Synodical Conference (Detroit), August 11-16, 1886 - doctrinal essay on Divinity of Holy Scripture (Copernicanism on pgs 37 f.  – see Pasche report and comment in his Christliche Weltanschauung, pgs 172-173)

Although the speaker is identified as Prof. A.L. Gräbner of the Wisconsin Synod, yet just  the presence of C.F.W. Walther gives this essay a very close tie to Walther.  No essay was ever delivered in Walther’s presence that contains any doctrinal issue against the Bible or the Lutheran Confessions.  And indeed I believe that a large amount of text of this report was actually delivered by Walther in a “discussion” setting of questions and answers  – i.e. page 37, last paragraph  –  “Auf die Frage… wurde geantwortet:”  – – >>  To the question....  was answered:.

==>>  I attribute this essay largely to Walther’s authority, but it remains official doctrine of the old Synodical Conference.

Pages 5-71 assembled by BackToLuther from Google Books Plain Text. Fully polished as of July 3, 2016. Published HERE.  Highlighting, hyperlinks, modernized spelling, and added notes in square brackets [ ] are mine. (Translated to page 71)

July 3, 2016: NOTE: A complete English translation is planned to be published on August 11, 2016 - 130th anniversary of this Synodical Conf. meeting.

April 6, 2017: The complete English translation was published by BackToLuther on August 11, 2016; the document may be directly accessed here.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Lehrverhandlungen.

Die Synodalconferenz behandelte in fünf Sitzungen folgende

Thesen über die Göttlichkeit der heiligen Schrift.

I.

Die Lehre, daß die heilige Schrift Alten und Neuen Testaments nach Inhalt und Ausdruck gottlichen Ursprungs sei, ist eine Lehre, mit deren Drangabe [English: giving up] der Grund des christlichen Glaubens aufgegeben wird.

II.

Die Lehre von der Göttlichkeit der heiligen Schrift ist selbst ein Glaubensartikel und kann somit nur aus der Schrift selber erkannt und kraft derselben mit voller Zuversicht angenommen oder geglaubt werden.

III.

Die Lehre von dem göttlichen Ursprung der heiligen Schrift ist in der Schrift auf mehrfache Weise klar und deutlich geoffenbart.

A. Die Schrift lehrt, daß die heiligen Schreiber nicht die eigentlichen Verfasser dieser Schrift waren, sondern geschrieben haben als Werkzeuge des Heiligen Geistes.

B. Die Schrift lehrt, daß alles, was in ihr geschrieben steht, nicht nur dem Inhalt, sondern auch dem Ausdruck nach ein Werk des Heiligen Geistes sei.

C. Die heilige Schrift beansprucht eine solche Geltung und fordert ein solches Verhalten ihr gegenüber, wie es nur eine nach Inhalt und Ausdruck von Gott selbst stammende heilige Schrift beanspruchen und fordern kann.

 – – – – – – – – – – – – – – – – –

Der Referent, Herr Prof. A. L. Gräbner von Milwaukee, Wis., begründete zunächst die erste These folgendermaßen:

Wenn der heilige Apostel Paulus Eph. 2, 19—22. den Christen zu Ephesus zuruft, daß sie erbauet sind auf den Grund der Apostel und Propheten, da JEsus Christus der Eckstein ist, so liegt diesen Worten ein Bild zu Grunde, das in der heiligen Schrift wiederholt angewandt wird zur Darstellung der heiligen christlichen Kirche. So 1 Cor. 3, 9., wo die Christen Gottes Gebäu, 1 Cor. 3, 16. und 2 Cor. 6, 16., wo sie Gottes Tempel genannt werden. Und 1 Petr. 2, 5. fordert der Apostel die Christen auf, sich zu bauen zu einem geistlichen Hause. Von diesen wahren Christen sagt nun Paulus oben: sie sind erbauet auf den Grund der Apostel

6

und Propheten. Was versteht er unter diesem Grunde? Will er sagen, daß die Apostel und Propheten selbst der Grund seien, darauf die Christen erbauet sind? In alter und neuerer Zeit ist das vielfach so ausgelegt worden. Um nur Einen anzuführen, der sich zu den lutherischen Theologen rechnet, so schreibt

v. Hofmann: „Wie der Eckstein Christus JEsus persönlich ist, wie die über dem Grundbau draufgebauten Steine die Christen sind, so muß auch, wenn der Apostel in seinem Bilde verblieben sein soll, der Grundbau in Personen bestehen.” (Der Brief Pauli an die Epheser, S. 101.)

Aber Paulus sagt gar nicht von sich, daß er der Grund mit sei, sondern er hat den Grund legen helfen, und als ein Weiser Baumeister hat er keinen menschlichen Grund, sondern einen ewig bleibenden Grund gelegt. Diese Auslegung v. Hofmann's gilt aber auch deswegen nicht, weil selbst Christus nicht der Grund der Kirche ist in Anbetracht dessen, daß er eine Person ist, sondern sofern er der Heiland seiner Gläubigen ist. So sind auch die Christen nicht auf den Grund als lebendige Steine erbaut dadurch, daß sie Personen sind, sondern sofern sie gläubig sind an Christum. Vergleiche Gal. 3, 26.: „Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christo JEsu.” 1 Petr. 2, 7.: „Euch nun, die ihr glaubet, ist er” (nämlich der Eckstein Christus) „köstlich.” Col. 2, 7.: „Und seid gewurzelt und erbauet in ihm, und seid feste im Glauben” 2c. Col. 1, 23.: „So ihr anders bleibet im Glauben gegründet und feste und unbeweglich von der Hoffnung des Evangelii, welches ihr gehöret habt, welches geprediget ist unter aller Creatur, die unter dem Himmel ist, welches ich Paulus Diener worden bin.” In dieser letzteren Stelle wird das Evangelium, das Paulus gepredigt hat und das bis an's Ende gepredigt werden soll, als das Fundament dargestellt, darauf die Christen im Glauben gegründet sind und im Glauben gegründet bleiben sollen. Das Evangelium ist also der Grund, darauf die ganze Christenheit ruht. So legt es unter Anderen

Balduin aus, wenn er schreibt: „Das Fundament des Hauses ist die apostolische und prophetische Lehre, aus welcher allein man ermitteln kann, wie man recht glauben und fromm leben soll... Aus diesem Fundament also haben die Frommen in der Kirche die Gewißheit ihres Glaubens und ihrer Seligkeit, weil ihr Glaube aus der Schrift der Apostel und Propheten gewonnen und daselbst auch ihre Seligkeit gegründet ist.” (Comm. in omn. epp. Pauli p. 887.)

Es steht dies keineswegs im Widerspruch mit 1 Cor. 3, 11., wo wir lesen: „Einen andern Grund kann zwar niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist JEsus Christ.” Denn gerade in den Predigten der Apostel und Propheten ist ja Christus, der HErr, das A und das O. Apost. 3, 18.: „Gott aber, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündiget hat, wie Christus leiden sollte, hat's also erfüllet.” Kap. 10, 43.:

7

„Von diesem (JEsu) zeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfahen sollen.” Kap. 26, 22. f.: „Aber durch Hülfe Gottes ist es mir gelungen, und stehe bis auf diesen Tag und zeuge beide dem Kleinen und Großen; und sage nichts außer dem, das die Propheten gesagt haben, daß es geschehen sollte, und Moses: daß Christus sollte leiden und der Erste sein aus der Auferstehung der Tobten.” 1 Cor. 1, 23.: „Wir aber predigen den gekreuzigten Christum, den Juden ein Aergerniß und den Griechen eine Torheit.” Kap. 2, 2.: „Denn ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch, ohn allein JEsum Christum, den Gekreuzigten."

Was nun aber von der mündlichen Predigt der Apostel gilt, daß sie nämlich Grund der Kirche Christi sei, das gilt auch von den geschriebenen Worten derselben. Das geht schon aus Eph. 2, 20. hervor, wenn es da heißt: „Erbauet auf den Grund der Apostel und Propheten, da JEsus Christus der Eckstein ist.” Da werden die Propheten des Alten Bundes angeführt, die damals schon todt waren, also nicht mehr mündlich predigten, sondern durch ihre Schriften. Nicht bloß Gottes Volk in der jüdischen Kirche des Alten Bundes, sondern auch die neutestamentlichen Christen sind auf den Grund auch der Propheten erbaut. Vergleiche Röm. 16, 26.: „Nun aber offenbaret, auch kund gemacht durch der Propheten Schriften, aus Befehl des ewigen Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden.” Röm. 15, 4.: „Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben” :c. Merke wohl: uns, den neutestamentlichen Christen, ist zur Lehre geschrieben, was zuvor geschrieben ist. Und 2 Petr. 1, 19. heißt es: „Wir haben ein festes prophetisches Wort, und ihr tut wohl, daß ihr drauf achtet” 2c. Da sagt er nicht: die Väter des Alten Bundes hatten ein festes prophetisches Wort, ihr aber im Neuen Testament tut wohl, daß ihr auf uns achtet — sondern: achtet auch ihr neutestamentlichen Christen auf die Schriften der Propheten; daran tut ihr wohl. So hat auch Christus, unser Meister, Solche, die an ihn glauben sollten, auf die Schriften der Propheten hingewiesen. Joh. 5, 39.: „Suchet in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habet das ewige Leben darinnen; und sie ist's, die von mir zeuget.” Als der HErr dies sprach, war ja noch keine der neutestamentlichen Schriften geschrieben. Und die Johannis-Jünger, die im Zweifel standen und deren Glaube durch Christum festgegründet werden sollte, weist er Matth. 11, 5. hin auf den Propheten Iesaias, Kap. 61, 1. 35, 5. Seinen eigenen Jüngern, die durch seinen Tod schier allen Boden unter den Füßen verloren und ihre Hoffnung mit Christo zu Grabe getragen hatten, zeigt er nach seiner Auferstehung nicht zunächst seine Hände und Füße, sondern um das Glaubensflämmlein wieder anzufachen, legte er ihnen die Schriften der Propheten aus. Und sie haben's wohl empfunden, wie dadurch ihr Herz warm wurde. Luc. 24, 32.: „Und sie sprachen unter

8

einander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege, als er uns die Schrift öffnete?” Vergleiche auch Luc. 24, 44. 45.: „Er aber sprach zu ihnen: Das sind die Reden, die ich zu euch sagte, da ich noch bei euch war; denn es muß alles erfüllet werden, was von mir geschrieben ist im Gesetz Mosis, in den Propheten und in Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, daß sie die Schrift verstunden.” Ja, daß die ungläubigen Juden den Worten des Messias, von Gott gesandt, nicht glaubten, führt Christus auf den Grund zurück, daß sie nicht glauben wollten der Schrift des Alten Testamentes, indem er spricht Joh. 5, 46. 47.: „Wenn ihr Mosi glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. So ihr aber seinen Schriften nicht glaubet, wie werdet ihr meinen Worten glauben?"

Dieselbe Praxis, welche uns bei Christus, dem HErrn, entgegentritt, finden wir auch bei den Aposteln. Von Paulo heißt es Apost. 17, 2.: „Nachdem nun Paulus gewohnet war, ging er zu ihnen hinein und redete mit ihnen auf drei Sabbathen aus der Schrift.” Das tat er also nicht, um sich den damaligen Verhältnissen anzubequemen, sondern es war seine Gewohnheit überall. Dasselbe hören wir Apost. 28, 23.: „Und da sie ihm einen Tag bestimmten, kamen Viele zu ihm in die Herberge, welchen er auslegte und bezeugete das Reich Gottes, und predigte ihnen von JEsu aus dem Gesetze Mosis und aus den Propheten, von frühe Morgen an bis an den Abend.” Und Kap. 26, 22. spricht der Apostel selbst: „Aber durch Hülfe Gottes ist es mir gelungen, und stehe bis auf diesen Tag und zeuge beide dem Kleinen und Großen; und sage nichts außer dem, das die Propheten gesagt haben, daß es geschehen sollte, und Moses.” Wie er aber mündlich aus der Schrift predigt, so auch schriftlich nach der Schrift, wie er z. B. 1 Cor. 15, 3. sagt: „Denn ich habe euch zuvörderst gegeben, welches ich auch empfangen habe, daß Christus gestorben sei für unsere Sünden, nach der Schrift.” Und dies finden wir in allen Briefen der Apostel, daß sie fort und fort zeigen, wie sie, was sie zu glauben und zu lehren uns vorlegen, gründen auch auf die Schrift des Alten Testamentes. Daher die so häufig wiederkehrende Anführung der Worte der Propheten. Auch die heiligen Evangelisten waren stets darauf bedacht, die göttliche Planmäßigkeit der heiligen Geschichte des Neuen Testamentes, der großen Taten Gottes von der Geburt, dem Leiden und der Auferstehung JEsu Christi aus dem Alten Testament zu erweisen, wie uns, um nur ein Beispiel anzuführen, dies besonders gehäuft entgegentritt in der Leidensgeschichte nach Johannes, Kap. 19, 24. 28. 36. 37., wo es immer heißt: „Auf daß die Schrift erfüllet würde."

Ja, gerade dies war der Zweck der Verabfassung auch der neutestamentlichen Schriften, daß die Christen in ihrem Glauben an Christum gestärkt und gewiß gemacht würden. So verfaßt St. Lucas sein Evangelium, wie er selbst angibt Kap. 1, 4.: „Auf daß du gewissen Grund erfahrest

9

der Lehre, in welcher du unterrichtet bist.” Und Johannes schreibt in seinem Evangelium, Kap. 20, 31.: „Diese aber sind geschrieben, daß ihr glaubet, JEsus sei der Christ, der Sohn Gottes; und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen.” Auch seine Briefe hat er zu gleichem Zweck verfaßt, wie wir lesen 1 Joh. 5, 13.: „Solches habe ich euch geschrieben, die ihr glaubet an den Namen des Sohns Gottes, auf daß ihr wisset, daß ihr das ewige Leben habet, und daß ihr glaubet an den Namen des Sohns Gottes.” Also die Christen, die schon im Glauben standen, die sollen Fortdauer ihres Glaubens gewinnen durch die Schriften, welche ihnen der Apostel zustellt.

Nun gehört zum Glauben zunächst Erkenntniß. Aus uns selbst können wir ja keine Erkenntniß göttlicher Wahrheiten haben. Denn es weiß niemand, was in Gott ist, ohne der Geist Gottes. Ohne die göttliche Offenbarung ist lauter Unwissenheit bei uns in göttlichen Dingen, wie geschrieben steht 1 Tim. 6, 3—5.: „So jemand anders lehret und bleibet nicht bei den heilsamen Worten unsers HErrn JEsu Christi und bei der Lehre von der Gottseligkeit; der ist verdüstert und weiß nichts, sondern ist seuchtig in Fragen und Wortkriegen, aus welchen entspringet Neid, Hader, Lästerung, böser Argwohn, Schulgezänke solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind, die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe.” Daher der Heiland die Unwissenheit der ungläubigen Juden und aller, die blind blieben gegen die seligmachenden Wahrheiten des Evangelii, daraus erklärt, daß sie die Schrift nicht wußten, indem er spricht Matth. 22, 29.: „JEsus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irret und wisset die Schrift nicht, noch die Kraft Gottes.” Es ist hiernach ein Zusammenhang zwischen Irrtum, Unwissenheit in göttlichen Dingen und Unkenntniß der Schrift; und daß dieser Zusammenhang ein ursachlicher sei, geht noch deutlicher hervor aus der Parallelstelle Marc. 12, 24., wo es heißt: „Da antwortete JEsus und sprach zu ihnen: Ist's nicht also? Ihr irret, darum, daß ihr nichts wisset von der Schrift noch von der Kraft Gottes.” Hingegen ersehen wir aus 2 Tim. 3, 16., wie Paulus seinen Sohn Timotheus zur Gewinnung der rechten geistlichen Weisheit auf die Schrift verweist, in welcher Timotheus schon von Jugend auf unterrichtet war. Wer uns also die Schrift nimmt, der nimmt uns den Quell der geistlichen Erkenntniß, ohne den wir nichts in göttlichen Dingen erkennen können und in lauter Irrsal geraten müssen.

Zum wahren Glauben gehört ferner die Zuversicht nach Ebräer 11, 1.: „Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht deß, das man hoffet, und nicht zweifeln an dem, das man nicht stehet.” Und auch insofern der Glaube Zuversicht ist, gründen wir ihn auf das Wort der Schrift. Nur auf Grund der Schrift sagen wir 2 Tim. 1, 12.: „Ich weiß, an welchen ich glaube, und bin gewiß, daß er kann mir meine

10

Beilage bewahren bis an jenen Tag.” Kap. 4, 8.: „Hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der HErr an jenem Tage, der gerechte Richter, geben wird, nicht mir aber allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.” Röm. 8, 38. 39.: „Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Creatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo JEsu ist, unserm HErrn.” So haben schon die Heiligen des Alten Bundes ihre Zuversicht gegründet auf das Wort Gottes. Ps. 119, 49. 50.: „Gedenke deinem Knechte an dein Wort, auf welches du mich lassest hoffen. Das ist mein Trost in meinem Elende; denn dein Wort erquicket mich.” Vers 92. 93. 93.: „Wo dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elende. Ich will deine Befehle nimmermehr vergessen; denn du erquickest mich damit. Die Gottlosen warten auf mich, daß sie mich umbringen; ich aber merke auf deine Zeugnisse.” Jer. 15, 16.: „Indeß enthalte uns dein Wort, wenn wir's kriegen; und dasselbe dein Wort ist unsers Herzens Freud und Trost.” Und David bittet Gott, daß das auch in Zukunft so bleiben möge, Ps. 119, 133.: „Laß meinen Gang gewiß sein in deinem Wort, und laß kein Unrecht über mich herrschen.” Das war auch die Weise der ersten Christen. So lesen wir Apost. 17,11.: „Denn sie waren die edelsten unter denen zu Thessalonich; die nahmen das Wort auf ganz williglich und forschsten täglich in der Schrift, ob sich's also hielte.” Die Beroenser waren nun göttlich überzeugt, sie hatten darüber keinen Zweifel mehr, daß Gott ihnen durch Paulum seinen gnädigen Willen hatte verkündigen lassen. Und Irenäus schreibt von den Christen seiner Zeit: „Wir kennen den Ratschluß unserer Erlösung nur durch die, welche uns das Evangelium gebracht haben. Sie haben dasselbe zuerst mündlich verkündigt; spater aber haben sie dem Willen Gottes gemäß uns dasselbe in den Schriften hinterlassen, damit nach ihnen dieselben Grundpfeiler des Glaubens seien."

Wie wir nun unsere Erkenntniß aus der Schrift schöpfen, unsere Zuversicht auf die Schrift gründen, so beurteilen wir auch alle Lehre nach der Schrift. Daß das die Christen und namentlich die Lehrer tun sollen, zeigt Tit. 1, 9., wo St. Paulus den Titus ermahnt, bei der Wahl eines Bischofs darauf zu sehen, daß derselbe „halte ob dem Wort, das gewiß ist und lehren kann, auf daß er mächtig sei, zu ermahnen durch die heilsame Lehre und zu strafen die Widersprecher.” Von Apollo wird uns berichtet, wie er die Schrift zur Scheidung zwischen Wahrheit und Irrtum gebrauchte, Apost. 18, 28.: „Denn er überwand die Juden beständiglich und erweisete öffentlich durch die Schrift, daß JEsus der Christ sei.” Die ersten Christen brauchten die Schrift ihren Gegnern gegenüber in dem Maße, daß selbst die Irrlehrer, um Gehör bei dem Volke zu finden und sich einen guten

11

Schein zu geben, auch die Schrift anführten. So berichtet Irenaus von den Valentinianern: „Vermittelst einer leichtfertigen Auslegung schöpfen sie ihre Beweise aus den evangelischen und apostolischen Schriften.” In die Fußstapfen Jener sind unsere lutherischen Lehrväter, ihnen allen voran Dr. Luther, getreten; und das ist auch unsere, als ihrer spätgeborenen Söhne, Art und Weise. Nach der Schrift urteilen wir, wenn es gilt zu entscheiden, ob eine Lehre von Gott oder nur menschliche Meinung sei. Wir wissen aus der Schrift und nur aus der Schrift und lehren nach der Schrift, daß Gott dreieinig ist, die Welt in sechs Tagen durch Gottes Allmachtswort geschaffen, daß der Mensch nach dem Bilde Gottes gemacht ist, daß Christus, Gottes und Davids Sohn, die ganze Menschheit erlöst hat, am dritten Tage auferstanden, gen Himmel gefahren ist, sich zur Rechten Gottes gesetzt hat und einst die Welt richten wird. Wir wissen aus der Schrift und nur aus der Schrift und lehren nach der Schrift, daß der Heilige Geist durch kräftige Berufung alle zu Christo führen und im Glauben erhalten will, und ebenso, daß zwar viele berufen, aber wenige auserwählt sind, und nur diese Auserwählten selig werden, ganz gewiß selig werden, und zwar nicht deshalb, weil Gott auf ihr Tun oder Verhalten Rücksicht genommen hätte und darum sie selig machte, sondern aus lauter Gnade und Barmherzigkeit.

Alles, was diesen Lehren der Schrift entgegensteht, sei es Arianismus oder Socinianismus, Rationalismus oder Calvinismus oder Synergismus in irgend welcher Form bis in die neuesten Tage, das verwerfen wir fröhlich und von ganzem Herzen als Irrtum, Lug und Trug. Wir erkennen niemand als Glaubensbruder an, der wissentlich eine Wahrheit nicht annimmt, die klar in Gottes Wort geschrieben steht. Ja, wir studiren die Worte der heiligen Schrift und wenden Zeit und Kosten dran, damit wir die einzelnen Worte immer besser verstehen lernen. Wozu anders errichten wir Schulen und Anstalten als zu dem Zweck, daß immer mehr rechte Schriftausleger herangebildet werden? Wir verpflichten unsere Prediger auf die Bekenntnisse, weil sie mit der heiligen Schrift übereinstimmen.

Das alles kann aber nur dann seine Berechtigung haben, wenn die heilige Schrift ein ganz fester Grund des Glaubens und der Lehre ist. Und ein solcher fester Grund ist sie nach 2 Petr. 1, 19.: „Wir haben ein festes prophetisches Wort, und ihr tut wohl, daß ihr drauf achtet, als auf ein Licht, das da scheinet in einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche, und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.” Und Tit. 1, 9. heißt es: „Und halte ob dem Wort, das gewiß ist und lehren kann, auf daß er mächtig sei zu ermahnen durch die heilsame Lehre und zu strafen die Widersprecher.” Aber ein solcher fester Grund des Glaubens kann die heilige Schrift nur dann sein, wenn sie Gottes eigenes Wort ist. Denn es handelt sich in diesem Buch um Gottes Gedanken und seine Ratschlüsse über die gefallene Menschheit. Und wenn schon nach 1 Cor. 2, 11. kein Mensch weiß, was im

12

Menschen ist, ohne der Geist des Menschen, der in ihm ist, wie kann ein Mensch wissen, was in Gottes Herzen von Ewigkeit war und ist! Dazu kommt, daß nur göttliche Zusicherungen der Gnade in's arme Sünderherz Frieden bringen können. Denn der Ankläger im Busen fußt auch auf göttlichem Grunde, auf dem heiligen Gesetze Gottes, soweit er richtig urteilt. Da will das arme Herz auch göttlichen Grund seiner Lossprechung von Sünden haben. Darum schreibt der Apostel Röm. 10, 17.: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes.” 1 Cor. 2, 5.: „Auf daß euer Glaube bestehe nicht auf Menschen Weisheit, sondern auf Gottes Kraft.” Was würde es auch nützen, wenn nur Petrus oder Paulus uns zusicherten, daß wir die Vergebung der Sünden hätten, daß Gott Gedanken des Friedens über uns habe, daß das Lamm Gottes unsere Sünde getragen und wir an ihm einen Fürsprecher bei dem Vater haben? Gott muß uns das selber sagen. Und mit welcher Stirn würden die Lehrer der Christenheit ihres Amtes warten, wenn sie nicht auf göttlichen Grund fußen könnten, der sich auch als solcher erweisen läßt? Schreibt doch der Prophet Micha 3, 7. ff.: „Und die Schauer sollen zu Schanden und die Wahrsager zu Spott werden, und müssen ihr Maul alle verhüllen, weil da kein Gottes Wort sein wird.” In Betreff seiner selbst hingegen kann er fortfahren: „Ich aber bin voll Kraft und Geistes des HErrn, voll Rechts und Stärke, daß ich Jakob sein Uebertreten, und Israel seine Sünde anzeigen darf.” Daher spricht der HErr zu Jeremias Kap. 1, 7.: „Sage nicht: Ich bin zu jung; sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dich heiße.” — Wie dürften wir es wagen, hinzutreten an Grab und Sarg und die Trauernden hinweisen auf die Auferstehung der Todten und auf die ewige Seligkeit, wenn wir dafür nicht göttlichen Grund hätten? Wenn man uns fragte: Woher weißt du das? würde es wohl eine Thräne trocknen, wenn wir dann sagen müßten: das ist so meine Meinung, das denke ich mir so, das fühle ich in meiner Brust? Und wie dürften wir es wagen, einem unruhigen aufgewachten Gewissen, das vor Gottes Zorn erschrocken ist, wenn es nun an's Sterben geht, zuzurufen: Glaube, daß Gott dir deine Sünden aus Gnaden um Christi willen vergibt, glaube, daß kein Tod dich tödten kann, — wenn wir ihm nicht sagen könnten: das sagt dein Gott selbst, und ehe dieser Trost sollte fehlen, eher müßte Gott aufhören die Wahrheit zu sein? Nur wenn wir sprechen können: So spricht der HErr! nur dann können wir auch fremder Lehre getrost entgegentreten unangesehen Person und Gelehrsamkeit; nur dann können wir fröhlich die falsche Lehre verwerfen. Und das ist dann kein Dünkel oder Rechthaberei. Ja, nur wenn wir sprechen können: So spricht der HErr! können wir auch in unseren Gemeinden mit rechter Festigkeit und voller Berechtigung rechte christliche Zucht üben und allen Geistern entgegentreten, die sich Wider Gott erheben.

