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(Seite 1)

Lehre und Wehre.

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Jahrgang  2.          Januar 1886.                No. 1.

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Vorwort.

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Im Februar 1884 hielten die Professoren Dr. W. Volck und Dr. F. Mühlau in Dorpat in der Aula des dasigen Universitätsgebäudes vor einer dazu eingeladenen Versammlung der Gebildeten der Stadt zwei die Bibel betreffende öffentliche Vorträge. Volck behandelte die Frage: “Inwieweit ist der Bibel Irrtumslosigkeit zuzuschreiben?” Mühlau: “Besitzen wir den ursprünglichen Text der heiligen Schrift?”  Der Erstere machte es sich zur Aufgabe, nachzuweisen, daß die heilige Schrift allerdings allerlei Irrtümer in geschichtlichen, geographischen, naturgeschichtlichen und ähnlichen Dingen enthalte. Zuverlässig sei sie nur soweit, als sie die Urkunde der Geschichte der Heilsoffenbarung sei. Um zu zeigen, auf welchem Wege ein Bibelleser oder vielmehr der Bibelausleger (denn der gemeine die Bibel lesende Laie muß sich hier natürlich auf die wissenschaftlich gebildeten Theologen verlassen) nichtsdestoweniger das Wahre aus dem Irrigen der heiligen Schrift herauszulesen im Stande sei, erklärte er: “Um die Sonderung des Gebietes des Untrüglichen von demjenigen, wo Irrtum möglich ist, und weiter  die Scheidung vom Wesentlichen und Unwesentlichen in der Bibel vollziehen zu können, muß der Ausleger alles Einzelne ihres Inhaltes beurteilen nach seinem Verhältnis zu dem Heil, welches in der von ihr berichteten Geschichte verwirklicht vorliegt.  Er muß zusehen, ob und in welchem Zusammenhange es mit demselben steht.” Die letzte Entscheidung, ob Etwas in der heiligen Schrift wahr oder falsch sei, Wesentliches oder nur Nebensächliches, Gleichgültiges enthalte, in einem gewissen Sinne Gottes Wort oder nur eine menschliche Meinung sei, hat also der Schriftausleger, und selbstverständlich nur derjenige, welcher aus der Schrift ein streng abgeschlossenes Lehrganzes zu abstrahieren verstanden hat, und nun genau angeben kann, was zu demselben gehört, was nicht. Der Letztere, Prof. Mühlau, verneinte einfach seine Frage, indem “keine der zahlreichen Doubletten im Alten Testament den Worten nach unter sich völlig harmonieren”, und was das Neue Testament (Seite 2 |)  betrifft, “von der großen Menge von Handschriften nicht zwei völlig mit einander übereinstimmen”.

Hätten lutherisch sich nennende Theologen, um die heilige Schrift als ein Buch voll Irrtümer darzustellen, im 16. und 17. Jahrhundert solche Erklärungen veröffentlicht, so würden ohne Zweifel  alle lutherische Facultäten wie ein Mann sogleich dagegen laut und feierlich protestiert haben. Was ist aber geschehen? Nicht eine Facultät lutherischen Namens hat dagegen auch nur einen leisen Protest erhoben.  Vielmehr schweigen sie unseres Wissens alle hierzu. So entschieden sie es als eine große Taktlosigkeit mißbilligen mögen, daß Volck und Mühlau mit der Lehre der moderngläubigen theologischen Wissenschaft von der Schrift schon jetzt vor das große Laien-Publikum getreten sind, ebenso entschieden erkennen sie die Genannten als echte Repräsentanten ihrer, d. i. der moderngläubigen Theologie an. Daher das Schweigen. Während aber selbst kein einzelner namhafter Theolog der Gegenwart gegen die Dorpater Vorträge seine Stimme erhoben und von der darin enthaltenen grundstürzenden Irrlehre sich losgesagt hat, haben vielmehr einzelne moderngläubige Theologen, wie Prof. Dr. Luthardt in Leipzig und Prof. emer. Dr. Th. Harnack in Dorpat, ersterer in den Anzeigen der betreffenden Schriften, der andere in einem eigenen Schriftchen, sich zu dem ganzen Inhalt der Dorpater Vorträge ausdrücklich und rückhaltslos mit bekannt.  Wahrhaft erfrischend war und ist es daher hierbei gewesen, daß hingegen eine ganze Landessynode, die der livländischen Insel Oesel, durch eines ihrer Glieder, Herrn Pastor N. v. Nolcken zu Prude auf Oesel, einen wohlmotivirten “Protest” durch den Druck veröffentlicht, resp. auf Grund eines förmlichen Beschlusses denselben “als ihr Mitbekenntniß” zu dem ihrigen gemacht hat. Dieser Protest schließt mit folgenden Worten: “Ich für meine Person lege hiermit als Glied unserer Landeskirche und als ein verordneter Diener derselben meinen Protest dagegen nieder, daß unsere confessionelle, auf die Symbole und auf die Bibel verbundene theologische Facultät zu Dorpat in zweien ihrer Glieder (und ohne von Seiten der anderen gezeugt zu haben) offenbar von der Bibel abgefallen und diesen Abfall den jungen Theologen lehrt und in der Gemeinde verbreitet. So Gott mir hilft, soll meine Seele keine Gemeinschaft daran haben!  Amen!”  Gott segne den teuren Mann und die ganze mit ihm bekennende hochwürdige Synode für dieses treue Zeugnis, gedenke ihnen dasselbe am Tage der Vergeltung und lasse es vielen wankend gemachten Seelen zur Wiedererneuerung ihres Glaubens an das Buch aller Bücher gereichen.1) 

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1) Herr Pastor v. Nolcken berichtet in dem von ihm redigierten “Protest” u. a.: “Es ist mir aus Dorpat die schmerzliche Klage zu Ohren gekommen: daß Viele verwirrt, betrübt worden seien. Eine Dame hatte mit Thränen von der Bibel gesagt:

(Seite 3)

Diese Mitteilung stellen wir nicht darum an die Spitze des diesjährigen Vorworts unseres theologischen Monatsblattes, weil es erst endlich durch die Dorpater Vorgänge an den Tag gekommen wäre, daß die moderngläubigen und modernlutherischen Theologen “von der Bibel abgefallen” seien. Leider ist dies ja eine schon längst nicht nur allen Theologen, sondern auch solchen Laien, welche sich in dieser letzten Zeit als lebendige Glieder der Kirche um den Schaden Josephs bekümmern, bekannte Tatsache.  Schon in dem ersten Heft dieser Zeitschrift, vor nun bereits einunddreißig Jahren, mußten wir es ernstlich rügen, daß Prof. Dr. Kahnis (in jener Zeit, in welcher es noch bei Weitem besser um ihn stand, als gegenwärtig, als er seinen Abfall von allen Grundlagen der ganzen christlichen Religion noch nicht öffentlich vollzogen hatte, was erst 1861 in seiner “Lutherischen Dogmatik” geschah) in  seiner Schrift von 1854: “Der innere Gang des deutschen Protestantismus”, erklärt hatte: “Der Protestantismus steht und fällt mit dem Grundsatze von der alleinigen Autorität der Schrift.  Unabhängig aber ist dieser Grundsatz von der Inspirationslehre der alten Dogmatik.  Sie wieder aufzunehmen wie sie war, kann nur mit Verhärtung gegen die Wahrheit geschehen.” (!) Nachdem ferner “Lehre und Wehre”, Jahrg. XVII (1871), S. 72 ff., vgl. Jahrg. XXI (1875), S. 258 ff., durch wörtliche Excerpte aus den Schriften der moderngläubigen und modernconfessionellen Theologen, wie v. Hofmann, Kahnis, Luthardt, Kurtz, Dieckhoff, Grau, selbst Thomasius, Delitzsch, es konstatiert hatte, daß dieselben sämmtlich die göttliche Eingebung der ganzen heiligen Schrift aufgegeben haben, registrierte “Lehre und Wehre” das ausdrückliche öffentliche Eingeständnis der “Erlanger Zeitschrift” von 1873, S. 222: daß “die altkirchliche Inspirationslehre in Deutschland wenigstens Niemand mehr vertritt”.  Endlich gab “Lehre und Wehre”, Jahrg. XXIV (1878), S. 316 und Jahrg. XXVII (1881), S. 218, Beispiele auch dazu, wie blasphemisch -leichtfertig erst die kleinen Geister, die treuen Schüler jener akademischen Lehrer, jetzt von der heiligen Schrift zu reden sich nicht entblöden.  Im “Sächs. Kirchen- u. Schulblatt 

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,Ich kann sie nicht mehr lesen!' -- Nun -- das wird gefordert werden! – Es ist mir auch merkwürdig gewesen, noch in diesem Frühling (1884) gerade aus Dorpat den Bericht von dem seligen Hingangen einer ‘Stillen im Lande’ empfangen zu haben, welcher freilich stattgefunden, ehe jene Vorträge gehalten worden, der aber ein Moment enthält, welches ich nur auf Vorgänge in der Universitätsstadt beziehen kann, mit denen die in Rede stehenden Vorträge in engem Zusammenhange stehen.  Es hatte nach diesem Berichte die Sterbende, aus langer Agonie erwachend, gerufen: ‘Glaubet, glaubet, glaubet Alles, was in der Schrift geschrieben steht!  Jedes Wort ist Wahrheit!’  Dies ist ein heiliger Protest aus dem Kreise der ‘Engen’ und ‘Bornierten’ gegen das Treiben akademischer Borniertheit, das untüchtig zum Glauben und Bekennen wird.”

(Seite  4)

 vom 15. August 1878 schreibt nämlich ein solcher Pythagoräer: “Luthardt sagt irgendwo: Die Formel, nach welcher die Stellung der Schrift zu beurteilen ist, haben wir noch nicht gefunden. (!) Zu diesem Geständnis kann der hochverehrte Lehrer unserer ev.  -luth. Kirche nur durch die Erwägung veranlaßt worden sein, daß es mit der mechanischen Wort- und Buchstabeninspiration nichts sei, weil sich die vorhandenen Unvollkommenheiten, Ungenauigkeiten, Widersprüche, demnach Irrtümer, nicht wegleugnen lassen. . . . Wir haben zwar das Ganze der Schrift” (d. i. die Schrift als Ganzes synekdochisch) “als Gottes Wort, das uns die zur Seligkeit nothwendige Heilswahrheit darbietet, anzusehen, nicht aber jedes einzelne Wort und jeden einzelnen Satz.”  In Luthardt's “Theol. Literaturblatt” vom 4. März 1881 schreibt ferner ein Recensent, ohne Zweifel auch ein Theolog minorum gentium. “Es ist purer Mißverstand; als ob der Verfasser die Zeit repristinieren wollte, welche die Bibel als ein unmittelbar vom Himmel herniedergekommenes Buch ansah und die Wahrheit ihres göttlichen Ursprungs so einseitig auffaßte, daß sie vergaß, daß die Propheten und Apostel den Schatz göttlicher Weisheit in irdischen Gefäßen trugen.”  (Gleich als ob Gold in irdenen Gefäßen zu schmutzigen Schlacken würde!) “Ließ man damals den Verfassern nicht einmal die Wahl der Ausdrücke übrig, so sieht L. K. P. die Zahlen als ‘unbedingte Wahrheit an. Er sollte doch nicht vergessen, daß es sich für die ‘Apologie und den Schutz der Bibel', als des untrüglichen Wortes Gottes, um die Erhaltung weder eines kulturgeschichtlichen Standpunktes, noch ihrer wissenschaftlich correcten chronologischen Aufstellungen handelt, sondern daß wir in ihr den Niederschlag der großen Offenbarungstatsachen Gottes an die Welt, also religiöse Wahrheiten haben, und ihr um dieser Tatsachen, nicht aber um ihrer so oder so gearteten Fassung willen glauben.”  Ohne Zweifel ist es insonderheit der verewigte Prof. v. Hofmann, aus dessen Schule die meisten modern-lutherischgläubigen akademischen Theologen hervorgegangen sind oder dem sie doch alle für ihre Theologie viel zu  verdanken zu haben meinen, durch welchen die Lehre von dem sogenannten “gottmenschlichen” Charakter der heiligen Schrift zu fast allgemeiner Annahme gekommen ist.  Die ganze Art seines theologischen Systems verlangt eine Bibel eines solchen Charakters, und während er es geradezu verwarf, bei der Construction eines theologischen Systems von der Schrift seinen Ausgang zu nehmen, und nur von dem Schriftganzen aus beurteilt sein wollte, verstand er es hingegen, so mit der Kirche zu reden, daß er bei seiner Auflösung aller primären Fundamentalartikel unseres allerheiligsten christlichen Glaubens doch Vielen als der Orthodoxeste unter den Orthodoxen und als der eigentliche Erfinder der wahren theologischen Wissenschaft erschien. Sehr wahr ist, wenn Dr. Th. Kliefoth in seiner Kritik des v. Hofmann'schen sogenannten “Schriftbeweises” über (Seite 5) die darin niedergelegte Lehre von der heiligen Schrift u. a. wie folgt schreibt: “Die zweite Konsequenz, welche sich aus der Nichtunterscheidung der Zeit der Offenbarung und der Zeit der Kirche ergibt, betrifft die Dinge, welche die Geschichte der Offenbarung hervorbringt, also die Heilswahrheit, das geoffenbarte Heilswort, die heilige Schrift. Macht Gott mit den gerechten Menschen in Gemeinschaft die Geschichte der Offenbarung, so sind natürlich auch diese Ergebnisse gemeinschaftliche Produkte Gottes und dieser Menschen, nicht von Gott den Menschen gegeben und von den Menschen bloß angenommen, sondern von Gott mit diesen Menschen in Form geschichtlicher Entwicklung produziert.  Das ist die neue Lehre von der ‘Gottmenschlichkeit ' der Offenbarung und der Schrift, die jetzt mit vollem Munde als der eigentliche Ausgangspunkt einer neuen Kirchenzeit verkündigt wird. Mit äußerster Vornehmheit blickt man auf die Offenbarungs- und Inspirationstheorie der Dogmatik des 17. Jahrhunderts zurück als auf eine Bildung, welche sich gegen die fortgeschrittene Wissenschaft nicht habe halten können; aber indem man sich in Wahrheit nur mit einigen Auswüchsen dieser Theorie zu schaffen macht, 1) gewahrt man nicht, daß man mit der neuen Lehre von der Gottmenschlichkeit der Offenbarung und der heiligen Schrift, die man angeblich gegen jene Theorie in's Feld führt, nicht bloß jene Theorie, sondern auch, was die Kirche immer festgehalten hat und was jene Theorie nur verteidigen wollte, den Glauben an die Inspiration der heiligen Schrift selbst zersetzt, die heilige Schrift auf gleiche Linie mit jedem jetzt unter dem Beistande des Heiligen Geistes geschriebenen Buche stellt, ihr keinen andern Vorzug, als den des früheren historischen Datums, als den der Quellenautorität für die damalige Zeit, läßt, und so von selbst zu einer Behandlung der Schrift übergeht, welche sich von der rationalistischen nicht mehr wesentlich unterscheidet.” (S. “Kirchliche Zeitschrift.”  Herausg. von Dr. Th. Kliefoth und Dr. O. Mejer.  Sechster Jahrg. Schwerin. 1859. S. 636 f.)  Nicht sowohl das ist es daher, was dem Auftreten jener Dorpater Professoren seine traurige besondere Bedeutung gibt, daß sie die göttliche Eingebung der heiligen Schrift geleugnet und diese für ein Buch erklärt haben, in welchem man das Irrige von dem Untrüglichen, das Unwesentliche von dem, was zur Heilsgeschichte gehört, zu unterscheiden und zu sondern habe; denn das ist die Stellung, welche alle moderngläubigen Theologen der Gegenwart zur Schrift einnehmen. Jenem Auftreten gibt vielmehr nur dies seine traurige besondere Bedeutung, daß jene Lehre der Laienwelt von Männern vorgetragen worden ist, welche von den gläubigen Laien bisher dafür angesehen ge

