26.01.2025
Vielleicht ist 30 das Alter der vermeintlichen Allwissenheit, die Unvorgenommenheit der Jugend abgelegt, die Demut des Alters noch nicht angekommen.
Ich sitze überraschenderweise vier Stunden beim Friseur. Zwischendurch Gedanken daran, wie luxuriös dieser Friseurbesuch gemessen an meinem Monatsgehalt ist. Fassungslos über das Geschwätz einer Kundin, die unter anderem über die grauen, nicht gefärbten Haare und die Bein- und Achselhaare einer anderen Frau lästert. Umso netter die Friseus:en. Die mit dem Dutt, in dem sich sehr lange Haare verbergen, die besstimmt auch ein paar graue Strähnen haben. Mit ihrer Berliner rough-netten Art erinnert sie mich an A. Der Geruch des Shampoos hilft gegen die schlechten Vibes der Mit-Kundin. Kevin Murphy mit Pfeffer?
abends
Mit der Angst ist es komisch. Dem Bedürfnis nach Stillung der Angst kann man schlecht etwas entgegen setzen. So hätte meine Weigerung, ein Foto zu schicken, noch mehr Angst ausgelöst. Paranoia makes paranoia. Also schicke ich auf ebay ein Foto meines Ausweises, verdecke alle Infos außer dem ersten Vornamen und meinem Nachnamen mit der Hand. Mein Nachname weckt Vertrauen. Es ist sein Geburtsname. Er hing nicht an dem Namen, er hatte nicht publiziert, es gab keinen Grund den Namen nicht abzulegen. Nach 20 Jahren ging die Ehe auseinander, aber der Name blieb. Man gewöhnt sich ja an alles. Anhand meines Kleinanzeigen-Profils hatte er eine schrullige Künstlerin, Mitte Vierzig erwartet.
In einer Straße, die an den Kollwitzplatz grenzt entpuppt S sich als ganz normaler Mittfünfzigjähriger. Paranoia auf beiden Seiten behoben. Seine Wohnung ist toll eingerichtet. Eine dottergelb lackierte Einbauschranktür, eine graublaue Wand im Flur. Die Küche dunkel gefließt, mit einer über dem Esstisch ausgerichteten Lampe.
Ich hebe probeweise eines der runden verchromten Beine an. Die Couch ist wirklich zu schwer für mich.
“Vielleicht komme ich auch mit”, sage ich zu Sven, wenn der Löwe die Couch abholt. “Klar. Hier kann man sich gut die Zeit vertreiben.”
Ich verschlinge Ms Text. Zwischendurch stelle ich mir die Frage nach Anonymität und Privatsphäre. Fragen, die ich mir generell auch mich betreffend stelle. Was will der Text? Möchte er verarbeiten? Möchte er gelesen werden? In jedem Fall ist es ein Text, der geschrieben werden muss.
Lese Ernaux: Regarde les lumières, mon amour zu Ende. Dann, auf Deutsch, Eine Frau. Die deutschen Sätze klingen so, wie sich französische Übersetzungen anhören: hölzern. Oft bevorzuge ich das Verstehen, dem Klang einer fremden Sparache. Hier bevorzuge ich das punktuelle Nicht-Verstehen im Französischen
Arbeite Exzerpte ab. Warum Exzerpte, fragt der Löwe? Anders als das Malen (gestern gemalt), brauche ich für die Exzerpte keine Ruhe, ich kann sie nebenbei “abarbeiten” und nehme gerne in Kauf, dass es meist einen ganzen Stapel zu erledigender Exzerpte gibt. Das ist in Ordnung. Wer erkältet ist, hat Zeit für sowas.
Self-Care-Day. N ist in der Nähe. Trinke einen Cappuchino, kleiner Radius um zu Hause 1,5 Kilometer. Verabreden einen Termin für Fake-Nails. Als N nach Hause geht, bleibe ich sitzen. Mir gegenüber sitzt eine Frau, die ebenso wie ich ein Notizbuch schreibt. Sie trägt Apple-Overear-Kopfhörer und bestellt für mindestens 15 Euro Essen und Trinken. Warum schreiben? In der Publikation der Alice-Salamon-Schule antworten die Autoren unterschiedlich auf diese Frage. Ich bin immer verwundert, wenn Schreiben und Lesen im Sinne der Selbstoptimierung praktiziert wird.
Der Arzt lacht mich unter der Maske an: Machen Sie sich keine Sorgen. Alle sind krank.
Im Putzmittel-Gang bei Penny fragt ein Mann nich nach etwas. Ich verstehe ihn erst, als ich ein Französisches Wort erkenne. Er freut sich, dass ich in seiner Sprache antworte. Arbeitest du, fragt er. Hast du Geld?, verstehe ich? Ich denke an Hefters letzten Roman. Als er vorschlägt, später einmal einen Kaffee trinken zu gehen (wenn ich wieder gesund bin), trete ich die Flucht an.
Baklavabestechungsversuch.
S und M machen sich auf den Weg. Ignorance is bliss. Matrix (1999) ist so gut wie erwartet. Alle tragen Ledermäntel. Ich erinnere mich an meine Begeisterung, als ich in der Schule einen Ausschnitt gesehen habe.
She knows everything. She knows enough. und There is no spoon.
Zu dem was Bruder Gottfried (Jeoffrei als eine mögliche französische Schreibweise) gesagt hat: Nach dem Eintritt ins Kloster gibt es feste Zeiträume, in denen das Dort-Sein erprobt wird und nach deren Ende sich, ohne den Vertrag zu brechen, für eine andere Laufbahn entschieden werden kann. Ganz entgegengesetzt zur Ehe, nach deren Misslingen es (zumindest offiziell) nur die Scheidung gibt. Die Augen des Bruders leuchten, als er von den Kindern seines biologischen Bruders (6 Monate, 2 Jahre) spricht. Das Kloster war nicht der einzige Weg, den er sich vorstellen konnte.