13

Wie aber nun, wenn die Schrift nur im Großen und Ganzen, nur in den Hauptsachen göttlichen Ursprungs wäre und nicht in allen Stücken, nicht auch im einzelnen Ausdruck; wie, wenn es Stellen menschlichen Ursprungs darin gäbe; wenn es möglich wäre, daß die Schrift mit Irrtum behaftet sei oder die einzelnen Worte von Menschen so gewählt und gesetzt seien, — wie stellte sich dann die Schrift für alle praktische Verwendung im Glauben und Leben? Es wäre damit völlig aus. Ein Beispiel möge das veranschaulichen. Würde wohl ein Erbschaftsgericht ein menschliches Testament gelten lassen, wenn dasselbe zwar zum Teil von dem Erblasser, zum Teil aber von den Erben und von Anderen, die ein Interesse darin haben, aufgesetzt, und noch dazu nicht geschieden wäre, was der Erblasser selbst und was die Erben und Andere geschrieben hätten? Würde das Gericht nicht ein solches Schriftstück als nutzloses Papier auf die Seite werfen? Und kein Erbe könnte fröhlich zugreifen und etwas als sein Erbteil erkennen, was ihm nach solchem Testament zugesprochen würde. Nein, da wird streng darauf gesehen, daß der Erblasser bei vollem Bewußtsein Wort für Wort durch Namensunterschrift als seinen eigenen Willen anerkenne, und zwar vor Zeugen, damit solches auch gewiß sei. Wo irgend Zweifel herrschen nach dem Tode des Testators, da fällt die Gültigkeit und Kraft eines solchen irdischen Testamentes dahin. Und da handelt es sich um „dieses Lebens Güter, eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter". Und wir sollten zwei Testamente von Gott haben, darin es sich um Güter handelt, die mehr Wert sind als Himmel und Erde, und diese sollten uns in einer Verfassung gegeben sein, daß darin Göttliches und Menschliches vermischt wäre und noch dazu sich nicht unterscheiden liehe, was göttlich und was menschlich sei? — Wenn ferner zwei Menschen einen Contract machen, überlassen sie es nicht Anderen, nach deren Gefallen das Schriftstück aufzusetzen, sondern sehen darauf, daß es sorgfältig Wort für Wort in ihrem, der Contractoren, Sinne, aufgezeichnet wird. So ist es auch bei Aufstellung von Gesetzen; da wird ebenfalls genau der Ausdruck erwogen, damit das Gesetz auch wirklich das besage und vorschreibe, was die Gesetzgeber sagen und vorschreiben wollten. Und keine Obrigkeit läßt es sich gefallen, wenn man ihr sagt: In den Hauptsachen mag es nach dem Gesetz gehen, aber in Nebensachen nicht, denn da sind auch Elemente drin, die nicht bindend sind. Wie sorgfältig sind wir bei Gemeindeprotokollen, daß jedes Wort den Sachverhalt wiedergebe! Woher anders kann man auch den Inhalt eines Schriftstückes erfahren, wenn nicht aus dem Ausdruck?

Also, wer uns diese Gewißheit nimmt, oder wer diese Ueberzeugung aufgibt, daß die heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes nach Inhalt und Ausdruck göttlichen Ursprungs sei, der nimmt uns den Grund des christlichen Glaubens hinweg und gibt ihn selber auf.

Einfältige Christen könnten hierbei sprechen: Ich dachte, das stünde fest, daß die Bibel Gottes Wort ist, daran habe ich noch nie gezweifelt.

14

Ein glücklicher Mensch, der das sagen kann! Freilich steht das fest, daß die Bibel Gottes Wort ist, und das steht auch uns fest. Wir wollen keineswegs dies erst feststellen, auch nicht die Zuhörer, die in der Schrift Trost, Frieden und Hoffnung gefunden haben, erst davon zu überzeugen suchen, daß die heilige Schrift nur von Gott ist, sondern weil diese Lehre von so mancherlei Seiten angefochten wird, deswegen treten wir dafür ein. Man bedenke, alle diese Angriffe sind auf die Burg unseres Glaubens gerichtet. Und das erfüllt uns mit großer Traurigkeit. Wir wissen zwar, sie werden ihr letztes Ziel nicht erreichen, denn der HErr ist bei uns drinnen. Aber das versetzt uns in Traurigkeit, einmal daß die Feinde so verblendet sind, und zum anderen, daß sie gar manchen Schaden anrichten. Mit David müssen wir klagen: „Sie reißen den Grund um.” Ps. 11, 3. Wie nämlich bei einer Burg die Angreifer nicht bloß bald hie, bald da anstürmen, sondern zuweilen versucht man auch die ganze Burg zu unterminiren, um sie mit einem Schlag in die Luft zu sprengen, so machen es auch die Feinde des Christentums. Sie greifen wohl bald diese bald jene Lehre an, aber sie suchen vor allem auch das Fundament des christlichen Glaubens zu zerstören. Denn fällt diese Lehre von der göttlichen Eingebung der heiligen Schrift, so ist es um unfern ganzen Glauben bald geschehen. Und leider geschieht dies Anstürmen gegen das Fundament des christlichen Glaubens nicht bloß von offenbar Ungläubigen, sondern auch von Gliedern anderer Kirchengemeinschaften, ja, seit dem Rationalismus mitten in der lutherischen Kirche. Es ist gerade unserem Jahrhundert vorbehalten, daß Theologen, deren Name eine Zeitlang einen guten Klang in der lutherischen Kirche hatte, im Interesse der Wissenschaft die heilige Schrift zerschnitten und zerstückelt haben. Sie geben zwar zum Teil zu, daß Gottes Wort in der Schrift enthalten ist, allein es sei darin auch manches Menschliche, und das von einander zu sondern, sei die Aufgabe der Wissenschaft. Wäre das aber der Fall, worauf sollte dann unser Glaube fußen können? Wer kann denn mit Gewißheit sagen, was in der Schrift göttlich und was menschlich sei? Darum treten wir auf und bekennen: Die heilige Schrift ist Gottes Wort von Anfang bis zum Ende. Zu diesem Zeugniß sind wir berufen; barin uns zu stärken, ist unsere Aufgabe, sonderlich weil es jetzt so gar Viele gibt, die keinen festen Grund des Glaubens haben, die nicht mit David sprechen können, Psalm 119. 120.: „Ich fürchte mich vor dir, daß mir die Haut schauert, und entsetze mich vor deinen Rechten.” Denn nur wer glauben kann, daß die Schrift göttlichen Ursprungs ist, wird sich entsetzen vor den Rechten Gottes. Wie Luther sagt, daß ihm ein jeglicher Spruch der Schrift die Welt zu enge mache.

Und ein Grund dafür, daß gerade wir unsere warnende Stimme gegen dieses Umstürzen des Glaubensgrundes erheben müssen, ist auch der, daß unsere hiesigen amerikanischen Gegner die Freundschaft der modernen Theologen suchen. Kommt diese moderne Theologie in unser Volt hinein, so

15

wird es alle Grundlagen des Christentums verlassen. Die frommen Reden, daß Gottes Wort in der Bibel sei, bethören Viele. Aber es ist solch Gerede nichts als ein Trug.  Gibt es nur Einen Irrtum in der Bibel, den der Geist Gottes nicht selbst als Irrtum bezeichnet hat, so ist es um die Bibel geschehen. Wenn mir Einer ein Buch empföhle und sagte mir, darin steht Wahrheit und Irrtum, aber das mußt du selber herausfinden, so müßte ich glauben, er wolle mich nur zum Besten haben. Und das um so mehr, wenn er sagt: es ist Gottes Wort darin. Was frage ich nach einer solchen Bibel, die Wahrheit und Irrtum unter einander gemengt bringt! Eine solche Bibel würde ich in den Ofen stecken. Sie wäre ein ganz gefährliches Buch. Ich müßte ja immer fürchten, wenn ich sagte: das ist falsch, daß ich damit Gottes Wort verwerfen würde; oder umgekehrt, wenn ich etwas als göttliche Wahrheit annähme, und es wäre doch Menschenwort, daß ich Abgötterei triebe. Darum ist das nichts als eine verkappte völlige Verwerfung der heiligen Schrift, wenn man sagt: Die Schrift enthält zwar Gottes Wort, aber sie ist nicht selbst das Wort Gottes; sie enthält das richtige Religionssystem, aber daneben auch Falsches; und den Theologen als wissenschaftlichen Männern liegt das Amt ob, nachzusehen, was darin göttlich und was menschlich ist. Da können und dürfen wir nicht mitgehen, oder unsere Gemeinden müßten und würden sich von uns als Seelenmördern lossagen.

O, es ist erschrecklich, was in unserer Zeit zu Tage tritt! So weit ist man jetzt gekommen, daß man es gerade heraus zu sagen wagt: Im Grunde sei die Bibel gar nicht für die Laien, sie sei gar nicht zum Erbauungsbuch bestimmt; die wahre Religion sei in der Kirche mündlich fortgepflanzt worden; obwohl die Bibel nichtsdestoweniger ein wichtiges Buch für die theologische Wissenschaft sei, denn an ihr habe man jedenfalls u. a. eine Urkunde, daraus man die Entstehung und die derselben gemäße Fortführung der Kirche entnehmen könne. Bis jetzt hatten die modern gläubigen Professoren es nur in ihren Hörsälen ihren Studenten gesagt, was sie von der Bibel hielten; sie fürchteten sich vor dem Volke, von dem sie für die Führer der Gläubigen angesehen sein wollten. Aber nun hat man in Dorpat offen vor dem Laienpublikum erklärt, die Bibel sei eigentlich gar nicht für das Volk, sondern für die Theologen, welche allein befähigt seien, ihren göttlichen Gehalt zu erforschen.

Ein ganz besonders wichtiger Punkt ist auch der, daß das geschriebene Wort ganz gleich ist dem durch die Apostel und Propheten geredeten Wort, wie dies oben schon dargetan ist. Doch mögen hierfür noch folgende Stellen gemerkt werden. Abraham sagt dem reichen Mann Luc. 16, 29.: „Sie haben Mosen und die Propheten; laß sie dieselbigen hören.” Nun waren die Propheten aber gar nicht mehr da, sondern längst gestorben. Taraus sehen wir, daß die Juden auch dann die Propheten hatten, wenn sie ihre Schriften lasen. Ferner heißt es Marc. 16, 15.: „Gehet hin in

16

alle Welt und prediget das Evangelium aller Creatur.” Nun haben die Apostel nicht mündlich aller Creatur das Evangelium gepredigt, aber dura) ihre Schriften predigen sie uns noch heute. Also ist es ganz gleich, was die Propheten und Apostel geredet und was sie geschrieben haben. Und endlich schreibt Johannes in seiner 1. Epistel 1, 4.: „Und solches schreiben wir euch, auf daß eure Freude völlig sei.” Vorher hatte er aufgezählt, was er alles gelehrt hatte, und dasselbe schrieb er nun auch. Daher gilt's nichts, wenn die neueren Theologen sagen: Man weiß ja, warum die Apostel Briefe geschrieben haben; in Corinth war vieles zu Beleuchtende geschehen, darum schrieb Paulus an sie; und auch mit den römischen Christen wollte er sich in Rapport setzen. Ja, wenn es keinen Gott gäbe, so hätte das Sinn. Es scheint freilich, als ob bei dem Schreiben der heiligen Bücher alles zufällig und gelegentlich geschehen sei. Aber Gott der HErr hatte eben alle diese Gelegenheiten in seiner Hand. Die Apostel mögen oft geschrieben haben, ohne daß sie alles wußten, wozu sie gerade das zu schreiben getrieben wurden, was sie schrieben. Gott aber wollte, sie sollten der Kirche aller Zeiten eine Quelle, Regel und Richtschnur des Glaubens hinterlassen.

Wenn die Dorpater, nachdem sie so offen sich in ihren neuesten Schriften ausgesprochen haben, diese unsere erste These lesen würden, so würden sie sagen: Das nachzuweisen (nämlich daß der Grund des christlichen Glaubens aufgegeben wird, wenn man die Lehre von der Göttlichkeit der heiligen Schrift dran gibt) ist eine vergebliche Bemühung. Denn die Professoren Volck und Harnack sagen: Die Bibel ist gar nicht der Grund des Glaubens. Volck sagt: „Wir sind Christen, nicht weil wir an die Bibel, sondern weil wir an Christum glauben.” (Die Bibel als Kanon. S. 53.)

Seite 47 spottet Volck über die Leute, welche ihr Christentum nicht auf Christum, sondern auf ein Buch gründen. Denn er schreibt: „Die Tatsachen, welche er (Prof. F. Mühlau) vorführte, mögen denen fehl unbequem sein, welche ihr Christentum nicht auf Christum, sondern auf ein Buch gründen, in welchem jeder Buchstabe eine unabänderliche, infallible Autorität besitze.” (A. a. O. S. 47.)

Was nun Prof. Th. Harnack betrifft, so schreibt derselbe: „Nicht ist sie (die heilige Schrift) der Grund selbst (nämlich des Glaubens), welcher ist Christus, das ewige fleischgewordene Wort (Joh. 1, 14.), und außer und neben welchem niemand einen anderen Grund legen kann und soll (1 Cor. 3, 11.), wollen wir anders ,eine Behausung Gottes im Geist’ (Ephes. 2, 20. ff.) bleiben.” (Ueber den Kanon und die Inspiration S. 9.)

Ferner schreibt Harnack: „Wir glauben nicht an ein Buch, sondern an JEsum Christum, unsern HErrn und Heiland. Er allein ist der Grund und Eckstein der Kirche und der Fels, auf den sie und der einzelne Gläubige erbaut wird und sich auferbaut.” (A. a. O. S. 6.)

Diese Theologen sind den Schwärmern gleich, die da schreien: Der

17

Geist, der Geist muß uns die Wahrheit lehren. So schreien die Neueren: Nein, nicht die Schrift, sondern Christus ist der Grund des Glaubens. Damit widersprechen sie aber geradezu Eph. 2.: „Erbauet auf den Grund der Apostel und Propheten”, d. h. auf das Zeugnis, auf die Schriften der Apostel und Propheten. Und gerade hiervon sagen sie: wer so lehrt, verführt die Jugend; das sei ein Sandgrund. O, es ist dem bösen Feind ein großer Ernst damit, uns den Grund des christlichen Glaubens zu rauben. Es klingt zwar recht schön, wenn man sagt: Nein! Christus ist der Grund des christlichen Glaubens. Aber es ist das nichts als eine großartige Täuschung. Es gibt ja keinen anderen Christus, als den Christus der Bibel. Nur insofern haben wir Christum, als wir ihn der Schrift entnehmen. Es ist daher ganz erschrecklich, so zu reden, wie die neueren Theologen. Wehe der Christenheit, wenn diesen Leuten nicht mit großem Ernste entgegengetreten wird! So verwegen ist doch früher niemand, welcher für gläubig gelten wollte, gewesen, zu sagen: „Nicht die Bibel ist der Grund des christlichen Glaubens.” Das übertrifft alles, was jemals gesagt ist von Solchen, die doch gläubig sein wollten. Solange das nur Ungläubige sagten, hatte es keine Gefahr. Aber jetzt reden es Solche, die Säulen der Kirche sein wollen. Hieraus sollen wir aber auch erkennen, wie wichtig es ist, daß immer eine rechtgläubige Kirche bestehe, die solchen Geistern wehrt. Der Christus, der mir außer der Bibel vorgestellt wird, ist nichts als ein Hirngespinst,; der allein wahre ist der Christus der zwölf Apostel. Es ist daher auch wohl zu beachten, daß wir außer der Bibel sehr wenig von dem HErrn Christo wissen. Aus jener Zeit, da die Apostel schrieben, haben wir sonst gar keine Berichte, denen Glaubwürdigkeit zukommt.

Leichtfertig sind auch die Beweise, welche die Dorpater für ihre ungeheuerlichen Sätze bringen. Eine Synode in den Ostsee-Provinzen griff den obigen Satz Volck's an. Da ruft Volck aus: „Hat denn eine lutherische Synode Rom. 10, 17. nicht gelesen: „So kommt der Glaube aus der Predigt"? Daran dachte Volck gar nicht, sich mit dem darauffolgenden Satz abzusinken: „Das Predigen aber durch das Wort Gottes.” Aber gerade dies ist sehr wichtig. Denn was wird hiermit ausgesagt? Der wahre Glaube kommt aus dem Wort, das gepredigt wird, aber nicht aus einer beliebigen Predigt, sondern durch eine ganz bestimmte, die nämlich Gottes Wort ist. Eine Predigt ist nur insofern Glauben erzeugend, als sie aus dem geschriebenen Wort Gottes genommen ist, nur sofern sie genau die Gedanken der Schrift wiedergibt. Auch auf Luther beruft sich Volck. Luther habe ja das erste Fünklein des Glaubens erlangt durch den tröstlichen Zuspruch eines Klosterbruders. Aber weshalb waren denn die Worte des Klosterbruders tröstlich? Weil das Gottes Wort war, was derselbe sagte. „Ich glaube eine Vergebung der Sünden”, ist eine in der Schrift geoffenbarte Gotteswahrheit, gleichsam ein konzentriertes

18

Evangelium. Die Kirche hat kein Zeugniß von Christo außer dem Worte. Wo nicht das geschriebene Wort redet, soll sie schweigen, und sie tut es auch. Als Braut Christi meidet sie alles, was nicht das geschriebene Wort sagt.

Daß auch hier in Amerika diese Ansicht der neueren Theologen spukt, sehen wir aus einem Beispiel innerhalb des sogenannten New Yorker Ministeriums. Als da Einer auftrat und sagte: „Der Glaube fließt aus der Wahl”, da trat ein Anderer auf und sprach: „Zeige mir eine einzige Stelle dafür.” Jener erwiderte: „Haben Sie nicht gelesen Apost. 13, 48.: ,Und wurden gläubig, wie viel ihrer zum ewigen Leben verordnet waren'?” Darauf antwortete dieser: O, das schreibt ja bloß Lucas, das ist die Ansicht des Lucas! — In diesem Manne steckt offenbar etwas von neuerer Theologie. —

Man kann diese Reden der Neueren auffassen als eine tatsächliche Bankrott-Erklärung. Denn wer so steht, hat nach seiner Lehre keine Bibel mehr, mit welcher sich zur Grundlegung eines christlichen Glaubens etwas anfangen läßt. Und doch soll es noch Leute geben, die glauben. Da muß denn etwas anderes als Grund des Glaubens angegeben werden. Und so schließt denn ein

Kahnis den ersten Band seiner Dogmatik, in welchem er ausführlich von der Inspiration handelt, mit folgenden Worten: „Nicht auf die Inspiration und Authentie der Schrift, nicht auf dogmatische Begriffe, nicht auf wissenschaftliche Vermittelung, sondern auf die Lebenstatsache seiner realen Gemeinschaft mit Gott durch Christum stellt der wahre Christ sein Christentum.” (Luth. Dogm. I, S. 674 ult.)

Was heißt das: „Die Lebenstatsache seiner realen Gemeinschaft mit Gott durch Christum"? Das heißt doch, wenn es etwas heißt, „sein Christentum". Das ist also das sauer erarbeitete Resultat, bei dem Kahnis ankommt, daß der wahre Christ sein Christentum stellt auf — sein Christentum.

Einen Ansatz zu der Auffassung, daß der Christen Glaube sich gründe auf das mündliche Zeugniß der Kirche, hatte früher auch Philippi, der zwar die Schrift für die einzige Norm, aber nicht auch für die einzige Quelle wollte gelten lassen, sondern neben ihr auch noch die Stimme der Christenheit setzte. Doch hat er in späteren Ausgaben seiner Dogmatik diesen Standpunkt verlassen und sagt: Wie die Schrift Norm ist, gerade so muß sie auch Quelle des christlichen Glaubens sein; die Kirche hat keine andere Stimme als die Schrift.

In einer Schrift neueren Datums handelt Prof. Kübel in Tübingen über den Unterschied zwischen den positiven und liberalen Theologen und läßt da beide zu Wort kommen. Als Liberalen führt er Lipsius auf, welcher also redet: „Die heilige Schrift ist weder ganz noch zu irgend einem bestimmten Teil unmittelbar selbst Gottes Wort, sondern nur die

19

geschichtliche Urkunde des ursprünglichen religiösen Bewußtseins von Gottes Wort.” (Dogm. § 199.)

Nach Lipsius (S. 154) gibt es überhaupt „keine unmittelbar göttliche,

nach Form und Inhalt unfehlbare Lehre, sondern immer nur ein in fehlbares Menschenwort eingekleidetes Gotteswort”, ihm ist die heilige Schrift die „durch das geschichtliche Urteil der christlichen Kirche ausgewählte Sammlung authentischer Urkunden ihres ursprünglichen Geistes". (Dogm. § 193.)

Schon Schenkel teilte die Theologen in zwei Heerlager; er schreibt: „Noch stehen sich bis auf den heutigen Tag in Betreff der vier kanonischen Evangelien zwei Ansichten schroff gegenüber. Die erste ist die kirchlich befangene, welche von der Voraussetzung ausgeht, daß dieselben schlechterdings zuverlässige Nachrichten enthalten und in Betreff ihrer geschichtlichen Glaubwürdigkeit an sich schon über jeden Zweifel erhaben sind. Dieser Voraussetzung selbst liegt die Annahme zu Grunde, daß die Verfasser der Evangelien (wie die Verfasser der heiligen Schrift überhaupt) bei dem Niederschreiben ihrer Schriftwerke durch eine schlechthin übernatürliche Einwirkung des heiligen Geistes vor jeglichem Irrtum bewahrt worden seien. . . . Die dieser entgegenstehende andere Ansicht ist die wissenschaftlich unbefangene. Sie betrachtet die Evangelien als lebendige Hervorbringungen ihrer Verfasser und ihrer Zeit; sie sucht sie zu begreifen aus der Eigentümlichkeit ihrer Darsteller und ihres Inhalts, aus ihrem schriftstellerischen Charakter, aus ihrer wahrscheinlichen Bestimmung, aus der vermutlichen Absicht, in welcher sie entworfen sind. Sie untersucht die Glaubwürdigkeit, die Echteit, die Wahrscheinlichkeit, die innere Zusammengehörigkeit ihrer Mitteilungen. . . . Nichts ist einleuchtender, als daß diese beiden Standpunkte sich mit einander nicht vertragen. . . . Daß die eben beschriebene wissenschaftlich unbefangene Ansicht von den evangelischen Urkunden für den Darsteller des Charakterbildes Jesu auch ihre nicht geringen Unzuträglichkeiten mit sich führt, läßt sich allerdings nicht bestreiten. Auch die unbefangene Forschung hat über den geschichtlichen Wert und die schriftstellerische Glaubwürdigkeit der evangelischen Urkunden zu wesentlich verschiedenen Ergebnissen geführt; ja, es hat nicht an Forschern gefehlt, welche denselben beinahe alle Glaubwürdigkeit abgesprochen haben. Würden wir die letztere Ansicht teilen, dann wäre der Versuch, ein Charakterbild Jesu entwerfen zu wollen, von vorneherein verlorne Mühe. Von einer derartigen Unzuverläßlichkeit jener Urkunden haben wir uns nun aber keineswegs zu überzeugen vermocht. Dieselben sind, wie alle ursprünglichen Quellenberichte über Tatsachen, welche die einseitige und spannende Teilnahme eines engeren Kreises von Zeitgenossen leidenschaftlich erregt und heftige Parteiungen entzündet haben, verschiedentlich persönlich gefärbt; ihre Mitteilungen sind von ungleichem geschichtlichem Werte.” (Das Charakterbild Jesu. 2. Aufl. S. 14 f.)

Er untersucht, was an den Evangelien glaubwürdig ist, und setzt

20

dabei voraus, daß die heiligen Schreiber nicht unparteiisch in ihren Berichten sein konnten, namentlich bei dem Kreuzestod ihres Meisters. Diese Auffassung führt konsequentermaßen zu dem Schluß, daß ein Bericht von Pilatus von größerem Gewicht gewesen wäre, weil er nicht so von Leidenschaft entzündet gewesen sei.

Wenn man nun hört, wie unbefangen diese Theologen sich stellen und uns für sehr befangen halten, so wird es sich empfehlen, doch diese wissenschaftliche Unbefangenheit etwas näher in Augenschein zu nehmen. Da wird man denn finden, daß es mit der gerühmten Unbefangenheit durchaus nicht weit her ist. Die wissenschaftliche Unbefangenheit ließ Schenkel zur Annahme kommen, daß die Evangelien entstanden seien aus einem Urevangelium, das alle Verfasser der drei synoptischen Evangelien benutzt hätten. Diese Ansicht, die man das „Kindergeschrei der zahnenden Kritik” genannt hat, haben andere wissenschaftlich Unbefangene als unhaltbar verworfen und hingegen behauptet, die Evangelisten hätten nach einander geschrieben und der spätere immer den früheren gekannt und zu korrigieren versucht. Aber wohin hier die wissenschaftliche Unbefangenheit geführt hat, ist merkwürdig. Bei der Beantwortung der Frage, welcher nun der erste, welcher der zweite und welcher der dritte gewesen sei, waren sechs verschiedene Gruppierungen der drei Synoptiker möglich. Und wie viele dieser Gruppierungen finden wir vertreten? Alle. Hier sind sie:

1. Matthäus der erste, Marcus der zweite, Lucas der dritte.

2. Matthäus der erste, Lucas der zweite, Marcus der dritte.

3. Marcus der erste, Matthäus der zweite, Lucas der dritte.

4. Marcus der erste, Lucas der zweite, Matthäus der dritte.

5. Lucas der erste, Matthäus der zweite, Marcus der dritte.

6. Lucas der erste, Marcus der zweite, Matthäus der dritte.

Hiernach werden wir wohl zunächst zufriedener sein mit unserer eigenen Befangenheit.

Leider steht es aber bei den positiven Theologen nicht wesentlich anders als bei den liberalen. Sie sind alle, wenn man genau zusieht, in diesem Stück befangen im Unglauben. Das liegt sehr deutlich bei Rothe zu Tage, wenn er schreibt: „Davon weiß meine Seele nichts, daß ich diejenigen, welche geschichtlich bereits im Besitz der Offenbarung stehen, drängen wollte, ihren wunderbaren Ursprung anzunehmen, und daß ich von dieser Annahme mein Vertrauen zu ihrer Gläubigkeit abhängig machen sollte. Es ist schon etwas Großes, wenn Solchen nur das Licht der Offenbarung scheint, wenn die christlichen Ideen ihnen aufgegangen sind, und die Hauptsache ist, daß sie im Scheine dieser Sonne ihren Weg im Leben gehen. Stoßen sie sich dabei an die Wunder, so sage ich ihnen: Freunde, aufdringen will ich euch den Wunderglauben nicht, beneficia non obtruduntur. Könnt ihr euch in die Wunder nicht finden, nun wohl, so stellt sie bei Seite. Ihr mögt dann selbst zusehen, wie ihr ohne sie mit der

21

Geschichte fertig werdet, wie ihr ohne sie eine pragmatische Erklärung der als tatsächlich feststehenden Geschichtserfolge zustande bringt, für die wir Anderen in den Wundern den Schlüssel besitzen. Ich für meine Person nehme ja die Wunder nicht etwa aus dogmatischer Cupidität an, sondern im historischen Interesse, deshalb weil ich bei gewissen unzweifelhaften Geschichtstatsachen ihrer als historischer Erklärungsgründe nicht entbehren kann, — nicht weil sie mir die Geschichte durchlöchern, sondern gerade um über die klaffenden Risse in ihr hinüber zu kommen. Deshalb stimme ich ungeachtet meines dezidierten Wunderglaubens doch aufrichtig in Weiße's Warnung ein, daß man das Geschlecht unserer Tage doch ja nicht dem christlichen Glauben vollends entfremden wolle durch Anmutung der Anerkennung der biblischen Wunder. Es verhält sich in der Tat so, wie er schreibt: „Unter der, Gott Lob! nicht so gar kleinen Zahl der Zeitgenossen, in denen noch warme und auch wirklich christliche Frömmigkeit lebt, hat die große Mehrzahl eine instinktmäßige Apperception wider die Wunder, die ja auch begreiflich genug ist in Folge des Entwickelungsganges, den die geistige Bildung unter uns während des letztvergangenen Jahrhunderts genommen hat.” (Bei Philippi I, S. 328 f.; [Ed.  – from Rothe’s Zur Dogmatik, pgs 138-139, also from Philippi’s 2nd edition, pg 321])

Hier sehen wir ja deutlich und offen ausgesprochen, was man will, wenn man dies und das in der heiligen Schrift als nicht zu den Dingen gehörig, die ein Christ annehmen müsse, ausnimmt und somit die Göttlichkeit der heiligen Schrift beeinträchtigt. Man will der menschlichen Vernunft, dem vom Unglauben durchfressenen Geschlecht unserer Tage Konzessionen machen, bedenkt dabei aber nicht, daß durch solche Zugeständnisse auf Kosten der Wahrheit noch nie ein wahrer Gewinn erzielt worden ist, daß vielmehr der Unglaube ein Stück nach dem andern fordert, eine Schriftwahrheit nach der andern destruiert, bis eben kein Zugeständniß mehr gemacht werden kann, weil nichts mehr übrig ist.  Auch Rothe nimmt ja die Wunder der Bibel nicht an, weil sie in der Schrift stehen, sondern weil er sie als „historische Erklärungsgründe nicht entbehren kann". Daß aber mit der Drangabe irgend eines Stückes der heiligen Schrift, mit dem Zugeständniß, daß die heiligen Schreiber in irgend einem Punkte geirrt hätten, die Göttlichkeit der ganzen Schrift aufgegeben werde, erkennt Schenkel ganz rückhaltlos an, wenn er a. a. O. S. 14 schreibt: „Wird ... auch nur der kleinste Irrtum in den evangelischen Schriften zugegeben, so füllt die Voraussetzung ihrer Unfehlbarkeit sofort in sich selbst zusammen. Die Ausflucht, daß dem heiligen Geist in unerheblicheren Punkten wohl ein Irrtum zugestoßen sein könne, und daß es genüge, wenn dies nur in wichtigeren nicht der Fall sei, ist ebenso unglücklich als unwürdig. Sie läßt außer Acht, daß, wenn der Irrtum in einem Punkte zugelassen wird, er überall zulässig ist, und daß, wer im Kleinen nicht treu ist, auch kein Recht hat, den Glauben an seiner Treue im Großen zu fordern."