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1) Sollte Herr Dr. Kliefoth damit etwa das meinen, daß die Dogmatiker eine Inspiration selbst der hebräischen Vokalzeichen, ja, manche die der Accente lehrten?  Luther lehrt bekanntlich beides nicht.              

(Seite 6) 

wesen sind, gläubige, selbst rechtgläubige und bekenntnißtreue Theologen, ja, Männer zu sein, die in dieser Zeit des Unglaubens noch vor dem Riß stehen und sich gegen das Eindringen des Unglaubens in die Kirche zur Mauer machen.  Damit ist denn die Inspirationsfrage, welche schon bisher eine brennende war, zur brennendsten Frage unserer Zeit geworden. Nun gilt es wahrlich, daß jeder gläubige Theolog bei seiner Seligkeit mit in den Kampf für das höchste Kleinod der Christen, welches Gott nach der Schenkung seines Sohnes den Menschen gegeben hat, mit höchstem Ernste eintrete. Wehe dem, welcher zu den Theologen gerechnet sein und doch nicht erkennen will, daß das vor allem sein Beruf sei, den gemeinen Christen zu bewahren,  worauf der Glaube, und damit das Heil und die Seligkeit derselben, beruht, den “Grund der Apostel und Propheten, da JEsus Christus der Eckstein ist”!  Wehe dem, welcher zu den Theologen gerechnet sein will und im Gegenteil gerade darum wähnt, als solcher vor allem dafür streiten zu müssen, daß der Wissenschaft ihre volle Freiheit gewahrt bleibe!  Liegt doch darin der tiefste Grund des immer vollständiger werdenden Abfalls der modernen Theologie von der geoffenbarten göttlichen Wahrheit und der völligen Umwandlung der christlichen Religion in eine menschliche Wissenschaft, daß die moderne Theologie nicht mehr ein Habitus practicus ϑεόσδοτος (eine vom Heiligen Geiste gewirkte übernatürliche Fertigkeit), sondern “das wissenschaftliche Selbstbewußtsein der Kirche” (Kahnis) oder “die kirchliche Wissenschaft vom Christentum”, die mit der . Religion, als “persönlichem Verhalten”, mit der Führung zur Seligkeit und mit der Frömmigkeit nichts zu tun habe, sein will (Luthardt).  Wir aber sagen mit Luther: “Es ist besser, daß die Wissenschaft dahin falle, als die Religion, wenn die Wissenschaft nicht dienen, sondern Christum mit Füßen treten will.  Denn wollten wir dies zulassen, so würden wir des Mit-Füßen-Tretens Christi schuldig werden, und er wird (wenn wir nicht wollen) Andere erwecken, welche es wagen werden, weil Christus im Regiment bleiben wird.”  (S. de Wette, Luthers Briefe. IV, 545.)

So wird denn auch “Lehre und Wehre” nicht nur, wie bisher von Anfang an, für die Lehre von der göttlichen Eingebung der heiligen Schrift auch fernerhin fort und fort Zeugnis ablegen, sondern auch mit immer größerem Ernste gegen alle Verfälschungen dieser Cardinallehre des Christentums kämpfen und unser liebes Christenvolk vor den Bekämpfern derselben, als vor den schlimmsten falschen Propheten unserer Zeit, warnen und den furchtbaren Abgrund aufzeigen, an welchen f.e führen, in welchen schon Tausende und aber Tausende gestürzt sind und dabei, auf Sand- und Schlammgrund gestellt, Glauben, Gottes Gnade, Seel' und Seligkeit verloren haben.

Da ein “Vorwort” zu wenig Raum dazu darbietet, die ganze Lehre von der Inspiration der heiligen Schrift darzustellen, zu begründen und gegen alle Einwürfe zu verteidigen, so sei dies unserer “Lehre und Wehre” (Seite 7 >) für andere Gelegenheit vorbehalten. Nur darüber uns hier auszusprechen sei uns gestattet, daß man jetzt unbegreiflicher-, wir möchten fast sagen, lächerlicherweise, selbst Luther zum Vertreter der neuen Inspirationstheorie machen will.

So schreibt z. B. Prof. Dr. Luthardt in seinem “Kompendium der Dogmatik”: “Luther verbindet mit der stärksten Betonung der Schrift als Wort Gottes zugleich eine lebendige Anschauung von ihrer menschlichen Entstehung; ‘haben ohne Zweifel die Propheten im Mose, und die letzten Propheten in den ersten studiert und ihre guten Gedanken, vom Heiligen Geist eingegeben, in ein Buch aufgeschrieben.  Ob aber denselben guten treuen Lehrern und Forschern in der Schrift zuweilen auch mit unterfiel Heu, Stroh und Stoppel, und nicht lauter Silber, Gold und Edelgesteine bauten, so bleibet doch der Grund da, das andere verzehrt das Feuer.'  (Vorr. zu Linkens Annott. über Moses.)”  Derselbe schreibt in seinem “Theol. Literaturblatt” vom 23. October des vorigen Jahres: “Gegenüber jener äußerlichen und im Grunde pietistischen (!) Anschauung” (von der göttlichen Eingebung der heiligen Schrift), “wie sie allerdings in Laien- und Pastorenkreisen als die vermeintlich und allein sichere verbreitet ist, während sie vielmehr die Autorität der Schrift nicht sicher, sondern unsicher macht (!), vertritt er” (Volck) “die wahrhaft kirch liche im Sinne Luthers.” Kahnis schreibt: “In Luthers Urteil über die Schrift durchkreuzen sich die streng supernaturale und die frei menschliche Ansicht.”1) (Die Luth. Dogmatik. 1861. I, 665.) Dr. Grau, Professor in Königsberg, schreibt: “Mit Hamann selbst reichen wir über Rationalismus und orthodoxe Dogmatik hinaus Luther die Hand.   Es gilt, wie Luther, frei und gebunden zugleich (!) zur heiligen Schrift stehen.”  (Entwickelungsgeschichte des Neutestamentlichen Schrifttums.  Gütersloh. 1871. I, 18.)  Dr. H. Cremer, Professor zu Greifswald, schreibt von der Zeit der Reformation: “Daran dachte niemand, ihre” (der heiligen Schrift) “Autorität zu bestreiten.  Nur um die Anwendung war Streit. Daraus erklärt es sich, daß wir bei den Reformatoren selbst, wie bei ihren Zeitgenossen und in der unmittelbar nachreformatorischen Zeit, genau die bisherige Auffassung der Inspiration ohne weitere Erörterung des Verhältnisses der beiden bei Entstehung der heiligen Schrift zusammenwirkenden Factoren 2) und ohne Begrenzung des Umfangs, in welchem der Schrift Inspiration zukomme, wiederfinden. Ohne Begrenzung des Umfangs denn auf der einen Seite ist die heilige Schrift für Luther ein Buch, in

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1) Das Wort “sich durchkreuzen” ist offenbar nur der höfliche Ausdruck dafür, daß Luther als ein inkonsequenter Denker bald so, bald so über die Inspiration urteile.

2) Man sieht hieraus, die neueren Synergisten lehren konsequenterweise einen Synergismus, nicht nur zur Erzeugung des Glaubens, sondern auch zur Erzeugung der heiligen Schrift.

(Seite 8 >) 

welchem ‘an einem Buchstaben, ja, am einigen Tüttel mehr und größer gelegen ist, denn an Himmel und Erde, auf der andern Seite weiß er zu sagen von Heu, Stroh und Stoppeln, welches den Propheten bei ihren eigenen guten Gedanken mit untergelaufen sei, von einem unzureichenden Beweise des Apostels Paulus Gal. 4, 21. ff. (,zum Stich zu schwach) u. a.” (Real-Encyklopädie von Herzog, in zweiter Auflage, Unter “Inspiration”, Bd. VI, S. 753.)

Diejenigen nun, welche hier an Luthers Urteil über die Antilegomena erinnern, wie er z. B. die Epistel Jakobi “eine rechte ströherne Epistel gegen sie” (die Episteln Pauli und Petri) nenne (XIV, 105), und daraus Luthers angebliche freie Ansichten über Inspiration nachweisen wollen, übergehen wir hier, da auch der schwächste Verstand ohne viel Nachdenken einsieht, wie thöricht es sei, aus einem abfälligen Urteil Luthers über eine Schrift, die er nicht für kanonisch hielt, schließen zu wollen, welche freie Ansichten er über die Inspiration derjenigen Schriften gehabt habe, welche er für kanonisch hielt, während das gerade Gegenteil aus jenem Urteil zu schließen ist.  Obwohl auch die Frage aufs neue erörtert zu werden verdient, mit welchem Rechte Luther die protokanonischen Bücher der heiligen Schrift von den deuterokanonischen so unterscheidet, wie er es tut, so gehört doch, wie gesagt, diese Frage nicht hierher und wird sie, so Gott will, bei andrer Gelegenheit aufs neue in dieser unserer theologischen Zeitschrift erörtert werden.  Man vergleiche beliebigst, was schon im zweiten Jahrgang von “Lehre und Wehre” S. 204216 auf die Frage geantwortet worden ist: “Ist derjenige für einen Ketzer oder gefährlichen Irrlehrer zu erklären, welcher nicht alle in dem Konvolut des Neuen Testamentes befindlichen Bücher für kanonisch hält und erklärt?”