Offene Tabs:
Wir trampen nach Toulouse. Enttäuschte Erwartung beim Betreten der Airbnb-Wohnung. Die Attraktivität der Fotos versus das dunkle Loch vor Ort.
Ich beobachte mich, wie mich das Begehren der Anderen mehr touchiert, als ich es bereit bin zuzugeben. Ich bestelle einen parfümierte Infusion.
Pilze, Katzen, das auf einmal geweckte Begehren nach einem Produkt, das ab dann überall zu sehen ist. (Aber ich verliere das Begehren wieder.)
Lektüre: u. A. Zizek, Ernaux
Alle Welt kann ihr Begehren sehen, als M ihr Handy auf den Argentinier hält und mit zwei Fingern ranzoomt, als er eine Fürbitte auf Spanisch vorliest. Die Verdinglichung einer Person. Sie (die gestresste Pariserin, gemachte Nägel im Türkis ihres Rucksacks, Analogkamera und ein Notizbuch dabei, das sie mit engen Zeilen beschreibt, riesiger Rucksack, der Meinung, man müsse alles nutzen und aus seinen Sprachkenntnissen etwas machen, sprich sie perfekt beherrschen) sucht seine Nähe. Er (Mitte 30, roter Rucksack, Outdoorhose, AirPods, über die er während dem Gehen Podcasts hört) sucht Freiheit. Er erinnert mich an den Lektor. M heißt wie meine Nichte.
Auch im Kloster gibt es vier Gänge. Dessert und Käse dürfen nicht fehlen. Der Hunger des Löwen stößt auf Belustigung und Befremdung der beiden älteren Paare, mit denen wir am Tisch sitzen.
Nach Sauerteigbrot im Stil des Hausbrots von Zeit für Brot und dicken Scheiben Brioche brechen wir auf. Der Zimmergenosse, ein kleiner, nervöser Mann, mit dem man sich gut unterhalten kann, iist mit vier Sprachen aufgewachsen: Französisch (in Frankreich aufgewachsen), Deutsch (deutscher Vater, deutsche Schule), Holländisch (holländische Mutter), Englisch (die gemeinsame Sprache der Eltern). Der Löwe und ich staunen. Ich denke an ein mögliches Kind von J und L. Sven nennt seine Mehrsprachigkeit ein Geschenk Gottes.
Kaffestop in Estaing. Eine Ibu entspannt meinen Uterus. Das nette Café tröstet über die Stadt hinweg. Warum das Städtchen in der Doku, die der Kanadier gesehen hat, zu den schönsten Dörfern gewählt wurde, kann ich überhaupt nicht verstehen.
In Ernauxs Passion Simple wird mir die fehlende Einzigartigkeit der Ereignisse vor Augen gehalten. Alles scheint ein sich aus Klasse und Geschlecht ergebendes Resultat zu sein.
In Golinhac ist unsere Unterkunft eineunpersönliches Airbnb. Alles ist da: Wäscheklammern, ein hellblaues Topfset, eine Waschmaschine, zwei Kochblatten, Tütchen mit Aufgießkaffee, vier große Vorratsbehälter mit Nudeln, Reis, Verveine und Lindenblütentee, ein Nähset … Es gibt nichts auszusetzen. Charme hat es trotzdem nicht. Vor der gîte in der Sonne baumeln die Socken über mir. Als ich im Bett liege, sehe ich auf eine Jakobsmuschel, aufgeschraubt auf die Trennwand aus grobem Pressspanholz. Hungrige Wandersleute essen eine ganze Packung Nudeln. Es gibt unser Signature-Gericht: Nudeln mit Sardinen aus der Dose und frischem Gemüs und als Nachspeise Mousse au Chocolat aus dem Viererpack von gestern. Morgen ist schon unser letzter Wandertag. Ich koche die Quitten fürs Frühstück.
Draußen ist es kalt und das Netz ist schlecht. Kaum öffnet das einzige Restaurant in Golinhac, strömen die Menschen in Wanderhosen rein. Im Restaurant wird der Wein aus dem Tetrapack gezapft, kostet zwei Euro und schmeckt fein. Vorfreude beim Suchen nach einem Airbnb in Toulouse.
Das Gehen fördert nicht nur mein Wohlbefinden, es bringt mich auch dazu Ideen zu haben und Pläne zu schmieden, Ich überlege, die lila Teddyweste (l’objet petit a) nachzunähen. Der Löwe möchte einen Lodenjanker. Ich denke an meinen Geburtsort, die Ausgeglichenheit der Menschen an den Bergen und am Meer und an die gestressten Pariser(innen), die wir bis jetzt hier auf dem Jakobsweg getroffen haben. Ich denke an mich, eisbadend, Tennis und Yoga für die nächsten Monate gebucht, auf der Suche nach Ausgleich und Naturerfahrung.
Jemand pupst im Dorm.
Früher Aufbruch. Internet schlecht. Alle Herbergen, die der Löwe und ich kontaktieren, sagen ab. Supermärkte geschlossen. Cafés auch. Compeed hat geholfen, aber Blasen habe ich immer noch. In Aubrac reicht ein Mann reicht ein Geschenk aus dem Fenster. Es kommt zu dem merkwürdigen Moment, dass wir beide an ihm festhalten. Ich fasse es, er lässt nicht los. Der Teufel begegnet mir in Form eines plötzlich eintretenden Zuckerabfalls.
Saint-Chély-d'Aubrac
Mittags Pilgermenü (Bruschetta mit Aubergine, Käse und Salat und Tarte Tartin).