22

Aber auch die sogenannten positiven Theologen in Deutschland haben durch die Bank die alte Lehre von der Göttlichkeit der heiligen Schrift preisgegeben. Kübel trägt in seiner Schrift „Ueber den Unterschied zwischen der positiven und der liberalen Richtung in der modernen Theologie” kein Bedenken zu sagen: „Die Inspirationslehre der orthodoxen lutherischen Dogmatiker wird in ihrer ganzen Strenge von keinem modernen positiven Theologen mehr geteilt; ,sie ist gefallen, sagt Kahnis, und mit Recht.’ (S. 288.)" ; [1st edition; see also 2nd edition 1893, pg 208]

Zwar sucht man in diesem Lager noch den Schein zu wahren, als lehre man auch noch eine Göttlichkeit der heiligen Schrift, und mag damit sich selbst und Andere, die nicht tiefer sehen, täuschen. So unterscheidet man wohl den Geist und die Form der Schrift, um eine göttliche und eine menschliche Seite zu gewinnen. Davon schreibt Kübel a. a. O.: „Sie (die positiven Theologen) unterscheiden den Geist und die Form; zu dieser Form gehört aber durchaus und wirklich nur das eigentlich Formelle, z. B. der Sprachcharakter, der Unterschied von poetischer und prosaischer Darstellung, sodann aus der Kategorie der ‘Vorstellungen’ der heiligen Schrift nur das, was zum bloßen Gefäß, das den göttlichen Inhalt beherbergt, gerechnet werden kann, möglicherweise z. B. psychologische, vollends physikalische, geologische und dergleichen ‘Vorstellungen’ (und auch diese bei den konsequent Positiven nur mit gewisser Beschränkung, siehe unten). Diese Form geben die modern Positiven mehr oder weniger als subjectiv-individualistisches Eigentum der menschlichen Schriftsteller preis, und bekanntlich haben sie schon hiermit die Linie der älteren Orthodoxie überschritten, für welch letztere alle solche Unterschiede einfach nicht existierten und Alles in der Bibel, bis auf den Buchstaben hinaus, gleichsehr göttlich infallibel war.” S. 105 f.

Beck schreibt: „Auf die göttlichen Reichsgeheimnisse erstreckt sie (die Theopneustie) sich; auf das Aeußerliche und Menschliche nur, soweit es mit Ersteren in wesentlichem Zusammenhange steht.” (Einl. in das System der christl. Glaubenslehre.[sic - Lehre not Glaubenslehre, see page 242])

Twesten: „Zu weit ging man endlich, indem man allem und jedem in der Schrift eine unbedingte Infallibilität beilegte, sodaß man nicht nur keinen bedeutenden *) Irrtum in Sachen des Glaubens und Lebens, sondern auch keinen Gedächtnißfehler in Nebendingen, in chronologischen, topographischen und anderen Kleinigkeiten zugab.” (Vorlesungen über die Dogmatik der ev.-luth. Kirche, S. 414.; [Ed. – page 390 in vol. 1 of 1838 4th edition])

Tholuck: „Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die aus diesen Untersuchungen für das Inspirations- und Offenbarungsdogma sich ergebenden Resultate, so wird eine Inspirationsansicht, nach welcher dem

 – – – – – – – – – –-

*) Vom Referenten unterstrichen. Also unbedeutende Irrtümer sollen selbst in Sachen des Glaubens zuzugeben sein!

23

Schriftwort, oder eine Offenbarungstheorie, nach welcher allen Worten der Apostel eine durchgängige Richtigkeit *) zuzuschreiben, nach den hier gewonnenen Resultaten sich nicht behaupten lassen.” (Das Alte Testament im Neuen Testament. 6.Aufl. S. 48.)

Dieckhoff: „Es wird wohl zugestanden werden müssen, daß die Art, wie man die Irrtumslosigkeit des Wortes der heiligen Schrift in der alten orthodoxen Dogmatik gefaßt hat, eine unhaltbare ist, und daß man der negativen Kritik nicht mächtig werden kann, wenn man mit jenem Zugeständnisse meint zurückhalten zu müssen.” (Kirchliche Zeitschrift. 1858. S. 757.)

Auch hier tritt wieder zu Tage, was diese Theologen drängt und treibt in ihre ungesunde Stellung zur heiligen Schrift. Es ist die leidige Angst vor der sogenannten Wissenschaft, deren man wissenschaftlich mächtig werden möchte, und in diesem Interesse macht man „Zugeständnisse” über Zugeständnisse, zu denen man vor Gott kein Recht hat. Was damit aber erreicht und nicht erreicht wird, ist oben schon ausgesprochen.

Dafür, daß man sich mit jenen Unterscheidungen und Zugeständnissen nur in neue Schwierigkeiten hineinbegibt, aus denen auch die sogenannte Wissenschaft noch keinen Ausweg gefunden hat, ist die moderne Theologie selber ein Beweis. So entsteht, sobald man zwischen der göttlichen und der menschlichen Seite der heiligen Schrift unterschieden hat, die Frage, was denn nun zur göttlichen und was zur menschlichen Seite der Schrift zu rechnen sei. Und was hören wir nun als Antwort auf diese Frage? Wenn es uns einer aus der Zahl dieser Theologen selber sagen soll, so erfahren wir von Kübel a. a. O. S. 107 f.: „Nun muß freilich zugestanden werden: nicht bloß herrscht, wie die angeführten Beispiele zeigen, keine durchgängige Einigkeit der Anschauung unter den Positiven, sondern hauptsächlich: kein einziger derselben, selbst Beck nicht ausgenommen, kann eine feste, sichere und klare Grenze bestimmen zwischen dem, was in der Bibel mit ‘Fehlgriffen’ behaftet sein kann und was nicht." **)

Zwar finden wir ja Versuche, zu einer solchen Scheidung zwischen dem Göttlichen und angeblich Menschlichen in der Schrift die nötige Anleitung zu geben. So schreibt Volck: „Um die Sonderung des Gebietes des Untrüglichen von demjenigen, wo Irrtum möglich ist, und weiter — die Scheidung vom Wesentlichen und Unwesentlichen in der Bibel vollziehen zu können, muß der Ausleger alles Einzelne ihres Inhalts beurteilen nach seinem Verhältniß zu dem Heil, welches in der von ihr berichteten Geschichte verwirklicht vorliegt. Er muß zusehen, ob und in welchem Zusammenhange es mit demselben steht.” (Lehre und Wehre 32, S. 1.)

 – – – – – – – – – –-

*) Von Tholuck unterstrichen.

**) Von Kübel selbst unterstrichen.

24

Was für eine verzweifelte Bosheit steckt doch hinter diesem sogenannten Ganzen der heiligen Schrift! Und dies will man in's Volk hineintreiben. Prof. Volck äußerte sich über den Vorwurf: er hätte doch vor dem Volke schweigen sollen, also: Nein, ich will keine doppelte Buchführung. Von seinem Standpunkte aus hat er ganz Recht. Die Christen können sich, wie er die Schrift ansieht, ja nicht an die einzelnen Worte und Sätze der Schrift halten, da müßten sie in Irrtum geraten. Als Beispiel hierzu führte er die Worte an aus Psalm 14, 1.: „Es ist kein Gott.” Aber dies ist ja hier gar nicht die Frage, ob man die Bibel aus ihrem Zusammenhange reißen soll. Das wollen wir auch nicht. Wir wissen wohl, daß man jede Stelle im Zusammenhang betrachten muß. Volck aber sagt: Wenn ich auch die Worte eines Spruches in dem betreffenden Zusammenhange vollkommen Verstehe, so weiß ich doch noch gar nichts; denn nun muß ich erst wissen, wie der Sinn dieses Spruches sich zum Ganzen der Schrift verhält. Das heißt aber, einem die Bibel ganz nehmen. Wie kann denn ein Mensch stets das Ganze der Schrift vor Augen haben! Das übersteigt ja alle geistlichen und geistigen Kräfte. Man bedenke: Ich will mich auch dann noch mit der Schrift trösten können, wenn meine Geisteskräfte schwinden. Wenn mir im Sterben die Sinne schwach werden, so soll der Spruch: „Das Blut JEsu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde”, genug sein, mich im Glauben zu stärken und zu erhalten. Nun aber soll es mit einem Male heißen: Nein, das kann erst vom Organismus des Ganzen aus geschehen.

Das sollen sich daher unsere lieben Christen wohl merken, was ihnen hier die neuere Theologie auftischt. Sie sagt ihnen: Willst du wissen, was Gottes Wort ist, so mußt du erst die ganze Bibel durchlesen, und darnach mußt du das Einzelne besehen, ob es nötig ist zum ganzen System. Ist es nötig, dann hast du da Gottes Wort gefunden. Ist es aber, wie du meinst, nicht nötig, find es nur Nebensachen, so ist das nicht Gottes Wort. — Ist das nicht erschrecklich? Wer, ich will nur sagen, unter den ungelehrten Laien ist aber hierzu fähig? O, Wie Erschreckliches hat daher Satan mit der Christenheit vor! Er will nichts anderes, als den Christen ihre Seligkeit rauben; obwohl wir hierbei durchaus nicht behaupten wollen, daß die neueren Theologen bewußter Weise diese Absicht haben, aber der Teufel, der sich hier in Lichtengelgestalt verstellt, der hat diese Absicht. Man bedenke wohl, daß kein einziger namhafter Theolog die Dorpater getadelt hat, sondern alle haben ihre Aussprüche gelobt. Der Vater der neueren Theologie ist, sofern sie eine neue ist, ganz offenbar der Teufel. Der Vater der alten Theologie aber ist Gott. Gott sprach einst im Paradiese: „Welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.” Diese alte Theologie hatte Eva noch im Herzen, als Satan zu ihr kam. Denn sie sprach: Ja, Gott hat so gesagt. Aber der Teufel kam mit seiner neuen Theologie: Sollte Gott das so verstanden haben wollen? du mußt auf das

25

Ganze sehen, und dann wirst du getrost vom Baume essen. Das ist auch das Motto der neueren Theologen: „Ja, sollte Gott gesagt haben?” Aber unser Motto ist: „Himmel und Erde werden vergehen, aber JEsu Worte werden nicht vergehen."

O, danken wir doch Gott, daß er uns in dieses freie Land geführt und hier die alte lutherische Kirche hat gründen, wachsen und stärken lassen. O, lasset uns ja nun festhalten, was uns Gott aus Gnaden gegeben! Gott hat uns Großes anvertraut für uns selbst und für die ganze Christenheit. Ja, ja, auch für die ganze Christenheit! Denn drüben hat man wohl früher auf uns herabgesehen, wie auf Menschen, die gar nicht kompetent seien, in solchen hochgelehrten Sachen mitzureden, und nach deren Urteil kein vernünftiger Mensch frage. Aber es steht jetzt anders. Unser einfaches Glaubenszeugniß, das dürfen wir wohl zur Ehre Gottes sagen, ist durch die ganze Christenheit gedrungen. O, darum lasset uns treu im Bekenntnis sein, dann wird ein immer größerer Segen ausgehen von unserem frischen, fröhlichen und tapferen Zeugniß. Denn man muß hier nicht bloß auf den Schaden sehen, den der Teufel anrichtet, indem der Zweifel an der Göttlichkeit der heiligen Schrift durch die neueren Theologen noch neue Nahrung findet, sondern man muß auch bedenken, welch ein großer Nutzen daraus entsteht, wenn wir fest beim Worte Gottes stehen bleiben. Müssen doch Solche, die selber nicht unsere Lehre von der Göttlichkeit der Schrift annehmen, bekennen, daß wir bei derselben allerdings einen festen Standpunkt haben, der uns erst müßte genommen sein, ehe wir gewissen Angriffen der Philosophen zugänglich würden. Wie einst ein Professor der Philosophie in einem Streite über eine Schriftstelle seinem gläubigen Gegner sagte: Von Ihrem Standpunkt aus haben Sie ganz recht.

Wenn nun einer der oben wörtlich angeführten Theologen den Satz ausgesprochen hat, daß kein einziger namhafter Theolog in Deutschland jetzt noch die altlutherische Lehre von der göttlichen Eingebung der heiligen Schrift als die seinige anerkenne, so wird man diesen Satz leider wohl stehen lassen müssen. Würde es drüben Einer wagen, diesen Satz umstoßen zu wollen, man würde ihn schwerlich zu Worte kommen lassen. Denn selbst ein Philippi, der jetzt nicht mehr unter den Lebenden weilt, ist, obwohl er am allerbesten stand, hier nicht auszunehmen.

Zum Beleg mögen hier noch einige Proben von namhaften Theologen der neuesten Zeit folgen.

R. F. Grau schreibt: „Es haben die Theologen des 17. Jahrhunderts eine göttliche Art und Natur der heiligen Schrift gelehrt, welche, wie sie nicht mit ihrer menschlichen und geschichtlichen Wirklichkeit stimmt, so auch keineswegs als eine wahrhaft göttliche Art sich erweist. Das Göttliche in JEsu Christo erweist sich gerade dadurch als wahrhaft göttlich, daß es ganz und gar in die menschliche Wirklichkeit eingeht, in Geburt, menschliches Wachstum und Entwicklung, ja, Leiden und Sterben, ob es auch

26

der göttlichen Erscheinung und Herrlichkeit sich entäußern mußte. So ist nun auch die heilige Schrift, um umfassende und untrügliche Quelle der Wahrheit für die Kirche und ihre gesammte Entwicklung zu sein, nicht auf die pur göttliche Weise entstanden, daß der heilige Geist, als der alleinige Autor, den menschlichen Verfassern als bloßen Schreibern oder Instrumenten so Inhalt wie Worte diktiert habe. Auf Grund dessen wurden eben die hohen und göttlichen Eigenschaften, als Vollkommenheit und Genugsamkeit, Klarheit u. s. w., der heiligen Schrift zugeschrieben. Dies ist ja die Inspirationslehre des 17. Jahrhunderts." [Ed.  – see Lehre und Wehre 21, pgs. 261-262 for fuller quote from Grau: Entwickelungsgeschichte des neutestamentlichen Schriftthums, vol. 1, pg 11] 

Man bemerke hier die List, daß die neueren Theologen davon als von einer allgemein anerkannten Tatsache reden, daß die Inspirationslehre unserer Dogmatiker erst im 17. Jahrhundert aufgekommen, Luther dagegen eine viel freiere Ansicht gehabt habe. Sie vermischen nämlich, was Luther von dem Unterschied zwischen den kanonischen Büchern des Neuen Testamentes ersten und denen zweiten Ranges (den sogenannten deuterokanonischen Büchern) sagt. Da führen sie z. B. an, was Luther über den Jacobusbrief urteilt, daß er nämlich nicht glaube, daß der Brief vom Apostel Jacobus geschrieben sei. Aber diese Frage gehört gar nicht hierher. Denn eine ganz andere Frage ist, ob ein Buch von einem Apostel geschrieben ist, eine andere, ob das, was ein Apostel geschrieben hat, Irrtum enthalte. Luther ist stets dabei geblieben: jeder Buchstabe der prophetischen und apostolischen Schriften ist Gottes selbsteigenes Wort.

Man merke sich aus Grau's Citat auch dies, daß die neueren Theologen nicht einmal mehr die Vollkommenheit, Genügsamkeit und Klarheit der heiligen Schrift zugeben.

Grau fährt nun fort: „Wir können dagegen nur mit dem größten Schriftforscher unserer Zeit sagen” (es ist dies nämlich v. Hofmann, der aber der größte Schriftverderber ist): „‘Weder den aus der Beschaffenheit des Textes, noch den aus der Beschaffenheit der Sprache erwachsenden Fragen, nicht den schriftstellerischen Eigentümlichkeiten der Verfasser, noch den nächsten Zwecken und den davon stammenden Besonderheiten der einzelnen Schriften, nicht der Mannigfaltigkeit der Lehrweisen, noch der Verschiedenheit der geschichtlichen Berichte konnte man gerecht werden, ohne mit jener dogmatischen Aussage, was es um die göttliche Eingebung der heiligen Schrift sei, in Widerspruch zu kommen: sie vertrug sich, was die neutestamentliche Schrift anlangt, nur mit einer Evangelienharmonie, nicht aber mit den Evangelien, und nur mit einer Sammlung von Lehrbeweisstellen, nicht aber mit den apostolischen Briefen. Eine nach ihr gebildete Vorstellung von der Schrift würde mit der Wirklichkeit derselben nur eine entfernte Aehnlichkeit haben.'"

Das ist eben jetzt das Elend: wenn die Herren in der Bibel lesen und den Eindruck bekommen, daß das Gelesene menschlichen Ursprung verrate, so erschrecken sie nicht über ihr ungläubiges Herz, sondern folgen dem

27

empfangenen Eindruck. Während die Theologen dazu da sind, das Chriftenvolk über die Göttlichkeit der heiligen Schrift gewiß zu machen, scheinen sie es für ihren Beruf zu halten, dasselbe ungewiß zu machen.

Und wenn v. Hofmann hier von einer Sammlung von Lehrbeweisstellen so verächtlich redet, so sieht man, daß den neueren Theologen die bloßen einzelnen Stellen der heiligen Schrift noch gar nichts gelten. Nein, sagen sie, will man das Göttliche der Schrift finden, so muß man erst in das Ganze der Schrift dringen, und darunter verstehen sie nicht etwa, wie die Alten, die Analogie des Glaubens, die sich aus den klaren Schriftgellen ergibt, sondern ihr vor der Schrift schon zurechtgemachtes System.

Grau fährt nun selber also fort: „Nicht in einer menschlichen Scheingestalt, wie die Doketen lehrten, hat sich die Gottheit auf Erden offenbart.” Ganz wahr! Aber welches ist die menschliche Scheingestalt, welche die alte Inspirationslehre übrig läßt? Oder gehört etwa zur wahren menschlichen Gestalt Irrtum und Sünde?!—Die Warnung vor Doketismus ist hier eine Warnung vor einem Popanz.

Grau schreibt weiter: „So ist auch die menschliche Art, die geschichtliche Entwicklung der heiligen Schriften nicht bloßer Schein, hervorgerufen durch eine äußere Accommodation des heiligen Geistes an die natürliche Art der menschlichen Verfasser.” Wir sagen: Ja, es ist wahr: wenn der Heilige Geist durch Paulus schreibt, so redet er anders, als wenn er durch Petrus schreibt. Es ist ein ganz anderer Styl, wenn Iesaias, dieser vornehme, feingebildete Mann, Gottes Schreiber ist, als wenn Amos schreibt, der ein Kuhhirte war. Aber gerade darin besteht das unendliche Erbarmen Gottes, daß er durch allerlei Instrumente sein heiliges Wort aufgezeichnet hat. Bald erklingt da nach jenem schönen Bilde von einer Orgel eine liebliche Flöte, bald wieder der starke Ton einer Posaune, bald schlägt er auch mit einer Pauke drein. Wollen wir Gott dafür tadeln? Und das ist doch nicht bloß ein Schein, wenn die Orgelpfeifen verschieden tönen, aber getrieben durch Einen Wind? Die heilige Schrift ist und bleibt fürwahr das majestätischte, erhabenste Buch. Denn so erhaben, wie z. B. Johannes sein Evangelium beginnt, hat noch kein Sterblicher geschrieben. Selbst Heiden haben das an der Bibel anerkannt. Sie haben gesagt: Wolle man das erhabenste Muster rhetorischer Rede haben, so finde man es bei den Juden, nämlich in 1 Mose 1. —

Grau schreibt ferner: „Hier gilt es, zu erkennen: Nicht trotz der Autorschaft des heiligen Geistes ist die Schrift wahrhaft menschlich und geschichtlich entstanden und geworden, sondern gerade durch jenen Ursprung. Der Geist Gottes ist als der in der Welt wirkende ein Geist der Geschichte und der Entwickelung; und er ist als der Geist Christi ein Geist der Selbstentäußerung und Demut. (!)... Es ist jetzt kein Rückzug zu Quenstedt und Calov mehr möglich...” (Die Herren erlauben also

28

auch uns den Rückzug nicht; vielleicht dann, wenn wir eine Commission hinüber schicken und demütigst um Erlaubnis bitten.)

Grau: „Die heilige Schrift ist uns nicht mehr ein großer, vom Himmel herab gesandter Gesetzescodex mit seinen einzelnen Paragraphen, Beweisstellen genannt. Solche Auffassung müssen wir um des Glaubens willen als doketisch und um der Wissenschaft willen als geschichtswidrig zurückweisen.” — Bei der Versuchung Christi wurde es dem Teufel angst und bang, als der HErr bloß Eine Beweisstelle der heiligen Schrift zitierte; nach der neueren Theologie war das unnötig; Satan hätte ja nur zu sagen brauchen: Eine einzelne Beweisstelle beweist mir nichts. Führe deinen Beweis aus dem Schriftganzen!

Grau: „Die Schrift ist uns eine durch echt menschliche und geschichtliche Entwicklung gewordene Schriftensammlung, welche Art dem in dieser Entwicklung waltenden heiligen Geiste, als dem Geiste Jesu Christi, des Menschen- und Gottessohnes, nicht widerspricht, sondern allein entspricht. Die Grenzen des Göttlichen und Menschlichen in der Schrift können überhaupt nicht mechanisch und quantitativ bestimmt werden, so wenig, wie in der Person Jesu.” (Entwickelungsgeschichte des Neutestamentlichen Schriftthums. Gütersloh 1871. I, 11. 12. 18 ff.)

Nun lese man die Geschichte (Joh. 7, 44—53.) von den ausgesandten Knechten der Hohenpriester, die Christum arretiren sollten. Als sie zu JEsu kommen, predigt er. Sie stellen sich hin und hören zu, denken, wenn er ausgepredigt hat, so können wir ihn immer noch fortführen. Aber siehe da, sie werden so ergriffen, daß sie ohne Christum sich ruhig wegschleichen. Die Hohenpriester fahren sie an: Warum habt ihr denn den Christus nicht hergebracht? Sie aber antworten: „Es hat nie kein Mensch also geredet, wie dieser Mensch.” Das bringt die Hohenpriester in Harnisch. Zornig rufen sie ihnen zu: „Seid ihr auch verführet? Glaubet auch irgend ein Oberster oder Pharisäer an ihn? Sondern das Volk, das nichts vom Gesetz weiß, ist verflucht.” Diese Schriftgelehrten waren echte moderne Theologen ihrer Zeit.

Kahnis: „Die altdogmatische Inspiration ruht auf dem Grundgedanken, daß die Schrift Gottes Wort ist, weil Gott der heilige Geist ihr eigentlicher Verfasser sei. Dies aber ist er, sofern er einmal den heiligen Schriftstellern den Impuls zum Schreiben gab, dann aber ihnen sowohl Inhalt als Worte diktierte. …  Die Unhaltbarkeit der altorthodoxen Inspirationslehre wird Jedem in die Augen springen, der sich nur die Mühe gibt, sich ein anschauliches Bild von derselben im Einzelnen zu machen. Soll man sich denken, daß der Apostel Paulus, als er jenen zarten, Urbanen, von einem leisen Humor berührten Brief an Philemon schrieb, nur aufzeichnete, was der heilige Geist ihm diktierte?” Da sieht man recht, wie wahr Gottes Wort redet: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts

29

vom Geiste Gottes; es ist ihm eine Torheit, und kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich gerichtet sein.” 1 Cor. 2, 14. Nun soll der kleine Brief an Philemon gar ein humoristisches Buch sein!

Kahnis: „Denkt eine Inspirationslehre, welche alle Solözismen und Barbarismen der apostolischen Schriften, alle verfehlten Konstruktionen des Paulus, alle ungenauen Citate, Differenzen in der Darstellung (und zwar in Punkten, wo auf den Wortlaut etwas ankömmt, wie bei den zehn Geboten [welche Blindheit beweist hier Kahnis!], dem Vaterunser, den Einsetzungsworten des Abendmahles), Entlehnungen aus anderen Schriften, rein persönliche Urteile und Ausdrücke u. s. w. dem heiligen Geiste zuschreibt, wirklich würdig vom heiligen Geiste?... Mußten wir bei Propheten und Aposteln selbst bei Empfängnis der Offenbarung einen menschlichen Koeffizienten annehmen, so konnten wir uns begriffliches Durcharbeiten und Darstellung durchaus nicht ohne Mitwirkung der menschlichen Eigentümlichkeit denken und durften auf ganz unverkennbare Tatsachen einfach verweisen. Diese menschliche Seite tritt noch viel entschiedener bei Dichtern, lyrischen und didaktischen, und Geschichtsschreibern hervor. Soll man annehmen, daß, was David in seinem Herzen empfand, der heilige Geist in Gestalt eines Psalms diktiert habe?” (Hat nicht selbst jeder Christ vom Heiligen Geiste in ihm gewirkte Gedanken, die ihm hernach im Gebete entströmen? Und doch soll der Heilige Geist den David nicht getrieben haben können, solche ihm eingegebenen Gedanken in Gestalt eines Psalms aufzuzeichnen?)

Kahnis fährt fort: „Wenn der Evangelist Lucas nur niederschrieb, was ihm der Geist diktierte: wozu beruft er sich auf Ueberlieferung und Forschung?” Lächerlicher Einwurf! — Als ob es nicht für den Zuhörer eine Sache von der höchsten Wichtigkeit wäre, wenn der, welcher durch den Geist zu reden erklärt, sich zugleich darauf berufen kann, daß er auch als Augen- und Ohrenzeuge und der alles genau erkundet habe, rede! Als daher an Judas’ Stelle ein Anderer zum Apostel erwählt werden sollte, da sagte Petrus: „So muß nun einer unter diesen Männern, die bei uns gewesen sind, die ganze Zeit über, ... ein Zeuge seiner Auferstehung mit uns werden.” Apost. 1, 21. 22. Ist es denn zwecklos, wie ein Inspirierter nachweist, daß das, was er berichtet, schon menschlich glaubwürdig sei? Ist nicht vielmehr Gott zu danken, daß er es so eingerichtet hat, daß die heiligen Schreiber auch sagen konnten: Ich hab's selbst gesehen und gehört, was ich euch schreibe? Ohne Zweifel wird Lucas auch sonderlich die Jungfrau Maria gefragt haben, die am meisten wußte. Wohl hätte der Heilige Geist dem Lucas Alles auch allein offenbaren können, gerade wie er dem Apostel Paulus einen genauen Bericht von der Einsetzung des heiligen Abendmahls gab. Aber ist es nicht nur um so herrlicher, daß Gott auch für menschliche Glaubwürdigkeit Sorge getragen hat? Bei der Darlegung der Wahrheit der heiligen Schrift sind Hauptfragen diese: 1. Konnten die

30

Apostel die Wahrheit sagen? 2. Wollten sie die Wahrheit sagen? 3. Mußten sie auch die Wahrheit sagen?

