Offener Brief an die Abgeordneten von SPD und Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus und an die demokratischen politischen Kräfte Deutschlands
Wir, die unterzeichnenden Jüdinnen und Juden aus Berlin und ganz Deutschland, haben unterschiedliche Biografien und unterschiedliche Wege hierher. Was uns verbindet, ist die Überzeugung, dass jüdische Sicherheit, Selbstbestimmung und die Zurückweisung von Judenfeindschaft nicht verhandelbar sind.
In der Partei Die Linke und ihrem Jugendverband sehen wir antisemitische Tendenzen von strukturellem Charakter. Deshalb sprechen wir uns gegen eine Koalition von SPD und Grünen mit der Linkspartei in Berlin aus. Judenfeindlichkeit ist Menschenfeindlichkeit. Sie darf in der Politik eines demokratischen Deutschlands keinen Platz haben. Auch dann nicht, wenn davon eine Regierungsmehrheit abhängt.
Dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, zeigt sich in Äußerungen von Funktionären, in der Verharmlosung terroristischer Organisationen und in Beschlüssen ganzer Parteigliederungen. Besonders beunruhigend ist der Umgang mit der Kritik daran. Statt Vorfälle konsequent aufzuarbeiten und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen, richtet sich die Empörung immer wieder gegen diejenigen, die das Problem benennen. “Das ist ein Angriff auf uns alle", heißt es in einer Kampagne der Partei. Der Co-Vorsitzende der Linken, Luigi Pantisano, erklärte, seine Partei werde angegriffen, weil sie sich als einzige mit den Reichen und Mächtigen anlege. So wird das Antisemitismusproblem relativiert oder geleugnet.
Zugleich wird Kritikern unterstellt, eine politische und mediale Hetzjagd gegen die Partei im Interesse rechter Kräfte und Konzerne zu betreiben. Das trifft jüdische Kritiker der Linken besonders schmerzhaft. Jüdinnen und Juden als Handlanger oder Strippenzieher sinistrer Mächte darzustellen und ihre öffentlichen Äußerungen in Verschwörungserzählungen einzuordnen, gehört zum altbekannten Repertoire der Judenfeindschaft.
Aus der Partei Die Linke und ihrem Umfeld hören wir außerdem, man müsse zwischen Antisemitismus und Antizionismus unterscheiden. Zionismus bedeutet die nationale Selbstbestimmung des jüdischen Volkes in seiner historischen Heimat, die in der Gründung des Staates Israel verwirklicht wurde. Wer Antizionismus propagiert, kritisiert nicht israelische Regierungen und deren Handeln, sondern spricht Jüdinnen und Juden das Recht auf nationale Selbstbestimmung in einem eigenen Staat ab.
Auch die Beteuerung, es gehe lediglich um Solidarität mit den Palästinensern, überzeugt uns angesichts dieser Fixierung wenig. Wir fragen, warum die Opfer von Kriegen und Massenverbrechen in anderen Teilen der Welt keine vergleichbare politische Leidenschaft auslösen; ebenso ist auffallend, wie wenig Aufmerksamkeit palästinensische Todesopfer und palästinensisches Leid finden, wenn sie von der Hamas oder anderen nichtisraelischen Akteuren verursacht werden. Deutlich wird der Widerspruch im Umgang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Hier wendet sich die Partei gegen die militärische Unterstützung, die das angegriffene Land zu seiner Verteidigung braucht.
Ein Großteil der Jüdinnen und Juden in Deutschland haben Wurzeln in der Sowjetunion und wissen aus eigener oder familiärer Erfahrung, was der dort zur Staatsdoktrin gehörende Antizionismus in der Praxis bedeutete: institutionelle Diskriminierung und allgegenwärtige Propaganda, die Judenfeindlichkeit in der Bevölkerung befeuerte. Auch Jüdinnen und Juden aus der DDR kennen die Verbindung von antifaschistischen Beteuerungen und antizionistischer Hetze. Wir lassen uns durch Begriffsspiele nicht darüber hinwegtäuschen, welche Folgen solche Ideologien haben können.