Souvenir steht auf den Gabsteinen. Wer erinnert sich an die von Flechten überzogenen Grabmälern? Wer am 3. Oktober in X war, hat der Beisetzung von Monsieur X beigewohnt. Es ist verrückt, sie hatten gerade noch versucht, das Medikament aus der Apotheke zu kaufen, sagt die Frau in der Kneipe.
In der Kirche ist es ruhig. Die Abstände der Bänke zueinander ist durch die Beine der Bänke festgelegt. Es riecht nach Weihrauch.
abends
In der Unterkunft begegnet mir erneut der Teufel. Der Löwe beobachtet, wie die Aufmerksamkeit der Giraffe nach außen rutscht. Wir essen eine ganze Packung Nudeln. Beilagen kommen heute frisch aus der Natur: Brenesselgemüse zu den Nudeln, um die Hälfte ihrer Masse ausgeschnitten Äpfel zum Schafsjoghurt. Die Herberge ist überfüllt. Einmalbettwäsche. Zuteilung der Zimmer. Der Mann der Herbergsleiterin trägt eine Militärhose und macht komische Witze. Während der Löwe mit dem Schweizer spricht, fliehe ich aus der vollen Unterkunft und telefoniere mit H. Auf der Straße liegt eine steife Heuschrecke.
Noël, ein Junge, der seine Strafe bis nach Compostela geht.
Ich bin begeistert von Compeed. Ich bekomme schnell Blasen, nicht nur bei neuen Schuhen. Compeed hat eine tolle Haftung und hält bei mir Tage lang auf der Haut. Es schützt zuverlässig vor Blasenbildung und falls sich schon eine Blase gebildet hat vor dem Benutzen von Compeed, dann heilt die Blase schnell und schmerzfrei unter dem Blasenpflaster ab. Ich bin begeistert und empfehle Compeed. (Auf der Compeed-Website)
Wor treffen die Israelin wieder. Sie freut sich, dass wir keine Pilzvergiftung hatten.
Während der Löwe socialist, gehe ich in den Bücherladen.
Im Bücherladen
Als ich zurückkomme, sagt der ältere Schweizer, dem ich gestern auf offener Straße angehalten habe, um ihm den Reißverschluss seines Rucksack zu schließen: Kinder sind der Game-Changer. Später verstehe ich, wie er es gemeint hat. Wie er jetzt keine Lust den Opa zu spielen, hatte er vor 30 Jahren keine Lust den Vater zu spielen.
Menschen
Dialog (die Israelin und Mirella)
– Der Wecke auf 6:45 Uhr. Ist das ok für alle?
– Super! Dann schaff ich den Sonnenaufgang noch.
– Sicher, dass du nicht arbeitest?
– I don’t even know what day it is.
Highlight des Tages: Esel gestreichelt
Uwe bietet an, sich ein AirBnB mit uns zu teilen.
Hallo!, schreien wir der Malerin vom Balkon zu. Auf dem Balkon sitzt eine Französin, die ihr fünftes Telefonat am führt und in diesem laut erzählt, es sei SO entspannt hier. Ihr Telefon-Gegenüber sitzt im Auto. (Wie unentspannt.) Sie zündet sich ihre dritte Zigarette an.
Im Supermarkt treffen wir die Israeli. Sie haben Pilze gefunden.
Die Herbergsleiterin, eine Frau ganz in weiß gekleidet, pensionierte Physiotherapeutin, kommt mit rauher Stimme telefonierend in die Küche das Geld eintreiben. Unten parkt ihr Mini. In dem Mini sitzt ein Hund.
Italienchips und ein Glas Weißwein.
Ausufernde Kochsession. Oma erklärt am Telefon, was mit den Pilzen zu tun ist.
Ich komme der Aufforderung der Katze nach und streichle sie. Ich drehe eine kurze Runde durchs Dorf. Vor einer Garage werden riesige Steinpilze in ein Auto verladen. Ich streichle die Katze nochmal.
Als ich ins Zimmer komme, bemüht sich eine ältere Dame aus dem Elsass, mit dem Löwen Deutsch zu sprechen. Les filles oder die Malweiber sind bessere Gesprächspartnerinnen als alle Männer, die wir bis jetzt getroffen haben. Sie haben ihre Aquarellkästen dabei und malen wunderbar bunte Häuser auf ihre Blöcke. In der Rente, werde ich anfangen zu malen. Das hat Madame immer gesagt. Sie hat Postkarten für die Enkelkinder geschrieben und fragt: Hast du auch eine Oma?
Beim Abendbrot verläuft eine Französisch-Englische Grenze am Tisch. Unterbrochen wird sie von zwei schweigsamen alten Österreichen und einem viel sprechenden deutschen Mann. Uns hatte er sich mit Uwe vorgestellt, den französischen Damen stellt er sich als Yves vor. Ich muss lachen. Er erzählt von seiner Frau. Sie dekoriert die Wohnung. Das wird doch bei uns auch so sein. (Selbst falls es so wäre, würde ich mich hüten, es so zu formulieren.)
Die Österreicher bitten um Überetzung: Frag sie mal, die Israelis, warum gehen sie den Jakobsweg? Am Glauben kanns ja nicht liegen. Die stummen Österreicher tauen auf. Der Israeli erklärt die Wortherkunft von deutschen Wörtern aus dem Arabischen. Er sieht deutsch aus. Er hat einen deutschen Nachnahmen. Eine der Israelitiinnen erzählt die Geschichte vom heiligen Jakob. Die Österreicher tauen auf. Sie kennen die Geschichte. Der Leichnam des heiligen Jakobs kam mit Muscheln bedeckt zurück. Später brachten die Pilger Jakobsmuscheln als Beweis, dass sie am Meer gewesen waren. Und heute kannst du sie einfach kaufen.