Kahnis schreibt nun weiter: „Wenn Salomo's Sprüche, wie man doch selbst strengererseits zugibt, nicht auf Offenbarung ruhen, sondern auf Lebensweisheit: welch ein Widerspruch liegt in der Annahme, daß der heilige Geist menschliche Lebensweisheit diktiert habe! Werden dann nicht diese sehr cum grano salis zu nehmenden Regeln zu Gesetzen des heiligen Geistes? Und diese Inspirationslehre auf ein Buch wie Koheleth übertragen: welche Monstrositäten entstehen uns! ... Unter diesen prophetischen und apostolischen Schriften sind aber sowohl vom Gesichtspunkt des Ursprungs als des Inhaltes aus Unterschiede. Wir können das Deuteronomium nicht den vier ersten Büchern gleichstellen. Unter den Propheten stehen Obadja und Jona unter Iesaia, Jeremia, Ezechiel. Im Neuen Testamente treten die Pastoralbriefe (S. 531) und der Brief an Philemon in eine zweite Linie.” (Welcher Engel aus dem Abgrund hat sie das gelehrt, Stufen unter den heiligen Schreibern zu machen?) „Das Wort der Offenbarung, welches innerhalb des Reiches alten und neuen Bundes ergeht, ist nur im Zusammenhange der Geschichte desselben zu verstehen. Und so treten denn die Geschichtsbücher alten und neuen Bundes in ihr kanonisches Recht, aber ein Recht zweiten Grades. Wie der Inhalt derselben das Zusammenwirken des Göttlichen und Menschlichen im Reiche Gottes ist, so sind auch die heiligen Geschichtsschreiber nicht notwendig Männer der Offenbarung, sondern Männer, die im Geiste des Reiches Gottes stehen. Dahin gehören im Alten Testamente die prophetischen Geschichtsbücher in erster, die hagiographischen Ruth, Esra, Nehemia in zweiter, die Bücher Esther und Chronik in dritter Linie. (S. 285 ff.) Im Neuen Testamente fallen in diese zweite Reihe in erster Linie die drei ersten Evangelien (S. 406 ff.), in zweiter die Apostelgeschichte (S. 518). Eine dritte Classe bilden die alt- und neutestamentlichen Hagiographen, deren Inhalt weder Offenbarung noch Geschichte des Reiches Gottes ist, sondern das Leben im Reiche Gottes, wie es sich im Einzelnen darstellt. Dahin gehören im Alten Testamente in erster Linie die Psalmen (S. 294 ff.), in zweiter Linie die Sprüche Salomo's (S. 304), Hiob (S. 305) und Klagelieder Jeremia's, in dritter das Hohelied (S. 303), Koheleth (S. 309) und Daniel (S. 369 ff.); im Neuen Testamente in erster Linie der Hebräerbrief und der 2. und 3. Brief Johannis, welche bei aller Wahrscheinlichkeit doch nicht sicher johanneischen Ursprungs und überdies mehr persönlichen Inhalts sind (S. 546), in zweiter die übrigen katholischen Briefe und die Apokalypse (S. 537 ff.). Wenn bei der ersten Classe die Persönlichkeit von wesentlicher Bedeutung ist, so tritt sie dagegen in der zweiten Classe zurück, da hier alles auf die objective Wahrheit und den Geist der Darstellung ankömmt. Es liegt aber in der Natur der dritten Classe, daß das Subjekt in Bedeutung tritt. Es ist nicht gleichgültig, ob ein Psalm

31

von David ist oder nicht, die Sprüche von Salomo sind oder Anderen, Danie! echt oder unecht u. s. w. Aber man muß sich bei diesen Schriften dritten Ranges wohl hüten, auf Authentie zu viel stellen zu wollen. Mag dieser Versuch, vom Standpunkte der Inspiration aus die Schrift in drei Classen zu teilen, mangelhaft sein: jedenfalls ist eine Unterscheidung von Graden der Inspiration im Sinne der Schrift, wie sie denn auch in alter und neuer Zeit bedeutende Autoritäten für sich hat.” (Die lutherische Dogmatik historisch-genetisch dargestellt. Erster Band. Leipzig 1861. p. 666 sqq.) (Was für ein Engel muß das sein, welcher Hrn. Dr. Kahnis eine solche Classification der prophetischen und apostolischen Schriften eingegeben hat?!)

Kahnis: „Der Protestantismus steht und fällt mit dem Grundsätze von der alleinigen Autorität der Schrift. Unabhängig aber ist dieser Grundsatz von der Inspirationslehre der alten Dogmatik. Sie wieder aufzunehmen, wie sie war, kann nur mit Verhärtung gegen die Wahrheit geschehen.” (Der innere Gang 2c. 2. Aufl. p. 241.) (Das Beharren bei dem apostolischen Zeugniß: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben”, Verhärtung gegen die Wahrheit zu nennen, offenbart nur, daß derjenige, welcher so redet, sich selbst gegen die Wahrheit Gottes verhärtet habe.)

Thomasius: „Sie (die heiligen Schriften) tragen durchaus das Gepräge der Individualität und Selbsttätigkeit ihrer Verfasser, sowohl in Konzeption der Gedanken als in der Ausführung und Darstellung. Man darf sich nur unbefangen an sie hingeben, so überzeugt man sich sofort, daß diese Schriften nicht diktiert sind vom heiligen Geiste.” (Christi Person und Werk. Dritter Teil. Erste Abth. 2. Aufl. p. 449 sq.) (Möge Gott jeden frommen Christen vor solcher „Unbefangenheit” in Gnaden bewahren!)

v. Hofmann: „Nicht wie erstere (die alttestamentliche Schrift) entstanden, sondern was es um sie sei, bezeugt die letztere (die neutestamentliche). Denn wenn wir 2 Petr. 1, 21. von den alttestamentlichen Propheten lesen, daß es göttliche Wirkung, Wirkung des heiligen Geistes gewesen, kraft welcher sie geredet haben, so ist dies seinem nächsten Wortlaute und Zusammenhange nach nicht einmal von allen einzelnen Bestandteilen der alttestamentlichen Schrift gefügt, geschweige von deren Zusammenfassung in das einheitliche Ganze derselben. ... Nicht auf irgend etwas, das irgend wann geredet worden, noch auf irgend etwas, das in der Schrift nur enthalten ist, sondein auf das Ganze der Schrift beruft sich Jesus. ... Wenn er also einzelne Schriftstellen anführt, sei es, um ihre Erfüllung in seiner Person und Geschichte aufzuzeigen, oder um seine Weisungen darein zu kleiden, so meint er sie nicht in ihrer Vereinzelung, sondern die Schrift als einheitliches Ganzes ist es, welche er von sich zeugen, oder den Willen Gottes aussagen läßt.” (Welch eine petitio principii!) „Ebenso berufen sich die neutestamentlichen Schriftsteller nicht etwa nur auf dieses oder jenes Wort Mose's oder David's oder Iesaia's, weil diese Einzelnen kraft des Geistes Gottes geredet haben, sondern die Schrift führen sie redend ein,

32

mögen sie den nennen, welcher dies oder jenes gesagt habe, oder nicht. ... Daß die alttestamentliche Schrift ein Werk des heiligen Geistes, daß sie inspiriert ist, dessen gedenkt unser Lehrsatz nicht; aber nur deshalb nicht, weil für uns ein für alle Mal feststeht, daß alles, was zur Fortführung der heiligen Geschichte dient, kraft einer Wirkung des heiligen Geistes geschieht, welcher hierfür dem Menschen in der Weise, wie es für den jedesmaligen Zweck solcher Wirkung erforderlich ist, hinsichtlich seines Naturlebens bestimmend innewaltet.... Nicht bloß auf die Schreibenden, sondern auch auf diejenigen ist solche Wirkung geschehen, welche die einzelnen Bestandteile der Schrift zusammenstellten, sei es zu Büchern, sei es zum Ganzen derselben. Darnach wird die mannigfaltige Wirkung des Geistes Gottes, welche man unter dem einen Namen der Inspiration zusammen begreift, beschrieben sein wollen; so zwar, daß man immer im Auge behält, wie das Einzelne je in seinem Verhaltnisse zu dem beabsichtigten Ganzen durch Wirkung des heiligen Geistes hervorgebracht worden ist.” (Der Schriftbeweis. Nördlingen. 1852. I, 567—573.)

Luthardt: „Im Ganzen sucht die gläubige Theologie noch eine Formel zu finden, in welcher sie den ‘gottmenschlichen’ Charakter der Schrift auszusprechen vermöge. . . . Tholuck und Rothe haben die Unhaltbarkeit der alten Lehre nachgewiesen. ... Es ist auszugehen von der Notwendigkeit und Bedeutung des Ganzen der Schrift für die Kirche und von da aus sowohl die Gewißheit abzuleiten, welche zunächst die Kirche als Ganzes von dem Ganzen der Schrift und ihren einzelnen Teilen hat, sofern sie integrierende Teile dieses Ganzen sind, als auch auf die Gotteswirkung ihrer Entstehung zu schließen, so daß das Einzelne immer in Beziehung zum Ganzen gefaßt, der psychologische Zustand aber als der der Einheit von Rezeptivität und Spontaneität begriffen wird.” (Dies erinnert lebhaft an das Göthe'sche: „Wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.") „Die Schrift ist das normierende Wort Gottes (für die Kirche) und enthält das seligmachende Wort Gottes (für die Einzelnen). Vgl. Hofmann, Schriftbew. II. S, 98—109.” (Compendium. Dritte Aufl. p. 255.) Mit diesem sogenannten Ganzen der Schrift können sie natürlich auch alle einzelnen Stellen, die von der Inspiration handeln, abweisen. Denn auch die Inspiration soll man erst aus dem Ganzen der Schrift beweisen. [Ed. - this quote also used by Walther in his 1879 edition of Baieri Compendium Theologiae Positivae, vol. 1, pg. 104]

Delitzsch: „Auch ist Theopneustie ein Gattungsbegriff, der gar mannigfach abgestufte Geisteswirkungen unter sich begreift, je nachdem der Schriftsteller sich produktiv und kontinuativ, oder reproduktiv und applikativ zur Heilsoffenbarung und Heilsgeschichte verhält. Aber in beiden Fällen erscheint das Göttliche unter den Affectionen des Menschlichen. Im letzteren Falle sind sogar Irrungen in Reproduktion des Geschichtlichen und Gegebenen möglich, Gedächtnißfehler, Combinationsfehler, überhaupt solche Fehler, über welche die allergeistlichste

33

menschliche Tatigkeit nicht absolut erhaben ist. Wer das leugnet, der kennt die alt- und neutestamentlichen Geschichtsbücher nur oberflächlich, und wer sich daran ärgert, der versündigt sich an dem heiligen Geiste, dessen ganz und gar nicht doketische liebreiche Herablassung in die Menschlichkeit er vielmehr bewundern und preisen sollte.” (System der bibl. Psychol. Leipzig. 1855. p. 319 sq.) (Der Heilige Geist, der ein Geist der Wahrheit ist [Joh. 16, 13.], ist also so demütig, daß er sich zum Heil der Welt auch in Lüge und Irrtum einwickelt!)

Kurtz: „Wir behaupten kühn und mit der sicheren Zuversicht, dem göttlichen Charakter der heiligen Schrift und Geschichte nicht im mindesten zu nahe zu treten, daß die heiligen Männer Gottes im Alten und Neuen Bunde, welche der Geist Gottes zu göttlichen Werken oder Worten trieb, gar wohl, was naturwissenschaftliche Erkenntnisse betrifft, in den zu ihrer Zeit allgemein herrschenden Irrtümern mitbefangen sein konnten. . . So konnte auch Moses gar manche physikalisch irrige Ansicht über die Natur des Sternenhimmels oder des Erdinneren haben, als er im prophetischen Geiste die Geschichte der Schöpfung des Himmels und der Erde auffaßte, ohne daß ihm diese Irrtümer dadurch hätten benommen werden müssen; denn die mosaische Schöpfungsgeschichte hat eben gar keine physikalische, sondern bloß religiöse Belehrung zum Zwecke.” (Bibel und Astronomie. Berlin 1858. S. 8 f.) (Wider ihren religiösen Zweck lehrt also die Schrift leider allerlei Irrtümer in anderen Gebieten!) [Ed.  – English translation The Bible and Astronomy on Google Books here]

Was nun endlich Philippi betrifft, so schreibt er zwar: „Mit dieser einseitig trennenden Anschauungsweise hängt auch die Behauptung zusammen, daß in der heiligen Schrift eigentlich nur die Sachen, nicht aber die Worte inspiriert seien. Doch einmal wäre der Entstellung und dem Verluste der gottgeoffenbarten Wahrheitssubstanz selber nicht vorgebeugt, wenn die Bezeichnung derselben den Menschen überlassen bliebe, weil ja der falsche, schiefe oder unangemessene Ausdruck immer zugleich den Inhalt verändert; dann aber sind für den Menschen überhaupt die Sachen nur in Gedanken und die Gedanken nur in Worten vorhanden, und dieses Zerreißen des inneren und notwendigen Zusammenhangs von Sache, Gedanke und Wort ist ebenso willkürlich, als undurchführbar. Die Wirkung der Vermählung des göttlichen und menschlichen Geistes in der Theopneustie, sei es nun zur Aufnahme oder zur Hervorbringung der göttlichen Offenbarung, ist eben das göttliche Wort, nicht nur der göttliche Gedanke im Unterschiede vom Worte, sondern das göttliche Wort als Träger, Ausdruck und Form des göttlichen Gedankens. Mit Recht behaupteten demnach die Alten nicht nur eine Real-, sondern auch eine Verbalinspiration. Die Apostel und Propheten, ganz eingetaucht, lebend und webend im Elemente des göttlichen Geistes, konnten auch nur völlig durchgeistete Worte reden.” (Kirchl. Glaubenslehre. 3. Aufl. I, S. 250 f.; [or 2nd edition pgs 244-245])

34

Aber leider tritt Philippi selbst nun tatsächlich in Konflict mit diesem Ausspruch, wenn er schreibt: „Indem wir aber die Wortinspiration der heiligen Schrift verteidigen, wollen wir damit keiner Wörterinspiration das Wort reden. Nicht die einzelnen Buchstaben, Svlben und Wörter, auch losgetrennt vom Inhalte und Zusammenhange, sind als unmittelbar eingegeben oder als von außen her diktiert zu betrachten; denn die Schrift enthalt nicht Wörter Gottes, und die göttliche Vorsehung hätte dann nicht zulassen dürfen, daß im Laufe der Zeit diese geheiligten Wörter in verschiedenen Lesarten auf die Nachwelt kamen.” (Kirchl. Glaubenslehre. I, S. 251 ff.; [or 2nd edition pgs 245-246]) Hiernach wären also doch schließlich die heiligen Schreiber nicht die Feder, die da schrieb, nachdem ihnen der Geist gab auszusprechen.

Diese Vorstellung von dem Wort der heiligen Schrift ist auch auf die theologische Praxis des hochbegabten Philippi nicht ohne schädlichen Einfluß geblieben. So macht er in seinem Commentar zum Römerbrief zu Röm. 9, 22. die Bemerkung: „Was aber die Hinweisung darauf betrifft, daß Paulus κατηρτισμένα und nicht, dem ἃ προητοίμασεν V. 23. entsprechend, ἃ προκατήρτισεν geschrieben habe, so konnte der prädestinatianische Exeget dies immer noch als eine für sich allein nichts beweisende Zufälligkeit erklären.” (Comment. über den Brief an die Römer. 3. Aufl. S. 453. [Ed.  – English translaton by Banks - page 121 “But with regard to the circumstance…)

Dagegen sagen wir: Nichts darf man in der heiligen Schrift für eine Zufälligkeit erklären; niemandem räumen wir dazu das Recht ein. Mit Fleiß steht da nicht: „die er zubereitet hat". Und jene Behandlung der Stelle weist unsere ganze lutherische Kirche mit großem Nachdruck zurück, wenn es in der Concordienformel also heißt: „So unterscheidet der Apostel mit sonderem Fleiß das Wert Gottes, der allein Gefäße der Ehren macht, und das Wert des Teufels und des Menschen, der sich selbst aus Eingebung des Teufels, und nicht Gottes, zum Gefäß der Unehren gemacht hat. Denn also stehet geschrieben Rom. 9.: Gott hat mit großer Geduld getragen die Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zur Verdammniß, auf daß er kund täte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er bereitet hat zur Seligkeit. Da denn der Apostel deutlich saget, Gott habe die Gefäße des Zorns mit großer Geduld getragen, und saget nicht, er habe sie zu Gefäßen des Zorns gemacht; denn da es sein Wille gewesen wäre, hätte er keiner großen Geduld darzu bedörfet. Daß sie aber bereitet sein zur Verdammniß, daran sein der Teufel und die Menschen selbst, nicht Gott, schuldig.” (Sol. Decl. XI. Müller, S. 721.; [Triglotta page 1089, BookOfConcord.org paragraphs 79-80 here)

Bemerkenswert ist, daß Philippi mit allen diesen Aufstellungen nicht etwa bewußtermaßen eine Lehre aufstellt, die allein richtig sei und gelten müsse, sondern er selbst bezeichnet seine Meinung als eine wissenschaftliche Spekulation oder Theorie. So schreibt er nämlich: „Wir wiederholen: Ob die altdogmatische Inspirationstheorie oder die unsrige Recht behält, darauf kömmt es wesentlich nicht an, denn hier handelt es sich wirklich nur um Theorie. De hoc articulo agere poterimus cum doctis et

35

prudentibus viris, vel etiam inter nos ipsos.  Aber darauf kömmt es an, daß die unerschütterlich gewisse und von beiden Theorien als eine wesentlich gleiche vorausgesetzte Tatsache, der sie zur Erklärung dienen wollen, bei Bestand bleibe, die Tatsache nämlich, daß die kanonische Schrift von Anfang bis zu Ende vom Geiste Gottes eingegebene untrügliche Offenbarung Gottes an die Menschheit oder das wahrhaftige Wort Gottes selber sei und bleibe. Die natürliche Welt ist und bleibt Schöpfung Gottes, ganz abgesehen von der Richtigkeit des ptolemäischen oder kopernikanischen Weltsystems, und die Bibel als Complex der übernatürlichen Offenbarungswelt bleibt ein Wunder Gottes, ganz abgesehen von der Richtigkeit der altdogmatischen oder irgend einer neuen Inspirationstheorie.” (Kirchl. Glaubenslehre. I, S. 330 f.)

Wir hingegen sagen: Wo zwei Theorien über die heilige Schrift aufgestellt werden, die sich widersprechen, da können nicht beide wahr sein. Entweder sind sie beide falsch, oder doch gewiß die eine. Wäre unsere altlutherische (wenn ich so sagen darf) Theorie von der Eingebung der heiligen Schrift falsch, so würden wir sie verwerfen. Doch ist es erfreulich, wie Philippi, der früher die Möglichkeit eines Irrtums in der heiligen Schrift zugab, später in der dritten Auflage seiner Dogmatik ganz davon abgegangen ist. Früher hatte er nämlich geschrieben: „Dabei hat man sich nicht von vorneherein gegen die Anerkennung der Möglichkeit zu sträuben, daß manche untergeordnete Differenzen wirklich vorhanden seien, und darum ungelöst zurückbleiben. Denn es gibt ja hier allerdings ein Gebiet der unbedeutenden Zufälligkeit, wie die Ähnlichkeit eines Portraits nicht von der genau entsprechenden Länge der Nägel und Haare bedingt ist. Wie weit die Inspiration auch hier die menschliche Schwachheit völlig überwunden habe, scheint uns nur auf geschichtlichem Wege, nicht dogmatisch bestimmt werden zu können. Wir möchten deshalb wenigstens nicht a priori mit Calov sagen: Nullos error, vel in leviculis, nullus memoriae lapsus, … ullum locum habere potest in universa Scriptura sacra (Kein Irrtum, selbst nicht in geringfügigen Dingen, kein Gedächtnißfehler, …  kann in der ganzen heiligen Schrift statthaben).  Aehnlich äußerte schon Julius Africanus in Beziehung auf historisch-chronologische Schwierigkeiten im Neuen Testamente: τὸ μέντοι εὐαγγέλιον πάντως ἀληθεύει (Das Evangelium redet ja durchweg die Wahrheit).” (Kirchl. Glaubenslehre. Stuttgart 1854. I, 208 f.)

In der letzten Ausgabe seiner Dogmatik hingegen schrieb Philippi: „Ich gestehe jetzt selber zu, daß nach meiner eigenen Inspirationstheorie auch die Möglichkeit von Irrtümern der Schrift in Nebendingen und unbedeutenden Zufälligkeiten a priori zu negiren ist.” (Kirchl. Glaubenslehre. Zusatz zur dritten Auflage, I, S. 279. [Ed. – see 1864 2nd edition, pg 324 for Philippi’s intermediate comment on “Inspirationstheorie”: German text here, Latin phrase here.])

Fragt man sich nun: Was verstand Philippi unter Wort- und Wörter-Inspiration? so sucht man sich das wohl so zurechtzulegen. Von einem

36

Lexikon sagt man nicht: das ist ein Wortebuch, sondern Wörterbuch. Wörter sind demnach artikulierte Laute, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang, in welchem das Wort etwa steht. Worte dagegen sind artikulierte Laute in ihrem Verstand, den sie im Satz haben. Auf die heilige Schrift angewandt, wäre also der Sinn dieser: Gott hat zwar das den heiligen Schreibern eingegeben, daß sie Worte nahmen, die seinen Gedanten entsprachen, aber das einzelne bestimmte Wort für sich wählten die heiligen Schreiber. Wo z. B. in der Bibel HErr steht, da, sagt man, hätten die Apostel ebensogut auch Gott setzen können. Wir aber sagen: Nein, gerade dies Wort sollte und mußte es sein. So wollte es Gott. Ob also in der Schrift dies Wort oder ein anderes ähnlich lautendes, ob hier ein Singular oder ein Plural stehen soll u. s. w., das, sagen sie, war den Schreibern der Bibel überlassen. Aber das ist nichts als Trug, damit ist nichts gewonnen. Denn man bedenke wohl: Alle Worte sind nach jener Unterscheidung zugleich auch Wörter, aber nicht alle Wörter sind zugleich auch Worte. Es hat der Unterschieb zwischen Wort- und Wörter-Inspiration für die heilige Schrift schlechterdings gar keinen Sinn. Denn es gibt in der heiligen Schrift gar keine Wörter in dem Sinn, daß sie außerhalb des Zusammenhanges gedacht werden. Was für ein Unsinn ist es, zu sagen: Der Heilige Geist hat zwar den Ausdruck eingegeben, aber nicht die Wörter? Daher merke man sich wohl: Es ist das Charakteristische der modernen Inspirationslehre, daß sie keinen Sinn hat; man soll ja nicht viel Logik in den modernen Theorien suchen, obwohl diese Gelehrten Wunder meinen, wie logisch und vernünftig sie zu Werke gehen. Der liebe Philippi wollte leider! früher die Schmach nicht tragen, nicht auch auf der Höhe der Zeit zu stehen. Und das hat ihm viel geschadet.

Es ist nun zwar wahr, daß man drüben in der allerneuesten Zeit die Teilung von Inhalt und Ausdruck in der Schrift aufgegeben hat. Man hat zugestanden, der Ausdruck der Schrift lasse sich nicht scheiden vom Inhalt. Harnack weist a. a. O. S. 29 die Trennung von Inhalt und Form bei der Inspiration zurück. Er schreibt: „Endlich verbietet der durchgängige Inspirations-Charakter der heiligen Schrift jene mechanische, unnatürliche Teilung von Inhalt und Form, Geist und Sprache. . . Der heilige Geist, welcher die von ihm inspirierten Verfasser zum Heilszeugnis ausrüstet und bestimmt, läßt sie, je nach dem Maße ihrer Individualität, mit der Sache auch den Ausdruck finden.” Aber dieses Zugeständniß macht bei Harnack die Sache nicht besser. Er glaubt auch keine Inspiration der „Sache”, das Wort „Inspiration” in seiner eigentlichen Bedeutung genommen. Die Schrift ist ihm nur auf der „Basis der Inspiration” geschrieben, und die heiligen Schriftsteller hatten so viel „freie Bewegung”, daß sie auch irren, sich „als Kinder ihrer Zeit” erweisen konnten (S. 27). Ja, Volck läßt die heilige Schrift ebenso entstanden sein, wie die Geschichte der Kirche geworden ist: „Auch die Entstehung der Bibel (ist) ein Werk

37 ^

jener beiden Factoren, des göttlichen und des menschlichen. Sonach ist sie göttlich und menschlich. . . Ist nun aber die Bibel ein von Menschen verfaßtes Gotteswerk (!), so ergibt sich daraus ihre relative Irrtumsfähigkeit.” (In wie weit ist der Bibel Irrtumslosigkeit zuzuschreiben? S. 14.) Hiermit kann nur dies gemeint sein: Der Heilige Geist waltete in den heiligen Schreibern, wie in der Geschichte der Kirche überhaupt. Gott waltet ja in der Kirche, aber das schließt nicht aus, daß die Glieder der Kirche nicht viel Verkehrtes und Sünde tun. So sei ja die Bibel vom Heiligen Geist, aber das schließe nicht den Irrtum der heiligen Schreiber aus. Damit ist aber der Begriff der Inspiration vollkommen aufgegeben.

Wenn nun die neueren Theologen immer von Irrtümern in der Schrift sprechen, so möchte Mancher fragen: Was sind denn das für Irrtumer? Darauf ist zu antworten: Sie verstehen darunter u. a., daß in der Schrift nicht immer die richtige Jahreszahl angegeben sei. Wenn sie nämlich in irgend einem menschlichen Buch, z. B. bei Herodot oder sonst einem Geschichtsschreiber, eine andere Jahrzahl angegeben sehen, so sagen sie nicht etwa: Was in der Bibel steht, das ist vom Heiligen Geist und daher immer die Wahrheit, sondern dann heißt es bei ihnen: Das ist ja nicht richtig, denn Herodot gibt ein anderes Jahr an. So ziehen sie die alten blinden Heiden der heiligen Schrift vor. Oder wenn in der Bibel steht: „Sonne, stehe still!”, so sprechen sie: Das ist falsch, denn Kopernikus hat behauptet, daß die Sonne steht. So soll es eine falsche Nachricht sein, daß zur Zeit der Geburt Christi Cyrenius Landpfleger in Syrien war, weil das mit anderen Forschungen nicht stimmt. Aber gerade neuerdings ist es wieder nachgewiesen worden, daß allerdings gerade um diese Zeit Cyrenius Proconsul in Syrien war.

Das sind solche Dinge, die man für Irrtümer hält, wiewohl sich die Herren sehr in Acht nehmen, die Irrtümer immer anzuführen. Sie fordern vielmehr, man solle vorerst zugeben, daß sich möglicherweise Irrtümer in der Schrift finden. Das Suchen der Irrtümer kommt nachher. Und was ist dann das Resultat? — Daß die Schrift auch von Lehrirrtümern wimmelt.

