernen wir: Die ganze Welt und alle staatlichen Ordnungen in der Welt bestehen nur um des Evangeliums willen. Die Christen eines Landes mit ihrer Predigt des Evangeliums sind die eigentliche Schutzmauer des Landes. Nur um ihretwillen läßt Gott noch die staatliche Ordnung bestehen. Auch in unserm Lande, das mit irdischen Gütern so reichlich gesegnet ist, ist das Evangelium selten, haben wir einen wahrhaft entsetzlichen Abfall vor Augen. Hier ist Rom tätig mit seiner Verfluchung des Evangeliums. Aber auch von denen, die sich protestantische Christen nennen, wird zum größten Teil an die Stelle des Evangeliums Christi, das die Menschen aus der Hölle in den Himmel rettet, das Trachten nach den Gütern dieser Welt, das sogenannte

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social Gospel gesetzt. Das ist in Gottes Augen eine Verunreinigung des Landes, die Gottes Zorn über unser Land herabruft und über kurz oder lang den Ruin desselben herbeiführen wird. Aber wenn wir mit andern durch Gottes Gnade treu und fleißig das Evangelium von dem Sünderheiland hier im Lande verkündigen und ausbreiten, sind wir für unser Land eine Schutzmauer gegen den drohenden Zorn Gottes, eine Mauer, die stärker ist als ein starkes Heer und eine starke Flotte.

Aber gehört denn zur Predigt des Evangeliums so viel Gelehrsamkeit, wie wir in unsern Colleges betreiben? Wir lehren hier nicht nur fünf und mehr Sprachen, nicht nur neuere Sprachen und die lateinische Sprache, sondern auch Griechisch und Hebräisch. Wozu auch Griechisch und Hebräisch? Es sind hier und da Schwärmer aufgetreten, welche meinten, alle Christen sollten Griechisch und Hebräisch lernen, weil das die Grundsprachen der Heiligen Schrift sind. Das ist eine Torheit. Aus der Schrift selbst, sonderlich aus der Pfingstgeschichte sehen wir, es ist unsers Heilandes Wille, daß das Evangelium den Zuhörern in der Sprache verkündigt werde, die sie verstehen oder am besten verstehen. Und es steht wahrlich so, daß jeder Christ und auch ein Pastor aus übersetzungen der Heiligen Schrift die christliche Lehre wohl erkennen und lehren mag. Nun steht es aber ferner so, daß die Feinde des Evangeliums, wenn wir sie aus Übersetzungen widerlegen, sich für ihre Irrlehren auf die Grundsprachen der Schrift, also auf die griechische und hebräische Sprache berufen. Da dient es denn dem Lehren der christlichen Wahrheit, daß wir auf unserer Seite und in unserer Mitte solche Leute haben, die die Grundsprachen der Schrift kennen. Auch Luther bekennt, daß er ohne die Kenntnis dieser Sprachen gegen die Feinde der Wahrheit nicht genugsam gerüstet gewesen wäre. Daher finden wir bei Luther in seiner Schrift „An die Ratsherrn aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten sollen", die folgende Mahnung: „So lieb nun, als uns das Evangelium ist, so hart lasset uns über den Sprachen halten. Denn Gott hat seine Schrift nicht umsonst allein in die zwei Sprachen schreiben lassen, das Alte Testament in die hebräische, das Neue in die griechische; welche nun Gott nicht verachtet, sondern zu seinem Wort erwählet hat vor allen andern, sollen auch wir dieselben vor allen andern ehren.” Aber — auch daran erinnert Luther — stehen nicht die Leute, die großes Wissen besitzen und insonderheit über Sprachkenntnisse vor andern verfügen, in Gefahr, stolz und hochmütig zu werden, so daß sie nicht Christo, sondern sich selbst leben? Ja, die Gefahr ist vorhanden, und viele sind zu allen Zeiten dieser Gefahr erlegen. Daher ist das Sprichwort gekommen: Die Gelehrten sind die Verkehrten. Aber daran ist nicht die Gelehrsamkeit schuld, sondern ihr böses, verderbtes Herz, dem sie folgen und ihr Mißbrauch der so herrlichen natürlichen Gaben Gottes. Darüber belehrt uns die Schrift in manchen Beispielen. Die Schrift berichtet: Moses war gelehret in aller Weisheit der Ägypter, Apost. 7, 22. Und doch berichtet die Schrift von demselben