Unter den Gründen, welche für die Meinung vorgebracht  werden, Luther sei der Vorgänger der moderngläubigen Theologen in deren Ansicht von der Inspiration der heiligen Schrift, verdienen nur die zwei einer Berücksichtigung, welche die Professoren Luthardt und Cremer anführen; erstlich, daß Luther in seiner Vorrede zu Links Annott. über die fünf Bücher Mosis vom Jahre 1543 (s. Walch XIV, 170174) schreibt: daß “die Propheten im Mose und die letzten Propheten in den ersten studieret; . . . ob aber denselben guten treuen Lehrern und Forschern der Schrift zuweilen auch mit unterfiel Heu, Stroh, Holz, und nicht eitel Silber, Gold und Edelgestein baueten, so bleibet doch der Grund da; das Andere verzehret das Feuer”; zum andern, daß Luther “von einem unzureichenden Beweise des Apostels Paulus Gal. 4, 21. ff. (,zum Stich zu schwach)” rede.                                          

Was den ersten Grund betrifft, welchen beide, Luthardt und Cremer, anführen, so wäre derselbe allerdings ein überaus schlagender, wenn Luther meinte, was die Herren in seinen Worten zu finden meinen. (Seite 9 >) Aber sie haben offenbar Luthers Worte gar nicht verglichen. Denn beide geben dieselben nicht genau wieder und lassen z. B. Luthern anstatt “Holz” das Wort “Stoppeln” (offenbaraus 1 Cor. 3, 12. substituiert), sowie anstatt “Edelgestein” das Wort “Edelgesteine” (!) schreiben. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß beide nur Dr. Tholuck nachgeschrieben haben, welcher so in der ersten Auflage der Encyklopädie Herzogs ungenauerweise zitiert. Eines Nachweises, wie nichtig dieser Grund für Luthers rationalistische Anschauung von der Inspiration der heiligen Schrift sei, bedarf es zwar, nachdem unser teurer Kollege, Herr Professor Pieper, die Nichtigkeit desselben bereits im November-Heft des vorigen Jahrgangs unwidersprechlich offenbar gemacht hat, von unserer Seite nicht mehr; es sei uns jedoch noch zum Ueberfluß gestattet, daran zu erinnern, daß Luther und alle rechtgläubigen Theologen aus der Schrift selbst die Ueberzeugung geschöpft haben, erstlich, daß zuweilen auch die Propheten genannt werden, welche sich nur in den Schulen der Propheten befanden und nur vorübergehend bei gewissen besonderen Gelegenheiten von dem Geist der Propheten erfaßt wurden (1 Sam. 10, 1012.), zum andern aber, daß die Inspiration auch der alttestamentlichen Propheten im engeren Sinne keineswegs, wie die der heiligen Apostel, ein ihnen innehastender Habitus, sondern eine nur zu bestimmten Zeiten und Zwecken ihnen verliehene Gabe war. Daher ihnen denn ebensowohl, wie anderen mittelbar erleuchteten Frommen, außer ihrem Amte, neben “ihren guten Gedanken zuweilen auch mit unterfiel Heu, Stroh, Holz”. So schreibt z. B. Luther: “Die Propheten haben ihre Ordnung oder ihre gewöhnlichen  Oerter gehabt, dahin zusammengekommen sind, welche von den Propheten lerneten; nicht als ob alle den Geist Gottes gehabt, sondern daß sie die Propheten höreten und ihnen anhingen.”  (Zu Zephan. 1, 1. VI, 3220.)  Derselbe schreibt ferner: “Die Theologi haben ein gemein Sprüchwort, daß sie sagen: Spiritus Sanctus non semper tangit corda prophetarum, das.ist, der Heilige Geist rühret die Herzen der Propheten nicht allezeit.  Die Erleuchtungen der Propheten währen nicht immer, für und für, ohne Aufhören. Gleichwie Esajas nicht immer und stets aufeinander Offenbarungen von hohen großen Dingen gehabt, sondern allein auf sonderliche Zeit, Dasselbe zeiget auch an das Exempel des Propheten Elisä, da er von der Sunamitin sagt 2 Kön. 4, 27.: ‘Laß sie, denn ihre Seele ist betrübt, und der HErr hat mir es verborgen und nicht angezeigt.' Daselbst bekennt er, daß Gott nicht allezeit die Herzen der Propheten rühre. Es ist auch wohl der Geist gekommen, wenn sie entweder auf der Harfe oder Psalter gespielet und etliche Psalmen und geistliche Lieder gesungen haben.”  (Zu Gen. 44. 18. II, 2417 f. 1)

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1) Quenstedt schreibt daher, sich auf obige Aussage Luthers beziehend. “Die Propheten haben aber nicht, so oft sie wollten und zu aller Zeit, entweder Verborgenes  

(Seite 10 >) 

Hiermit zerfließt auch der letzte Schein einer Berechtigung dazu, wenn die modernlutherischen Theologen aus Luthers Vorrede zu Links Annott. über die fünf Bücher Mosis erweisen wollen, Luther lehre, daß sich auch in den Schriften der Propheten des Alten Bundes “Heu, Stroh und Stoppel und nicht lauter Silber, Gold und Edelgesteine” vorfinden. Nicht nur sindet sich in jener Vorrede nicht die geringste Spur davon, daß Luther von der Entstehung der prophetischen Schriften des A. T. rede, es ist auch sonnenhell und klar, daß Luther dort von den Propheten außerhalb ihres prophetischen Amtes als “von guten treuen Lehrern und Forschern der Schrift” rede, daher er unmittelbar vorher von allen rechten Schriftforschern und -Lesern im Allgemeinen gesagt hatte: “Nun kann solch Forschen  und Lesen nicht geschehen, man muß mit der Feder da sein, und aufzeichnen, was ihm unter dem Lesen und Studieren sonderlich eingegeben ist, daß er es merken und behalten könnte”, und hierauf fortfährt: “Und haben ohne Zweifel auf diese Weise die Propheten in Mose, und die letzten Propheten in den ersten studiert und ihre guten Gedanken, vom Heiligen Geist eingegeben, in ein Buch aufgeschrieben.”  Auf der einen Seite sind zwar die Professoren Luthardt und Cremer in gewisser  Beziehung zu entschuldigen, da sie offenbar die Stelle nicht in ihrem Zusammenhang nachgelesen, sondern Tholuck in gutem Vertrauen nachgeschrieben haben; auf der anderen Seite ist es aber unverantwortlich, daß sie in einer so wichtigen Sache sich auf einen Mann wie Tholuck verlassen haben, der selbst von Christo sagt, “daß das zur Auslegung Erforderliche, welches nur auswendig zu lernen ist, ihm (Christo) auch nur bekannt und zugänglich gewesen sein kann gemäß der Bildungsstufe seiner Zeit und der Bildungsmittel seiner Erziehung, seines Umgangs” (!!), woraus Tholuck den Schluß macht: “Findet sich in den vorliegenden Reden des Erlösers auch keine hermeneutische

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wissen oder Zukünftiges vorhersehen können, sondern nur soweit es ihnen Gott hat offenbaren wollen. Denn der prophetische Geist war nicht immer bei den Propheten, da die prophetische Gabe nicht nach Art eines Habitus (einer innehaftenden Fertigkeit), sondern nur nach Art eines Einflusses oder einer Anstrahlung und besonderen Durchleuchtung den Propheten zu von Gott bestimmten Akten verliehen war. Daher immer eine neue Offenbarung nötig war, wenn sie ihr Amt verwalten wollten; sie verstanden auch nicht immer zu einer und derselben Zeit alles und wurden unschlüssig (haerebant), wenn ihnen die göttliche πνοή oder Inspiration nicht zur Hand (praesto) war.” (Antiquitates bib1icae et ecclesiast. Witteberg. 1699. p. 3.) Nicht anders urteilt auch Calov. Er schreibt: “Der Vorzug der Apostel vor den Propheten erhellt teils aus der Gabe der Sprachen, mit welcher diese nicht ausgerüstet waren; teils aus der Art der Anhauchung, weil in den Aposteln der Heilige Geist fortwährend wohnte und sie in alle Wahrheit leitete, in den Propheten nur zu einer gewissen Zeit; in jenen war er vermöge eines immanenten Habitus, diesen wurde er nach Art eines vorübergehenden Aktes zu Teil, Num.11, 25. 2 Kön. 3,15--18.; teils aus dem Object, an welchem sie arbeiteten, weil die Propheten zu gewissen Völkern oder zu gewissen Personen, die Apostel in alle Welt ausgesandt worden sind.” (Ad 1 Cor. 12, 28. Bib1. illustrat. ad 1. c.)

(Seite 11 >) 

formelle Verfehlung, es wird sich die Unmöglichkeit nicht von vorn herein behaupten lassen, eben so wenig, als die eines grammatischen Sprachfehlers oder eines chronologischen Irrtums." (S. Tholuck, Das Alte Testament im Neuen Testament. Gotha 1861.   S. 59 f.)  Ist es schon eine unverantwortliche Versündigung an dem teuren Mann Gottes Luther, demselben aus Mangel an eigenem Nachsehen eine Meinung zuzuschreiben, bei welcher er, wenn man hundert andere Aussprüche desselben vergleicht, als der konfuseste Kopf von der Welt dastehen würde, ja, eine Meinung, die er in den Abgrund der Hölle verfluchen würde, so ist es eine noch viel erschrecklichere Versündigung an Tausenden, die Luther als den größten Zeugen der Wahrheit nach den Aposteln und Propheten erkannt haben, und die man wider alle Wahrheit durch Luthers Autorität in ihrem Glauben irre machte.1) 

Was nun zum andern Prof. Cremers Hinweis darauf betrifft, daß Luther auch “von einem unzureichenden Beweise des Apostels Paulus Gal. 4, 21. ff. (,zum Stich zu schwach)” rede, so scheint es fast, als ob Genannter die betreffende Stelle auch nicht in ihrem Zusammenhang verglichen habe! Aus Cremers Worten muß jeder Leser schließen, Luther habe es Paulus zum Vorwurf gemacht, daß derselbe einen nicht stichhaltigen Beweis geführt habe. Aus dem Zusammenhange ergibt sich aber das gerade Gegenteil. Vielmehr rühmt es Luther an Paulus, daß derselbe, nachdem er die Lehre von der Knechtschaft unter dem Gesetz und von der Freiheit unter dem Evangelium aufs herrlichste bewiesen hatte, hierauf Gal. 4, 21. ff. durch eine liebliche Allegorie veranschauliche, obwohl eine Allegorie an sich keinen Beweis enthalte. Luther schreibt nämlich zu Gen.18,

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1) Es ist übrigens eine große Unart vieler neueren Theologen, daß sie, wenn sie Luthers Worte zitieren, nicht genau angeben, wo dieselben zu finden seien, damit man sie in ihrem Zusammenhange nachsehen könne. Das geschieht leider auch vielfach mit den oben besprochenen Worten Luthers. Der Sinn derselben wird wie eine feststehende Tradition von Buch zu Buch fortgepflanzt und daher vorausgesetzt, daß es unnötig sei zu sagen, wo die Worte stehen. Auch Herr Pastor v. Nolcken scheint dies erfahren zu haben, ohne daß es jedoch ihn in seinem Glauben irre gemacht hätte. Er schreibt daher im “Nachwort” zu seinem Protest: “Es ist mir Luthers bekanntes Urteil über den ‘strohernen’ Jakobus und manches ‘Stroherne’ in den Propheten entgegengehalten worden.  Was nun Luthers Urteil über den Jakobus betrifft, so ist dasselbe wesentlich bedingt durch seine Stellung zu demselben als Antilegomenon, dem gegenüber er sich um so fester auf die Homologumena stellt.  Wo das betreffende Urteil über Manches in den Propheten steht, weiß ich nicht, wird aber wohl (wie auch über Jakobus) nur einen Vergleich ausdrücken wollen.  So viel steht denn doch für Luther fest, daß wenn auch nicht etwa aus Jakobus und Sonstigem--so stand er denn doch auf allem Uebrigen und damit eben auf der Schrift.” (S. III.) Ihm hat freilich die Verdächtigung Luthers, als eines Vorgängers der moderngläubigen Theologie, durch Gottes Gnade nichts geschadet, aber wie viele sind es, die, ohne Gelegenheit Luthers Worte im Zusammenhange zu vergleichen, nicht dann in Bestürzung und endlich in Wanken geraten?  

(Seite 12 >) 

Gen.18, 25.: “So viel diesen Text belanget, sind wir zwar zufrieden, daß der historische Verstand wider die Jüden nicht streitet, aber doch gilt zu Zeiten dieser Wechsel auch, daß man dieses, so man erstlich aus rechtem Grund ernstlich bewiesen hat, darnach auch mit andern beifälligen Worten und Exempeln, so zur Sache etwas schwächer scheinen, handelt. Denn so tut Paulus Gal. 4, 22. ff., nachdem er die Lehre vom Glauben meisterlich bewiesen hat, bringet er darnach herbei die Allegorie von Sara und Hagar, welche, ob sie wohl zum Stich zu schwach ist, 1) denn sie weichet ab vom historischen Verstand, so machet sie doch den Handel vom Glauben sein lichte und zieret ihn.” (Tom. I, 1731.) Es ist in der Tat unbegreiflich, wie Cremer hieraus einen Tadel Pauli von Seiten Luthers herauslesen will, während Luther mit diesen seinen Worten vielmehr Paulus gegen die Juden rechtfertigt. Oder ist es etwa gegen die Vollkommenheit einer Schrift, wenn in einer Darstellung derselben, die gar keinen Beweis enthalten, sondern die bereits bewiesene Sache nur in's Licht stellen soll, nicht zum Beweisen, aber zum Ins-Licht-Stellen der Sache dienlich ist?

Nun nachzuweisen, daß Luther, weit entfernt den modernen Inspirationsbegriff zu teilen, vielmehr den Inspirationsbegriff der alten Kirche streng festgehalten habe und hierin der Vorgänger und das Vorbild aller unserer anerkannt rechtgläubigen Dogmatiker gewesen sei, behalten wir uns für das nächste Heft vor.                (Fortsetzung folgt.)

 

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Lehre   und   Wehre.

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Jahrgang 32.          Februar 1886.               No. 2.

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Vorwort.

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(Fortsetzung).