Auf die Frage, was davon zu halten sei, wenn viele Lehrer in den Schulen den Kindern das kopernikanische System beizubringen suchen, wurde geantwortet: Daß sich solche Lehrer nicht getrauen, beim Alten, nämlich bei dem Wort der Schrift, zu bleiben, rührt her von der Furcht, man möchte nicht für einen auf der Höhe der Zeit stehenden Pastor oder Lehrer angesehen werden. Dazu kommt, daß von Hunderttausend kaum Einer auch nur einen Versuch gemacht hat, selbst nachzurechnen; man folgt eben blindlings den Männern der sogenannten Wissenschaft. Wer wird hierdurch also vorgezogen, Gott, oder nicht vielmehr die Männer der Wissenschaft? Welch ein Autoritätsglaube! Hüte dich daher davor, wenn deine Vernunft beim Lesen der heiligen Schrift Nein sagt, daß du darauf etwas 

38

gebest. Das sollte dich vielmehr gleich stutzig machen und dich zu dem Seufzer treiben: Gott behüte mich, daß ich sein Wort nach meiner Vernunft verurteile. Aber wie Viele machen es da vielmehr wie Eva im Paradies! Als der Teufel zu ihr sagte: „Ihr werdet mit nichten des Todes sterben” 2c., da schaute sie den Baum an, wie er so lieblich sei, bis die böse Lust wie ein unauslöschbares Feuer in ihrem Herzen entzündet war. Und dann nahm sie und aß von der verbotenen Frucht. So machen's die Christen hier auch, wenn sie sich in eine falsche und nicht in Luthers Schule führen lassen. Da heißt es: Das kann man der Bibel nicht so hoch anrechnen, daß sie die Sonne gehen läßt; sie redet da in Einfalt, wie man sich damals die Sache vorgestellt hat. — So etwas unseren Kindern vorzugaukeln, sollte keinem Schullehrer erlaubt sein. Denn der Heilige Geist ist doch wahrlich klüger als Kopernikus. Man kann ja freilich nicht verlangen, daß Jeder die betreffende Bibelstelle geradeso auslege, wie wir sie auslegen. Aber kann sich jemand nicht überzeugen, daß die Stelle so auszulegen ist, so sollte er vor seinen Schülern den Mund halten, die Sache für sich behalten, und nicht die Kinder durch seine Ansichten vergiften.

Es ist aber auch bei der modernen Inspirationslehre das noch in's Auge zu fassen: Sagen wir oder Andere, daß mit der Leugnung der Göttlichkeit der heiligen Schrift der Grund des christlichen Glaubens aufgegeben wird, so antworten die neueren Theologen: Wenn das wahr wäre, so hätten die allerersten Christen gar keinen Grund des Glaubens gehabt. Denn wie lange habe es gedauert, bis der Kanon festgestellt war und bis die ganze Christenheit ihn in Besitz hatte! wie lange habe man darum gestritten, was zum Kanon gehöre oder nicht! erst allmählich habe man sich geeinigt, welche Schriften für kanonisch zu halten seien. Der Erste, von welchem überhaupt uns bekannt sei, daß er in dem Besitz eines neutestamentlichen Kanons gewesen sei, nämlich Marcion, sei nicht einmal ein Christ, sondern ein Ketzer gewesen. Aber welch eine Schande sind solche Behauptungen! Bei Marcion, der noch in den Tagen des Apostels Johannes geboren ist, finden wir also schon einen Kanon. Die Christen, welche ihn wegen seiner falschen Lehre vornehmen, machen ihm den Vorwurf, daß er den Kanon verstümmele. Also muß er doch schon vollständig vorhanden gewesen sein. Ja, man wirft dem Marcion sogar vor, daß er die Reihenfolge der neutestamentlichen Bücher verändert habe. Also so weit war man damals schon, daß man eine ganz bestimmte Reihenfolge der biblischen Bücher des Neuen Testamentes hatte. Also schon im Lichte der menschlichen Weltgeschichte hält dies nicht Stich, daß die Christen Jahrhunderte lang keine Bibel gehabt hätten. Zwar hat es der Pabst versucht, die Bibel den Christen zu rauben, aber wie ist's ihm gelungen? Bis auf den heutigen Tag ist die heilige Schrift in der Christenheit der Grund des Glaubens gewesen. In Millionen von Exemplaren ist sie in der ganzen Welt verbreitet und wird bleiben bis an's Ende der Tage. Und wir bitten Gott:

39

HErr, dein Wort, die edle Gabe,

Diesen Schatz erhalte mir,

Denn ich zieh ihn aller Habe

Und dem größten Reichtum für.

Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten,

Worauf soll der Glaube ruhn?

Mir ist's nicht um tausend Welten,

Aber um dein Wort zu tun.

Dazu bedenke man, daß ja die allerersten Christen das Alte Testament gehabt haben. Denn wenn Paulus zum Timotheus sagt: „Weil du von Kind auf die heilige Schrift weißest”, und wenn Petrus schreibt-. „Wir haben ein festes prophetisches Wort”, und wenn Christus selbst den Juden zuruft: „Suchet in der Schrift!”, so ist da zunächst das Alte Testament gemeint. Aber freilich, die Neueren sehen das Alte Testament an wie ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch. Hatten aber die Christen das Alte Testament, so hatten sie damit zugleich das Neue. Und dazu kommt, daß ihnen die neutestamentliche Lehre sogleich mündlich gegeben wurde. Denn das behaupten wir gar nicht, daß sie gleich alle Schriften der Apostel gehabt hätten. Damals gab es noch keine so schöne Postgelegenheit. Die Bibel wurde auch nicht gedruckt. Wer sie haben wollte, mußte sie sich ab, schreiben. Und die Gemeinden gaben ihre Schriften nicht von den Händen, damit diese kostbaren Documente nicht beschmutzt, oder gar Aenderungen darin vorgenommen würden.

Volck argumentiert auch so: Die Schrift könne nicht der Grund des Glaubens sein, weil es ja vor aller Schrift eine Kirche gegeben habe, schon im Alten Testament. Der erste Schreiber im Alten Testament sei ja erst Moses gewesen. Die ganze Zeit vorher habe man nur das mündliche Wort gehabt. So schreibt er nämlich: „Es taucht immer wieder die Meinung auf, als wäre die heilige Schrift die Grundlage, auf der die Kirche ihrem dauernden Bestande nach ruht. Allein diese Behauptung ist angesichts der historischen Tatsache unhaltbar, daß die christliche Kirche schon vorhanden war, ehe auch nur eine einzige Schrift des Neuen Testaments vorlag, ebenso wie es eine alttestamentliche Gottesgemeinde gab, lange bevor ein alttestamentlicher Kanon existierte.” (Die Bibel als Kanon. S. 13.)

Aber hier ist zu sagen: Der Grund der Kirche hier in der Zeit ist Gottes geoffenbartes Wort, in jenem Leben werden wir Gott schauen von Angesicht zu Angesicht; hier aber wandeln wir im Glauben. Und zum Glauben gehört ein Wort, und zwar ein göttliches Wort, darauf er fußen kann. Und ein solches göttliches Wort für den Glauben der Kinder Gottes ist allezeit dagewesen. Gab es nun noch kein geschriebenes Wort, so war doch vorhanden das im Paradies und durch die Patriarchen geredete Wort Gottes. Sobald nun aber Gott sein Wort schreiben ließ, da galt es, daß der Glaube dies geschriebene Wort Gottes annahm und daran sich

40

hielt. Ebenso ging es auch im Neuen Testament. Da redete Gott zunächst das Wort durch seinen Sohn und dann durch die heiligen Apostel. Später ließ er es aufschreiben. Und Gott hat uns nicht verheißen, daß er noch neues Gottes-Wort geben wolle. Das damals geschriebene Gottes-Wort ist und bleibt der Grund des Glaubens bis an den jüngsten Tag, weil alle christliche Lehre und Predigt nur das in Bewegung gesetzte geschriebene Wort ist.

Wir bleiben daher bei unserer These: „Die Lehre, daß die heilige Schrift Alten und Neuen Testaments nach Inhalt und Ausdruck göttlichen Ursprungs sei, ist eine Lehre, mit deren Drangabe der Grund des christlichen Glaubens aufgegeben wird.” Die stehen nicht mehr im Glauben, die so reden wie Volck und Harnack und Andere. Man merke sich wohl den Spruch Matth. 5, 19.: „Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöset und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreich.” Hier steht es: „Und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich.” Bei den neueren Theologen wird der Mensch über Gottes Wort gestellt. Dem Menschen wird die Schrift unterworfen, er soll entscheiden. Wer aber etwas für Gottes Wort annimmt, weil er meint, es sei Gottes Wort, der steht auf sich selber und nicht auf der Schrift, der steht also auch nicht im wahren Glauben. Damit leugnen wir nicht, was der liebe Gott noch sonderlich bei einem solchen Menschen tun kann. Aber es ist ein ganz besonderes Wunder Gottes, wenn ein solcher Theolog zum Glauben kommt und darin bleibt. Gott muß ihn zu einer glücklichen Inconsequenz führen. Aber wem dürfte es nun einfallen, weil Gott einzelne besondere Wunder seiner Gnade tun kann, zu sagen: diese neuere Inspirationslehre sei kein verdammlicher, grundstürzender Irrtum? Wie manchen Anhänger des Arius mag es gegeben haben, der mit Arius irrig redete über Christi Person, und er stand im Glauben! Dennoch ist und bleibt der Arianismus ein grundstürzender Irrtum.

Thesis II. ^

Die Lehre von der Göttlichkeit der heiligen Schrift ist selbst ein Glaubensartikel und kann somit nur aus der Schrift selber erkannt und kraft derselben mit voller Zuversicht angenommen oder geglaubt werden.

Zwar es ist die heilige Schrift, auch menschlich betrachtet, darnach angetan, den Menschen nachdenklich zu machen. Hier hat er ein Buch vor sich, das seines Gleichen zu keiner Zeit und auf der ganzen Welt nicht gehabt hat noch hat. Es tritt auch dem natürlichen Menschen an diesem Buch manches entgegen, das er mit seinem Verstände nie erklären kann.

41

So haben schon unsere Väter gewisse menschliche Beweise für die Göttlichkeit der heiligen Schrift gesammelt und aufgestellt, nicht um den Menschen dadurch zu einer wirklichen Glaubensüberzeugung zu bringen, sondern damit auch der natürliche Mensch keine Entschuldigung habe, wenn er dies heilige Buch verachtet. Mit Recht weisen die Väter hin auf die wunderbare Einfalt, verbunden mit der großartigsten Majestät der heiligen Worte. Sammt und sonders sind die heiligen Schreiber wahre Meister, ihre Erzählungen unerreichte Muster der geschichtlichen Darstellung.

Sie weisen ferner hin auf die Heiligkeit, die durch die ganze Bibel weht. Wo ist ein solcher heiliger Gott in der Vorstellung der Heiden zu finden als der wahre lebendige Gott der Bibel? Mit welchen Lastern sind nach der Heiden eigener Darstellung ihre Götter behaftet! Wo ist eine solche Sittenlehre, als in der heiligen Schrift, bei deren Betrachtung jeder Sterbliche bekennen muß: Auf dieser Wage gewogen bist du zu leicht erfunden; hiernach gibt es keinen Menschen, der heilig ist; wer aber so wandelte, der hätte die höchste Staffel der Tugend erreicht.

Welche Kraft übt die heilige Schrift aus! Sie weist erstlich dem Sünder einen Weg zu seinem Gott, wie ihn kein Weiser nirgends in den Schriften der Heiden je gewiesen; zeigt ihm einen Heiland, den HErrn JEsum, wie ihn keine heidnische Schrift je gezeigt hat. Wie viel Aufhebens macht man davon, wenn man bei einem heidnischen Schriftsteller eine Andeutung von einem Erlöser der Menschen findet! und es ist dies vielleicht nur eine Lobhudelei auf einen zu der Zeit lebenden Fürsten; einen Heiland aber, wie ihn die Bibel uns vor Augen malt, hat nie ein Menschengeist ersinnen können. Die heilige Schrift macht auch durch diese ihre Lehre die Herzen ruhig, in Anfechtung getrost, in der Trübsal freudig und im Tode mutig, wie dafür die heiligen Märtyrer das gewaltigste Zeugniß ablegen.

Wo ist überhaupt sonst ein Buch, das so mit Recht Anspruch darauf macht, daß es sei das Wort der Wahrheit, als eben die heilige Schrift? Wie Viele sind schon an diesem Buch zu Schanden geworden! Immer wieder haben sogar, wo man den Spaten ansetzt, die aus der Erde hervorgeholten Steine ihre Stimme erhoben und vor der ungläubigen Welt und gläubigen Christen Zeugniß ablegen müssen für die Wahrheit der heiligen Schrift.

Hierzu gehörtauch die wunderbare buchstäbliche Erfüllung der Weissagungen in der heiligen Schrift. Buchstäblich ist in Christo JEsu erfüllt, was im Alten Testament geweissagt ist von dem Sohne einer Jungfrau, vom Ort, wo er sollte geboren werden, und von dem Geschlecht, aus dem er herstammen sollte. So ist es auch mit den Weissagungen des Neuen Testamentes, deren Erfüllung doch so unwahrscheinlich erschien, z. B. von dem Volk der Juden, welches das „Kreuzige!” über Christum ausrief, und das aus dem Lande vertrieben werden und doch bleiben sollte bis an

42

der Welt Ende und wie ein Kain unstät und flüchtig umherirren, nachdem es Den gekreuzigt hat, dessen Blut besser redet denn Abels. Ferner die Weissagung von der Ausbreitung des Reiches Christi, das doch alles in der Welt gegen sich hatte und dem kein großer Gelehrter, kein mächtiger Feldherr der Erde voranging, sondern das allein durch die Predigt des Evangelii sollte ausgebreitet und aus dem Senfkorn ein Baum werden, der seine Zweige weithin durch alle Lande reckt. Wie ist doch das so herrlich erfüllt! Das Reich Christi steht da wie ein gewaltiger Baum, unter dem die Vögel des Himmels im Schatten wohnen. Und dies alles trotz Verfolgung, Anfeindung, Witz, Gelehrsamkeit, trotz Schwert und Scheiterhaufen, trotz den Pforten der Hölle.

Und wie einstimmig sind die heiligen Schreiber der verschiedensten Zeiten in ihren Berichten. Moses beginnt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde”, und dasselbe lehren David, die Propheten, die Evangelisten und Apostel, daß alle Dinge durch Gott und von ihm und zu ihm geschaffen sind. Welch ein Durcheinander findet sich dagegen in den Schriften der Gelehrten! Was der Eine mühsam aufgebaut, das stößt ein Anderer wieder unbarmherzig zusammen.

Nicht nur sind aber die heiligen Schreiber in ihrem einstimmigen Zeugniß gar merkwürdige Leute, sondern für ihre Zuverlässigkeit treten noch große Scharen von Zeugen auf.

Josephus schreibt: „Da bei uns nicht Allen gestattet war, Schriften zu verfassen, sondern nur den Propheten, welche uralte und längst vergangene Dinge aus göttlicher Eingebung kannten und das, was ihrer Zeit angehörte, sorgfältig aufzeichneten, so hat man bei uns nicht unzählige Bücher, die einander widersprechen, sondern nur zwei und zwanzig Bücher, in denen alles, was die ganze Zeit betrifft, schriftlich niedergelegt ist, und denen mit Recht Glaube geschenkt wird. Von diesen sind fünf die Bücher Mosis, die das von der Schöpfung bis an seinen Tod Mitgeteilte umfassen. Diese Zeit beträgt nicht viel weniger als dreitausend Jahre. Von dem Tode des Moses an bis zur Regierung des Artaxerxes, der nach Xerxes König der Perser war, haben die Propheten nach Mose die Begebenheiten ihrer Zeit aufgezeichnet in dreizehn Büchern. *) Die vier übrigen enthalten Lieder an Gott und Lebensregeln für die Menschen. Die Geschichte von Artaxerxes bis auf unsere Zeit ist zwar auch geschrieben, gilt aber nicht als so glaubwürdig wie die früheren Schriften, weil die ununterbrochene Aufeinanderfolge der Propheten aufgehört hat. Welches Zutrauen wir aber unseren Schriften geschenkt haben, ist tatsächlich offenbar; denn obschon so lange Zeit Verstössen ist, hat doch niemand unter uns sich unterstanden, etwas hinzuzusetzen oder davonzutun oder zu verändern. Denn

 – – – – – – – – – –--

*) Nach jüdischer Zählung: 1. Josua, 2. Richter mit Ruth, 3, Samuel, 4. Könige, 5. Chronika, 6. Esra mit Nehemia, 7. Esther, 8. Hiob, 9. Iesaia, 10, Jeremia mit den Klageliedern, 11. Hesekiel, 12. Daniel, 13. die zwölf kleinen Propheten.

43

mit allen Juden ist es vom ersten Ursprung an innig verwachsen, sie Lehren Gottes zu nennen und dabei zu verbleiben und dafür, wenn es sein sollte, mit Freuden zu sterben.” (Contra Apionem I, m. p. 1036 sq, [English translation Against Apion by William Whiston)

Nach Matthäi 2, 6. gibt der hohe Rat zu Jerusalem seinem König Auskunft über den Ort der Geburt Christi aus dem Alten Testament. In der bescheidenen Synagoge droben in Galiläa wird der Prophet Iesaias gelesen. Nach Apost. 17, 17. forschen die gläubigen Juden in der Zerstreuung in dem Alten Testament. Die Mutter und Großmutter des kleinen Timotheus unterrichten denselben in der heiligen Schrift des Alten Bundes. Dasselbe gilt auch vom Neuen Testament. Von den ersten Tagen der Christenheit bis auf unseren Tag haben die Zeugen nie aufgehört. Und ihr Zeugniß wurde nicht abgelegt unter Verhältnissen, da es für Klugheit gelten konnte, solches zu tun, um zu Ehre, Ansehen und Wohlstand zu gelangen, sondern unter Schmach, Spott, Marter und Todesdrohen, so daß Viele, aufgefordert, die heilige Schrift auszuliefern, lieber ihr Blut verspritzt haben.

Wie wunderbar ist endlich die Erhaltung der Bibel. Nach Röm. 3, 2. ist den Juden vertrauet, was Gott geredet hat, d. i. das Alte Testament. Aber was war gerade dies Volk für ein unzuverlässiges, widerspenstiges Volk, zerklüftet in Secten und Parteien; was hat es erfahren müssen an Schicksalen; wie ist es zerstreut worden! Und alle diese Geschicke hat das Alte Testament mit diesem Volke durchlebt. Wo aber auch dies Buch gefunden wird, sei es in Indien oder China, in Afrika oder hierzulande: es ist überall genau dasselbe Buch, trotzdem, daß es tausendmal abgeschrieben ist. Ganz dasselbe erfuhr das Neue Testament. Und doch haben wir heute noch die Bibel vollständig, und sie wird von Tag zu Tag mehr verbreitet. Sie ist da und bleibt da, dasselbe alte Gotteswort, das auch den Untergang des Weltgebäudes überdauern soll.

Aber so schwer auch dies alles in's Gewicht fällt, so sind doch dies nicht die eigentlichen Grundlagen, darauf wir unsere Gewißheit von der Göttlichkeit der heiligen Schrift gründen. Wir können auch Gott nur danken, daß diese Beweise nicht notwendig sind zur Ueberzeugung von der Göttlichkeit der Bibel. Denn dann wären viele liebe Christen übel daran, die sehr wenig von dem historischen Verlauf, den es mit der Bibel genommen hat, wissen, die nicht einmal die Namen der Kirchenväter und ebensowenig die Feinde der Kirche kennen, welche durch ihr Zeugniß die Entstehung derselben bestätigen.

Aber wenn auch alle Schriften der Kirchenväter verloren gegangen wären und wir sonst keine Zeile für die Göttlichkeit der heiligen Schrift hätten, und hätten nur allein die Schrift selbst, so wäre das genug zur Ueberzeugung von ihrem göttlichen Ursprung.

Freilich wird niemand dann überzeugt, wenn er beim alten Sinn und Wesen bleibt, und nicht ein Neues in ihm gewirkt wird. „Denn der natürliche

44

Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und kann es nicht erkennen, denn es muß geistlich gerichtet sein.” 1 Cor. 2, 14. Auch diese Lehre, daß die Bibel Gottes Wort ist, ist dem natürlichen Menschen eine Torheit. Man sagt freilich: der Mensch müsse unparteiisch die Bibel ansehen, unparteiisch an sie herantreten. Aber das ist eine satanische Forderung. Was für ein Teufel müßte das sein, der vor die Bibel hintreten würde und sagen: Das ist mir ganz gleich, was dies Buch ist, ob hier Gott redet oder ein Mensch! Es hat aber auch noch nie einen Solchen gegeben, der unparteiisch an die Bibel herangetreten wäre. Denn der natürliche Mensch ist ein Feind Gottes. „Fleischlich gesinnet sein, ist eine Feindschaft Wider Gott, sintemal es dem Gesetze Gottes nicht untertan ist; denn es vermag es auch nicht.” Rom. 8, 7. Die heilige Schrift ist keinem natürlichen Menschen recht, weder den Alten noch den Jungen, weder den Gelehrten noch den Einfältigen. Was darin vom Menschen gesagt oder gefordert wird, das ist dem natürlichen Herzen ärgerlich. Da heißt es: „Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.” 1 Joh. 2,15. Da wird von dem Herzen aller Menschen gesagt: „Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.” 1 Mos. 8, 21. Einen Toren nennt sie den natürlichen Menschen. Sie macht ihm seine Gerechtigkeit zu Schanden, verwirft sie als eitel Ungerechtigkeit. Dagegen lassen alle menschlichen Tugendlehren immer jedem Menschen ein Thürchen offen, das es ihm bequem macht, doch seines Herzens Gelüsten zu folgen. Und endlich fordert die heilige Schrift unbedingten Gehorsam des Glaubens. Dagegen bäumt sich das fleischlich gesinnte, Gott feindliche Herz auf. Der Mensch will nicht dastehen als ein verlorner und verdammter Sünder, der als ein armer Bettelmann allein aus Gnaden selig wird. Wenn die Schrift so nicht gestaltet wäre, wenn sie dem natürlichen Menschen sein Teil auch ließe, seine Anstrengungen, seine Opfer anerkennete, so würde der Mensch eher bereit sein, sie anzunehmen. Wie viel läßt sich der Mensch nicht von Menschenleben gefallen! Die Corinther ließen sich schinden und in's Angesicht streichen, wie Paulus sagt. Aber bei der heiligen Schrift findet sich sofort der Anstoß des natürlichen Fleisches. Genau so ging es ja auch Christo selber. Man vergleiche nur das Aergerniß, das die Juden an Christi Person, Lehre und Predigt nahmen. Weil der HErr von sich sagte, er sei Gottes Sohn, darum zerriß der Hohepriester sein Kleid. Daß Christus behauptete, er rede nur und immer die Wahrheit, er habe keine Sünde; daß er den Pharisäern und Sadducäern das Maul stopfte, das haben ihm die gottlosen Juden nicht verziehen, darum verwarfen sie ihn und wollten nicht, daß er über sie herrsche; darum schrieen sie endlich: „Kreuzige, kreuzige ihn, und gib uns Barabbam los!"

Soll es nun mit einem Menschen dahin kommen, daß er die Bibel für Gottes Wort anerkenne, so muß er eben durch dies Wort Gottes eine neue

45

Creatur werden; dies Wort Gottes muß an ihm seine Kraft beweisen. Und das ist die Kraft eines Lichtes, das nicht erst als ein Licht erkannt wird, wenn von außen ein ander Licht seinen Schein darauf wirft, sondern das selbst leuchtet und alles erleuchtet. Wer freilich die Augen mutwillig verschließt, der wird sagen: Es ist dunkel; und das ist nicht zu verwundern. Aber wo Gottes Geist die Augen öffnet, da tritt auch die lebendige Erkenntniß von der Göttlichkeit der heiligen Schrift ein.

Das lehren uns folgende Stellen der Schrift: 2 Petr. 1, 19.: „Wir haben ein festes prophetisches Wort, und ihr tut wohl, daß ihr drauf achtet, als auf ein Licht, das da scheinet in einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche, und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.” Psalm 119, 105.: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.” Vers 130.: „Wenn dein Wort offenbar wird, so erfreuet es, und macht klug die Einfältigen.” Psalm 19, 8.: „Das Zeugniß des HErrn ist gewiß und macht die Albernen weise.” 1 Thess. 1, 5.: „Daß unser Evangelium ist bei euch gewesen, nicht allein im Wort, sondern beide in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Gewißheit.” 2 Cor. 4, 2.: „Mit Offenbarung der Wahrheit beweisen wir uns wohl gegen aller Menschen Gewissen vor Gott.” Eph. 3, 3. 4.: „Daß mir ist kund worden dieses Geheimniß durch Offenbarung, wie ich droben auf's kürzeste geschrieben habe, daran ihr, so ihr's leset, merken könnet meinen Verstand an dem Geheimniß Christi.” Joh. 7, 17.: „So jemand will deß Willen tun, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selber rede.” Joh. 10, 26.: „Ihr glaubet nicht, denn ihr seid meine Schafe nicht, als ich euch gesagt habe. Denn meine Schafe hören meine Stimme.” Joh. 6, 68. 69.: „Da antwortete ihm Simon Petrus: HErr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt, daß du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.” 1 Joh. 5, 9.10.: „So wir der Menschen Zeugniß annehmen, so ist Gottes Zeugniß größer; denn Gottes Zeugnis ist das, das er gezeuget hat von seinem Sohne. Wer da glaubet an den Sohn Gottes, der hat solch Zeugniß bei ihm.” 1 Joh.4, 6.: „Wir sind von Gott, und wer Gott erkennet, der höret uns; welcher nicht von Gott ist, der höret uns nicht.” Joh. 3, 31—34.: „Der vom Himmel kommt, der ist über alle, und zeuget, was er gesehen und gehöret hat; und sein Zeugniß nimmt niemand an. Wer es aber annimmt, der versiegelt es, daß Gott wahrhaftig sei. Denn welchen Gott gesandt hat, der redet Gottes Wort.” 2 Cor. 4, 3. 4.: „Ist nun unser Evangelium verdeckt, so ist's in denen, die verloren werden, verdeckt, bei welchen der Gott dieser Welt der Ungläubigen Sinn verblendet hat, daß sie nicht sehen das helle Licht des Evangelii von der Klarheit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes."

46

*) O, es ist etwas Hohes und Köstliches um dies Zeugnis des Heiligen Geistes von der Göttlichkeit der heiligen Schrift! Durch dasselbe gewinnt der Mensch nicht eine menschliche, sondern eine göttliche Gewißheit, eine felsenfeste Ueberzeugung davon, daß er in der heiligen Schrift Gottes eigenes Wort hat und hört, eine Gewißheit, die auch durch menschliche Argumente nicht erschüttert oder umgestoßen wird, die in allerlei Anfechtungen, ja, mitten im Tode sich bewährt. Da soll sich aber nun ein Jeder wohl prüfen, ob er auch eine solche Ueberzeugung habe, daß er nicht bloß menschlich, sondern göttlich gewiß sei, daß die Schrift von Gott ist, damit nicht erst in der Anfechtung oder gar im bittern Stündlein es ihm klar werde, falls sein Glaube an die Göttlichkeit der Schrift nicht ein göttlich Werk, also überhaupt kein wahrer Glaube, sondern nur ein menschliches Fürwahrhalten gewesen wäre. Und da ist es gar tröstlich zu wissen, daß eine solche göttliche Ueberzeugung, wie sie ein wahrer Christ haben muß, auch ein jeder Christ, der gelehrteste wie der einfältigste, haben kann; denn er hat ja die Schrift, welche gewiß und welche allein solche Gewißheit geben und erhalten kann. Darum gilt es, fleißig die Schrift lesen, um selber von ihrer Göttlichkeit überzeugt zu sein und zu bleiben, und fleißig die Schrift treiben, um Andere von ihrer Göttlichkeit zu überzeugen und überzeugt zu halten.