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Moses Hebr. 11,24—26: „Durch den Glauben wollte Moses, da er groß ward, nicht mehr ein Sohn heißen der Tochter Pharaos und erwählete viel lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, denn die zeitliche Ergötzung der Sünde zu haben, und achtete die Schmach Christi für größeren Reichtum denn die Schätze Ägyptens; denn er sah an die Belohnung.” Paulus war ein sehr gelehrter Mann. Er war nicht nur durch die jüdische hohe Schule Gamaliels gegangen, sondern er war auch mit den Schriften der hochgebildeten Griechen bekannt. Das sehen wir daraus, daß er Stellen aus den Schriften der Griechen anführt. Und doch, welche Treue im Dienst seines Heilandes hat Paulus besessen I Er schreibt im Brief an die Galater: „Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebet hat und sich selbst für mich dargegeben.” Und Luther hätte nicht der Reformator der Kirche werden, die Bibel übersetzen und auch die papistischen Theologen so sieghaft überwinden können, wenn er nicht die Grundsprachen der Schrift gekannt und mit Recht von sich hätte sagen können, daß er alle Künste seiner Gegner sehr wohl und besser als sie selbst kenne. Und doch war er so treu im Dienst seines Heilandes, daß er sagen konnte, er sei durch Gottes Gnade bereit, tausend Tode für das Evangelium zu sterben, wenn es Gott also gefalle. Blicken wir auch auf die Väter unserer Synode. Sie hätten die Reformation des 16. Jahrhunderts nicht auf amerikanischen Boden so verpflanzen können, wie es geschehen ist, wenn nicht eine Anzahl von ihnen die sogenannte wissenschaftliche Ausbildung besessen hätten. Kurz, Sprachkenntnisse und alle weltlichen Wissenschaften vermögen nichts im Reiche Gottes, wenn in den Herzen derer, die sie besitzen, nicht auch die Erkenntnis der Liebe Christi wohnt und infolgedessen auch das heilige Verlangen, nicht sich selbst, sondern dem zu leben, der um unsertwillen gestorben und auferstanden ist. Sind aber diese geistlichen Gaben vorhanden, dann sind Sprachen und andere Wissenschaften nicht bloß eine äußere Zirde, sondern sehr nützliche und nötige Gaben im Reiche Gottes.

Der selige D. Walther pflegte den Studenten vornehmlich zweierlei ans Herz zu legen. Erstens: Bitten Sie Gott, daß er die lebendige Erkenntnis Christi als Ihres Erretters von Sündenschuld und Tod in Ihnen stärke und erhalte. Wir brauchen ein von Herzen gläubiges Ministerium. Zum andern: Begnügen Sie sich nicht mit einem Minimum von Kenntnissen in Sprachen und andern weltlichen Dingen, sondern trachten Sie vielmehr nach dem höchsten Maß. Es gibt kaum ein Gebiet weltlichen Wissens, das nicht in den Dienst des Evangeliums gestellt werden kann.

Teure Väter und Brüder, ich komme zum Schluß. Wir wollen durch Gottes Gnade dem Beispiel unserer Väter Nachfolgen. Die Einrichtung und Erhaltung christlicher Lehranstalten ist ja mit viel Arbeit und Kosten verbunden. Aber wir wollen das nicht als eine Beschwerde

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empfinden. Wir haben ja die Liebe Christi am eigenen Herzen erkannt, durch die wir die Vergebung unserer Sünden und eine Heimat im Himmel haben. Diese Liebe Christi dringe uns je länger, je mehr, daß wir hier auf Erden nicht uns selbst, sondern unserm lieben Heiland leben. Die Liebe Christi dringe alle unsere Christen, daß sie unsere christlichen Schulen, die niederen und die höheren, auf betendem Herzen tragen und ihre irdischen Güter nach Vermögen reichlich darreichen. Die Liebe Christi dringe alle Lehrer in unsern Schulen, daß sie ihres arbeitsreichen Amtes mit immer neuer Freudigkeit warten. Die Liebe Christi dringe auch alle Schüler und Studenten, daß sie ihrerseits mit ganzem Fleiß lernen und studieren. Hilf, lieber Heiland, laß wohl gelingen! Dein, dein allein, soll alle Ehre sein. Soli Deo Gloria. Amen.