Unter anderen Umständen, als den gegenwärtigen, würde es geradezu eine Beleidigung ihrer Leser sein, wenn unsere “Lehre und Wehre” erst zu beweisen suchte, daß auch Luther die wörtliche Inspiration aller kanonischen Schriften des Alten und Neuen Testamentes geglaubt und gelehrt habe. Das bezeugt ja das ganze vor den Augen aller Welt offen liegende Auftreten und Wirken Luthers bis an seinen Tod und jede Seite seiner hinterlassenen Werke. Auf dieser Lehre stand er, als auf einem unbeweglichen Felsen, persönlich gegenwärtig in Augsburg vor Cajetan, in Leipzig Dr. Eck gegenüber, in Worms vor Kaiser und Reich, in Marburg Zwingli und den Oberländern gegenüber; von dieser Lehre ging er aus auf dem Katheder und auf der Kanzel; diese Lehre leuchtete ihm voran, ebenso in seinen didactischen, wie in seinen exegetischen und polemischen Schriften, gegen wen immer letztere gerichtet waren, sei es gegen die Papisten, sei es gegen die Schwärmer oder gegen einen Rationalisten, wie Erasmus war, oder gegen Juden und Türken.  Gerade in dieser Lehre ist kein früherer und späterer Luther zu unterscheiden. In dieser ist er sich vollkommen gleich geblieben durch alle Perioden seines Lebens.  Luthers Wort von 1517, mit welchem er seine 95 Thesen gegen den päbstlichen Ablaß beschloß und zum großen Reformationskampf, ohne es selbst zu wissen, das öffentliche Signal gab: “Auch bin ich nicht so unverständig, daß ich das göttliche Wort den Fabeln, die die menschliche Vernunft erfunden, nachsetzen ließe”; Luthers Wort von 1521, mit welchem er sein erstes persönliches Bekenntnis vor der ganzen Welt tat: “Ich kann nicht anders”; Luthers Wort von 1530, welches er, als sein Werk in der höchsten Gefahr schwebte, fröhlich und getrost in die ganze Christenheit hinaus sang: “Das Wort sie sollen lassen stan”; Luthers Wort von 1546, mit welchem er von seinen Wittenbergern für (Seite 34 >) dieses Leben Abschied nahm: “Ich will gern allerlei Scheltworte leiden, aber nicht eines Fingers breit weichen von deß Munde, der da sagt: Diesen höret!”  diese vier Worte Luthers aus den verschiedensten Zeiten sind vier Fackeln, welche an seinem Lebenswege stehen und bis an den jüngsten Tag leuchten und bezeugen werden, daß sich Luther an jedes Wort der heiligen Schrift als an das Wort des lebendigen Gottes gebunden erachtete.  So nötig es ist, erst nachzuweisen, daß Luther an einen Gott geglaubt habe, gerade so nötig scheint es daher zu sein, erst noch nachzuweisen, daß Luther die göttliche Eingebung der ganzen heiligen Schrift im vollsten Sinne des Wortes geglaubt und gelehrt habe.

Leider Gottes! aber ist dieser Nachweis nur allzu nötig geworden. Die moderngläubigen Theologen, welche behaupten, daß sich auch in den Schriften der Propheten und Apostel nicht wenig Irrtümer, Heu, Stroh, Holz und Stoppeln finden, die von dem Wahrheitskern zu sondern Aufgabe der gelehrten Theologen sei, behaupten zugleich, daß auch hierin Luther ihr Gewährsmann sei.  Mag Luther immerhin schreiben (Prof. Cremer scheut sich nicht, diese Stelle selbst zu zitieren): “An einem Buchstaben, ja, an einem einigen Tütel der Schrift ist mehr und größer gelegen, denn an Himmel und Erde. Darum können wir es nicht leiden, daß man sie auch in dem Allergeringsten verrücken wolle.”  (Gr. Kommentar zum Br. an die Galater. VIII, 2661.) Mag Luther immerhin schreiben: “Mir ist also, daß mir ein jeglicher Spruch die Welt zu enge macht.”  (Daß diese Worte Christi: das ist mein Leib, noch feste stehen, vom J. 1527. XX,  982.) Mag Luther immerhin schreiben: “Hier stehet die Liebe, die mögt ihr verspotten oder ehren, wie ihr wollt; den Glauben aber oder das Wort sollt ihr anbeten und für das allerheiligste halten.”  (Schreiben an Capito vom J. 1522. XIX, 669.) Mag Luther immerhin schreiben: “Das bekenne ich, wo Dr. Carlstadt oder jemand anders vor fünf Jahren mich hätte möcht berichten, daß im Sacrament nichts denn Brod und Wein wäre, der hätte mir einen großen Dienst getan. Ich hab wohl so harte Anfechtung da erlitten, und mich gerungen und gewunden, daß ich gerne heraus gewesen wäre, weil ich wohl sahe, daß ich damit dem Pabsttum hätte den größten Puff können geben.  Ich habe auch zween gehabt, die geschickter davon zu mir geschrieben haben, denn Dr. Carlstadt, und nicht also die Worte gemartert nach eigenem Dünkel. Aber ich bin gefangen, kann nicht heraus; der Text ist zu gewaltig da und will sich mit Worten nicht lassen aus dem Sinn reißen.”  (Warnungsschreiben an alle Christen zu Straßburg, vom  J. 1524. XV, 2448. f.) Mag endlich Luther immerhin schreiben: “Es ist mit Gottes Wort nicht zu scherzen. Kannst du es nicht verstehen, so zeuch den Hut vor ihm ab.”  (Auslegung eines Stücks aus dem 23. Cap. des Propheten Jeremiä, vom J. 1526. VI, 1396.) Weit entfernt, daß solche gewaltige Zeugnisse des Glaubens (Seite 35 >) Luthers an die Göttlichkeit der ganzen heiligen Schrift den moderngläubigen Theologen eine Scheu einflößen sollten, mit Luther, als ihres Vorgängers, Autorität ihren Abfall von der Bibel zu verdecken und die gläubigen Christen in ihrem Glauben irre zu machen, erklären sie solche Aussprüche Luthers, wie die angeführten, für heroische, hyperbolische, von gegenteiligen Aeußerungen “durchkreuzte” (Kahnis), Apophthegmata, die man daher nicht pressen dürfe. Luther habe aber die Inspiration als selbstverständlich vorausgesetzt, aber “ohne eine Theorie darüber aufzustellen” (Luthardt) und “ohne weitere Erörterung des Verhältnisses der beiden bei der Entstehung der heiligen Schrift zusammenwirkenden Faktoren” (des göttlichen und des menschlichen) “und ohne Begrenzung des Umfangs, in welchem der Schrift Inspiration zukomme” (Cremer).  Die Herren wissen es aber sehr gut, daß Luther seine Lehre von der Inspiration schon vorfand; sie bezeugen dies auch selbst.  Daher es freilich nicht nötig war, dem Pabsttum eine ausgeführte, systematisch geordnete “Theorie” über Inspiration entgegenzusetzen.  Schon im Jahre 1519 sagt Luther genau, was er in dieser Beziehung den Papisten zugestehen müsse und wessen er sie zeihe.  In seiner bekannten Auslegung der 22 ersten Psalmen über die Worte: “Sie teilen meine Kleider unter sich, und werfen das Loos um mein Gewand” (Ps. 22, 19.), mit Beziehung auf Joh. 19, 24. : “Da sprachen sie unter einander: Lasset uns den nicht zerteilen, sondern darum loosen, weß er sein soll”, schreibt nämlich Luther, wie folgt: “Sie bekennen alle das, welches der HErr Christus sagt Joh. 10, 35.: daß, die Schrift nicht kann zerbrochen werden', und ihre Gewalt, Macht und Ansehen muß unverrückt sein, der man auch nicht darf widersprechen, auch sie nicht verleugnen, noch verneinen. 1) Dieses bekennen sie und sagen es beständiglich und einträchtig

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1) Daher konnte denn auch Melanchthon in seiner Vorrede zur Augsburgischen Confession, ohne Widerspruch fürchten zu müssen, diejenige Lehre als die allein rechte bezeichnen, welche “aus Grund göttlicher heiliger Schrift” geführt werde, wenn er daselbst schreibt. “Hierum und E. K. M. zu untertänigstem Gehorsam überreichen und übergeben wir unserer Pfarrherren, Prediger und Lehrer, auch unsers Glaubens Bekenntniß, was und welchergestalt sie aus Grunde göttlicher heiliger Schrift (ex scripturis sanctis et puro verbo Dei) in unsern Landen 2c predigen, lehren, halten und Unterricht tun.” (Concordienbuch von Müller S 36. §8.) Im Kampfe gegen die, welche die göttliche Eingebung der heiligen Schrift tatsächlich verleugneten, standen daher die ärgsten papistischen Eiferer auf Luthers Seite.  Um nur einen Beleg dafür beizubringen, so schrieb, als Erasmus zu Matth 27 dem Evangelisten einen Gedächtnißfehler zugeschrieben hatte, Dr Johann Eck in einem im Jahre 1518 an ihn gerichteten Briefe: “Durch jene Worte scheinst Du andeuten zu wollen, daß die Evangelisten, wie Menschen zu tun pflegen, geschrieben haben und daß sie dies sich auf ihr Gedächtnis verlassend geschrieben haben, daß sie vernachlässigt haben, die Bücher nachzusehen und daß sie so, nämlich um dieser Ursache willen, Versehen gemacht haben. Höre. mein Erasmus, meinst Du denn, ein Christ werde es geduldig hinnehmen, daß die Evangelisten in den Evangelien Fehler gemacht haben? Wenn die Autorität der

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alle mit einander: ‘Lasset uns den nicht zerteilen, bald aber, wenn man will weiter fahren und ferner schließen, so machen die Kriegsknechte ein lauter Gespötte aus  der Schrift mit solcher Freiheit und Frechheit zu glossieren und zu distinguieren, das ist, zu deuten und zu unterscheiden, daß sie der ganzen Schrift Kraft, Gewalt und Ansehen verhöhnen, verringern und gar aufheben.” (IV, 1763. Vgl. S. 17631769.)

Wahr ist es nun allerdings, daß Luther über die Lehre von der Inspiration nirgends in seinen Schriften eine Theorie aufgestellt, diese Lehre nämlich nirgends ex professo behandelt und systematisch entwickelt hat. Aber wie in Betreff mehrerer anderer Lehren, so hat Luther zum Aufbau auch der Lehre von der Inspiration schon die nötigen Bausteine geliefert,  welche hierauf die Dogmatiker des 17. Jahrhunderts zu einem harmonischen Ganzen zusammengesetzt haben.  Es gibt kein wesentliches Moment in der Inspirationslehre unserer Systematiker, welches nicht mit klaren Aussprüchen Luthers belegt werden könnte.                        

Sei es uns denn gestattet, für die folgenden Hauptmomente der Inspirationslehre unserer Dogmatiker die Belege aus Luthers Schriften beizubringen.

 

I. Die ganze heilige Schrift ist ein Werk des Heiligen Geistes.

Zu den Worten Davids: “Der Geist des HErrn hat durch mich geredet, und seine Rede ist durch meinen Mund geschehen” (2 Sam. 23, 2.), schreibt Luther: “Hier will David mir zu wunderlich werden und zu hoch fahren; Gott gebe, daß ich es doch ein wenig erlangen möge; denn er fähet hier an, von der hohen heiligen Dreifaltigkeit göttliches Wesens zu reden. Erstlich nennet er den Heiligen Geist; dem gibt er alles, was die Propheten weissagen. Und auf diesen und dergleichen Spruch siehet St. Petrus 2 Epist. 1, V. 21.: ‘Es ist noch nie keine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht, sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet aus Eingebung des Heiligen Geistes.' Daher singet man in dem Artikel

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heiligen Schrift wankt, welcher andere Teil wird dann ohne Verdacht der Irrigkeit sein, wie Augustinus mit einem so schönen Argumente folgert? Du sagst ferner, sie hätten sich auf ihr Gedächtnis verlassen, gleich als ob sie vorher Gelesenes und in ihrem Gedächtnis Aufbewahrtes geschrieben haben sollten, sie, denen befohlen war, nicht einmal darüber nach zudenken, was sie vor Königen und Fürsten reden, sondern die vom Heiligen Geiste in alle Wahrheit geleitet werden sollten! Und solche Zeugnisse, sagst Du, haben sie nicht aus Büchern entlehnt; gleich als ob sie, wie wir zu tun pflegen, aus verschiedenen Büchern und Autoren, wie jetzt die Art ist Bücher zu machen, ihr Schriftwerk zusammengesetzt hätten! Fern sei es. dies von den Jüngern des Heiligen Geistes und unseres Heilandes JEsu, von diesen Säulen unseres Glaubens, die nicht in menschlicher Weisheit unterwiesenwaren, zuargwöhnen! Er hat sie als wissenschaftlich Ungebildete und Unwissende angenommen, aber zu den größten Gelehrten gemacht.” (Zitiert von Quenstedt in seiner Theol. didactico-polem. I, c. 4. S. 2. q. 5. fol. m. 117.)

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des Glaubens 1) von dem Heiligen Geiste also: ‘Der durch die Propheten geredet hat.' Also gibet man nun dem Heiligen Geiste die ganze heilige Schrift.”  (Auslegung der letzten Worte Davids, vom Jahre l543. III, 2796. f.)              

 “Hier gibt der Text Daniels (7, 13. 14.) auch gewaltiglich den Artikel von der Gottheit in drei Personen und von der Menschheit des Sohnes; denn es muß eine andere Person sein, die da gibt, und eine andere, die es empfähet.  Nämlich, der Vater gibt die ewige Gewalt dem Sohne und der Sohn hat sie vom Vater, und das alles von Ewigkeit her, sonst wäre es nicht eine ewige Gewalt; so ist der Heilige Geist da, der es durch Daniel redet.  Denn solch hoch heimlich Ding könnte niemand wissen, wo es der Heilige Geist nicht durch die Propheten offenbarte; wie droben oft gesagt, daß die heilige Schrift durch den Heiligen Geist gesprochen ist.”  (Ebendaselbst. III, 282l.)