Wir sind also göttlich gewiß, daß die heilige Schrift Gottes Wort ist; wir sind gewiß, daß wir in ihr das Zeugniß des Heiligen Geistes haben; wenn wir in der Bibel lesen, fühlen wir eine Stimme in uns, die uns sagt: Das ist recht, was die Schrift sagt. Die Neueren geben dies göttliche Zeugniß wohl zu, aber es soll sich nur auf die in der Schrift enthaltenen Heilslehren beziehen: lese man aber andere Dinge in der Schrift, z. B. die Jahreszahlen, so bekomme man diesen Eindruck nicht, das habe mit dem Zeugniß des Heiligen Geistes also nichts zu tun. Mit diesem Zeugniß sei also für die Göttlichkeit der ganzen heiligen Schrift nichts gewonnen. Das ist aber falsch; denn eben die Schrift sagt ja: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben”, und „Wir reden nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann” 2c. — Wenn wir leugnen, daß die ganze Schrift von Gott eingegeben ist, dann müssen wir die ganze Schrift verwerfen; denn sie sagt es von sich, daß sie ihrem ganzen Inhalte nach Gottes Wort ist. Es ist nicht wahr, daß dies Zeugniß sich nur auf das System beziehe, nach welchem Gott uns selig machen will. Nein, es bezieht sich auf die ganze Schrift. Das erfährt auch jeder Christ, wenn er in diesem Wort liest. Es ist wahr: es kann dieses oder jenes in der Bibel einem Christen aufstoßen, was er nicht lösen kann; aber wer dies Zeugniß im Herzen hat, der spricht dann nicht: „Nun kann die Schrift nicht Gottes Wort sein”, sondern er spricht: „Es mag immer sein, daß ich dies hier nicht erfassen kann, aber das kann mich an der Göttlichkeit der heiligen Schrift nicht irre machen."

 – – – – – – – – –-

*) Am Sonnabend Vormittag protokollierte von hier an P. Burmester.

47

Thesis III. ^

Die Lehre von dem göttlichen Ursprung der heiligen Schrift ist in der Schrift auf mehrfache Weise klar und deutlich geoffenbart.

A. ^ Die Schrift lehrt, daß die heiligen Schreiber nicht die eigentlichen Verfasser dieser Schrift waren, sondern geschrieben haben als Werkzeuge des Heiligen Geistes.

Wenn St. Paulus seine Briefe anfängt: „Paulus, ein Knecht JEsu Christi. . . allen, die zu Rom sind”, Rom. 1, 1. und 7., oder: „Paulus, ein Apostel JEsu Christi durch den Willen Gottes, den Heiligen zu Epheso”, Eph. 1, 1., so bedient er sich damit einer zu seiner Zeit allgemein gebräuchlichen Formel zur Bezeichnung des Schreibers eines Briefes und der Person oder Personen, an welche der Brief zunächst gerichtet war. Als Schreiber seiner Briefe bezeichnet sich der Apostel geradezu an vielen Stellen. So schreibt er z. B. Rom. 15, 15.: „Ich habe es aber dennoch gewagt und euch etwas wollen schreiben"; 1 Cor. 5, 9.: „Ich habe euch geschrieben indem Briefe"; 2 Cor. 2, 3.: „Und dasselbige habe ich euch geschrieben"; Vers 4.: „Denn ich schrieb euch in großer Traurigkeit"; V. 9.: „Darum habe ich euch auch geschrieben"; Gal. 1, 20.: „Was ich euch aber schreibe, siehe, Gott weiß es, ich lüge nicht"; Eph. 3, 3.: „Wie ich droben auf's kürzeste geschrieben habe"; Phil. 3, 1.: „Daß ich euch immer einerlei schreibe, verdreußt mich nicht"; 1 Tim. 3, 14.: „Solches schreibe ich dir". So bezeichnet sich auch Johannes als den Schreiber seines Briefes, 1 Joh. 1, 4.: „Und solches schreibe ich euch"; Kap. 2, 1.: „Meine Kindlein, solches schreibe ich euch"; V. 13.: „Ich schreibe euch Vätern” u. s. w. — So werden auch Moses und die Propheten, die heiligen Schreiber des Alten Testaments, als die Schreiber ihrer Bücher bezeichnet, wenn es z. B. heißt Joh. 5, 46. 47.: „Wenn ihr Mosi glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. So ihr aber seinen Schriften nicht glaubet, wie werdet ihr meinen Worten glauben?” Luc. 3, 4.: „Wie geschrieben stehet in dem Buch der Reden Iesaia’s, des Propheten” (Ies. 40, 3. ff.). Matth. 13, 14.: „Ueber ihnen wird die Weissagung des Iesaias erfüllt” (Ies. 6, 9. 10.). Matth. 15, 7.: „Ihr Heuchler, es hat wohl Iesaias von euch geweissagt” (Ies. 29, 13.). Luc. 20, 42.: „Er selbst, David, spricht im Psalmbuch: Der HErr hat gesagt” u. s. w. (Ps. 110, 1.)

Nun lesen wir aber Rom. 16, 22.: „Ich, Tertius, grüße euch, der ich diesen Brief geschrieben habe.” Am Anfang und weiterhin im Briefe nennt Paulus sich als den Schreiber des Briefs, und hier sagt Tertius, er habe den Brief geschrieben. Ist das nicht ein Widerspruch? Nein. Wir wissen wohl, wie das zusammenhängt. Paulus diktierte, und Tertius führte die Feder. So sind auch andere Briefe des Apostels zustande gekommen,

48

indem der Apostel, was geschrieben werden sollte, einem Gehilfen in die Feder diktierte und nur seinen apostolischen Gruß mit eigener Hand einzeichnete, wie er schreibt 1 Cor. 16, 21.: Ich, Paulus, grüße euch mit meiner Hand.” Col. 4, 18.: „Mein Gruß mit meiner Paulushand.” 2 Thess. 3, 17.: „Der Gruß mit meiner Hand Pauli: das ist das Zeichen in allen Briefen; also schreibe ich.” Wo er einmal mehr mit eigener Hand schreibt, hebt er solches besonders hervor. Gal. 6, 11.: „Sehet, mit wie vielen Worten Hab ich euch geschrieben mit eigener Hand.” So bediente sich auch St. Petrus eines Amanuensis, dem er diktierte, wie wir sehen aus 1 Petr. 5, 12., wo es heißt: „Durch euren treuen Bruder Silvanus, als ich achte, Hab ich euch ein wenig geschrieben”, wonach also Petrus schrieb, aber nicht mit eigener Hand, sondern durch Silvanus, d. i. so, daß er sich beim Schreiben des Silvanus als einer Mittelsperson zur Aufzeichnung der von ihm vorgesagten Worte bediente.

Nun ist aber die Präposition durch, im Grundtext δια, die eben eine Vermittlung anzeigt, im Neuen Testament stehender Ausdruck zur Bezeichnung des Verhältnisses, in welchem die heiligen Propheten zu ihren Schriften standen, wenn es z. B. heißt Matth. 2, 5.: „Denn also stehet geschrieben durch den Propheten.” Nicht steht hier: von dem Propheten, sondern „durch” ihn, als durch eine Person, von der das Schreiben nicht ausging als von dem eigentlichen Verfasser der Schrift, sondern deren sich ein Anderer, der eigentliche Verfasser, beim Schreiben bediente. Auch V. 17., wo es in der Uebersetzung heißt: „Da ist erfüllet, das gesagt ist von dem Propheten Jeremia”, heißt es nach dem Urtext: „durch (δια) den Propheten Jeremia”, und an Stellen, die in früheren Textrecensionen des griechischen Neuen Testaments die dem deutschen „von” entsprechende Präposition ὑπο hatten, hat die Wiederherstellung des Textes nach den alten Handschriften die Lesart δια, „durch”, ergeben. Es mögen hier noch verglichen werden die Stellen Matth. 8, 17.: „Auf daß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten Iesaias"; Kap. 12, 17.: „Auf daß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten"; Kap. 13, 35.: „Auf daß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten"; Kap. 24, 15.: „Da ist erfüllt, das gesagt ist durch den Propheten Daniel"; Kap. 27, 9.: „Da ist erfüllt, das gesagt ist durch den Propheten Jeremia"; V. 35.: „Auf daß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten"; Luc. 18, 31.: „Es wird alles vollendet werden, das geschrieben ist durch die Propheten"; Apost. 2, 16.: „Das ist's, das durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist."

Da erhebt sich nun die Frage: Wer war es, der durch die Propheten geredet oder geschrieben, der sie als seine Werkzeuge gebraucht hat und der eigentliche Verfasser ihrer Schriften war? Die Antwort auf diese Frage suchen wir in der heiligen Schrift nicht vergebens. Matth. 1, 22. lesen

49

wir: „Das ist aber alles geschehen, auf daß erfüllet würde, das der HErr durch den Propheten gesagt hat, da er spricht” u. s. w. Da haben wir ja klar und deutlich Bescheid; der HErr, der große Gott selbst, ist es, der durch den Propheten die Weissagung getan hat, daß eine Jungfrau sollte schwanger werden und einen Sohn gebären, deß Name sein sollte „Gott mit uns". Nach Apost. 4, 24. f. rufen die Apostel zum HErrn, dem „Gott, der Himmel und Erde und das Meer und alles, was drinnen ist, gemacht hat”, und sprechen: „Der du durch den Mund Davids, deines Knechts, gesagt hast: Warum empören sich die Heiden (Ps. 2, 1. 2.)?” Hiernach ist es wieder nicht ursprünglich und eigentlich ein von David verfaßter Psalm, der da angeführt ist, sondern Gott, der HErr, der Schöpfer Himmels und der Erbe, ist es, der durch David als durch sein Werkzeug geredet hat. So wird auch Ebr. 4, 7. gesagt, daß Gott durch David gesagt habe Ps. 95, 7. 8.: „Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket euer Herz nicht.” Nach Rom. 9, 25. war auch der Prophet Hosea nur ein Werkzeug, durch welches Gott geredet hat; „wie er (Gott, V. 22.) denn durch Hosea spricht.” Und daß überhaupt in der heiligen Schrift Alten Testaments Gott geredet und sich dabei seiner Propheten als seiner Werkzeuge bedient hat, sagt St. Paulus Rom. 1, 2. mit den Worten: „Welches er (Gott, V. 1.) zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift."

Wie aber in dem alten nicanischen Glaubensbekenntniß der Heilige Geist bezeichnet ist als „der durch die Propheten geredet hat”, so wird auch in der Schrift dies Werk der dritten Person der heiligen Dreieinigkeit insonderheit zugeeignet, wenn es z. B. Apost. 1, 16. heißt: „Es mußte die Schrift erfüllet werden, welche zuvor gesagt hat der Heilige Geist durch den Mund Davids.” Nach Apost. 28, 25. hat, was Ies. 6, 9. 10. geschrieben steht, „der Heilige Geist gesagt durch den Propheten Iesaias". Ja, schon der Mann Gottes David sagt ausdrücklich, daß der Heilige Geist durch ihn geredet hat; denn wir lesen 2 Sam. 23, 1. 2.: „Dies sind die letzten Worte Davids: Es sprach David…… mit Psalmen Israels. Der Geist des HErrn hat durch mich geredet, und seine Rede ist auf meiner Zunge”, wonach also die Worte, welche auf David's Zunge waren, wenn der Geist des HErrn durch ihn redete, nicht eigentlich seine, sondern des Heiligen Geistes Rede waren. Nicht ihrem Willen war es anheimgegeben, was die heiligen Schreiber aufzeichnen sollten, wie auch St. Petrus in seinem zweiten Brief 1, 19—21., wo er von dem festen prophetischen Wort, der heiligen Schrift, redet, solches hervorhebt und spricht: „Es ist noch nie keine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht, sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist"; seinem Willen und Trieb haben sie sich überlassen; was Er wollte, das schrieben sie, und wie Er wollte, so schrieben sie's. Der Geist Gottes, der in ihnen war, der

50

war es eigentlich, den die alten Väter hörten und den wir hören in den Verheißungen von dem Sohne der Jungfrau, dem Kind, uns geboren, dem Sohn, uns gegeben, dem Lamm zur Schlachtbank geführt, wie uns derselbe Apostel lehrt 1 Petr. 1, 11. f., wo er von den Propheten sagt, daß sie „haben geforscht, auf welche und welcherlei Zeit deutete der Geist Christi, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die in Christo sind, und die Herrlichkeit darnach”, wonach also der Geist Christi selbst es war, der von dem Leiden Christi zuvor gezeugt hat; derselbe war in den Propheten und tat durch dieselben den Menschen kund, was er ihnen verkündigen wollte. In demselben Athem aber sagt der Apostel an der besagten Stelle, daß auch im Neuen Testament eine vom Heiligen Geist gewirkte Predigt ergangen sei durch Menschen, indem er V. 12. schreibt: „Welches euch nun verkündigt ist durch die, so das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist vom Himmel gesandt.” So hören wir ja auch bei St. Paulus zu wiederholten Malen, daß in ihm und durch ihn Christus selbst rede, wenn er z. B. 2 Cor. 13, 3. schreibt: „Sintemal ihr suchet, daß ihr einmal gewahr werdet deß, der in mir redet, nämlich Christi"; und Rom. 15, 18.: „Denn ich dürfte nicht etwas reden, wo dasselbige Christus nicht durch mich wirkte"; wie er denn auch, die Anderen einschließend, 2 Cor. 2, 17. schreibt: „Als aus Gott, vor Gott reden wir in Christo.” War es ja doch den heiligen Aposteln im Voraus zugesagt, daß der Heilige Geist durch sie reden sollte, so daß eigentlich nicht sie es sein würden, die da redeten, sondern eben ihres Vaters Geist, wie ihnen solches ihr HErr und Meister ankündigt Matth. 10, 19. in den Worten: „Sorget nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.” Vgl. Marci 13, 11. Luc. 12, 12.

Darum kann denn auch, wie dies ebenfalls in der Schrift geschieht, von dem, was die Apostel und Propheten geredet und geschrieben haben, ohne Nennung der Personen, deren sich der Heilige Geist bediente, kurzweg gesagt werden, daß es Gott geredet habe. So schreibt der Apostel Rom. 3, 2. von den Juden: „Ihnen ist vertraut, was Gott geredet hat.” Matth. 22, 31. spricht der HErr: „Habt ihr nicht gelesen von der Toten Auferstehung, das euch gesagt ist von Gott, da er spricht: Ich bin der Gott Abrahams” u. s. w.? An anderen Stellen werden Worte der heiligen Schrift geradehin als Ausfprüche des Heiligen Geistes bezeichnet ohne Angabe des Werkzeugs, dessen derselbe sich bediente. So heißt es Ebr. 3, 7.: „Darum, wie der Heilige Geist spricht: Heute, so ihr hören werdet seine Stimme” (Ps. 95,7. f.); und Ebr. 10, 15. f.: „Es bezeuget uns aber das auch der Heilige Geist. Denn nachdem er zuvor gesagt hatte: ,Das ist das Testament, das ich ihnen machen will nach diesen Tagen’, spricht der HErr: ,Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben.’” Hierher gehören auch alle Stellen, in denen das Wort der

51

Propheten und Apostel ohne weiteres und schlechthin Gottes Wort genannt wird. Marci 7, 10. sagt der HErr Christus: „Moses hat gesagt: Du sollst Vater und Mutter ehren.” Daß aber die Pharisäer dies Wort beiseite setzten, rügt er nicht als einen Verstoß gegen Mose's Wort, sondern er spricht V. 13.: „Und hebet auf Gottes Wort durch eure Aufsätze.” Auch St. Paulus nennt seine Predigt das Wort Gottes, wenn er Apost. 13, 46. zu den Juden von Antiochien spricht: „Euch mußte zuerst das Wort Gottes gesagt werden"; und wenn er Tit. 1, 2. f. schreibt: „Gott ... hat aber offenbart zu seiner Zeit sein Wort durch die Predigt, die mir vertrauet ist.” Auch wenn Apost. 11, 1. gesagt wird: „Es kam aber vor die Apostel und Brüder, ... daß auch die Heiden Gottes Wort angenommen”, so ist damit die Predigt Petri von dem in Christo JEsu erschienenen Heiland der Welt bezeichnet; denn das Wort Gottes Alten Testaments von dem Heiland, der kommen sollte, hatte Cornelius schon früher angenommen gehabt mit seinem ganzen Hause; sonst hätte St. Lucas nicht von ihnen geschrieben, daß sie „gottselig und gottesfürchtig” gewesen seien, und sein Gebet und Almosen wäre Gott nicht angenehm gewesen. Vgl. Apost. 10, 2. ff. Auch St. Petrus nennt seine Predigt des HErrn Wort, wenn er schreibt 1 Petr. 1, 25.: „Des HErrn Wort bleibet in Ewigkeit. Das ist aber das Wort, welches unter euch verkündigt ist."

Daß nun die Aussage der Göttlichkeit von ihrer schriftlichen Predigt an alle Welt bis ans Ende der Tage nicht weniger gilt als von ihrer mündlichen Predigt, versteht sich schon von selbst; doch haben wir auch dafür reichliches Zeugnis in der heiligen Schrift. 1 Cor. 14, 37. schreibt der Apostel: „So sich jemand läßt dünken, er sei ein Prophet oder geistlich, der erkenne, was ich euch schreibe; denn es sind des HErrn Gebote.” 2 Thess. 2, 15, ermahnt er: „So stehet nun, lieben Brüder, und haltet an den Satzungen, die ihr gelehret seid, es sei durch Wort oder Epistel.” Hiernach sollte den Christen zu Thessalonich beides gleich bindend sein und fest gehalten werden als göttliche Lehre, sowohl was St. Paulus ihnen mündlich vorgetragen, als was er in seinen Briefen ihnen vorgelegt hatte. Sein Buch der Offenbarung schreibt „Johannes den sieben Gemeinen in Asien”, Offenb. 1, 4.; aber von dem, was er da schreibt, wie ihm befohlen ist, V. 11., sagt er wiederholt, daß es der Geist den Gemeinen sage, wenn er Kap. 2, 7. 11. 17. 29., 3, 6. 13. 22. schreibt: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinen sagt.” — Daß er und die andern Apostel ihre mündliche Predigt und ihre Schriften auf eine Linie stellten, zeigt St. Johannes auch am Anfang seines ersten Briefes an, wo es heißt V. 3. und 4.: „Was wir gesehen und gehöret haben, das verkündigen wir euch . … Und solches schreiben wir euch.” So verweist auch mehrfach St. Paulus in seinen Briefen auf seine mündliche Predigt, z. B. 2 Thess. 2, 5., wo er schreibt:

52

„Gedenket ihr nicht daran, daß ich euch solches sagte, da ich noch bei euch war?” und 1 Cor. 15, 1.: „Ich erinnere euch aber, lieben Brüder, des Evangelii, das ich euch verkündigt habe.” Dasselbe finden wir bei St. Petrus, wenn er schreibt 2 Petr. 3, 1. f.: „Dies ist die andere Epistel, die ich euch schreibe, ihr Lieben, in welcher ich erwecke und erinnere euren lauteren Sinn, daß ihr gedenket an die Worte, die euch zuvor gesagt sind von den heiligen Propheten, und an unser Gebot, die wir sind Apostel des HErrn und Heilandes.” Da nimmt der heilige Apostel alles zusammen, seine mündliche Predigt, seine erste Epistel, die Schriften der Propheten und diesen seinen zweiten Brief, ja, vor Schluß desselben nimmt er auch noch die Briefe seines Mitapostels und lieben Bruders Paulus und die andern Schriften hinzu, und das alles gibt er den Christen hin, daß sie es in lauterem Sinn und treuem Gedächtniß tragen als ihres Gottes teuerwertes Wort.

So steht denn unsere These in der heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes tief und fest gegründet.

Allerdings ist es wahr: wir wissen zum Teil die äußeren Veranlassungen, welche die Apostel bewegten, ihre Briefe zu schreiben, aber sie schrieben nichtsdestoweniger getrieben von dem Heiligen Geist. Die Neueren sagen, es sei schrecklich, wenn wir sagen, die heiligen Schreiber seien nichts als Gottes Schreibwerkzeuge gewesen. Damit machten wir sie zu Maschinen. Aber sollte denn Gott nicht die Kunst verstehen, daß er, wie er durch Menschen geredet, so auch durch Menschen schreiben kann, ohne daß diese zu Maschinen werden? Als die Apostel vor Fürsten und Königen standen und redeten, was Gott ihnen eingab, da standen sie doch nicht als Maschinen da, sondern es war Petrus, Paulus, Johannes 2c., die da standen. Wurden sie nun in diesem Falle nicht zu Maschinen, dann doch auch nicht beim Schreiben. Die Kinder Gottes werden ja auch, insofern sie geistlich sind, gänzlich vom Geiste Gottes getrieben, aber damit werden sie doch keine Maschinen! Aber wir lassen auch das gelten, daß die heiligen Schreiber Gottes Maschinen waren, wenn man nur den Vergleichungspunkt im Auge behält. Sowie das Bewegende bei der Maschine der Mensch ist oder eine Kraft, die zur Maschine hinzukommt, so war das die Apostel zum Schreiben Bewegende Gott selbst. Sie haben kein Wort von dem allen geschrieben, ohne daß Gott sie getrieben hat. Die Apostel waren Gottes Schreibwerkzeuge, wie auch schon der Psalmist sich den Griffel eines guten Schreibers nennt; wie der Heilige Geist sie trieb, so mußten sie schreiben. Bileam wollte die Kinder Israel verfluchen; hätte es auch getan, aber da erfaßte ihn der Geist Gottes, und er mußte segnen, er konnte nicht anders. In dem Augenblick, als er segnete, wollte er auch segnen, nachher aber war er wieder der alte. Wie die Apostel vom Heiligen Geist getrieben wurden, das ist ein Geheimniß, das wir nicht begreifen können. Aber wer kann es begreifen, wie der Geist des Menschen 

53

mit dem Leibe verbunden ist und auf ihn einwirkt? Und doch geschieht es. Viele, weil sie sich dies nicht erklären konnten, sind Materialisten geworden und behaupten nun, es gebe gar keinen Geist, sondern nur Materie. Das ist auch das Ende bei den Theologen, wenn sie konsequent durchgehen; sie müssen dann die Einwirkung des Heiligen Geistes auf die Apostel gänzlich leugnen. *)

Thesis III.

B. ^ Die Schrift lehrt, daß alles, was in ihr geschrieben steht, nicht nur dem Inhalt, sondern auch dem Ausdruck nach, ein Werk des Heiligen Geistes sei.

Hier wird Zweierlei ausgesagt:

1. Nach der Lehre der heiligen Schrift ist alles, was in ihr geschrieben steht, ein Werk des Heiligen Geistes. Was von einem Teile der Schrift gilt, daß derselbe nämlich Gottes Wort ist, das gilt auch vom Ganzen der Schrift. Wenn Christus und seine Apostel sich auf die Schrift berufen oder auf sie hinweisen, so tun sie dies in einer solchen Weise, daß sie keinen Unterschied unter den einzelnen Büchern machen; sie nehmen keinen Teil der Schrift aus. Joh. 5, 39. spricht Christus: „Suchet in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie ist's, die von mir zeuget.” Da steht das Wort Schrift, wie auch sonst stets, von der göttlich eingegebenen heiligen Schrift. Würde von dieser Schrift irgend etwas auszunehmen sein, würde darin irgend etwas menschlicher Art und nicht göttlich zuverlässig sein, so wäre es eine schreckliche Weisung, einen Menschen auf das ganze Buch hinzuweisen, wo es das ewige Leben gilt. Wenn jemand seinen Forschungen in weltlichen Wissenschaften menschliche Bücher zu Grunde legt, so baut er auf diese Bücher das Ergebniß seiner Forschungen. Wenn nun in einem menschlichen Buch, ihm unbewußt, Fehler stecken, so werden seine Forschungen auch fehlerhaft ausfallen, und zwar gerade dadurch, daß er das Buch gewissenhaft benutzt. So kam im vorigen Jahrhundert bei Lösung einer mathematischen Aufgabe ein berühmter Gelehrter zu einem Resultat, das lange Zeit allgemein für richtig gehalten wurde. Mit der Zeit aber kam man dahinter, daß jene Berechnung falsch war, daß vielmehr in der Bienenzelle die Aufgabe richtig gelöst sei. Und die Ursache der Abweichung lag in einem Fehler in den Logarithmentafeln, die jener Berechnung zu Grunde gelegen hatten und die der gelehrte Mathematiker auch an der fehlerhaften Stelle genau benutzt hatte. So ist es auch in Absicht auf die heilige Schrift. Wäre darin nicht alles felsenfest, ganz zuverlässig gewiß, so müßten wir

 – – – – – – – – – – – –-

*) Soweit das Protokoll von Pastor Burmester.

54

stets Gefahr laufen, gerade auf Grund der Schrift irre zu gehen, oder wir müßten von vornherein zugestehen, daß wir keine Gewißheit erlangen könnten, ob wir die Wahrheit haben oder irre gehen.

Wenn ferner Christus zu seinen Jüngern spricht Luc. 24, 44.: „Es muß alles erfüllet werden, was von mir geschrieben ist im Gesetz Mosis, in den Propheten und in den Psalmen”, so liegt hierin ein Zeugniß, daß Moses, die Propheten und Psalmen von Gott selber geschrieben sind; denn es muß erfüllt werden, was sie von Christo geschrieben haben. Wer ist es, der alles erfüllt oder sich vollziehen läßt? Es ist Gott selbst, der seinen Ratschluß in's Werk setzt. Gott wird sich aber dabei nicht richten nach menschlichen Büchern; er wird nicht das zum Vollzug bringen, was Menschen sich etwa ausgedacht haben, sondern er richtet sich nur nach dem, was er selbst geredet, verheißen und geschrieben hat. Es ist daher alles in der Schrift von dem gesprochen, der es erfüllt. Deswegen weist Christus seine Jünger auf alles hin, das die Propheten geredet haben, ja, er schilt sie darum Toren, daß sie nicht auf alles von ihm Geschriebene geachtet haben, Luc. 24, 25. 26.: „O ihr Toren und träges Herzens zu glauben alle dem, das die Propheten geredet haben. Mußte nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?” Und nun gibt er ihnen eine Lection, und zwar nicht etwa daraus, was Moses allein, oder ein Jesaias allein gesagt hat, sondern er geht viel weiter. Vers 27.: „Und fing an von Mose und allen Propheten und legte ihnen alle Schriften aus, die von ihm gesagt waren."

So tut auch Paulus Apost. 24, 14., wenn er schreibt: „Das bekenne ich aber dir, daß ich nach diesem Wege, den sie eine Secte heißen, diene also dem Gott meiner Väter, daß ich glaube allem, was geschrieben stehet im Gesetz und in den Propheten.” Wenn wir also alles glauben, darauf unsere Zuversicht gründen sollen, und wenn wir dabei nicht abergläubisch sein sollen, so muß das Wort, an das wir glauben sollen, durchaus göttlich sein. Daher schreibt St. Paulus im Brief an die Römer, Kap. 1, 2., von dem Evangelium, daß Gott es „zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift (ἐν γραφαῖς ἁγίαις)"; und Röm. 15, 4., daß alles, „was zuvor geschrieben ist ( ὅσα  γὰρ  προεγράφη,  εἰς  τὴν  ἡμετέραν  διδασκαλίαν προεγράφη), das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben (τῶν  γραφῶν τὴν ἐλπίδα ἔχωμεν).”