Der Löwe kauft sich eine Garmin. Wir trampen zum Ort, an dem wir wegen la piqûre abgebrochen haben. Das zweite Auto hält an. Der Typ erinnert mich an R. Er räumt Hundefutter und Chipstüten vom Beifahrersitz in den Kofferraum. Er ist auf dem Weg nach Spanien, eine Freundin besuchen.
Wo ist dein Hund?, frage ich.
Der ist bei seiner Ex.
Praktisch!
Kompliziert.
Von Beruf ist er Jongleur und manchmal arbeitet er als Handwerker. Die mühsam zu Fuß zurückgelegten Kilometer ziehen an uns vorbei. C’est normal, sagt er auf unser Merci beaucoup! Beschwingt vom problemlosen Auto-Stop und der Herzlichkeit beim Wiedersehen und Bedanken bei den Herbergsleuten gehen wir weiter.
Abends verliere ich in der einzigen Bar des Ortes eine Zeichnung. Zweite Runde Kir. Der Bauer lässt es sich nicht nehmen zu zahlen. Sein Freund ist am Leben; wir gehen den Chemin; er gibt uns eine Runde aus. Er spricht nur mit dem Löwen, obwohl der gar kein Französisch kann. Er steckt mir den 10-Euro-Schein zurück – zwischen meine Socken und den Crog.
Wer ist dieser Mann auf der Zeichnung?, fragt der Wolf. Auf der Zeichnung ist das Cover von Hape Kerkelings Ich bin dann mal weg. Während der eine mir meine Zeichnung nimmt und meine Nummer auf irgendeinen Zettel, den er später verlieren wird, schreibt, greift der andere nach meinem Notizbuch und zeichnet eine fiktive Berglandschaft, unter die er einen Ortsnamen schreibt. Prinzipiell mag ich die Idee, Zeichnungen zu tauschen. Der Landschaftsmaler nickt mit dem Kopf zum Löwen.
Drei Leben, deren Freude der Alkohol und das Spiel sind. Der Wolf schielt vor Suff, verschwindet, kehrt mit zwei Rubbellosen zurück. Mit hängender Unterlippe hat sich seine Frau an den Tisch hinter uns fallen lassen und rubbelt die graue Beschichtung von den Losen ab. Der Bauer: Deine Haare haben die gleichen Farbe wie dein Anorak. Er steht auf und zieht ihr die Kapuze über den Kopf. Diesen Move habe ich nicht unter erwachsenen erwartet.
Da sitzen wir, trinken mit Fremden, finden Glück.
Aber was, wenn wieder der Winter kommt?
Der Winter wird wieder kommen.
Dann ein Lied über Inzucht und eins über Selbstmord.
Das Abendessen entspricht der Gesellschaft des Aperitivs: grobe Würste, fettiger Kartoffelbrei mit Käse, ein Brett so groß wie ein kleiner Tisch mit Käselaiben, von denen die Gäste sich selbst abschneiden. Die Herzlichkeit vom Beginn des Tages wird von einem schlechten Gefühl abgelöst.
Zum Frühstück gibt es:
Ich schlemme.
Auf dem Weg bekomme ich la piqûre. Es schmerzt, juckt. Als mein Atem rasselt und ich huste, blendet sich alles Äußere aus. Auf der nächsten Hütte ist alles besser, aber mein Gesicht geschwollen und mein Oberkörper voller Rötungen. Die Herbergsleute fahren uns in die Stadt. Notaufnahme, Cétrizine, die Ärzte geben sich Mühe, einfach mit mir zu sprechen. Dann: müde, Erholung.
Erst als ich sitze, merke ich, wie müde ich bin. Veronique bittet mich, mein Notizbuch vom Tisch zu nehmen, damit es nicht schmutzig wird. Im Notizbuch ist mein erster Pilgerstempel, der mir Freude bereitet. Ich vergesse das Notizbuch dort, wo ich es zum Schutz hingelegt habe. Veronique bringt es mir hoch aufs Zimmer. Ich mag Ihre Fürsorge und die Ordnung, die in der Herberge herrscht. Sie ist selbst den chemin gegangen. Sie sollte hier auf dem Weg bleiben und hat vor zwei Jahren die gîte gekauft.
Zum Abendessen gibt es
Am Tisch mit uns sitzen Laure, Delphine, Alexandra und eine Belgierin. Alle sind sehr nett. Der Löwe bekommt allen Nachschlag und die mütterliche Fürsorge der Frauen. Du erinnerst mich an meinen Sohn, sagt Veronique. Ich habe die Roller der Übersetzerin, da ich genau wie Veronique alle drei Sprachen zumindest ein bisschen spreche.
Das Gute ist, sagt Veronique, wenn man selbst kocht, muss man keinen Zucker zufügen.
Freitag, 26.09.2025
JB schickt uns zu seinen Freunden, die Cafés und Bars haben. Freunde sagt er so, dass ich sie sofort für Fickfreunde halte. Er fläzt auf dem Sofa, mustert den Löwen von unten bis oben und isst eine riesige Schüssel undefinierbaren Brei zum Frühstück.