Zu den Worten: “Ihr sollt nichts dazu tun, das ich euch gebiete, und sollt auch nichts davon tun” (Deut. 4, 2.), bemerkt Luther: “Moses sagt hier vom Volk, nicht von Gott. ‘Du sollst nicht dazutun 2c. Denn wer zweifelt daran, daß Gott nach Erforderung der Zeit möchte dazu oder davon tun? Denn er, ob er gleich dazu oder davon tut, bleibet doch wahrhaftig. . . . Also auch alle Propheten, so sie etwas anderes gelehret, denn Moses, so hat es ihnen daselbst Gott offenbaret, gleichwie Mosi, oder, wie Petrus spricht 2 Epist. l, V. 21.: ‘Mit dem Heiligen Geist sind sie angehauchet worden, daß sie redeten.' (Auslegung über das fünfte Buch Mosis, vom J. 1525. III, 2080.)

 “Und sollte der Psalter allein deshalben teuer und lieb sein, daß er von Christi Sterben und Auferstehung so klärlich verheißet und sein Reich und der ganzen Christenheit Stand und Wesen vorbildet, daß es wohl möchte eine kleine Biblia heißen, darinnen alles aufs schönste und kürzeste, so in der ganzen Biblia stehet, gefasset und zu einem seinen Enchiridion oder Handbuch gemacht und bereitet ist; daß mich dünkt, der Heilige Geist habe selbst wollen die Mühe auf sich nehmen und eine kurze Bibel und Exempelbuch von der ganzen Christenheit oder allen Heiligen zusammenbringen, auf daß, wer die ganze Biblia nicht lesen könnte, hätte hierinnen doch fast die ganze Summa verfasset in ein klein Büchlein.”  (Vorrede auf den Psalter, vom J. 1531. XIV, 23. f.)

 “Sie können es nicht aus der Schrift erweisen, daß Petrus irgend der Pabst heiße.  Aber das können wir beweisen, daß der Fels Christus ist und der Glaube, wie Paulus sagt. Diese Auslegung ist recht. Denn deß sind wir gewiß, daß es nicht von Menschen erdacht ist, sondern aus Gottes Wort gezogen.  Was nun in den Propheten geschrieben und verkündiget ist (sagt Petrus), das haben nicht Menschen erfunden,

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1) Siehe das Nicänische Symbolum im Concordienbuch von Müller, S. 30. § 7.

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noch erdacht, sondern die heiligen, frommen Leute haben's aus dem Heiligen Geist geredet.”  (Ausl. der andern Epistel St. Petri, vom J. 1524. IX, 858. f.)

Zu den Worten: “Im Buch ist von mir geschrieben, deinen Willen, mein Gott, tue ich gerne” (Ps. 40, 8. 9.), setzt Luther hinzu: “Der Geist redet, als wüßte er von keinem Buch (so doch derselben die Welt voll ist), ohne allein von diesem Buch, der heiligen Schrift. . . Das ist des Heiligen Geistes Buch, darinnen muß man Christum suchen und finden.” (Auslegung vieler schönen Sprüche heiliger Schrift, welche Luther Etlichen in ihre Bibeln geschrieben.  IX, 1364. 1365.)

 “Weil Moses der Brunnen ist, daraus alle heilige Propheten und Apostel die göttliche Weisheit und Kunst des Heils, wie man selig werde, durch Einsprechung des Heiligen Geistes geschöpft haben, so können wir unsere Arbeit nicht besser noch rechter anlegen, denn daß wir die Schüler oder Zuhörer zu demselbigen Brunnen führen und nach unserm Vermögen, als viel uns Gott verliehen hat, den Ursprung und Samen göttlicher Weisheit anzeigen, welchen der Heilige Geist durch Mosen dermaßen ausgestreuet und gesäet hat, daß keine Vernunft noch Kraft menschliches Verstandes (außer des Heiligen Geistes Beistand) solches erkennen noch verstehen mag.”  (Vorrede zur Auslegung des 90. Psalms, vom J. 1534. V, 1081.)

 “Menschenlehre tadeln wir nicht darum, daß es Menschen gesagt haben, sondern daß es Lügen und Gotteslästerungen sind wider die Schrift, welche, wiewohl sie auch durch Menschen geschrieben ist, doch nicht von oder aus Menschen, sondern aus Gott.”  (Von Menschen-Lehre zu meiden, vom J. 1522. XIX, 739.)

 “Also zeiget uns der Heilige Geist unter anderm hier (Gen. 12, 11. 12.) auch eine häusliche Lehre, da er erzählet, daß Abraham mit seiner Sarah so freundlich geredet habe.  Denn erstlich fragt er sie, darnach saget er ihr, wie sie schön sei.”  (Auslegung des ersten Buchs Mosis, vom J. 1536--1545. I, 1197.) 1)                                      

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1) Allerdings lehrt in einem gewissen Sinne auch v. Hofmann, nach Schleiermacher der zweite Vater der moderngläubigen wissenschaftlichen Theologie, daß die ganze heilige Schrift ein Werk des Heiligen Geistes sei. Er schreibt z. B.: “Wie der Geist Gottes in der auf Christum vorbildlichen Geschichte wirksamgewesen, so, also heilsgeschichtlicherWeise, hateranch einentsprechendes Schriftdenkmal derselben hervorgebracht. . . Daß die alttestamentliche Schrift inspiriert ist, dessen gedenkt unser Lehrsatz (der zwölfte des ersten Lehrstücks) nur so, daß es von ihr heißt, sie sei ebenso, wie die Vorbildlichkeit der Geschichte, deren Denkmal sie ist, ein Werk des Geistes Gottes. Denn wir haben anderwärts dargetan, daß Alles, was zur Fortführung der heiligen Geschichte dient, kraft einer Wirkung des in ihr waltenden Geistes geschieht, welcher hierfür dem Menschen in der Weise, wie es für den jedesmaligen Zweck solcher Wirkung erforderlich ist, hinsichtlich seines Naturlebens bestimmend innewaltet. Die neutestamentliche Schrift bezeugt uns, daß wir hiermit die Hervorbringung und Herstellung der

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II. Zwischen einem Propheten im eigentlichen Sinne und einem Weltweisen und mittelbar erleuchteten reinen Lehrer ist ein specifischer Unterschied.

Der weise Heide Plato rühmet hoch des heidnischen Poeten Homeri Vers und Spruch, darinnen er den Minos (welcher denen zu Kreta ihre Rechte und Gesetze gegeben) nennet und heißet ‘einen Zuhörer des Abgotts Jupiters'. Aber diesen Namen geben wir den heiligen Propheten billiger

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alttestamentlichen richtig aussagen, denn nur eben so, wie es von wunderbaren Heilungen oder anderen dem Gemeinwesen Gottes dienenden Machtwirkungen heißt, daß sie kraft des Geistes Gottes geschehen, lesen wir von den Propheten des Alten Bundes, daß sie kraft desselben Geistes geweissagt haben, wie Gott jene Machtübungen wirkt, so hat er auch durch die Propheten geredet. So wenig aber zwischen der Wirkung Gottes, durch welche die Taten der heiligen Geschichte, und zwischen derjenigen, durch welche die Worte der Weissagung hervorgebracht werden, ein Unterschied gemacht ist: eben so wenig zwischen derjenigen, kraft welcher Gottes Wort geredet, und derjenigen, kraft welcher es geschrieben worden... Es wird aber auch nicht zwischenden Bestandteilen der heiligen Schrift unterschieden, daß die einen mehr oder anders, als die anderen, traft göttlicher Wirkung hervorgebracht wären. . . Also die Gesammtheit der Schrift ist das eine Wort Gottes für seine Gemeinde. Als Ganzes ist sie es, und will nichts in ihr unterschieden sein, was nicht dafür gälte, und nichts dafür gelten. was sich außer ihr fände. . . Aber nicht bloß auf die Schreibenden, sondern auch auf diejenigen, welche die einzelnen Bestandteile der Schrift zusammenstellten, sei es zu Büchern, sei es zum Ganzen derselben. hat der Geist Gottes, wie er in der alttestamentlichen Gemeinde waltete, seine auf Herstellung des einheitlichen Schriftganzen zielende Wirkung geübt.” (Schriftbeweis. I, 670. ff.) Hiernach scheint v. Hofmann in der Lehre von der Inspiration der heiligen Schrift vollkommen mit Luther zu stimmen, ja, in Betreff des Zusammenstellens über denselben noch hinauszugehen. Und doch hat alles, was dahin lautet, nichts als den leeren Schein davon! Wer v. Hofmann's ganzes theologisches System kennt, sieht das auf  den ersten Blick. Dr. Kliefoth macht daher zu jenen und ähnlichen Auseinandersetzungen folgende wohlbegründete Bemerkungen: “Das klingt denn ganz wuchtig und voll und als ob v. H. die ganze Inspirationstheorie des 17. Jahrhunderts gerade in ihrer krassesten Ausfiihrung sich aneignete, aber nur, wenn man v. H.'s Ausdrücke nach dem Sinne nimmt, den die Kirche mit denselben verbindet. Wenn wir aber an das zurückdenken, was wir als die Lehre v. H.'s  vom Wirken des Geistes Gotteskennen, so zerfließtuns hier Alles unter den Händen. Denn da wissen wir erstens, daß nach v. H. der Geist Gottes keineswegs bloß den bei der Heilsgeschichte dienenden Menschen, sondern allen Menschen hinsichtlich ihres Naturlebens. ja daß er allen und jeden Erscheinungen der körperlichen Welt bestimmend innewaltet, und daß mithin nicht bloß Alles, was zur Fortführung der heiligenGeschichte dient, sondern überhaupt Alles, was den natürlichen und geschichtlichen Weltentwickelungen angehört, durch Wirkung des Geistes und der Geister hervorgebracht wird. Wenn mithin v. H. die Entstehung der Schrift auf den dem Naturleben des Menschen bestimmend innewaltenden Geist Gottes zurückführt, so ist damit im Sinne v. H.'s Nichts gesagt, was der heiligen Schrift irgend einen höheren Ursprung, irgend eine höhere Dignität beilegte. Dem Naturleben der Schreiber und Zusammensteiler der Ilias hat hiefiir der Geist Gottes gerade so bestimmend innegewaltet, wie den Schreibern und Zusammenstellern der heiligen Schrift für ihren Zweck. Es täuscht daher auch nur, wenn v. H. sagt, der Geist Gottes

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und mit Wahrheit. Denn sie bringen nicht, was sie erdacht und gut gedaucht, sondern was sie von Gott selbst gehöret und der, so alle Dinge geschaffen, ihnen entweder durch Träume oder durch Gesichte gezeiget und gewiesen hat, dasselbige offenbaren sie und tun es uns dar, 4 Mos. 12, 6. .. Sind also rechte Zuhörer Gottes. Denn der ewige allmächtige Gott, der Geist Gottes regieret ihr Herz und Zunge.”  (Andere Auslegung des Propheten Joel, vom J. 1545. VI, 2169. f.)

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habe bei der Entstehung der Schrift nicht anders gewirkt, als bei den Krankenheilungen und andern Wundern der Heilsgeschichte. Er hätte nach seiner Lehre, daß nicht bloß das Ungemeine, sondern auch das Gemeine auf Wirkung des Geistes und der Geister zurückzuführen sei, noch weiter gehen und sagen müssen: Wirkung des Geistes ist nicht bloß da, wo die heilige Schrift wird, sondern auch da, wo die Heilungen und Wunder geschehen, ja auch da, wo die Ilias wird, und selbst da, wo der Wind weht, der Unterschied ist nur der, daß derselbe Geist Gottes hier eine Windsbraut, dort Heilungen, da hellenisches Schriftdenkmal, und hier wieder ein Schriftdenkmal der Heilsgeschichte fertig bringt. Zweitens aber wissen wir und hören zum Ueberflusse abermal. daß diese Wirkung des Geistes Gottes nur anf das Naturleben der bei der Abfassung der heiligen Schrift beteiligten Menschen ging. Dann war sie aber nur auf das Schreiben und auf das Zusammenstellen, auf dies äußerlich Formelle beschränkt, wie denn auch v. H. da, wo er laut Obigem die betreffende Tätigkeit des Geistes beschreibt, nur des Schreibens und Zusammenstellens erwähnt. Auf die Gewinnung des Inhalts dagegen erstreckte sich die Wirksamkeit des Geistes Gottes bei Abfassung der Schrift nicht, denn dazu hätte es natürlich einer Wirkung nicht nur auf das Naturleben. sondern auf das Personleben der dabei gebrauchten Menschen, auf ihr Denken und Wollen bedurft; wie denn auch v. H. das, daß der Geist Gottes den Verfassernder heiligen Schrift den Inhalt dargereicht habe. mit keinem Worte ausspricht. Alles mithin. was v. H. über die Inspiration der heiligen Schrift sagt, reduziert sich darauf. daß der Geist Gottes bei der Entstehung derselben das Nämliche getan habe, was er bei Allem tun muss, was Menschen vermittelst des Naturlebens zu Stande bringen sollen. Von einer Eingebung des Inhalts der heiligen Schrift durch den Geist Gottes ist keine Rede; und wir haben nach Abwägung aller Ausführungen v. H.'s immer noch nicht mehr von der Schrift erfahren, als daß ihm das Neue Testament ein menschlich glaubwürdiges und ziemlich reichhaltiges Denkmal der christlichen Urgeschichte, und daß ihm das Alte Testament ein Denkmal der auf JEsum vorbildlichen Geschichte, und zwar laut dem Zeugnisse JEsu ein entsprechendes  solches Denkmal ist.” (Kirchl. Zeitschrift. Herausgeg. von Dr. Th. Kliefoth und Dr. O. Mejer. VI. Jahrg. Schwerin 1859. S. 650. f.) Mehr verraten auch v. H.s Schüler nicht über das. was sie unter Inspiration verstanden wissen wollen. Sie sind nicht so naiv, sich dabei auf “Bibelsprüche” zu berufen, sie konstruieren ihre “Inspiration.. aus der Notwendigkeit, daß die christliche Kirche eines Schriftdenkmals über ihre Entstehung bedürfe, und aus der Beschaffenheit der Schrift, welche diesem Bedürfnis entspreche. Z. B. Dr. Luthardt schreibt schlank weg: “Das Selbstzeugnis der Schrift” (die Art ihrer Entstehung betreffend) “beruht  nicht sowohl auf einzelnen Stellen, als vielmehr in der Beschaffenheit der Schrift selbst, deren entsprechende Erkenntnis die Aufgabe der Schriftwissenschaft ist.” (Compend. 4. Aufl. S. 253.) Solche dicta probantia, wie 2 Tim. 3, l6. 2 Petr. 1, 21. 2 Sam. 23, 2., in ihrer Darlegung der Lehre von der Inspiration auch nur zu erwähnen, achten die moderngläubigen Theologen fitr unter ihrer Würde; das überlassen sie den Dogmatikern alter Schule, die keine Idee von geschichtlicher Anschauung hatten. Jede Lehre muss eben das Resultat der “Schriftwissenschaft” sein.