Auch alles, was die neutestamentlichen Schreiber redeten und schrieben, das redete und schrieb durch sie der Heilige Geist, wie dies Paulus bezeugt Röm. 15, 18.: „Denn ich dürfte nicht etwas reden, wo dasselbige Christus nicht durch mich wirkte, die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk.” Nicht irgend etwas darf und wagt der Apostel zu reden, wo es nicht Christus durch ihn redete. So ist es also in allen Stücken nicht eigentlich Paulus, sondern Christus, der

55

da redet, nichts ausgenommen; kein Wort ist von Paulo selbst, sondern von Christo durch Paulum. Daher denn auch Petrus sämmtliche Schriften Pauli mit den übrigen Schriften des Neuen Testamentes auf eine Linie stellt. 2 Petr. 3, 15. f.: „Als auch unser lieber Bruder Paulus, nach der Weisheit, die ihm gegeben ist, euch geschrieben hat. Wie er auch in allen Briefen davon redet, in welchen sind etliche Dinge schwer zu verstehen, welche verwirren die Ungelehrigen und Leichtfertigen, wie auch die andern Schriften, zu ihrer eigenen Verdammniß.” Da ist also nicht eine göttliche und eine menschliche Seite zu unterscheiden, sondern es ist nur göttlich, was Paulus schreibt. Ja, die menschliche Seite weist Paulus geradezu ab Gal. 1, 11.: „Ich tue euch aber lund, lieben Brüder, daß das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht menschlich ist.” In keiner Hinsicht, weder ganz noch zu einem Teil, ist seine Schrift menschlich. Dasselbe lehrt er 1 Thess. 2, 13.: „Da ihr empfinget von uns das Wort göttlicher Predigt, nahmet ihr's auf, nicht als Menschen Wort, sondern (wie es denn wahrhaftig ist) als Gottes Wort.” Die Thessalonicher nahmen also Pauli Wort nicht bloß nicht als menschliche Lehre oder menschliche Predigt, sondern auch nicht einmal als menschliches Wort auf. Auch insofern Pauli Predigt Wort ist, ist sie nicht menschlich.

Daher steht es uns gewiß und unzweifelhaft fest, was Ps. 119, 160. geschrieben steht: „Dein Wort ist nichts denn Wahrheit.” Vergleiche Joh. 17, 17.: „Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit.” Spr. 8, 8.: „Alle Reden meines Mundes sind gerecht; es ist nichts Verkehrtes noch Falsches drinnen.” Das kann nur dann mit Recht und Wahrheit gesagt werden, wenn die heilige Schrift Gottes Wort ist von Anfang bis zu Ende. Zwar können wir Prediger und sollen auch sagen, wenn wir predigen, daß wir nur die Wahrheit predigen. Wir sollen nicht von der Kanzel herabsteigen mit dem Seufzer: Gott, vergib mir, was ich Falsches gesagt habe; oder gar, wie viele Sectenprediger unserer Tage gewohnt sind, einen solchen Seufzer in das Kanzelgebet einschließen, sondern dessen sollen wir gewiß sein: Ich habe die Wahrheit gesagt, und nun, du mein Gott, segne dein Wort an meinen Zuhörern. Aber warum können wir das sagen? Nur darum, weil wir die heilige Schrift predigen. Wäre das nicht der Fall, so wäre es eine Vermessenheit, von einem Pastor zu sagen: Was er predigt, das ist wahr, das mußt du annehmen, als ob du Gott selbst gehört hättest.

Das zweite Stück unserer Thesis sagt nun aus, daß nach der Lehre der Schrift alles, was in ihr geschrieben steht, nicht nur dem Inhalt, sondern auch dem Ausdruck nach ein Wert des Heiligen Geistes ist. Dieser Punkt ist zwar schon früher berührt worden; aber hier ist der Ort, wo wir besonders auf denselben einzugehen haben. 1 Cor. 2, 10—13. schreibt St. Paulus: „Uns aber hat es Gott offenbaret durch seinen Geist. Denn der Geist erforschet alle Dinge, auch die

56

Tiefen der Gottheit. Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, ohne der Geist des Menschen, der in ihm ist? Also auch weiß niemand, was in Gott ist, ohne der Geist Gottes. Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist. Welches wir auch reden, nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Heilige Geist lehret, und richten geistliche Sachen geistlich.” Hier bezieht sich Paulus zunächst darauf, daß das, was kein Mensch wissen konnte, was Gott allein bewußt ist, zu seiner (Pauli) Kenntniß gekommen sei, und zwar durch Offenbarung des Heiligen Geistes. Das ist das Eine, was wir bei der Schrift zu merken haben, nämlich die Offenbarung der Gedanken, des Inhalts der Schrift durch den Heiligen Geist. Aber das ist nicht alles; denn der Apostel fährt fort: „Welches wir auch reden” u. s. w. Also, wenn es nun zum Aussprechen dieser geoffenbarten Gedanken bei den Aposteln kam, wenn es nun galt zu reden, das Geoffenbarte in Worte, in Ausdrücke zu fassen, auch da hörte die Wirkung des Heiligen Geistes nicht auf; da hat der Heilige Geist die Apostel nicht sich selbst überlassen, die Worte zu den Gedanken nach eigenem Gutdünken zu wählen. Nein, diese Wirkung des Heiligen Geistes auch zur Wahl der Worte war notwendig, damit die Apostel zuverlässige Zeugen seien. Das sehen wir auch daran, daß Christus seine Jünger selber zwar Zeugen nennt alles deß, das sie gehört und gesehen haben; aber nun sagt er keineswegs, daß, wenn die Apostel von dem Gehörten und Gesehenen reden sollten, dann keine besondere Offenbarung mehr nötig sei. Nein, obgleich sie bei Christo in Gethsemane waren, seine Kreuzigung, seine Auferstehung durch Augen und Ohren bezeugen konnten, dennoch wird ihnen die Ankündigung gegeben, daß sie für ihr mündliches Zeugniß angetan werden sollten mit Kraft aus der Höhe. So allein sollten sie Zeugen sein. Als daher der Tag der Pfingsten erfüllet war und sie nun mit der Kraft aus der Höhe angetan waren, da redeten sie mit anderen Zungen, nachdem der Geist ihnen gab auszusprechen, Apost. 2, 4. Was reden sie? Die großen Taten Gottes, das, was sie gehört und selbst gesehen hatten. Aber sie reden es nicht mit eigenen, selbstgewählten Worten, sondern mit Worten, die der Heilige Geist ihnen gab auszusprechen. Das war ihnen auch Matth. 10, 19. 20. verheißen: „Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorget nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, wie oder was ihr reden sollt. Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.” Hier wird ihnen nicht nur gesagt: Sorget nicht, was ihr sagen sollt, es wird euch schon einfallen oder von eurem Vater gegeben werden, — und dann redet nur frei weg, wie ihr es für's Beste haltet, — nein, es soll auch nicht einmal eure Sorge sein, welche Worte ihr gebrauchen sollt; auch wie ihr reden sollt, überlaßt eurem Vater; ihr seid's gar nicht, die

57

da reden, sondern es ist eures Vaters Geist, der durch euch redet. Damit stimmt auch die Beschreibung, wie solche heilige Schriften entstanden sind. Jer. 1, 9. heißt es: „Und der HErr reckte seine Hand aus, und rührete meinen Mund, und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.” Gott sagt also hier nicht: Ich will meine Gedanken in deinen Sinn, meinen Willen in dein Herz legen, sondern: Das Organ deines Leibes, deinen Mund, will ich selbst in meinen Dienst nehmen und dir die Worte geben, die du aussprechen sollst. So auch Jer. 30, 2.: „So spricht der HErr, der Gott Israel: Schreibe dir alle Worte in ein Buch, die ich zu dir rede.” So ist an Johannes der Auftrag zu schreiben ergangen, und was er schrieb, das soll unantastbar sein, da soll kein Wort zu viel oder zu wenig sein, so daß über diejenigen, die ein Wort hinzu- oder abtun, eine schreckliche Drohung ausgesprochen wird Offenb. 22, 18. 19.: „Ich bezeuge aber alle, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch. So jemand dazu setzt, so wird Gott zusetzen auf ihn die Plagen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Und so jemand davon tut von den Worten (ἀπὸ  τῶν  λόγων) des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott abtun sein Teil vom Buch des Lebens und von der heiligen Stadt und von dem, das in diesem Buch geschrieben stehet."

Eine Hauptstelle, aus der sich das ergibt, daß auch der Ausdruck in der Schrift göttlichen Ursprungs sei, ist noch 2 Tim. 3, 16.: „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben (πᾶσα  γραφὴ  θεόπνευστος), ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit.” Hier wird von der Schrift, zunächst von aller Schrift des Alten Testamentes, gesagt, daß sie von Gott eingegeben ist. Es wird nicht gesagt: alle Wahrheiten sind von Gott eingegeben, sondern alle Schrift. Hier ist also die Rede von einer göttlich eingegebenen Schrift. Wenn man z. B. von einer Melodie sagen würde, Gott selbst habe sie dem Tondichter eingegeben, so würde Jeder darunter verstehen, daß Gott die einzelnen Töne eingegebenen habe; denn eine Melodie besteht aus Tönen. Sagst du aber, die Töne hat er nicht eingegeben, aber die Melodie, so ist das unsinnig geredet. Denn dann könnte Gott allenfalls nur etwa ein Motiv zur Melodie eingegeben haben, aber nicht die Melodie selbst. So auch, wenn Gott einem Maler ein Bild eingegeben hätte, so müßten wir annehmen, daß Gott dem Maler auch die einzelnen Linien des Bildes eingegeben habe. Wer das leugnete, könnte nicht sagen, daß das Bild eingegeben sei, sondern höchstens, Gott habe eine Veranlassung dazu oder einen allgemeinen Entwurf gegeben. So auch hier bei der Schrift. Fragen wir: woraus besteht eine Schrift? Sie entsteht doch dadurch, daß Laute durch Schriftzeichen dargestellt werden und so ein Wort an das andere gefügt wird. Paulus lehrt also dies: Als diese Laute des Alten Testamentes durch diese Schriftzeichen dargestellt wurden, Wort an Wort und Satz an Satz gereiht wurde, da geschah das vom Heiligen Geist. Nur dann war wirklich die Schrift eingegeben.

58

Aehnlich ist auch der Beweis 2 Petr. 1, 19—21.: „Wir haben ein festes prophetisches Wort. …  Und das sollt ihr für das erste wissen, daß keine Weissagung in der Schrift geschieht aus eigener Auslegung; denn es ist noch nie keine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht; sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist.” Hier wird auch alles zurückgeführt auf göttliche Wirkung. Nicht nur, was die heiligen Menschen Gottes gedacht, sondern auch, was sie ausgesprochen haben, geschah unter dem Einfluß des Heiligen Geistes, und zwar so, daß sie nirgends ihrem eigenen Willen folgten.

Wie aber der HErr Christus und die Apostel wirklich die Ausdrücke der heiligen Schrift als von Gott stammend angesehen und behandelt haben, geht auch aus allen den Stellen der Schrift hervor, wo es bei einem geführten Beweis auf ein einzelnes Wort ankommt. Wäre da der Ausdruck nicht auch vom Heiligen Geist eingegeben, so fielen alle solche Beweise dahin; man würde bloß zu sagen brauchen: Wie weißt du, daß gerade dies Wort von Gott und nicht von den Aposteln selbst gewählt ist? Nun lesen wir aber Joh. 10, 34.: „JEsus antwortete ihnen: Stehet nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt, ihr seid Götter?” Christus beruft sich hier auf Ps. 82,6.: „Ich habe wohl gesagt: Ihr seid Götter.” Das hält der HErr seinen Widersachern vor, die da beanstanden, daß er sich Gott nennt. Werden doch selbst Menschen, will der HErr sagen, in der Schrift Götter genannt. Daran könnt ihr nicht rütteln, denn die Schrift sagt es. Daher fährt der HErr also fort V. 35.: „So er die Götter nennt, zu welchen das Wort Gottes geschah; und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.” Wenn nun die Juden hätten sagen können: „Mit dem einzelnen Ausdruck im Psalm kannst du uns nicht binden und überführen; auf's einzelne Wort kommt es nicht an”, so wäre Christi Beweis hingefallen. Aber das wagen die Juden nicht von dem Alten Testament zu sagen. Denn Christus konnte zu ihnen sagen: Auch dies einzelne Wort Götter kann nicht gebrochen werden, das müßt ihr als Gottes Wort anerkennen. So beruft sich der HErr Christus auf Ps. 110, 1. dafür, daß er der HErr ist, wenn es Matth. 22, 43. 44. heißt: „Wie nennet ihn denn David im Geist einen HErrn, da er sagt: Der HErr hat gesagt zu meinem HErrn?” 2c. Daß also David im Geist Christum HErrn nennt, das ist ein Umstand, den der HErr Christus aufgreift, damit er argumentiert und seinen Feinden das Maul stopft. So verfährt auch Paulus mit dem Wort Heiden. Er führt aus dem Alten Testament mehrere Stellen an, wo von den Heiden gesagt wird, daß sie Gott loben. Röm. 15, 9—12.: „Daß die Heiden aber Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben stehet: Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen. Und abermal spricht er: Freuet euch, ihr Heiden, mit seinem Volk. Und abermal: Lobet den HErrn, alle Heiden, und preiset ihn, alle Völker. Und abermal spricht Iesaias:

59

Es wird sein die Wurzel Jesse, und der auferstehen wird, zu herrschen über die Heiden, auf den werden die Heiden hoffen.” Auf dies Wort „Heiden” legt er Nachdruck und gründet er seine vorher getane Aussage. Ja, nicht bloß das Wort, sondern auch die Form des Wortes, der Casus, Numerus, die Flexionsform, die Verbindung, in welcher ein Wort steht, ist vom Heiligen Geist gerade so und nicht anders bestimmt worden. Gal. 3, 16. heißt es: „Er spricht nicht: Durch die Samen, als durch viele, sondern als durch Einen, durch deinen Samen, welcher ist Christus.” Hier führt der Apostel ein Argument aus der Form des Wortes. Daraus, daß nicht dasteht: die Samen, deine Samen, wofür im Hebräischen Ein Wort stehen würde, sondern den Samen, deinen Samen als durch Einen, erweist Paulus, daß in dieser Verheißung des Alten Testamentes von Einer Person, nämlich von Christo, und nicht von der Gesamtheit der Nachkommen Abrahams die Rede ist. Es ist hier nicht der Ort, auf die mancherlei Einwände einzugehen, die von verkehrten Auslegern gegen diese Exegese des Apostels gemacht worden sind. So viel steht fest, daß Paulus Gott selbst das zuschreibt, wenn ein Singular, und nicht ein Plural an einer Stelle der Schrift steht.

So heißt es ferner Rom. 10,16.: „Denn Iesaias spricht: HErr, wer glaubet unserm Predigen?” (Ies. 53, 1.) Hier führt Paulus einen Beweis aus der Verbindung der Wörter „glauben” und „predigen". Der Prophet Iesaias klagt, daß er predige und die Hörer glauben nicht. Darüber könnte aber der Prophet nicht klagen, wenn seine Predigt nicht die Kraft hätte, den Glauben zu wirken. Nun klagt aber der Prophet mit Recht, daß diese Wirkung nicht eingetreten ist. Daraus argumentiert der Apostel V. 17.: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes.” Dies kann aber Paulus nur dann als Argument brauchen, wenn wirklich das Wort „glaubt” und das Wort „Predigt” dort bei Iesaias göttliche Ausdrücke sind, darauf man ein göttlich Argument gründen kann.

So ist auch dem Apostel Petrus wichtig, daß Sarah Abraham einen Herrn nennt, 1 Petr. 3, 6.: „Wie die Sarah Abraham gehorsam war und hieß ihn Herr (1 Mos. 18, 12.).” Besonders häufig findet sich diese Art der Beweisführung aus einzelnen Ausdrücken im Ebräerbrief, Kap. 12, 26. 27.: „Nun aber verheißet er und spricht: Noch einmal will ich bewegen nicht allein die Erde, sondern auch den Himmel” (Hagg. 2, 7.). „Aber solches Noch einmal zeigt an, daß das Bewegliche soll verändert werden, als das gemacht ist, auf daß da bleibe das Unbewegliche.” Hier wird der Ausdruck „Noch einmal” als etwas Bedeutsames hingestellt, das etwas anzeigt. Ebr. 8, 8. heißt es: „Denn er tadelt sie und sagt: Siehe, es kommen die Tage, spricht der HErr, daß ich über das Haus Israel und über das Haus Juda ein neu Testament machen will” (Jer. 31, 31 f.). Vers 13.: „Indem er sagt: Ein neues, macht er das erste

60

alt.” Ferner Ebr. 4, 7.: „Bestimmte er abermal einen Tag nach solcher langen Zeit und sagte durch David: Heute, wie gesagt ist, heute, so ihr seine Stimme hören werdet, so verstocket eure Herzen nicht.” Endlich Ebr. 7, 20. 21.: „Denn jene sind ohne Eid Priester worden; dieser aber mit dem Eide, durch den, der zu ihm spricht: Der HErr hat geschworen, und wird ihn nicht gereuen: Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.” Daraus, daß Ps. 110, 4. steht: geschworen, beweist er, daß Christus durch einen Eid verbunden ist. So auch Rom. 4, 6. 7. 9.: „Nach welcher Weise auch David sagt, daß die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht: Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind, und welchen ihre Sünden bedecket sind. . . . Nun diese Seligkeit, gehet sie über die Beschneidung oder über die Vorhaut? Wir müssen je sagen, daß Abraham sei sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet.” Hier liest der Apostel aus dem Wort „selig” heraus die köstliche Wahrheit, daß wir gerecht und selig werden ohne Zutun der Werke, allein durch Zurechnung der Gerechtigkeit Christi. Ferner Eph. 4,8. 9.: „Darum spricht er: Er ist aufgefahren in die Höhe und hat das Gefängniß gefangen geführet und hat den Menschen Gaben gegeben. Daß er aber aufgefahren ist, was ist's, denn daß er zuvor ist hinuntergefahren in die untersten Oerter der Erde?” Hier zitiert Paulus aus dem 63. Psalm das Wort: „aufgefahren”, und benutzt es, daraus nachzuweisen, daß hier nicht von den drei Personen der Gottheit, sondern allein von Christo geredet sei. Denn so argumentiert er: nur der ist aufgefahren, der hernieder gefahren ist. Darum ist es ganz unwidersprechlich gewiß, daß hier Gott redet von seinem Sohne JEsu Christo, der zuvor herabgestiegen ist in die tiefsten Tiefen der Erniedrigung, des Fluches und Zornes Gottes. Denn nicht der Vater und der Heilige Geist konnten erhöht werden.

So verweist auch der HErr Christus auf die Personen- und Ortsnamen der Schrift, Joh. 7, 42.: „Spricht nicht die Schrift, von dem Samen David und aus dem Flecken Bethlehem, da David war, sollte Christus kommen?” (Ps. 132,11. Mich. 5,1.) Daher wir denn auch aus der Geschichte von den Weisen aus Morgenlande ersehen, wie die Schriftgelehrten nicht daran rütteln, wenn im Alten Testament der Name des Orts der Geburt des Messias angegeben ist. Da sind sie ganz ruhig, obschon sie wissen, daß, wenn sie den blutigen Herodes falsch berichten, es ihnen den Kopf kosten kann. Und wie würden sie über Christum hergefallen sein, wenn es sich herausgestellt hätte, daß Bethlehem nicht der Ort seiner Geburt gewesen. Ja, damit wäre auch die Schrift hingefallen als ein Buch, das im einzelnen Ausdruck nicht zuverlässig sei. So soll denn auch keins dieser Worte heiliger Schrift verloren gehen. Matth. 5, 18.: „Wahrlich, bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles

61

geschehe.” Luc. 16, 17.: „Es ist aber leichter, daß Himmel und Erde vergehen, denn daß ein Tüttel vom Gesetz falle."

Man sagt mit Unrecht, daß die lutherische Kirche sich nicht für die Wortinspiration habe ausgesprochen; für solche Lehre könne man das lutherische Bekenntniß nicht in Anspruch nehmen. Denn in der Apologie heißt es u. a.: „Meinen sie, daß der Heilige Geist sein Wort nicht gewiß und bedächtiglich setze oder nicht wisse, was er rede?” In der lateinischen Form: ,,Num arbitrantur excidisse Spiritui sancto non animadvertenti has voces == diese Wörter oder Ausdrücke?" [Article IV (II): Of Justification, parag. 108, Triglotta, page 153]

Welchen Schaden richtet nun die neuere Theologie an damit, daß sie sagt: Es ist nicht jedes Wort, jeder Ausdruck in der heiligen Schrift von Gott eingegeben! Sie lehrt die Leute, nicht dem Worte, dem Ausdrucke zu glauben. Und gerade deswegen strafte Christus seine Jünger so ernstlich, schlug ihnen wie mit einer Keule in's Gesicht, wenn er zu ihnen sagte: „O ihr Toren und träges Herzens zu glauben alle dem, das die Propheten geredet haben.” Luc. 24, 25. Wäre auch nur Ein Wort der Schrift von Menschen, so hätte er sie doch nicht so schelten können. Aber die Jünger waren lange in seiner Schule gewesen, hatten es immer gesehen, welch hohen Wert ihr HErr und Meister auf die Schrift legte; sie wußten, wie Christus selbst noch am Kreuze darauf bedacht war, daß auch die letzte Weissagung von ihm erfüllt werde. Denn als es nahe daran war, daß er sterben sollte, „daß die Schrift erfüllet würde”, rief er von seinem Kreuze herab: „Es ist vollbracht!” Und dennoch waren die Apostel so träge zu glauben. Wenn da noch gar jemand gekommen wäre und hätte ihnen gesagt: Es ist ja in der Schrift nicht jedes Wort von Gott, was wäre wohl aus diesen armen Jüngern geworden! Nun denke man sich unsere Zeit mit der schändlichen Lehre der neueren Theologen über die heilige Schrift. Fürwahr, wer ihnen folgt, bei dem muß alles geistliche Leben ausgelöscht werden. Es gilt daher auch von den neueren Theologen, was Paulus Gal. 1, 8. sagt: „Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht.” Dies Evangelium Pauli ist in den Schriften des Neuen Testamentes verfaßt, und lehrt zugleich von sich, daß es in Worten göttlicher Eingebung verfaßt sei; wer also anders predigt als das Neue Testament, der ist verflucht. Daher sollen und müssen wir die neue Theologie verfluchen und unter die Füße treten.

Wir scheuen uns auch nicht zu bekennen, daß auch die astronomischen und geologischen Bemerkungen in der heiligen Schrift göttliche Wahrheiten sind. Zwar sagen die neueren Theologen: Also macht ihr die Bibel zu einem Lehrbuch der Naturwissenschaften. Damit kommt z. B. auch Volck heraus, wenn er sagt: „Es taucht immer wieder die Meinung auf..., als sei sie (die heilige Schrift) ein Buch, welches Aufschluß gebe über alle möglichen wissenswürdigen Dinge. Da meint man z. B., sie wolle

62

Naturwissenschaft lehren. . . . Die Bibel will nirgendwo naturwissenschaftliche Aufschlüsse geben. Sie ist kein Lehrbuch der Kosmologie, Anthropologie, Psychologie.” („In wie weit ist der Bibel Irrtumslosigkeit zuzuschreiben?S. 7.) Aber das ist eine Verdrehung des Standpunktes. Wir sagen gar nicht, daß die Bibel ein Lehrbuch für Naturwissenschaften sei, sondern wir sagen: Sie ist das Buch, worin uns Gott den Weg zur Seligkeit zeigt, wie Joh. 20, 31. geschrieben steht: „Diese aber sind geschrieben, daß ihr glaubet, JEsus sei Christ, der Sohn Gottes; und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen.” Und 2 Tim. 3, 15. heißt es, daß die Schrift unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an JEsum Christum. Aber, setzen wir hinzu, auch das, was in der Schrift nebenbei von anderen Dingen gesagt ist, ist von Gott eingegeben, nach Inhalt und Ausdruck.

Wir lassen uns auch dadurch nicht irre machen, daß man einen Unterschied macht zwischen Bedeutendem und minder Wichtigem in der Schrift. Auch wir sagen: Es ist in der Schrift nicht alles von der gleichen Bedeutung. Es kann ein Mensch etwas nicht wissen, was in der Schrift steht, und doch selig werden. Aber darauf kommt es hier gar nicht an, ob etwas in der Schrift wesentlich oder unwesentlich, zunächst oder erst in entfernter Beziehung zur Seligkeit steht. Hier handelt es sich darum, ob die Schrift durchaus, im Kleinsten und Größesten, zuverlässig, das ist, ganz vom Heiligen Geist eingegeben sei, wie sie selbst behauptet. Es ist ein kindischer Einwurf, zu sagen, wenn man annehme, daß auch das Naturwissenschaftliche in der Bibel inspiriert sei, verstehe man nicht zu unterscheiden zwischen Geistlichem und Weltlichem. Diesen Einwurf macht Harnack, der da meint, wenn keine Irrtümer in naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Dingen in der heiligen Schrift vorkämen, so würde das die Inspiration sogar verdächtigen. Denn die gänzliche Vermeidung von Irrtümern in diesen Dingen „würde den heiligen Geist als einen Solchen kundgeben, dem … Geistliches und Natürliches einerlei wäre". (A.a.O. S. 28.)

Und wenn diese Herren den Unterschied machen zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem in der Schrift, so bedenke man, wie viel von dem Inhalt der heiligen Schrift dann hinwegfiele, das nicht gewisse göttliche Wahrheit wäre. Wie Viele hat es gegeben, die ganz wenig aus der Schrift gewußt haben, und sie sind doch selig geworden! So müßte denn auch alles das, was nicht absolut zur Seligkeit nötig ist, zu dem Unwesentlichen, das nicht von Gott eingegeben sei, gezählt werden. Und das ist es, wohin Satan die Christenheit jetzt bringen will. Er will der Christenheit jetzt diesen, jetzt jenen Bestandteil nehmen, bis endlich nichts von ihr übrig bleibt. Solche furchtbare Anklagen erregen freilich großen Tumult. Aber wir trösten uns mit Luther, der irgendwo schreibt: „Höre auf zu klagen, höre auf zu raten. Solcher Tumult ist von Gott angefangen, wird auch von Gott

63

geführt, wird auch nicht aufhören, bis er die Widersacher des Wortes mache wie den Koth auf der Gassen.” —

Hier ist nun wohl auch der Ort, auf die gangbaren Einwürfe der neueren Theologen gegen eine Wortinspiration der heiligen Schrift etwas näher einzugehen. Ein solcher Einwurf ist, die heilige Schrift beanspruche selbst nicht, wörtlich inspiriert zu sein. Dies noch zu widerlegen, ist nach dem, was wir bis jetzt gehört haben, fast ein überflüssiges Ding. Nur das sei hier noch erwähnt, daß man als Beweis für solche Behauptung die Vorrede oder Eingang des Evangelii St. Lucä anführt und sagt, da rede Lucas wie Einer, der, was er schreibe, auf menschliche Zeugenschaft gründe. Der Eingang lautet nämlich also: „Sintemal sich's viele unterwunden haben, zu stellen die Rede von den Geschichten, so unter uns ergangen sind; wie uns das gegeben haben, die es von Anfang selbst gesehen und Diener des Worts gewesen sind: habe ich's auch für gut angesehen, nachdem ich's alles von Anbeginn erkundet habe, daß ich's zu dir, mein guter Theophile, mit Fleiß ordentlich schriebe”, Luc. 1, 1—3. Wer aber überhaupt in der heiligen Schrift noch etwas will göttlich sein lassen, der kann solchen Einwand gar nicht festhalten. Denn er beweist zu viel. Damit wäre nämlich bewiesen, daß dann das ganze Evangelium St. Lucä nicht von Gott eingegeben sei; denn Lucas sagt ja, daß er alles das, was er schreibt, von Anbeginn erkundet habe. Aber damit stellt er nicht in Abrede, daß er als ein Werkzeug des Heiligen Geistes schreibe. Denn auch der HErr Christus sagt, daß seine Jünger alles gesehen und gehört haben. Ja, er unterweist sie noch, bringt ihnen das Verständnis der einzelnen Lehren bei. Und doch befiehlt er ihnen nach alle dem, daß sie in Jerusalem bleiben sollten, bis sie angetan würden mit Kraft aus der Höhe. Warum dies? Weil eben zur Lösung ihrer Aufgabe, auch zum Schreiben der heiligen Schrift noch nicht genug war, daß die Apostel Augen- und Ohrenzeugen waren. Sie sollten so reden, wie ihnen der Geist gab auszusprechen.