→ Carrie Underwood - Good Girl (Official Video)
Lyon ist die unprätentiöste, französische Stadt, in der ich bis jetzt war. Der Löwe und ich nehmen ein Petit-Déjeuner in einem Café zu uns. Der Löwe erzählt von den die Kopfhaut schmückenden Federtattoos der Construction-Worker in Kanada, die ihre Vorfahren ehren. Später treffen wir einen Gast aus dem Café in der Buchhandlung wieder. Der Aufenthalt in fremdsprachigen Büchern regt mein Denken an. Französische Bücher haben oft nicht-veredelte Umschläge. Manchmal haben sie eine Banderole, die von manchen Reihen in Form von unten bündiger Fotos visuell aufgegriffen wird. Sie haben breitere Formate und dadurch ein anderes Verhalten beim Blättern. Verglichen mit deutschen Büchern werden mehr Schriftgrößen verwendet, was sie lebendiger erscheinen lässt.
Bei Emmaüs stocken der Löwe und ich unsere Gaderobe mit Jacken, die wir in sommerlicher Überheblichkeit zuhause gelassen haben, auf.
Lese einen Reddit-Thread über Zizek Tiks. Die Lektüre liegt im ZIP-Beutel des Löwen. Ich bin als nächste dran.
Man sollte dem Zug einer starken Begierde nachgehen, denke ich. Wir fahren mit dem Zug von Lyon nach Le-Puy-en-Velay. Die Strecke ist schön. Ein Mann mit Hut und Steinkette übersetzt dem Löwen das Französische ins Englische. Er hat mal eine Stückentwicklung in Deutschland gemacht.
Im Spiegel betrachtet, sehen meine Beine aus wie die Beine einer 30-jährigen Vielsitzerin. Der FEX macht eine weiche Kurve von Europa City zu Gesundbrunnen. Flughafen-Mitarbeiter sprechen über die Arbeit und die Rente. Am Flughafen fällt der eigene Wander-Style im Business-Style der anderen Fliegenden auf. ‘N Ei geht immer, sagt eine der beiden Frauen, die mir am Gate gegenübersitzen. Beide tragen Jeans, weiße Turnschuhe, einen rot-pinken Pulli und eine khaki Reisetasche.
Lyon
JB ist vielleicht 50 Jahre alt. Er trägt kurze Shorts und hat rasierte Beine, die er uns im Folgenden noch öfter zeigt.
– Tu parle anglais?
– Je suis français, je parle pas l’Anglais.
Dann gehts in einer wilden Mischung aus Englisch gespickt mit französischen Wörtern weiter.
Rasiercreme macht einfach glatte Beine. Ein Beauty-Tip von einem gayen Mann. Ich spiele die Rolle der sich nicht für Schönheit interessierenden Frau. Die ganze Wohnung ist voller Geräte: Fahräder, Muskeln, Massage. Der Mann ist schon mehr als 20 Marathons gelaufen. Im Eingang steht eine Schüssel voller Gelriegel. Die Bilder an den Wänden zeigen steil nach oben zeigende Phallussymbole. Soldaten mit Kanonen und Gewehren.
Flugzeuge werden für gewöhnlich im 30- bis 40-Grad-Winkel dargestellt. Sie fliegen nicht. Sie starten nur. Das Landen erinnerte zu sehr an einen Einschlag.
→ Milky Chance (2013. Ich trage eine schwarze Röhrenjeans und ein weißes Hemd aus indischer Seide, das meine Großmutter meinem Großvater genäht hat. Darunter trage ich ein neonpinkes Top. Ich habe eine langen Plastikblumenstrang um den Hals und türkise Haarspitzen. Milky Chance wird in jedem schlechten Club gespielt. Ich mag das Lied. Es riecht nach Wodka Bull. Ich bin betrunken und freue mich über die plötzliche Zugewandtheit der Menschen zueinander. Es ist Sommer. Ich lauere in lauen Nächte an den Autos von Bekannten. Erst später finde ich heraus, das Situationen mit dem Alkohol kippen können.)
Als ich aus der Tram vom Flughafen steige ist es kalt. In der Mall kaufe ich für acht Euro ein Fleece bei Decathlon. Mein eigenes habe ich während des Flugs verloren. Im Fleece war mein Schlüssel. Shit!
In der Arbeit stolpere ich über die mir immer noch fremde Sprache der Kultureinrichtungen: Tariferhöhungen werden vom Budget abgesetzt … ein ganz normales Verfahren … Provenienz verfestigen … übersichtliche Häuser … eine Zeichnung auf der Rückseite einer Zeichnung … was das Haus verlässt, wird Sicherungs-digitalisiert … übersichtliche Häuser (für Kultureinrichtungen mit wenig Personal)
abends
Ein Nachbar fängt mich auf dem Weg zum Schwimmbad ab. Er ist der Wasserfall, ich bin die Analytikerin. Es gibt eine Whatsapp-Gruppe von den Häusern. Memet kann dich hinzufügen. Er ist der Admin. Er arbeitet als Welcome Manager bei Mediamarkt. Was ist das denn? Der Wasserfall rauscht.
Dinge, die ich (zähneknirschend; erstmal) abhake:
Grunewald
Der Teufelssee ist kalt. Ich versuche zu verstehen, in welcher Beziehung der aufgepumpte junge Mann, der ins Wasser geht, und Marina stehen. Marina wohnt seit acht Wochen in Berlin, sagt er einer dritten Person. Er sieht gay aus. Er könnte aber auch Marinas Liebhaber sein. Dann würde ich mich mit seinem gayen Aussehen irren. Sie könnte auch seine Mutter sein und er nennt beim Vornamen. (Unwahrscheinlich)
Nur um die Gleichheit zwischen alten Männern und Frauen und ihren jungen Liebhaberinnen und Liebhabern herzustellen, schreibe ich hier einmal über einen alten Frau und einen jungen Mann: Sie könnte seine Tochter zu sein. Jemands Vater sein zu können, schreckt nicht viele ab. Ich judge hier deutlich ältere Männer, die reflektiert genug sein sollten, ihre Autorität Frauen gegenüber, die gerade noch unter der Vormundschaft von Vätern (und Müttern) standen, denen die Männer in Sachen Alter und Lebenserfahrung näher stehen als ihre Töchter, einzusehen. Sätze à la Du hast immer sehr reif gewirkt für dein Alter akzeptiere ich nicht.