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Ein Prophet wird genennet, der seinen Verstand  von Gott hat ohne Mittel, dem der Heilige Geist das Wort in den Mund legt.  Denn Er ist die Quelle und sie haben keinen andern Meister denn Gott, 1 Cor. 14, 1. 2.  Niemand kann einen Propheten machen durch menschliche Predigt und Lehre, 2 Petr. 1, 21., und ob es gleich Gottes Wort ist und ich das Wort Gottes auf das allerreineste predige, so mache ich doch keinen Propheten; einen weisen und verständigen Mann kann ich machen. Als Matthäi am 23. Kap. V.34. werden ‘Weise genannt, welche von den Propheten die Lehre schöpften, denn Gott redet durch Leute und nicht ohne Mittel; aber ‘Propheten sind sie nicht, die ohne alle Mittel die Lehre von Gott haben. Also wird allhier gesagt: ‘Aaron soll dein Prophet sein'; gleichwie Ich, Gott, auch Propheten mache ohne alle Mittel, wenn ich mit ihnen rede; also bist du Gott und Aaron ist der Prophet, denn er soll ohne Mittel von dir lernen, wie du von mir gelernet hast.” (Ausl. über etliche Kapitel des 2. B. Mosis, gepredigt zu Wittenberg, vom J. 15241526. III, 1172.)

Zu den Worten Davids: “Der Geist des HErrn hat durch mich geredet, und seine Rede ist durch meine Zunge geschehen” (2 Sam. 23, 2.), bemerkt Luther:  “Welch ein herrlicher hochmütiger Hochmuth ist das: wer sich rühmen darf, daß der Geist des HErrn durch ihn redet und seine Zunge des Heiligen Geistes Wort rede!  Der muss freilich seiner Sachen sehr gewiß sein.  Das wird nicht sein David, Isai Sohn, in Sünden geboren, sondern der zum Propheten durch Gottes Verheißung erwecket ist. Sollte der nicht liebliche Psalmen machen, der solchen Meister hat, der ihn lehret und durch  ihn redet? Höre nun, wer Ohren hat zu hören! Meine Reden sind nicht meine Rede, sondern ‘wer mich höret, der höret Gott; wer mich verachtet, der verachtet Gott', Luc. 10, 16.. Denn ich sehe, daß meiner Nachkommen viel werden meine Wort nicht hören zu ihrem großen Schaden. Solchen Ruhm dürfen wir, noch Niemand, führen, der nicht ein Prophet ist. Das mögen wir tun, soferne wir auch heilig und den Heiligen Geist haben, daß wir Catechumenos und Schüler der Propheten uns rühmen, als die wir nachsagen und predigen, was wir von den Propheten und Aposteln gehöret und gelernet, und auch gewiß sind, daß es die Propheten gelehret haben. Das heißen in dem Alten Testament ‘der Propheten Kinder', die nichts Eigenes noch Neues setzen, wie die Propheten tun, sondern lehren, das sie von den Propheten haben.”  (Ausl. der letzten Worte Davids 2 Sam. 23, 17. III, 2797. f.)

III. In der heiligen Schrift steht nichts vergeblich.

Wo du in der Schrift findest, daß Gott von Gott, als wären es zwo Personen, redet, darauf magst du kühnlich gründen, daß daselbst drei Personen in der Gottheit angezeigt werden.  Als, hier an diesem Ort spricht der HErr, daß der HErr will David ein Haus bauen (1 Chron. 18, 10. ff.). (Seite 42) Item, 1 Mos. 19, 24.: ‘Der HErr ließ regnen vom HErrn Feuer und Schwefel 2c.' Denn der Heilige Geist ist kein Narr noch Trunkenbold, der einen Tütel, geschweige ein Wort sollte vergeblich reden.”  (Ausl. der letzten Worte Davids 2 Sam. 23, 1--7. III, 2804. f.)

Nach geistlicher Deutung der Worte: “Und war nun eine Wittwe bei vier und achtzig Jahren” (Luc. 2, 37.), bemerkt Luther: “Das sei diesmal genug spaziert, auf daß man sehe, wie gar kein Tütel in der Schrift sei vergebens geschrieben, und wie die lieben alten Väter mit ihrem Glauben uns haben Exempel vorgetragen, aber mit ihren Werken allezeit fürgebildet das, daran wir glauben sollen, nämlich Christum und sein Evangelium; also, daß nichts vergebens von ihnen gelesen wird, sondern all ihr Ding unsern Glauben stärket und bessert.”  (Kirchenpostille über das Ev. am Sonnt. nach dem Christtag, vom J. 1521. XI, 373.)  

Wenn sie nun” (Juden und Türken) “pochen auf die Schrift, daß ein einiger Gott sei, so pochen wir wiederum, daß die Schrift eben so stark anzeigt, daß in dem einigen Gott viel” (eine Mehrheit) “sind. Uns gilt unsre Schrift so viel, als ihre; sintemal kein Buchstabe in der Schrift vergeblich ist.” (Die drei Symbole, vom J. 1538. X, 1229.)

IV. Die heilige Schrift ist frei von Irrtum.

Ich habe gesagt, man fragt nicht, wie die Heiligen gelebt und geschrieben haben, sondern wie die Schrift anzeigt, daß wir leben sollen. Die Frage ist nicht von dem, das geschehen ist, sondern davon, wie es geschehen soll.  Die Heiligen haben in ihrem Schreiben irren und in ihrem Leben sündigen können; die Schrift kann nicht irren.”  (Schrift vom Mißbrauch der Messe, vom J. 1522. XIX, 1309.)

Damit ich auch denen will geantwortet haben, die mir Schuld geben, ich verwerfe alle heilige Lehrer der Kirchen. Ich verwerfe sie nicht, aber dieweil jedermann wohl weiß, daß sie zuweilen geirrt haben als Menschen, will ich ihnen nicht weiter Glauben geben, denn sofern sie mir Beweisung ihres Verstandes aus der Schrift tun, die noch nicht geirrt hat. Und das heißet mich St. Paulus 1 Thess. 5, 21., da er saget: ‘Prüfet und bewähret zuvor alle Lehre; welche gut ist, die behaltet.' Desselben gleichen schreibet St. Augustinus zu St. Hieronymo: ‘Ich habe erlernet allein den Büchern, die die heilige Schrift heißen, die Ehre zu tun, daß ich festiglich gläube, keiner derselben Beschreiber habe je geirret; alle andere aber lese ich dermaßen, daß ich's nicht für wahr halte, was sie sagen, sie beweisen mir's denn mit der heiligen Schrift oder öffentlicher Vernunft.'“ (Grund und Ursach aller Artikel, so durch die römische Bulle unrechtlich verdammt worden, vom J. 1520.  XV, 1758. Zu letzterem Ausspruch Augustin's bekennt sich Luther wiederholt, auch in seiner Schrift “Von den Conciliis und Kirchen” vom J. 1539.  XVI, 2635. f.)

(Seite  43)

Mit Beziehung auf das angeblich eigene Geständnis Muhammeds, daß, was von ihm im Koran zu lesen ist, zu einem Teil Irrtum enthalte, schreibt Luther: “Es wird mich (achte wohl, auch keinen vernünftigen Menschen) niemand bereden ewiglich, daß ein Mensch (so er anders ein Mensch ist, der bei Vernunft ist) sollt mit Ernst glauben können einem Buch oder Schrift, davon er gewiß wäre, daß ein Teil (schweige denn drei Teil) erlogen wäre; dazu nicht wissen müßte, welches unterschiedlich wahr oder nicht wahr wäre, und also im Sack kaufen müßte.” (Treue Warnung vor des Mahomet's oder Türken greulicher Lehre und Glauben 2c., vomI. 1542. XX, 2830. f.)

(Schluß folgt.)

 

(Seite 65)

Lehre und Wehre.

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Jahrgang 32.           März 1886.                No. 3.

Vorwort.

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(Schluß)

Damit ich auch denen will geantwortet haben, die mir Schuld geben, ich verwerfe alle heilige Lehrer der Kirchen. Ich verwerfe sie nicht; aber dieweil Jedermann wohl weiß, daß sie zuweilen geirrt haben als Menschen, will ich ihnen nicht weiter Glauben geben, denn sofern sie mir Beweisung ihres Verstandes aus der Schrift tun, die noch nie geirret hat.  Und has heißt mich St. Paulus 1 Thess. 5, 21., da er sagt: ‘Prüfet und bewähret zuvor alle Lehre; welche gut ist, die behaltet.' Desselbengleichen schreibet St. Augustinus zu St. Hieronymo: ‘Ich habe gelernet, allein den Büchern, die die heilige Schrift heißen, die Ehre zu tun, daß ich festiglich gläube, keiner derselben Beschreiber habe je geirrt.'“  (Grund und Ursach aller Artikel, so durch die römische Bulle verdammt worden, vom J. 1520. XV, 1758.)

 

V. Die Schrift steht nirgends in Widerspruch mit sich selbst.

Das hat den guten Mann Oekolampad betrogen, daß Schrift, so wider einander sind, freilich müssen vertragen werden und ein Teil einen Verstand nehmen, der sich mit dem andern leidet; weil das gewiß ist, daß die Schrift nicht mag mit ihr selbst uneins sein.  Aber er merkte und bedachte nicht, daß er der Mann wäre, der solche Uneinigkeit der Schrift fürgäbe und beweisen sollte; sondern er nahm es an und trugs vor, als wäre es gewiß und schon überweiset. Da fällt und fehlet er. Wenn sie aber sich bedächten zuvor, und sähen zu, wie sie nichts reden wollten, denn Gottes Wort, wie St. Petrus lehret, und ließen ihr eigen Sagen und Setzen daheim, so richteten sie nicht so viel Unglücks an. Das Wort ‘Schrift ist nicht wider einander' hätte den Oekolampad nicht verführt, denn es ist in Gottes Wort gegründet, daß Gott nicht leuget, noch sein Wort nicht leuget.”  (Daß diese Worte: Das ist mein Leib, noch fest stehen, vom J. 1527. XX, 994. f.)

 

(Seite 66) 

Ich lasse dich immerhin feindlich schreien, daß die Schrift wider ein.-.ander sei, an einem Ort die Gerechtigkeit dem Glauben, am andern den Werken zuschreibe. Wiewohl es unmöglich ist, daß die Schrift wider sich selbst sein sollte; ohne allein daß die unverständigen, groben und verstockten Heuchler also dünket.”  (Ausführliche Erkl. der Epistel an die Gal., vom J. 1535. VIII, 2140.)                  

Ich selbst habe ein herzliches Mißfallen an mir selbst und hasse mich selbst, weil ich weiß, daß alles dasjenige, was die Schrift von Christo sagt, wahr sei, außer welchem nichts Größeres, nichts Wichtigeres, nichts Angenehmeres, nichts Fröhlicheressein kann und das mich in höchster Freude trunken machen sollte; weil ich sehe, daß die heilige Schrift in allen Stücken übereinstimme, also, daß man ander Wahrheit und Gewißheit einer so wichtigen Sache nicht das Geringste in Zweifel ziehen kann, u. s.w.” (Kurze Ausl. über den Propheten Iesaiam, vom J. 1532. VI, 268.)

“Also sind viel Sprüche in der Schrift, die nach dem Buchstaben wider einander sind, aber wo die Ursachen angezeigt werden, ists alles recht.” (Von den Conciliis und Kirchen, vom J. 1539. XVI, 2668.)