Ein zweiter Einwand ist, die Apostel hätten manches gar nicht gewußt. Ein simpler Einwurf! Gerade darum wurde ihnen ja der Heilige Geist in's Herz gegeben, gerade darum ihnen auch nicht einmal die Form des Schreibens überlassen. So ist es ja wahr, daß Paulus nicht wußte, wen und wie Viele er in Corinth getauft hatte. Hieraus geht eben hervor, daß er nicht allwissend war. Aber gerade weil es Menschen sein sollten, durch welche Gott den Grund des Glaubens geben wollte, mußte Gott durch sie wirken.

Ein dritter Einwand ist, die Schreiber der Bibel machten gar nicht den Eindruck, als ob sie Gottes seien; sie seien nicht untadelig; Petrus werde von Paulus des Heuchelns wegen gestraft; Moses durfte um seines Zweifelns willen nicht in das Land Canaan; David sei sogar in Mord und Ehebruch gefallen. Darauf ist zu erwidern: Christus selbst scheidet

64

bei seinen Aposteln die Lehre und das Leben. Nicht aus dem Leben der Apostel sollen wir schöpfen, sondern aus ihrer Lehre. Sie sind nicht in allem ihrem Tun vom Heiligen Geist getrieben worden, sondern wenn sie redeten, so wurden sie getrieben von dem Heiligen Geist. Dieser Einwand vermischt also Dinge, die Christus geflissentlich auseinanderhält. Und dann sehe man zu, wie Paulus, der sich zuschreibt, daß der Heilige Geist durch ihn rede, und niemand erlaubt, etwas an seinen Worten zu ändern, dagegen von seinem Leben urteilt, Rom. 7. Die Apostel waren eben auch arme Sünder; aber das macht ihre Lehre, ihr Wort, ihre Schriften, die der Heilige Geist durch sie verfaßte, nicht menschlich, nicht unvollkommen.

Ein vierter Einwand ist, wenn die Schrift Wort für Wort diktiert worden sei vom Heiligen Geist, so müßte alles denselben Stempel in der Diktion, derArt und Weise des Ausdrucks tragen; nun herrsche aber eine große Verschiedenheit; Matthäus schreibe ganz anders als Paulus, und dieser wieder ganz anders als Johannes u. s. w.; auch sei die Art der Beweisführung den einzelnen Schreibern eigentümlich; gewisse Ausdrücke des Einen fänden sich bei dem Andern gar nicht. Darauf ist zu antworten: Nicht ist deshalb, weil das Werkzeug menschlich ist, auch das menschlich, was durch das Werkzeug geschah. Wenn Gott einerlei Form in der Schrift gewollt hätte, so hätte er ja alles entweder durch Paulus oder durch Johannes oder durch einen anderen Apostel können schreiben lassen. Aber das wollte Gott nicht. Er hob auch die Persönlichkeit während des Schreibens nicht auf, so daß Paulus nicht Paulus geblieben wäre. Gerade weil Gott durch den so und durch diesen anders schreiben wollte, darum schrieb er durch diese Männer.

Wenn die Dogmatiker von dem verschiedenen Styl der Schrift reden, so vergleichen sie dies, wie oben schon erwähnt, mit einer Orgel. Darin sind die Pfeifen auch ganz verschieden konstruiert. Die eine Pfeife ist tief intoniert, die andere hoch, die eine hat einen scharfen, die andere einen dumpfen Ton. Aber es ist immer Ein und derselbe Wind, der durch alle weht und sie je nach ihrer Beschaffenheit zum Klang bringt. Das ist ein köstliches Gleichniß. Die Neueren treiben damit zwar ihren Spott, wir beneiden sie aber um dieses Vergnügen nicht. Denn das wissen wir auch, daß man sich die Apostel nicht so vorzustellen hat, als ob sie wie tote Orgelpfeifen dagestanden hätten. Bei jedem Gleichniß darf man nur die Vergleichungspunkte gelten lassen, und nicht über dieselben hinausgehen. Und das ist bei diesem Bilde der Vergleichungspunkt, daß der Eine himmlische Wind, der Heilige Geist, alle heiligen Schreiber gleich regiert und doch sich nach der Beschaffenheit jedes einzelnen gerichtet hat. Und das ist seiner durchaus nicht unwürdig. Wenn ein ganz Ungebildeter zu einem Gelehrten geht und ihn bittet, er möge doch für ihn einen Brief aufsetzen, da er nicht schreiben könne, und der Gelehrte ist dazu gern bereit und bedient sich dabei

65

etwa der plattdeutschen Sprache, die der Bittende allein versteht, befleißigt sich auch eines Styls, der dem Verstand des Bittenden angemessen ist: wäre das eines Gelehrten unwürdig? Gewiß nicht. Vielmehr bewiese der Gelehrte damit, daß er auch zugleich ein praktischer Kopf sei. So hat's denn der liebe Gott auch gemacht in der Bibel. Da schreibt der Eine einen hohen Styl, der Andere schlicht und einfach. Wenn nun die Schrift von Menschen gelesen wird, so wird der Eine sonderlich erfaßt durch Johannis Worte, der Andere wieder durch Pauli Worte u. s. w. Für jede Art von Menschen ist die Schrift zugerichtet. Das ist die göttliche Herablassung. Um solcher Darstellungen willen müssen wir uns freilich von den deutschen Gelehrten beschränkte Köpfe schelten lassen. Ja, weil wir in der Schrift keine menschlichen Irrtümer zugeben, so sollen wir sogar eine Art neuer Doketen sein; denn wie diese Christi wahre Menschheit geleugnet hätten, so leugneten wir alles Menschliche an der Schrift. Aber dieser Vergleich paßt in keiner Weise. Der Sohn Gottes hat wohl Schwächen der menschlichen Natur an sich genommen und ist ein Mensch geworden, nicht einmal wie Adam im Paradies, sondern wie wir, nur daß er keine Sünde an sich gehabt hat. So ist es mit der Bibel. Die ist insofern menschlich, daß sie in menschlicher Sprache geschrieben ist, das Alte Testament in der hebräischen, das Neue Testament in der griechischen Sprache. Und ein Matthäus hat in einem Styl geschrieben, den Marcus nicht hat, Marcus wieder in einem Styl, den Lucas nicht hat, und so fort. Das ist wahr. Aber wie Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, keine Sünde hatte, so hat das menschgewordene Wort Gottes keinen Irrtum.

Zum fünften erhebt man ein großes Geschrei darüber, daß das Alte und Neue Testament in einer Gestalt und Verfassung auf uns gekommen sei, die einer göttlichen Schrift nie hätte eigen werden können. Damit ist auf die verschiedenen Lesarten hingewiesen, und man meint, wenn die ganze Bibel Gottes Wort sei, so hätte Gott auch darüber wachen müssen, daß keine verschiedenen Lesarten vorhanden wären. Aber erstlich steht uns gar nicht zu, zu sagen, was Gott getan haben müßte. Und ist denn dann ein Zweifel an der Göttlichkeit der heiligen Schrift berechtigt, wenn Menschen etwas an diesem Buch verderbt haben? Wenn jemand von uns ein Buch schreibt und der Setzer macht einen Druckfehler, folgt daraus, daß der Verfasser das Buch nicht Wort für Wort geschrieben habe? Wir finden auch sonst in der Natur vieles, was der Teufel verderbt und der Mensch in seiner Schwachheit mißbraucht; folgt daraus, daß nicht die ganze Natur von Gott geschaffen ist? Es ist bei der heiligen Schrift gerade das zu verwundern, daß trotz der vorhandenen Varianten nicht der geringste Zweifel obwaltet, ob eine Lehre in ihr begründet ist oder nicht. Und noch mehr: gerade das Vorhandensein der Varianten ist ein Beweis, daß wir neben anderen die ursprüngliche Lesart auch haben, nur daß uns nicht vom Heiligen Geist

66

gesagt ist: das ist die ursprüngliche. Und das ist nun das herrliche Amt der Theologen, nachzuforschen, welches die echte Lesart sei. Obwohl, welche Lesarten man auch immer als die echten auswählen mag, die Lehren der Schrift immer dieselben bleiben; in keinem Fall erfährt eine Lehre eine Veränderung, in keinem Fall geht dadurch eine verloren, in keinem Fall wird die Schrift dadurch um eine Lehre ärmer. Das müssen alle Gelehrten, auch die die bittersten Feinde der Schrift sind, zugeben. Zwar finden sich Stellen, in welchen verschiedene Lesarten vorkommen und die, wenn man eine gewisse Lesart auswählt, dann eine gewisse Lehre nicht mehr beweisen. Es ist das aber merkwürdigerweise nur dann der Fall, wenn diese Lehre in vielen anderen Schriftstellen festgegründet ist. Sind hingegen zum Beweis einer Lehre nur sehr wenig Schriftstellen vorhanden, so lehrt die Vergleichung derselben, daß sich darin keine den Sinn ändernden verschiedenen Lesarten finden.

Endlich sagt man noch: Die heilige Schrift stelle gar keine Theorie auf über die Inspiration, sie gebe gar nicht das Wie? ihrer Entstehung an. Nun ist zwar das wahr: wie der Heilige Geist auf die heiligen Schreiber eingewirkt hat, werden wir nie erforschen. Aber daß der Heilige Geist selbst durch sie geredet und geschrieben hat, das lehrt die Schrift mit ausgedrückten Worten, das wissen wir und das ist genug. Auch die modern-gläubigen Theologen gestehen es ein, daß sie eine bestimmte Theorie, welche klar zeige, worin der Anteil Gottes an der Verabfassung der heiligen Schrift und der des Menschen eigentlich bestehe, noch nicht gefunden haben; aber diese Aufgabe zu lösen, sei ohne Zweifel unserer Zeit überlassen. Man sieht eben den Wald vor Bäumen nicht. Die Lehre von der Inspiration ist in der Schrift gerade so klar geoffenbart, wie z. B. die Lehre von der Rechtfertigung, wenn man nur das Zeugniß der Schrift, das sie von sich selbst gibt, hören und annehmen will. Aber freilich, von dieser Weise, die Lehre von der Inspiration der Schrift zu gewinnen, will die neuere Theologie nichts wissen.

Volck hat eine ganz neue Weise vorgeschlagen: „Mein Verfahren” — sagt er — „unterscheidet sich von dem gebräuchlichen. Gewöhnlich beginnt man mit dem Satz: die heilige Schrift ist inspiriert, d. h., vom Geiste Gottes eingegeben, und schließt” (?) „dann von diesem Satz aus auf die Beschaffenheit, welche die Schrift vermöge solchen Ursprungs haben müsse. … Der umgekehrte Weg ist der richtige, nämlich Gott nachzurechnen, wie er es gemacht hat. Man untersuche zuerst die Schrift, wie sie uns vorliegt, erforsche ihr Wesen und suche zu verstehen, was sie sein will, und schließe dann auf ihren Ursprung.” (Die Bibel als Kanon, S. 32.) Wir wissen, wie dieses „Gott nachrechnen”, dieses „Untersuchen” der Schrift gemeint ist! Die „Theologen” sollen ausrechnen, was Gottes würdig und ihm möglich sei; vor Allem sollen sie den „geschlossenen Organismus” in der Schrift nachweisen und darnach den Wert und die Inspiration der

67

einzelnen Teile der Schrift bestimmen. Die Prozedur wird so zu einer richterischen Untersuchung der Schrift.

Nein, wir sollen wohl in der Schrift suchen, aber sie nicht untersuchen, keine Kritik an ihr üben. Denn sie hat absolute Geltung. Ihr müssen wir uns demütig unterwerfen. Jene Neueren aber machen die heilige Schrift zum Object der Kritik. Wir erkennen keine Unfehlbarkeit an außer der Schrift, weder am Pabst noch an den Concilien, weder bei der Vernunft noch bei dem sogenannten Licht der Schwärmer. Allein die Schrift ist unfehlbar. Nun aber will man uns diese Schrift, das einzig Unfehlbare für uns, nehmen. Volck sagt zwar, in der Heilslehre der Schrift finde sich kein Irrtum. Aber was hilft uns das, wenn man nach seiner Darstellung erst dann wissen kann, was Heilslehre ist, wenn man den ganzen Organismus der Schrift erfaßt und vor Augen hat? Und nun sagt gar Harnack, daß die Kirche seit einiger Zeit erst auf dem besten Wege sei, hinter den “geschlossenen Organismus” der Schrift zu kommen. Somit ist noch Alles in Ungewißheit. Man kann auch noch nicht sicher bestimmen, was „Heilslehre” sei. Wahrlich, die neuere Theologie verspottet sich selbst!

Thesis III.

C. ^ Die heilige Schrift beansprucht eine solche Geltung und fordert ein solches Verhalten ihr gegenüber, wie es nur eine nach Inhalt und Ausdruck von Gott selbst stammende heilige Schrift beanspruchen und fordern kann.

Wie man aus dem, was die heilige Schrift ist, nämlich aus ihrer Göttlichkeit, auch ihre Autorität erkennen kann, daß, wenn es heißt: „So spricht der HErr!” sich alles Fleisch vor diesem Worte beugen soll, ebenso kann man auch umgekehrt aus der beanspruchten Autorität der heiligen Schrift erkennen, welchen Charakter sie eben dadurch in Anspruch nimmt. Nach der Schrift ist sie ein Buch, dessen Autorität über alle Creatur erhaben ist. Als der HErr JEsus in der Wüste vom Satan versucht wurde, da hielt er dem Fürsten der Finsternis das Wort der Schrift vor und sprach: „Es stehet geschrieben!” „Wiederum stehet auch geschrieben!” „Denn es stehet geschrieben!” und führte drei Schriftstellen an. Was für einen Sinn würde aber das gehabt haben, wenn Christus einen Ausspruch des großen Aristoteles oder des Kaisers Augustus oder Tiberius angeführt hätte, oder wenn er gesagt hätte: So befiehlt der König Herodes? Dann würde Satan geantwortet haben: Was geht mich Aristoteles an, der war mein Knecht; was hat mir der Kaiser Augustus zu befehlen, ich bin nicht eingezeichnet in seine Schatzungslisten; das verschlägt bei mir gar nichts; auch deine Autorität ziehe ich in Frage; beweise mir, daß du Gottes Sohn bist. — Aber da

68

der HErr Christus dem Satan die Schrift entgegenstellt, so weiß Satan ihr gegenüber nichts, als daß er wieder Worte der Schrift anführt.

Dieselbe Autorität der Schrift erkennen wir aus Abrahams Rede an den reichen Mann in der Hölle. Den verweist Abraham nicht auf etwas Höheres hin als das Alte Testament. Luc. 16, 29.: „Sie haben Mosen und die Propheten: laß sie dieselbigen hören.” Damit spricht er dies aus: Die heilige Schrift ist die Quelle, daraus deine Brüder erkennen sollen, wer sie sind und wer Gott der HErr ist; daraus allein sollen sie rechte Erkenntnis ihrer Sünde und ihres Heils schöpfen. Was wäre dies aber für eine schreckliche Verweisung gewesen, wenn Moses und die Propheten menschliche Bücher wären oder auch nur der geringste Irrtum in diesen Büchern vorkommen könnte! Dann hätten diese fünf Brüder am jüngsten Tage auftreten können und sagen: Wir konnten Mosen und den Propheten nicht glauben; denn darin hörten wir ein Wort, das in diesem und diesem Stück nicht richtig ist, und von da an war es hin mit unserer Zuversicht und Glauben an solches Wort; Moses und die Propheten sind schuld, daß wir verloren gehen. Aber so steht es, Gott Lob! nicht mit der Bibel. Gott selbst weist sie hin auf dies Wort. Darum muß ein Mensch, wenn anders Gott will, daß Allen geholfen werde, durch dies Wort wirklich göttlich gewiß werden können seines Glaubens und der Gnade Gottes.

So verweist auch Paulus den Timotheus auf die hohe Autorität der Schrift 2 Tim. 3, 15—17.: „Weil du von Kind auf die heilige Schrift weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit, durch den Glauben an Christo JEsu. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Wert geschickt.” Wie hoch preist hier Paulus dem Timotheus die heilige Schrift! Sie allein kann weise machen zur Seligkeit; sie allein ist die göttliche Quelle der Ertenntnis; sie allein kann jeden Menschen Gottes vollkommen machen. Welches menschliche Buch, und wäre es das köstlichste, könnte solchen Anspruch erheben, daß es alles enthält, was einen Menschen ewig glücklich und selig machen kann, auf jede Anfechtung, in jeder Not den rechten wahren Trost gibt, darin für jedes Menschen Herz der rechte Ton angeschlagen wird?

Die heilige Schrift sagt ferner von sich, daß sie auch eine Quelle der Erkenntnis von solchen Dingen sei, davon aus sich selbst niemand etwas weiß. 1 Cor. 2, 9.: „Das kein Auge gesehen hat, und kein Ohr gehöret hat, und in keines Menschen Herz kommen ist, das Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; uns aber hat es Gott offenbaret durch seinen Geist.” So haben denn die heiligen Männer Gottes geredet, getrieben von dem Heiligen Geist, und uns eine Quelle der Erkenntnis gegeben, wie sie nur Gott geben kann.

Daher ist sie auch zweitens die einzige Regel und Richtschnur, nach welcher alle Lehren beurteilt und alle Lehrer als verwerflich erklärt

69

werden sollen, die nicht mit der Schrift übereinstimmend lehren, wie Jer. 8, 9. geschrieben stehet: „Darum müssen solche Lehrer zu Schanden, erschreckt und gefangen werden; denn was können sie Gutes lehren, weil sie des HErrn Wort verwerfen?” und Jer. 23. 16.: „So spricht der HErr Zebaoth: Gehorchet nicht den Worten der Propheten, so euch weissagen. Sie betrügen euch; denn sie predigen ihres Herzens Gesicht, und nicht aus des HErrn Munde."

Hingegen befiehlt die Schrift 2 Thess. 2, 15.: „So stehet nun, lieben Brüder, und haltet an den Satzungen, die ihr gelehret seid, es sei durch unser Wort oder Epistel.” Da die Christen hier aufgefordert werden, dem, was die Schrift sagt, Gehör zu geben und dabei zu bleiben, so kann niemals der Fall eintreten, daß sie irgend etwas finden, davon sie abzustehen hätten, sondern sie sollen bei allem bleiben im Leben und im Sterben. Dasselbe bezeugt Paulus, wenn er Rom. 15, 4. schreibt: „Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben.” Hier bezieht sich ja Paulus auf das Alte Testament und sagt damit aus, daß die Autorität des Alten Testamentes mit der Fülle der Zeit nicht aufgehört habe, sondern es ist auch uns, die wir im Neuen Bunde leben, geschrieben zur Lehre, auf daß wir eine Hoffnung haben, die nicht zu Schanden wird, die auf göttlichem Grunde ruht. Soll die Schrift aber das geben, so muß sie in allen Stücken ein göttlicher Grund sein; nirgends darf sich Sandgrund oder Schlamm menschlicher Meinung darin finden.

Daß schon die Gläubigen im Alten Bunde an der Schrift eine solche Regel hatten, sehen wir aus Ies. 8,19. 20.: „Wenn sie aber zu euch sagen: Ihr müsset die Wahrsager und Zeichendeuter fragen, die da schwätzen und disputieren, so sprecht: Soll nicht ein Volk seinen Gott fragen? oder, soll man die Toten für die Lebendigen fragen? Ja, nach dem Gesetz und Zeugnis. Werden sie das nicht sagen, so werden sie die Morgenröte nicht haben.” Wenn es also damals galt zu beurteilen, was gepredigt wurde, so hatte keine Berufung auf irgend etwas anderes Geltung, nicht eine Berufung auf den Geist der Wahrsager oder auf Verkehr mit den Toten, sondern hier galt allein das Gesetz und Zeugnis, d. i. die Bibel. So mußten auch im Neuen Testament schon zu der Apostel Zeit alle die, welche aus Gottes Geist redeten, alle ihre Reden nach der Schrift beurteilen lassen, wie wir lesen 1 Cor. 14, 37.: „So sich jemand lasset dünken, er sei ein Prophet oder geistlich, der erkenne, was ich euch schreibe; denn es sind des HErrn Gebote.” Und wenn Christus von seinen Jüngern fordert, daß sie glauben sollen alle dem, das die Propheten geredet haben, ohne erst zu überlegen, ob sie es annehmen könnten oder nicht, so geht daraus unleugbar gewiß hervor, daß, wenn ein Prophet redet, Gott selbst gehört wird; denn eine solche Autorität kann kein Mensch, sondern nur Gott mit Recht beanspruchen. Darum wird ein schreckliches Gericht


70

ausgesprochen über die, welche nicht gehorsam sind dem Evangelio Christi, 2 Thess. 1, 8.: „Und mit Feuerflammen Rache zu geben über die, so Gott nicht erkennen, und über die, so nicht gehorsam sind dem Evangelio unsers HErrn JEsu Christi.” Wenn des Menschen Sohn zum letzten Weltgericht kommen wird, so wird er nicht urteilen nach einem menschlichen Buch, sondern nach göttlichem Maßstabe. Und das ist das Evangelium, das er geredet und in der Schrift aufgezeichnet hat. Daher wird Apost. 13, 41. 46. geradezu gesagt, daß, wer das Wort Gottes verachtet, damit sich selbst nicht wert hält des ewigen Lebens. „Sehet, ihr Verächter, und verwundert euch und werdet zu nichte; denn ich tue ein Wert zu euren Zeiten, welches ihr nicht glauben weidet, so es euch jemand erzählen wird.” „Euch mußte zuerst das Wort Gottes gesagt werden; nun ihr es aber von euch stoßet und achtet euch selbst nicht wert des ewigen Lebens, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden.”  Nur eine göttliche Schrift kann fordern, daß niemand jemals von ihr abweichen soll, und zwar unter Androhung des göttlichen Zornes und Fluches.  Und solcher Fluch soll nicht nur die treffen, die der Schrift entgegentreten, sondern auch die, welche nur anders lehren als sie. Gal. 1, 8.: „Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht.” Unter den Galatern fanden sich Leute, die behaupteten, daß sie die rechte Lehre führten und sie seien die rechten Nachfolger der Apostel; Paulus aber sei gar kein rechter Apostel. Aber die Schrift verfluchte sie als falsche Apostel, weil sie anders lehrten, als das von Paulo gepredigte Evangelium.

5 Mos. 12, 32. befiehlt Moses: „Alles, was ich euch gebiete, das sollt ihr halten, daß ihr darnach tut. Ihr sollt nichts dazu tun, noch davon tun.” So kann nur der reden, der Gottes Wort redet in dem Sinn, wie der vom Heiligen Geist zum Reden getriebene Moses. Von unseren Predigten können wir nicht so sagen. In den Schriften unserer hocherleuchteten Väter mag sich hier und da eine Auffassung finden, von der wir sagen müssen: wir gehen hier nicht mit. Aber wo so geredet wird: Niemand tue etwas davon oder dazu, da muß der geredet haben, bei dem jedes Wort göttliche Wahrheit ist. Daher denn auch Christus seinen Aposteln befahl, sie sollten die Menschen halten lehren alles, was er ihnen befohlen hatte. Wenn dagegen wir die Christen anhalten, daß sie dieses tun und jenes verwerfen sollen, so können sie mit Recht sagen: Wo steht's geschrieben? Bei den Aposteln ist es anders; die konnten sagen: Ihr müßt euch daran halten, weil wir es aus dem Heiligen Geist geschrieben haben. So erhebt Paulus seine Briefe zu einem Gebrauch in der Kirche, wie ihn nur Gottes Wort hatte, wenn er seine Schriften den Gemeinden hingibt öffentlich zu lesen, und sie beschwört, d. h. in Gottes Namen auffordert, sie nicht ungelesen zu lassen. Denn in der Gemeinde wurde Gottes Wort gelesen. Wie würden sich diese Gemeinden hoch verwundert haben, wenn ihnen Paulus

71

mit solchen Worten befohlen hätte, ein menschlich Buch also öffentlich vorzulesen! 1 Thess. 5, 27. schreibt er: „Ich beschwöre euch bei dem HErrn, daß ihr diese Epistel lesen lasset allen heiligen Brüdern.” Und Col. 4, 16.: „Und wenn die Epistel bei euch gelesen ist, so schaffet, daß sie auch in der Gemeine zu Laodicea gelesen werde, und daß ihr die von Laodicea leset."

Man merke ferner: Wäre Christus nicht wahrer Gott, so wäre er noch weniger ein frommer Mensch gewesen, denn er redet von sich, wie allein der große Gott von sich reden kann. Dieselbe Bewandtnis hat es auch mit der Bibel. Wäre sie nicht Gottes Wort, so wäre sie noch weniger ein gutes Buch. Denn sie redet von sich, wie allein ein Buch von sich reden kann, welches Gott selbst zum Verfasser hat. Dies beweist aber die Bibel auch durch die Gotteskraft, die ihr inwohnt und an den Herzen der Leser äußert. Wie man bei einem jeden Worte JEsu mit Petrus sagen muß: „HErr, du hast Worte des ewigen Lebens”, dasselbe mussen wir auch von den Worten der Bibel bekennen, wenn wir sie lesen. Jeder wahre Christ wird sich an Zeiten erinnern, wo die Zweifel wie Meereswogen über sein Herz zusammenschlugen. Was half ihm heraus? Nicht das, daß er ein Buch hernahm, das eine Verteidigung des Christentums enthielt, sondern die Bibel selbst bat seine Zweifel verscheucht; oft nur ein paar Sprüche derselben ließen ihn sofort spüren, wie das kalte Herz wieder warm wurde, sodaß er ausrufen mußte: Nein, mein Gott, dies Buch ist doch dein Wort, ein Wort des Lebens, der Kraft, des Trostes, ein Himmelslicht, das in keiner Finsterniß verlischt, darauf man getrost im Glauben selbst auf dem Blutgerüste sterben kann. Alle Märtyrer haben für den Glauben, daß die Bibel Gottes Wort ist, mit Freuden ihr Blut vergossen. Wehe der Zeit, in welcher dieser Glaube aufhört! Da fließt auch kein Märtyrerblut mehr.

Sämmtliche Thesen wurden von der Synodalconferenz einstimmig angenommen.