Wir wissen, dass es auch in der Partei Die Linke Widerspruch gegen diese Entwicklung gibt. Es gibt Distanzierungen, einzelne Ausschlüsse, aber auch massiven Widerstand gegen Konsequenzen. Solange judenfeindliche Positionen in der Partei organisiert vertreten und gegen Kritik abgeschirmt werden, reichen Schutzversprechen ihrer Spitzen nicht aus.
Wir hoffen, dass Die Linke die Kritik ernst nimmt, sich mit dem Antisemitismus in ihren Reihen und auf struktureller Ebene auseinandersetzt und ihn konsequent bekämpft. Sie muss über Beteuerungen hinaus beweisen, dass sie es ernst meint. Noch ist es nicht so weit.
Deshalb appellieren wir an die demokratischen politischen Kräfte Deutschlands, Antisemitismus als Ausschlusskriterium zu behandeln, statt ihn als lästigen Schönheitsfehler eines ansonsten erwünschten Koalitionspartners hinzunehmen. Gehen Sie unter diesen Voraussetzungen keine Koalitionen mit der Linkspartei ein – weder in Berlin noch in anderen Bundesländern.
Gerade jetzt hätte eine solche Koalition Folgen über Berlin hinaus. Sie würde die Glaubwürdigkeit der Brandmauer untergraben: Wenn grundlegende demokratische Maßstäbe einer Regierungsmehrheit zuliebe verhandelbar werden und bloße Bekenntnisse genügen, kann dies als Einladung verstanden werden, auch Koalitionen mit der AfD unter symbolischen Bedingungen zu rechtfertigen. Wer die Brandmauer verteidigen will, darf ihre Grundsätze nicht selbst aushöhlen.
Das dürfen wir nicht zulassen.
Berlin, 06. Oktober 2026
- Isak Aasvestad, Rabbiner
- Michael Abramovici, Musiker
- Isidoro Abramowicz, Kantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Leiter der Kantorenausbildung am Abraham Geiger Kolleg
- Sharon Adler, Journalistin und Fotografin
- Marina Akselbant, Rentnerin
- Ramona Ambs, Schriftstellerin
- Sandra Anusiewicz-Baer, Religionspädagogin
- Maria Arkadieff, UI-Designerin und Komponistin
- Maya Ashiniants, Grafikerin, Künstlerin
- Ilona Aziz, selbstständig
- Alla Barska, 1. Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Pyrmont
- Genia Berg, Lehrerin und Autorin
- Tamar Berg, Egalitärer Minjan Frankfurt am Main
- Deidre Berger, Programmleiterin, Tikvah Institut gUG
- Olivia Bergmann, Rentnerin
- Rebecca Bergmann, Gymnasiallehrerin
- Viktor Bergmann, Rentner
- Julia Bernstein, Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft, Frankfurt University of Applied Sciences, Vorsitzende des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender (NJH)
- André Bibo, Polizist
- Tatjana Birman, Verwaltungsmitarbeiterin
- Jotham Bleiberg, Musiker
- Irina Bondas, Diplom-Dolmetscherin und Übersetzerin
- Ljudmila Borisenko, Managerin
- Oliver Bradley, Publizist
- Yevgeniy Breyger, Autor
- Anastasia Brodskaya, selbstständig
- Shira von Broen, Sozialarbeiterin, Vorstandsmitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover KdöR
- Isanna Bruck-Fischmann, Life-Coach
- Jérôme Buske, Politikwissenschaftler
- Yevgeniy Buzik, Lehrer an der Gesamtschule Lindenthal in Köln
- Annegret Coordes
- Leah Carola Czollek, Sozialpädagogin
- Alexander Dantsiger, SW-Ingenieur
- Ignat Davydov, Psychologe, LMU
- Mike Delberg, jüdischer Aktivist
- Max Doehlemann, Komponist und Pianist
- Achim Doerfer, Jüdische Gemeinde Göttingen
- Olga Donskoy, Chefkochin
- Olga Dudko, Geschäftsführerin und Projektmanagerin
- Roman Ekimov, Fotograf
- Pavel Emdin, IT-Berater
- Ekaterina Ernst, Lehrerin und Menschenrechtsaktivistin
- Alexander Estis, Schriftsteller
- Shoshana Evers, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie
- Demian Fanschel, Arzt und Autor
- Maximilian Feldhake, Rabbiner
- Michael Fichtenholz, Musikwissenschaftler
- Artur Fredekind, Blogger
- Michael Friedman, Informatiker, Geschäftsführer INTERAKTIV
- Dimitri Furman, Grafiker
- Nicola Galliner, Gründerin des Jüdischen Film Festivals Berlin & Brandenburg
- Katja Garmasch, Journalistin
- Vladimir Genin, Komponist
- Lev Gershenzon, IT-Experte
- Avitall Gerstetter, Kantorin
- Rina Ginzburg, Fotografin
- Veronika Glasunowa, Regisseurin und Mitbegründerin aMensch e.V.