Weißensee
Ich gebe meine Schlüssel ab. Ich verabschiede mich von der Bibliothek. Dann setze ich mich mit einem Kaffe vor die Mensa und wünsche mir, dass jemand kommt, den ich kenne oder der Zigaretten hat. Es sind Semesterferien. Einer, mit dem ich mal ein paar Worte gewechselt habe, fährt mit einem Cityroller vorbei. Er ignoriert mich.
Frau X von der Kleingartenanlage X ruft an: Wir haben die Arbeit anfangs alle unterschätzt.
Eintägige Reisen von Kas nach Hause.
Um acht Uhr beginnt das Früstück. Pünktlich sind nur zwei Russen, die gerade noch im Meer waren und sonst fleißig shooten. Der Löwe bringt mir Chai ans Meer. Als die Löwen im Wasser sind, schwimmt ein Schwarm kleiner Fische unbemerkt an ihnen vorbei. Ich liege auf einer weißen Liege vor einer surrealen Kulisse mit Housemusik. Auf der anderen Seite der Bucht sind die Berge zu sehen. H hätte beinahe Grund hier gekauft. Die Löwen schwimmen zurück. Es gelingt mir nicht, auf die Frage zu antworten, ob ich zeichne. Ich lege mir eine Antwort zurecht.
Am Strand entdecke ich nur ein einziges Handtuch mit dem neuen Sally-Rooney-Buch. Ich setze mich in die schaukelnde Brandung zu den anderen Badenden, verlasse das Meer mit einer Ladung Salz in die Nase und vertiefe ich mich in den weißen Steinstrand. Als ich aufstehe, ziert meine Schenkeln der Abdruck der Steine.
Auf dem Weg nach Kas fragt mich ein Mann, ob ich ein Foto von ihm machen könne.
Er präsentiert sich im Profil. Bist du das erste mal hier? Gefällts dir? Wie lange bleibst du?
Ja, sage ich. Gut. Bis morgen.
Währenddessen wischt er auf seinem Handy.
Gehst du in die Stadt? Ich kann dich begleiten.
Nein, danke, sage ich und gehe.
Die Dreistigkeit der Löwen wundert mich. Was ist ihre Absicht? Gestern sagt einer: Du bist bestimmt Lehrerin. Ich trage eine gestreifte Bluse, eine Brille und rote Lippen. Ist klar, woher die Assoziation kam. Auf meine Frage Was lief in deiner Ex-Ehe nicht gut? antwortet er mangelhaft. In der Stadt suche ich das vollste Café. In meinem Kopf tauchen Schnipsel der Lektüre des Löwen auf Das Begehren im Lacanschen Sinne… Auf dem Sonnenschirm gegenüber steht Feel Real! Der Löwe kommt mit einem Anderen auf einem Roller. Ich fühle mich wie die Freundin von… Wie heißt die nochmal?
Die selbstverständliche Bewegung im Raum der Männer
Am Pool und im Meer werden Fotos gemacht.
Am Abend haben sich alle schick gemacht.Ich bewundere die Frauen, deren Füße in hohen Schuhen und Körper in figurbetonten Kleidern stecken. Weine zu Bruno Mars, als der Freund der DJane ihr einen Antrag macht. Nicht, dass ich nicht weiter Teil des betont unabhängigen Paares bin, das dennoch die Frage Muss man mal alleine gelebt haben? Mit Nein beantwortet. Die Mutter des einzigen Kindes vor Ort heißt wie die DJane und wartet auf einen Antrag vom Vater ihres Kindes.
Erfüllt und glücklich.
Türkischer Mokka, wenig süße Kekse mit Mürbeitg und Sonnenblumen. Um den Löwen und mich schleichen Katzen. Je mehr man ihnen gibt, desto mehr betteln sie. Im Vorbeigehen nimmt eine alte Frau eine der Tüten, die an einem Kleiderständer vor der Bäckerei hängen.
Während der Löwe die Steilküste hinab wandert, um ins Meer zu gehen, denke ich über die Möglichkeit schneller Kontaktaufnahme nach. Du tust mir nicht gut. (Rosenstolz)
Einige alte Leute kommen die Treppen nach oben, die der Löwe hinuntergestiegen ist. Sie streicheln eine Katze, deren Zitzen deutlich am mageren Bauch prangen.
Die runzligen Gesichter der Feigen. Zaha de Zagazan singt Si j'étais un oiseau. Die Scheiben des Busses sind getönt. In der Klopause spreche ich die Frau des österreichischen Paares an. Wie der Löwe und ich ragen sie bleich und lang aus der türkischen Bevölkerung hervor. Der Mann ist gesprächiger als die Frau.
Serpentinen am Wasser entlang. Mir wird übel. Neben mir sitzt eine alte Frau auf einem Plastikhocker im Mittelgang. Ich biete ihr meinen Platz an, vergesse zu insistieren. Wir unterhalten uns ohne Worte. Sie möchte wissen, ob ich mit dem Löwen zusammen bin. Dann fährt sie mit ihrer Hand meinen Körper entlang und betet. Ein Platz wird frei. Sie zieht um. Als sie aussteigt, wirft sie mir eine Kusshand zu. Ich erinnere mich an Bs Oma.
In der Türkei ist die Deutsche die Exotin. Sie steht unbeholfen an der Kasse, versteht kein Wort und hat einen Stapel Lira-Scheine in der Hand, deren Wert sie zu langsam ausrechnet.
