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62. Staub - Das Wohl des Kindes bei Trennung und Scheidung
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62.

Liselotte Staub

Das Wohl des Kindes bei Trennung und Scheidung

Grundlagen für die Praxis der Betreuungsregelung

Hogrefe Verlag, 2018, Bern, 24,95 €

Eine der größten Herausforderungen in der Ehe- und Familienberatung besteht sicherlich in der Situation, wenn ein Paar sich trennt und im Sinne des Kindes-wohls eine einvernehmliche Lösung hinsichtlich der weiteren Sorge und des Umgangsrechts gefunden werden muss. Häufig sind die beteiligten Erwachsenen so mit sich beschäftigt, dass sie das Wohl der Kinder aus dem Auge verlieren und die-se zu Instrumenten ihrer eigenen Interessen machen. Dann führt der Kampf der Eltern zur Schädigung der Kinder. Familiengerichte, die dann Recht sprechen sollen, beauftragen Beratungsstellen, um Eltern auf einen Weg zu einer Klärung und Bewältigung im Sinne der Kinder zu begleiten.

Das vorliegende Buch thematisiert die Herausforderung und Hürden, welche sich mit den Familiengesetz Reformen in den deutschsprachigen Ländern und den da-mit einhergehenden gesellschaftlichen Ansprüchen einerseits und den konkreten Ansprüchen der getrennten Eltern auf möglichst viel Zeit mit ihren Kindern anderer-seits ergeben. Im Zentrum der Betrachtung steht das Erleben des Kindes im Um-gang bzw. Kontakt mit seinen getrennten Eltern aus entwicklungspsychologischer, systemischer und Familienrechts psychologischer Sicht, dies vor dem Hintergrund der gesetzlichen Vorgaben und Interventionsmöglichkeiten.

Einleitend und damit Grundlage für das ganze Buch ist die Bedeutung des Loyalitätskonflikt, in den Kinder durch die Trennung der Eltern gebracht werden. Denn Loyalität ist ein primäres Ordnungsprinzip, welches die Homöostase der Familie auf-rechterhält. Loyalität wird zum emotionalen Leim, welcher das Weiterbestehen der Familie über die Zeit hinweg garantiert und in der bedingungslosen Akzeptanz der Familienmitglieder zum Ausdruck kommt. Die Familie ist in ihrem Fortbestehen auf Loyalität ihrer Mitglieder angewiesen und bestraft die Deserteure. Wir können davon ausgehen, dass diese genetisch angelegt oder durch Prägung entstanden ist. Dieses zeigt sich unter anderem darin, dass Kinder ihren Erzeugern gegenüber oftmals auch dann loyal sind, wenn diese es nicht verdient haben oder wenn Kinder nie eine Beziehung zu ihren Erzeugern aufgenommen haben.

Der Loyalitätskonflikt ist seiner Natur nach triangulär und bezieht sich auf 3 reale oder imaginierte Protagonisten. Im Sinne von: „Wenn Zwei sich streiten, leidet der Dritte“, ist dieser Dritte mit einer kognitiven Dissonanz konfrontiert. Das heißt loyal zu bleiben ist ihm nicht mehr möglich, weil Loyalität gegenüber dem einen Subsystem zu Illoyalität gegenüber dem anderen Subsystem führt.

Für mich ist es das Beste, was ich bisher zu dem Thema gelesen habe. Alle notwendigen Aspekte werden in einer wissenschaftlich fundierten immer wieder mit Beispielen verdeutlichen Weise beleuchtet.

Um die Kindeswohl relevanten Eigenschaften des Elternkonfliktes zu identifizieren und die betreuungsrelevanten Faktoren im Einzelfall zu bestimmen wird aufgezeigt, wie die Konfliktdynamik, der Konfliktinhalt und das Konfliktverhalten beurteilt wer-den können. So stimmt der Satz: „Zum Streiten gehören Zwei“ für hoch anhaltende Konflikthaftigkeit nach der elterlichen Trennung nur sehr bedingt. In der Praxis finden sich durchaus Fälle, in denen ausschließlich ein Elternteil, häufig aufgrund einer nicht bewältigten Trennung, den anderen Elternteil mit streitsüchtigen Verhalten an sich bindet. Mögliche Ursachen können in der Persönlichkeit der Eltern, bis hin zur Persönlichkeitsstörungen insbesondere der Borderline-Störung und der narzisstischen Persönlichkeit liegen. Hier wird die Dynamik für die Kinder und deren Beeinträchtigung in ihrer Entwicklung aufgezeigt. Wird dann das auffällige Verhalten von Kindern in den Mittelpunkt gestellt und ein kontaktverweigerndes Kind in die Therapie geschickt, so kann man davon ausgehen, dass die dem Loyalitätskonflikt zugrundeliegende Inkompatibilität von zwei gegensätzlichen Einstellungen sich in dem Versuch abzeichnet, den Widerstand des Kindes zu therapieren. Die Unsinnigkeit einer solchen Therapie zeigt die Autorin auf und weist stattdessen auf Möglichkeiten hin, die gerade in Beratungsstellen angeboten werden, wenn man mehrere Kinder in Trennungssituationen im Rahmen einer Gruppentherapie begleitet. Auch Themen wie Inobhutnahme, die Kindesanhörung oder die Erstellung von Gutachten werden in dem Buch ausführlich behandelt.

Begleitend dazu gibt es von der Autorin für betroffene Eltern einen Ratgeber mit dem Thema: Trennung mit Kindern - was tun?

Rezension von Dr. Rudolf Sanders