“Wir haben die Artikel unsers Glaubens in der Schrift genugsam gegründet, da halte dich an und laß dir es nicht mit Glossen drehen und nach der Vernunft deuten, wie sichs reime oder nicht 2c., sondern wenn man dir Anderes aus der Vernunft und deinen Gedanken will hinan schmieren, so sprich: Hier habe ich das dürre Gottes Wort und meinen Glauben, da will ich bei bleiben, nicht weiter denken, fragen, oder hören, noch klügeln, wie sich das oder dies reime, noch dich hören, ob du gleich einen andern Text oder Sprüche herbringst, als dem zuwider aus deinem Kopf gezogen, und deinen Geifer daran geschmieret, denn die wird nicht wider sich selbst noch einigen Artikel des Glaubens sein, ob es wohl in deinem Kopf wider einander ist und sich nicht reimet.”  (Predigt von der christlichen Rüstung und Waffen, vom J. 1532. IX, 452.)

VI. An jedem Buchstaben und  Tütel der Schrift ist unendlich viel gelegen und die ganze Kirche all jeden derselben gebunden.

An Einem Buchstaben, ja an einem einigen Tütel der Schrift ist mehr und größer ge legen, denn an Himmel und Erde. Darum können wir es nicht leiden, daß man sie auch in dem Allergeringsten verrücken wollte.  (Ausführliche Erkl. der Ep. an die Galater, vom J. 1535. VIII, 2661.)

Das sei fern, das sei fern, daß einziger Buchstabe im Paulo sei, dem nicht nachfolgen und den nicht halten sollte die ganze allgemeine Kirche.”1) (Von der babylonischen Gefängnis der Kirche, vom J. 1520. XIX, 22.)

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1) Absit, absit, ut ullus apex in toto Paulo sit, quem non debeat imitari et servare tota universalis ecclesia. (Opp. lat. varii argumenti etc. Francofurti ad M. 1868. Vol. V, 27.)

(Seite 67)

VII.  Die der Schrift eigentümliche einfältige Darstellung, auch die darin befindliche Beschreibung an sich geringfügiger Dinge, hat Gott den Heiligen Geist selbst zum Urheber.

(Ich) “bitte und warne treulich einen jeglichen frommen Christen, daß er sich nicht stoße an der einfältigen Rede und Geschichte, so ihm oft begegnen wird, sondern zweifle nicht daran, wie schlecht es sich immer ansehen läßt, es seien eitel Worte, Werke, Gerichte und Geschichte der hohen göttlichen Majestät und Weisheit.  Denn dies ist die Schrift, die alle Weisen und Klugen zu Narren macht und allein den Kleinen und Albernen offen steht; wie Christus sagt Matth. 11, 25. Darum laß deinen Dünkel und Fühlen fahren und halte von dieser Schrift als von dem allerhöchsten, edelsten Heiligtum, als von der allerreichsten Fundgrube, die nimmer ganz ausgegründet werden mag, auf daß du die göttliche Weisheit finden mögest, welche Gott hier so alber und schlecht vorleget, daß er allen Hochmuth dämpfe. Hier wirst du die Windeln und die Krippe finden, da Christus inne liegt, dahin auch der Engel die Hirten weiset Luk. 2, 11.  Schlecht und geringe Windeln sind es, aber teuer ist der Schatz, Christus, der drinnen liegt.”  (Vorrede auf das Alte Testament, vom J. 1523. XIV, 3.)

1 Mos. 24, 22.: ‘Da nun die Kamele alle getrunken hatten, nahm er eine  güldene Spange eines halben Sekels schwer und zween Armringe an ihre Hände zehen Sekel Goldes schwer.'  Was allhier erzählet wird, scheinet vor der Vernunft, als sei es gar fleischlich und weltlich Ding; und verwundere ich mich auch selbst, warum Moses von solchen geringen Dingen so viel Worte machet, so er doch droben von vielen höheren Dingen so sehr kurz geredet hat.  Daran aber ist.kein Zweifel,  daß der Heilige Geist hat haben wollen, daß dies zu unserer Lehre soll geschrieben werden. Denn in der heiligen Schrift wird uns nichts vorgehalten, das gering oder vergeblich Ding sei, sondern alles, was geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, Röm. 15, 4.  Denn Gott will erkannt werden in allen Dingen. . . Darum lasset uns das Brautlied hören der Jugend zum Exempel, auf daß sie lerne, von Hochzeiten und zugleich Mann und Weib ehrlich halten; welche Dinge alle bei den Heiden verachtet werden, wie in den Schriften der Poeten, beide der griechischen und lateinischen, zu sehen ist.  Denn sie sehen nur allein auf das Fleisch und schmähen und unehren also damit Gott, den Schöpfer. Denenselben sollen wir den Text der heiligen Schrift für die Nase halten. . . Der Heilige Geist schmücket hier die Braut wunderschön, gleich als hätte er sonst nichts Anderes zu tun und zu lehren.” (Auslegung des 1. B. Mose, vom J. 1536. ff. I, 2563. f. 1568.)

1 Mos. 44, 1. 2.: ‘Und Joseph befahl seinem Haushalter und sprach: Fülle den Männern ihre Säcke mit Speise, so viel sie führen mögen, und (Seite 68) lege jeglichem sein Geld oben in seinen Sack.  Und meinen silbernen Becher lege oben in des Jüngsten Sack, mit dem Gelde für das Getreide. Der tat, wie ihm Joseph gesagt hatte.' Ich habe nun oftmals vermahnet, und man soll es auch den Leuten immer vorhalten und einbilden, daß der Heilige Geist von den so großen Patriarchen so scherzhafte und geringe Dinge schreiben lässet, so er doch tapfere, wichtige und große heilige Dinge erwählen möchte; wie er denn derselben zwar auch bisweilen etliche mit einführet und sie unter die Historien der heiligen Väter menget.  Ein unverständiger fleischlicher Leser, der da meinet, daß diese Dinge  gar nichts wert sein, ärgert sich daran leichtlich, und verwundert sich dessen, daß solches in der Kirche und Gemeinde Gottes gelesen wird und daß der Heilige Geist die Zeit und Arbeit darüber also mag zubringen, solche geringe, nichtige Dinge zu erzählen.  Denn warum hält er uns nicht viel lieber große seltsame Wunder vor, von der Mönche Fasten, von stoischer und spartanischer Härtigkeit und Unfreundlichkeit der Menschen, die gar hart gewesen wie Eisen; gleichwie die Karthäuser für solche harte Menschen wollen gehalten werden; gleich als ob in diesen lächerlichen und nichtigen Dingen sonderliche große Lehre sein könnte. Desgleichen disputieren sie auch davon,  ob dies Spiel, so Joseph mit  seinen Brüdern getrieben, Gott auch könne wohlgefallen und aus weß Eingeben oder welchem Geist er das möge getan haben. Darauf antworte ich also: Daß Joseph dies darum getan und vom Heiligen Geiste darum auch s e i be schrieben worden, daß wir daraus lernen, wie man vor Gott recht leben solle u. s. w.” (A. a. O. II, 2386--88.)

VIII. Auch wo die Schrift von für das natürliche Gefühl anstößigen geschlechtlichen Dingen berichtet, ist der Heilige Geist selbst der Berichterstatter.

Mit Beziehung auf die Geschichte von der Blutschande Juda's mit Thamar schreibt Luther: “Es ist ein wunderbarlicher Fleiß des Heiligen Geistes, diese schändliche, unzüchtige Historie zu beschreiben. . . . Warum hat sich doch der allerreineste Mund des Heiligen Geistes also herniedergelassen zu solchen niedrigen verachteten Dingen, ja, die auch etwas unzüchtig und unflätig, und dazu noch verdammlich sind, gleich als ob solche Dinge dazu sollten etwas nütze sein, daß dadurch die Kirche und Gemeinde Gottes möchte gelehret werden? Was hat die Kirche damit zu tun? Darauf antworte ich, gleichwie zuvor auch, nämlich daß dies alles um Christi willen also erzählet werde, welcher durch die ganze heilige Schrift beschrieben wird, daß er unser Bruder, unser Blutsfreund und Verwandter sei u. s. w. . . Und also steiget der Heilige Geist da hernieder mit seinem allerreinesten Munde, und redet von der scheußlichen Sünde und greulichen Blutschande.” (A. a. O. II, 1759. 1761.)

Ueber die Erzählung von der Geburt des Perez und Serah Gen. 38, (Seite 69) 27--30. schreibt Luther: “Ich habe vor gesagt: wir müssen schier vor ein jegliches  Kapitel eine eigene Vorrede und Beschönung machen; denn wir sind so zart, daß wir nicht leiden zu reden, noch zu hören von menschlicher Geburt, und haben doch daneben getrieben, das greulich zu sagen ist.  Es ist wahr, daß dies ist ein eben grob Kapitel; nun stehet es doch in der heiligen Schrift und hat es der Heilige Geist geschrieben, welcher ja so reinen Mund und Feder hat, als wir, daß ich es nicht höher zu beschönen weiß, denn also.  Hat jemand einen reinern Mund und Ohren, denn Er, der mag es lassen stehen; hat Er sich es nicht gescheuet noch geschämet zu schreiben, wollen wir es uns nicht schämen zu lesen und zu hören. Wollte Gott, wir hätten Zucht und Scham gehalten, da wir sie halten sollten, und Unzucht gemieden, wo man sollte! also haben wir es in Schein gewendet.  Wo man aus Not davon reden sollte, haben wir geschwiegen, aber.viel ärger getrieben, und wiederum.  Der Heilige Geist weiß wohl, was er gemacht hat, so redet er auch von seiner Kreatur, wie es gehet. . . Nun diese Historie hat Moses helle und grob beschrieben, darum tue die Augen auf, und  denke, daß es geschehen sei uns zur Lehre vom Heiligen Geist, u. s. w.” (Predigten über das 1. Buch Mose, vom J. 1527. III, 342. ff.)

IX. Auch der in der Schrift hie und da anscheinend sich findende Mangel an rechter Ordnung hat seinen Grund in Gottes des Heiligen Geistes Weisheit.

Zu der ersten  Frage (Matth. 24, 3.) antwortet er, wenn Jerusalem soll zerstöret werden, und spricht: ‘Wenn ihr  den Greuel der Verwüstung sehen werdet', und spricht, daß um derAuserwählten willen sollen die Tage verkürzet werden. . . . Es sindaber die Worte etwas dunkel, und Matthäus und Markus führen mit ein die Trübsal für der Welt Ende und darneben, daß Jerusalem soll zerstöret werden, und zeiget zuweilen auch an von der Welt Zerstörung, daß er also beide in einander mischet und menget; und es ist des Heiligen Geistes Weise in der heiligen Schrift, daß er also redet. Denn da Adam geschaffen war und Evam noch schaffen sollte, spricht die heilige Schrift: Gott nahm eine Ribbe und bauete ein Weib draus.  Da gebraucht er des Wortes ‘Bauen, da er hätte können sagen: Er schaffte oder machte ein Weib draus. Da gebraucht er des Worts ‘Bauen', wie die Zimmerleute ein Haus bauen, und fleucht der Heilige Geist mit dem Wort aus derselbigen Historien und zeiget etwas Sonderliches an, daß mit dem Wort ‘Bauen' nicht allein die Eva beschrieben sei als Adams Braut, sondern daß auch zugleich angezeiget sei die christliche Kirche, welche auch ist Gottes Wohnung und Tempel, so Gott gebauet hat und noch daran bauet bis ans Ende der Welt; denn die ist die geistliche Eva, so aus der Seite Christi genommen ist.  Denn da die Seite geöffnet worden, wird sie von seinem Fleisch und (Seite 70) Blut genommen. Adams Ribbe ist gewesen mit Fleisch und Blut; also werden wir, die christliche Kirche, auch erbauet aus der Seite des rechten Adams, Christi. Das hat müssen balde im Anfang der Welt das Wort bedeuten. Also setzet oft der Heilige Geist und weiset aus der Historia, daß gleich wie Eva sei das wahrhaftige Weib, gemacht aus der Ribbe des Menschen, also sei des HErrn Christi Braut, die rechte Eva,  die christliche Kirche, die auch von Christo genommen ist, gleich wie Eva aus Adams Fleisch geboren und erbauet wurde; denn dieses hat es bedeutet. Also gebraucht allhier Matthäus auch etlicher Worte, welche leuchten auf das letzte Unglück der Welt, welches durch den Unfall und Zerstörung Jerusalems ist bedeutet worden. Denn eben also wird der Kirchen Trübsal auch sein, und spricht: ‘Wenn nicht die Tage verkürzet würden, so würde kein Mensch selig.'  Das tut nun Matthäus. Nun wir wollens von einander teilen zu seiner Zeit.” (Predigten über etzliche Kapitel des Evangelisten Matthäi, vom Jahre 1537--1540. Erlanger Band XLV. S. 119. f.)

Was ist aber, daß Mose die Gesetze so unordig untereinander wirft? Warum setzt er nicht die weltlichen auf einen Haufen, die geistlichen auch auf einen Haufen, und den Glauben und Liebe auch auf einen? Dazu wiederholet er zuweilen ein Gesetz so oft und treibet einerlei Worte so vielmal, daß es gleich verdrossen ist zu lesen und zu hören? Antwort: Mose schreibet, wie sichs treibet, daß sein Buch ein Bild und Exempel ist des Regiments und Lebens. Denn also  gehet es zu, wenn es im Schwange gehet, daß jetzt dies Werk, jetzt jenes getan sein muss. Und kein Mensch sein Leben also fassen mag (so es anders göttlich sein soll), daß er diesen Tag eitel geistlich, den andern eitel weltlich Gesetz übe; sondern Gott regieret also alle Gesetze unter einander, wie die Sterne am Himmel und Blumen auf dem Felde stehen, daß der Mensch muss alle Stunde zu Jeglichem bereit sein, und tun, welches ihm am ersten vor die Hand kommt.  Also ist Mosis Buch auch unter einander gemenget.  Daß er aber so fast treibet und oft Einerlei wiederholet, da ist auch seines Amts Art angezeiget. Denn wer ein Gesetzvolk regieren soll, der muss immer anhalten, immer treiben und sich mit dem Volk wie mit Eseln bläuen. Denn kein Gesetzwerk geht mit Lust und Liebe ab; es ist alles erzwungen und abgenötigt. Weil nun Mose ein Gesetzlehrer ist, muss er mit seinem Treiben anzeigen, wie Gesetzwerke gezwungene Werke sind, und das Volk müde machen, bis es durch solch Treiben erkenne seine Krankheit und Unlust zu Gottes Gesetz und nach der Gnade trachte.”  (Vorrede auf das Alte Testament, vom J. 1523. XIV, 8. f.)