Ich reise mit dem Löwen. Im Dunkeln stellt sich seine Aussage als Absichtserklärung heraus. Als ich die Steilküste sehe, bin ich froh darum.
Die Worte eines arbeitenden Kindes zu seiner Mutter: Sie haben mir viele Aufgaben gegeben.
Die Hände einer Mutter in den Haaren ihrer Tochter. Sie klammert mit einer Spange die Haare nach hinten. Das Kind springt herum.
Ein anderes Kind wird von der Mutter geschüttelt. Ich sehe die glitzernden Augen des Kindes. Dann wird es wütend. Wut tut gut, sagt L.
Auf der Toilette am Flughafen scheitert eine ältere Frau am Bewegungsmelder des Wasserhahns. Ich trete aus der Schlange und mache ihr die Bewegung vor.
Vor der Passkontrolle ein Fenster, dahinter eine Beamte. Ich drücke meinen Fingerabdruck auf die Kamera zur Gesichtserkennung. Nicht EU-Flüge geben einen Stempel in meinen leeren Reisepass. Wer keinen Reisepass hat, bekommt einen Stempel auf Papier. Wenn der Stempel auf einem losen Blatt ist, was bringt er dann? Der Löwe lacht mich aus.
Riverside, Antalya. Wir trinken ein Effes am Fluss, bevor ein fürchterlicher Sturm ausbricht. Der Verkehr ist sanft. Es wird Abend. Wir nehmen ein Hotel in Antalya. Mein Erzeuger erzählt, dass der Verkehr in Deutschland früher anders war. Der Löwe spricht. Ich verstehe ihn nicht. Ich bin viele, sagt er. Rollenkonflikte, sagt der Therapeut.
Ich liebe das Foto der Ameisenstraße, das bei Google Maps mit einer schlechten Bewertung hochgeladen wurde. Eine schwarze Linie auf dem weißen Gemäuer.
Ich versuche festzuhalten, wie sich Begehren äußert, wie es ausgedrückt wird – ganz ohne vorheriger Lektüre zum psychoanalytischen Begehren. Die Äußerung des Begehrens ist eine Form der Absichtserklärung, ein Versprechen, das nicht eingelöst werden muss und wie Werbung zum Erwecken eines (anderen) Begehren dient. Man könnte auch sahen zur Manipulation.
Ich träume von Gefühlen verpackt in Situationen.
Zusammen mit mir allein fahre ich durch die Stadt im Regen, stehe im Stau.
Flohmarkt in Schöneberg. A und F verkaufen. Kaufe eine rote Weste von A. Westen trägt man jetzt, sagt As Mutter. Ihre eigene Weste hat sie im Internet gekauft. Streune durch die Stände. Die Levis mit dem Stern am Arsch passt überall nur nicht an den Schenkeln. Die Verkäuferin zieht nächste Woche nach New York. Im Café Kult hinterm Nollendorfplatz mischen sich Türkisch und Deutsch. Seifen lösen sich aus der Seifenblasenmaschine. Blätter fallen. Mehr Seifenblasen lösen sich.
An Konsum gewöhnt man sich schnell.
Mit geschlossenen Augen ist das Rollen des Skateboardfahrers nur durch seine Geschwindigkeit von einem Rollkoffer unterscheidbar. Im Wedding ist alles wie immer. Der Hase, den ich darstelle, hat keine Sonnencreme aufgetragen. Lausche Ms Geschichten. Freiheit klingt gut. Ich spreche in einer Parabel. Das ältere Double von LD fährt vorbei. Wir gehen die Panke entlang. Als wir Hunger bekommen, holen wir uns in einem türkischen Laden Ayran und Banane. M hat Packsäcke gekauft.
Ich trage:
Wir machen uns gut.
Wir geben uns Mühe.
Stehe in Gedanken an Es Geschichte zum verlorenen Gepäck in KW am Bahnhof. Aus Gewohnheit zögere ich, dann kaufe ich von KW bis zum Rio-Reiser-Platz:
Auf dem Weg zu den Austern treffe ich D, der gerade unterwegs ist, ein Bügelbrett zu kaufen, um seine neu erstandenen Leinenhemden zu bügeln. Die Freiheit des Individuums erkauft es sich mit Individualbesitz. Besitz erfordert weiteren Besitz. D trägt blaue Adidas Samba und ein blaues Shirt wie immer, aber statt Jeans eine Stoffhose und außerdem eine dicke Brille. Wir beenden unsere Konversation mit seinem Versprechen, ein Urlaubsfoto zu schicken. Schick es mir am besten per Mail.
In Kreuzberg laufen junge Leute in weiten Hosen und mit Digitalkameras und ihren Smartphones, auf denen Google Maps geöffnet ist, herum.
Im Florian treffe ich viele Floriane und drei Annas. Ich bin die Analytikerin, sie sind der Wasserfall. Sie setzen sich neben mich und erzählen. Der eine bleibt mir besonders im Kopf. Kennst du dich mit Whatsapp aus? fragt er. Wie kann ich sehen, ob ich blockiert wurde? Dann googelt er selbst. Alle Zeichen sprechen dafür, dass er blockiert wurde. Aber das macht keinen Sinn. Ich bin ein netter Typ. Er macht Yoga. Er isst Reiswaffeln mit Schokolade. Früher dachte er immer, Yoga sei was für Frauen. Aber seitdem er diese App (Wie heißt die nochmal? Urban Sports.) hat, weiß er, dass Yoga toll ist. Aber warum sind immer nur Frauen in den Kursen? Ich bin froh, dass er irgendwann los muss, in seine Yogaklasse. Letztens hat er seine Ex hier gesehen. Die, die ihn jetzt gesperrt hat. Gab keinen Grund. Er hatte ihr nicht geschrieben. Auf seinem Whatsapp sehe ich in extragroßer Schrift am Ende des Chats drei sehr lange Nachrichten von ihm ohne einen zweiten Haken.