- Maya Glezerova, Übersetzerin
- Larisa Godik, Rentnerin
- Gabriel Goldberg, Account Manager
- Sergej Griff, Arzt
- Michael Groys, Publizist
- Jörg Grünewald, Justizbeamter (Master of Arts)
- Yuriy Gurzhy, Musiker und Autor
- Julia Gusenfeld, wissenschaftliche Referentin
- Gerhard Haase-Hindenberg, Schauspieler und Autor
- Patrick Hahne, Jüdische Gemeinde Celle, 1. Vorsitzender
- Natallia Harder-Florenz, Leitende Angestellte
- Simone Hartmann, Geschäftsführerin Deutsch-Israelische Gesellschaft e.V.
- Simone-Sofie Haß, Ärztin
- Jenny Havemann, Vorstandsvorsitzende Ha-Kesher e.V., Autorin
- Gabriela Hermer, Redakteurin
- Brigitte Heymann, Ruheständlerin
- Daniel Heymann, Ruheständler
- Yohana Rahel Hirschfeld, Abgeordnete der BV Hamburg-Altona für B 90/ Die Grünen
- Johannes Honigmann, Literaturübersetzer
- Mircea Ionescu, 1. Vorsitzender Menorah - Liberale jüdische Gemeinde Bremen/Bremerhaven e.V.
- Alexandra Jacobson, Journalistin
- Diana Jaffé, Business Consultant
- Ramón Jaffé, Cellist, künstlerischer Leiter des Kammermusikfests Hopfgarten und musikalischer Programmleiter der Konzertreihe SEIN & BLEIBEN Oranienburg
- Jelena Jeremejewa, Medienkünstlerin, Juniorprofessorin für Digitalen Film im Kontext der Künste an der Universität Hildesheim
- Jacqueline Juergenliemk, Psychotherapeutin
- Anetta Kahane, Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung, Autorin, Publizistin
- Peter Kahane, Regisseur
- Alexander Kamionsky, Journalist
- Vivian Kanner, Darstellerin
- Sergey Kantere, Software-Entwickler
- Leonid Kaplan
- Guy Katz, Initiator von DACH gegen Hass
- Irina Kholodna, Fotografin
- Daniel Killy, freier Redakteur und Autor
- Nikolai Klimeniouk, Journalist
- Anna Knaifel, Musikerin
- Olga Kogan, Rentnerin
- Gadi Kohls, Rentner
- Liliana Kohls, Rentnerin
- Daniel Kohn, Vorstand, WerteInitiative e.V.
- Marina Koren, Vorstandsvorsitzende aMensch e.V.
- Sandra Kreisler, Darstellerin und Autorin
- Ksenia Krimer, Historikerin
- Yuriy Krotov, Journalist und politischer Bildner
- Olga Krychevska, Leitung Grand Classic Ballet
- David Kuperman, Vertriebsleiter
- Helga Kurzchalia, Psychotherapeutin und Autorin
- Iryna Kyrychenko, Karriereberaterin und Job-Coach
- Sonja Lahnstein-Kandel, Vorsitzende Stiftung step21
- Susanne Levi-Schlesier, Geschäftsführerin Jüdische Gemeinde Göttingen
- Natalia Likhacheva, Dipl.-Mathematikerin
- Elvira Linnewedel, Rentnerin
- Maria Lipkovitch, Redakteurin und Menschenrechtlerin
- Anatoli Loucher, Technischer Leiter
- Elena Maaß, Sozialarbeiterin
- Simon Maaß, Student
- Irina Mak, Journalist und Kunstkritikerin
- Sergey Malev, Unternehmer
- Judit Marach, Schulsekretärin
- Sonja Margolina, Autorin
- Richard Markus, Wirtschaftsprüfer und Chartered Accountant
- Tatjana Mass, 1. Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover
- Sigalit Meidler-Waks, Kunsthistorikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Jewish Digital Cultural Recovery Project Stiftung
- John Meister, Politikwissenschaftler
- Andrea Mente-Harel, Lehrerin
- Anna Merkulova, Ingenieurin
- Shelly Meyer, Jüdische Bildungsreferentin
- Sabina Morein Gililov, Leiterin des jüdischen Kindergartens Stuttgart
- Michael Movchin, Präsidiumsmitglied Makkabi Deutschland e.V.