Ich sehe die Sonne an der gegenüberliegenden Häuserfront. Der französische Papierladen hat zugemacht. Hoffentlich erkennt niemand die vor mir liegende Ausgabe aus der Fischer Taschenbibliothek von einem Roman, den ich hier lieber nicht nenne. Ein Abschleppwagen mit einem Lastenfahrrad auf der Ladefläche fährt vorbei. In Kreuzberg tragen Menschen Sonnenbrillen, nach Sonnenuntergang.
Die Annas, die sich neben mich setzen, sind anders als die Floriane. Sie sind zurückhaltender. Sie unterhalten sich mit mir und erzählen nicht nur. Eine Anna sagt: Du zeichnest toll. Machst du was daraus? Anna und Gesa haben eine bunte Tüte vom Faschingsladen dabei. Ich bin Birgit. Das ist leicht. Es treten keine Rollenkonflikte auf. Im Florian läuft ein Lied, das immer läuft.
Der Löwe kommt. Das ist eine Reisbox ohne Gluten, sagt die Frau vom Tisch nebenan. Ich find den Laden ganz süß. Die Leute sind nett. Ich überquere die Straße. Im Kiosk hängt ein Bild von der Halong-Bucht. Nachdem der Mann die Nudeln erwärmt hat, steckt er den Wok aus. Der Löwe spricht davon, kein Geld zu brauchen. Ich sage nichts dazu. Blätter fallen herab. Es ist Herbst.
Traf N, strahlend vom Urlaub berichtend. Meine Fingernägel matchen farblich der Hot-Dog-Sauce.
Vor mir liegt die gefühlte Pflicht, ein Outfit casual chick für eine Hochzeit zu finden.
– Ist das dein Polo?
– Ich wünschte.
– Wünsch dir lieber ein anderes Auto.
Langsam beginnt sich der Möglichkeitsraum zu schließen. Dieses umgangssprachlich ›Torschlusspanik‹ genannte Phänomen, von dem auch ich betroffen bin, wird von meinem Yogitee bestärkt: »Es ist noch jeden Tag Abend geworden.« Tröstlich, dass etwas vorbei sein könnte – oder einschüchternd.
07.06.2025
In der Auguststraße, auf der Terrasse des Weinladen. Während der Löwe Zigaretten holt, erzählt der Mann am Tisch nebenan über seine letzte Freundin: She just went on this meditation retreat and … completely different. Ein Traumszenario. Von drinnen tönt Jazz. Ein außerhalb der Arbeitszeit auftauchender Mitarbeiter.
War mir das "je monte, je valide" schon immer erzieherisch vorgekommen, weiß ich seit Citys on Speed, dass es sich tatsächlich um eine Erziehungsmaßnahme handelt.
Ich sitze in einem Salzburger Bus. Ein Mann schaut seine Wursti an und leckt sich die Lippen.
“Ich war jetzt nua zehn Jahre weg.”
“Gibts eine kleine Karrotte?”
“Gemma nacha an Mozartsteig rüber, dann treff ma die Oma.”
Der Salzburger Dialekt ist dem Rosenheimer ähnlich. Der nach zehn Jahren zurückgekommene Mann ist Mitte dreißig, hat einen Kinderwagen und zwei kleine Kinder um sich.
L stellt keinen Altersunterschied zwischen uns (28, 40) fest. Wenn man unsere jeweiligen Altersgenossen miteinander vergleicht, würde man den Unterschied wohl deutlicher spüren.
In der Hitze gehe ich neben den Gleisen durch die Stadt. Nachts verschließen Gänseblümchen ihr Gesicht. Das wäre dann das Ende vom Radweg, wobei der Anfang nicht wörtlich gekennzeichnet war.
Vor periscope parken Autos.
Wir treffen uns um 18:45 Uhr an dieser Statue: www.maps.app.goo.glnDV4PscT7FVxgncRA.
Adam K: Don't ask for permission, ask for forgiveness. Ich komme nach Hause, als es dunkel ist. In mir vibriert der Vortrag. Ich hänge das große Plakat von der Tür auf. Es hängt jetzt über der Couch.
Ups, wie sind wir hier gelandet, sagt meine Kollegin A.
Später fällt mir ein, dass man den Unterschied zwischen Lebenspartnerin und Fickpartnerin machen hätte müssen. Junge Frauen sind als Objekt der Begierde attraktiver. Aber als Lebenspartnerin? Wir dürfen die weißen alten Männer nicht hassen. Sie sind unsere Väter, die Männer unserer Mütter und außerdem haben sie unsere Ausbildung bezahlt.
Ich bin gerade aus dem Wasser gestiegen und hab mich fast fertig umgezogen. Da kommt ein Mann mit dicken Brillengläsern auf mich zu.
»Ist das dein Kind?«, fragt er, während er sich die Ohren gegen das Kindergeschrei zuhält.
»Ne.«
»Wie alt bist du?«
Ich überlege kurz: »Achtundzwanzig.«
»Ich bin zweiundvierzig. Darf ich deine Füße massieren?«
Die Frage ist so absurd, dass ich nicht anders kann, als meine Stimme fragend nach oben gehen zu lassen: »Nein?«
»Aber ein andermal, ok?«
Ich schüttle den Kopf. Dann sieht C.
»Ist das dein Boyfriend? Hey Süßer!«
Er gibt C eine Faust, streckt mir seine Hand zum Abschied entgegen, und dampft ab, stellt die gleichen Frage, ein paar Menschen weiter nochmal.