- Yuri Nikitin, Unternehmer, Vorstandsvorsitzender Freies Russland NRW e.V.
- Ludmila Obuhova, Projektmanagerin und Yoga-Lehrerin
- Yaroslav Olschanski, Dentalhygieniker
- Bari On, Flugbegleiterin
- Elizaveta Orlova, Ärztin
- Walter Joshua Pannbacker, Beauftragter gegen Antisemitismus, Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein KdöR
- Lidia Perlova-Griff, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
- Marcela Polgar, Motion-Designerin
- Andrej Polynski, SAP-Berater
- Elena Polynski, Rechtsanwältin
- Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale)
- Yefym Pysmennyi, Rentner
- Jacek Rabinski, Komponist
- Zwi Rappoport, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Dortmund, Vorsitzender des Landesverbands von Westfalen Lippe, Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland
- Miriam Roschner, Schülerin
- Michael Rosenblum, Prof. emer. / Physiker
- Ruth Rosenfeld, Schauspielerin
- Marlis Rossbach, Psychologin
- Eva Rozanov, Psychologin
- Daria Rozensheyn, Erzieherin
- Iris Salzberg, Geschäftsfrau und Philanthropin
- Esther Schapira, Journalistin und Filmemacherin
- Irina Scherbakowa, Historikerin
- Tuvia Schlesinger, Polizeibeamter a.D., Mitglied im Kuratorium der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin
- Carola Schmidt, Apothekerin
- Alexandr Schnaidmesser, Historiker
- Pazit Schraga, Referentin
- Boris Schumatsky, Autor
- Yuri Schwarz, Facharzt für Orthopädie
- Alexander Shapiro, Diplom-Ingenieur
- Anna Shibarova, Übersetzerin, Hochschuldozentin
- Elizaveta Shlosberg, Grafikdesignerin
- Maria Shneyder, Ärztin
- Anna Seidelsohn, Frauenärztin
- Roman Seidelsohn, Web-Entwickler
- Rebecca Seidler, Vorsitzende Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen K.d.ö.R.
- David Seldner, Diplom-Mathematiker
- Mark Semenov, Rentner
- Elena Semenova, Dozentin FH Potsdam
- Elina Senders
- Boris Shavlov, Journalist
- Benno Simoni, Lehrer in Pension
- Ilya Sirota, IT-Projektleiter
- Anatoli Skatchkov, Filmregisseur
- Alexander Smoljanski, Regisseur
- Michael Stahl, Lehrer
- Anna Staroselski, PR-Consultant
- Sergey Stepanyuk, Geschäftsführer
- Evgeni Tanklevski, Bauingenieur
- Mariya Thiel, Bankangestellte
- Bertolt Karsten Troyke, Sänger
- Manuel Trökes, Direktor Trökes-Archiv
- Esther Tscherniak, Apothekerin
- Dimitri Tukuser, Vorstand Liberale Jüdische Gemeinde Wolfsburg
- Leonid Ulitzky, Ingenieur
- Andrey Verbitskiy, Arzt
- Svetlana Volkova, Steuerfachwirtin
- Jutta Walbe, Förderschulleiterin
- Simona Weisberg, Angestellte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin
- Yevgeniya Yarnovska, Rechtsanwältin
- Peter Mordechai Zamory, ehem. Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft für die Grünen
- Rimma Zhytnytska, Ingenieurin
- Marcia Zuckermann, Schriftstellerin
- Helen Zweig-Rabinski, Musikpädagogin