Ehe wir den Text (Habac. 1.) anfahen, muß ich vor den Weg bahnen und einen gemeinen Eingang machen, der nicht allein diesen” (Propheten Habacuc), “sondern fast alle Propheten desto baß zu verstehen nötig und nützlich ist.  Denn das hat bisher viel irre gemacht in den Propheten, daß, (Seite 71 >) wenn sie vom jüdischen Reich reden, kurz abbrechen und von Christo mit unterreden, und dünket Jedermann, der ihre Weise nicht weiß, sie haben eine seltsame Weise zu reden, als die keine Ordnung halten, sondern das  Hundertste ins Tausendste werfen, daß man sie nicht fassen, noch fich drein schicken möge. Nun ists gar unlustig Ding, ein Buch lesen, das keine Ordnung hält, da man nicht kann eins zum Andern bringen und an einander hängen, daß sichs sein nacheinander spünne; wie sichs denn gebührt, wo man recht und wohl reden will. Also hat der Heilige Geist müssen die Schuld haben, daß er nicht wohl reden könnte, sondern wie ein Trunkenbold oder ein Narr redet, so menge ers in einander und führe  wilde, seltsame Worte und Sprüche.  Es ist aber unsere Schuld, die wir die Sprache nicht verstanden, noch der Propheten Weise gewußt haben.  Denn das kann je nicht anders sein, der Heilige Geist ist weise und macht die Propheten auch weise.  Ein Weiser aber muß wohl reden können; das fehlet nimmermehr; wer aber nicht wohl höret oder die Sprache nicht genugsam weiß, den mags wohl dünken, er rede übel, weil er kaum der Worte die Hälfte höret oder vernimmt.”  (Ausl. des Propheten Habacuc, vom J. 1526.  VI, 3093. f.)

X. Auch dasjenige, was die heilige Schrift von Naturhistorischem sagt, sagt Gott der Heilige Geist selbst.

Ich habe oft gesagt, daß, wer in der heiligen Schrift studieren will, soll je darauf sehen, daß er auf den einfältigen Worten bleibe, wie er immer kann, und je nicht davon weiche, es zwinge denn irgend ein Artikel des Glaubens, daß man es müsse anders verstehen, denn die Worte lauten. Denn wir müssen deß sicher sein, daß keine einfältigere Rede auf Erden kommen sei, denn das Gott geredt hat. Darum, wenn Moses schreibet, daß Gott in sechs Tagen Himmel und Erde, und was darinnen ist, geschaffen habe, so laß es bleiben, daß es sechs Tage gewesen sind, und darfst keine Glosse finden, wie sechs Tage ein Tag  gewesen sind. Kannst du es aber nicht vernehmen, wie es sechs Tage sind gewesen, so tue dem Heiligen Geist die Ehre, daß Er gelehrter sei, denn du. Denn du sollst also mit der Schrift handeln, daß du denkest, wie es Gott selbst rede. Weil es aber Gott redet, so gebühret dir nicht, sein Wort aus Frevel zu lenken, wo du hin willt, es zwinge denn die Not, einen Text anders zu verstehen, denn wie die Worte lauten; nämlich wenn der Glaube solchen Verstand, als die Worte geben, nicht leidet.” (Predigten über das 1. Buch Mosis, vom J. 1527. III, 23.)

Hilarius und Augustinus, als die zwei größten Lichter der Kirche, sind dieser Meinung, daß die Welt plötzlich und auf einmal, nicht nach einander durch sechs Tage geschaffen sei. . . . So viel St. Augustini Meinung betrifft, halten wir dafür, Moses habe eigentlich geredet, nicht allegorisch oder figürlich, nämlich daß die Welt mit allen Kreaturen innerhalb der sechs (Seite 72 >)  Tage, wie die Worte lauten, geschaffen sei.  Da wir aber nun die Ursache mit unserem Witz und Vernunft nicht erreichen  noch verstehen können, so lasset uns Schüler bleiben und dem Heiligen Geist seine Meisterschaft lassen.”  (Ausl. des 1. B. Mosis, vom J. 1536. ff. I, 3. 4.)

 

XI. Auch die chronologischen Angaben der heiligen Schrift sind göttlichen Ursprungs.

Ueber den Eusebium haben wir nicht so fast zu klagen, welcher wahrlich (wie Hieronymus schreibt) ein wunderbarlicher und überaus fleißiger Mann gewesen ist. Ueber die andern Geschichtschreiber allesamt klagen wir und sie klagen  selbst unter einander, daß es ihnen mangele an gewisser Rechnung der Jahre.  Darum habe ich dieselben in dieser Arbeit fahren lassen und habe diese Rechnung aus der heiligen Schrift vornehmlich zuwege bringen wollen. Denn auf dieselbe können und sollen wir uns wahrhaftiglich mit beständigem Glauben verlassen. . . . Ich halte mich allein der heiligen Schrift, darum muß ich auch den Philonem (das ich doch sehr ungerne tue) verwerfen, da er in den Wochen bei achtzehn Jahr zu viel setzt. . . . Diese Ursache hat mich bewogen, daß ich die Historicos wohl nicht gänzlich verachte, aber doch die heilige Schrift ihnen vorziehe. Ich gebrauche ihrer also, daß ich nicht gedrungen werde, der Schrift wider zu sein. Denn ich glaube, daß in der Schrift Gott rede, der wahrhaftig ist, in andern Historien aber, daß sehr seine Leute ihren besten Fleiß und Treue (jedoch als Menschen) fürwenden, oder ja zum wenigsten, daß ihre Abschreiber haben irren können.”  (Chronika, vom J. 1541 u. 1545. XIV, 1112. 1116. 1117.)

Ehe Luther Einem der heiligen Schreiber einen chronologischen Irrtum hätte zumessen wollen, nahm er lieber an, daß eine mit anderen festftehenden Angaben unvereinbare chronologische Angabe derselben durch Abschreiber in den Bibeltext gekommen sein müsse. Er schreibt: “Die Zeit der Richter vom Tode Mose bis auf Samuel ist 357 Jahr, Josua mit eingeschlossen, wie du selbst siehest. Und die Rechnung fehlet nicht, dieweil im 1. B. der Könige C. 6. vom Auszug bis auf den Tempel Salomonis gezählet werden 480 Jahr. Daher ist es ein öffentlicher Irrtum in den Geschichten der Apostel Cap. 13, (20.), durch die Schreiber versehen, und ist die lateinische Versio zweimal falsch, dieweil sie 450 Jahr setzt vor den Richtern zu der Austeilung des Landes, zwinget also den Lyram zurück zu laufen bis in die Jahre Isaaks. Der griechische Text aber ist gefälscht durch des Schreibers Irrtum, der sich leicht hat zutragen können, daß er geschrieben hat 450 für 350, nämlich τετρακόσιους für τριακόσιους (A. a. O. S. 1178. f.) 1)                                    

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1) Beza stimmt hierin Luthern bei und rechtfertigt die Meinung desselben in seinem “Novum Testamentum et Th. Bezae annotationes” 1598. fol. 512.

(Seite 73 >)

XII. Die Auslegung des Alten Testaments, welche Christus und die Apostel geben, ist die authentische Auslegung des Heiligen Geistes selbst.

Hieronymus meldet unter anderm neben diesem (90.) Psalm, daß in Psalmen dieser stete Brauch sei, daß allewege zehen nacheinander folgende Psalmen dem Autor zustehen, deß Name in den vorhergehenden Psalmen ausgedrucket steht.  Solches  hat er vielleicht aus der Rabbiner Tradition genommen. Ich aber zweifle nicht, dieser einige Psalm sei Mosi zuzueignen und nicht die folgenden, so keinen Titel haben. Denn die Epistel zun  Ebräern  C. 4, 7. redet öffentlich vom 8. Vers des 95. Psalms: ‘Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet' 2c., daß Gott solches durch David geredet habe; darum müssen wir es dafür halten, Hieronymus habe hierinnen der Jüden Gedichten nachgefolget.” (Ausl. des 90. Psalms, vom J. 1534.  V, 1086.)

Daß der ,Fels (2 Mos. 17. 6.) in der Wüste bedeute Christum, saget nicht die Vernunft, sondern Paulus 1 Kor. l0, 4. Also daß niemand  Anderes die Figur auslege, denn der Heilige Geist selbst, der die Figur gesetzet und Erfüllung getan hat, auf daß Wort und Werk, Figur und Erfüllung und beider Erklärung Gottes selber, nicht der Menschen seien, auf daß unser Glaube auf göttliche, nicht menschliche Werke und Worte gegründet sei … Daß dieser Spruch (Ps. 110, 4.) von Christo gesagt ist, halt ich, wirst du nicht leugnen, so ihn St. Paulus Ebr. 5, 2. und viel Oertern mehr, und der HErr Christus selbst Matth. 22, 44. von ihm selbst anzeiget.” (Vom Pabsttum zu Rom, wider den hochberühmten Romanisten zu Leipzig, vom J. 1520. XVIII, 1127. 1229.) 1) 

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1) Brenz schreibt in seiner Auslegung des 2. Psalms: “Wenn wir apostolische Zeugnisse haben, die der Grund der Kirche sind, daß dieser Psalm von Christo, dem Sohne Gottes, zu verstehen sei, so darf selbst kein Engel, geschweige ein gottloser Rabbiner, welcher etwas Anderes lehrt, gehört werden.” (Opp. Tom. III. fol.181.) Derselbe: “Wenn Paulus diesen (18.) Psalm von Christo auslegt, so ist keine andere, selbst nicht die eines Engels, anzuerkennen.” (Ib.) Dagegen schreibt Calvin: “Während der Prophet von der Vorzüglichkeit der Menschen handelt (im 8. Ps.), zieht dies (trahit”) der Apostel Ebr. 2, 6--9. anf die Erniedrigung Christi.... Was der Apostel hernach von einer kurzen Verwerfung darlegt, das ist nicht exsegetisch, sondern er beugt es auf sein Vorhaben ab (ad suum institutum deflectit), was von David in einem anderen Sinne gesagt war. So legt er Ephes. 4, 8. die Stelle Ps. 68. nicht sowohl aus, sondern accommodiert dieselbe vielmehr vermittelst einer frommen Abbeugung (“pia deflectione”) auf Christi Person.”  (Ad Ps. 8. Vid. Opp. Tom.  II, 24.)  Die moderngläubigen Theologen gehen, leider! Noch viel, viel weiter.  Am radikalsten hat sich Tholuck über den vorliegenden Gegenstand ausgesprochen, nämlich also: “Der Messias der Propheten und sein von ihnen geweissagtes Reich ist nicht der JEsus des Neuen Testaments und nicht die von ihm gestiftete Kirche; doch ist es für den, welcher in den Institutionen der alttestamentlichen Religion die Präformation der höheren Stufe des Christentums erkennt.” (Die Propheten und ihre Weissagungen. S.149.)

(Seite 74)  

Zum ersten ist zu wissen, daß alles, was die Apostel gelehret und geschrieben haben, das haben sie aus dem Alten Testament gezogen; denn in demselbigen ist alles verkündiget, was in Christo zukünftig geschehen sollte und geprediget werden, wie St. Paulus Röm. 1, 2. saget: ‘Gott hat das Evangelium von seinem Sohn Christo verheißen durch die Propheten in der heiligen Schrift.'  Darum gründen sich auch alle ihre Predigten in das Alte Testament und ist kein Wort im Neuen Testament, das nicht hinter sich sehe in das Alte, darinnen es zuvor verkündiget ist.  Also haben wir in der Epistel” (Ebr. 1. für den dritten Christtag) “gesehen, wie die Gottheit Christi ist durch den Apostel bewähret aus den Sprüchen des Alten Testaments. Denn das Neue Testament ist nicht mehr, denn eine Offenbarung des Alten. Gleich als wenn jemand zum ersten einen beschlossenen Brief hätte und darnach aufbräche: also ist das Alte Testament ein Testamentbrief Christi, welchen er nach seinem Tode hat aufgetan und lassen durchs Evangelium lesen und überall verkündigen; wie Offenb. 5, 5. bezeichnet ist durch das Lamm Gottes, welches ‘allein auftät das Buch mit den sieben Siegeln, das sonst niemand konnte auftun, noch im Himmel, noch auf Erden, noch unter der Erden.'“ (Predigt über das Evangelium am dritten Christtage, vom J. 1528. XI, 214. f.)

 “Ich werde ihm ein Vater sein, und er wird mir ein Sohn sein, diesen Spruch haben sie auch matt gemacht, als wären sie nur darum Lehrer,  daß sie die Schrift schwächen sollten, und sagen, daß dieser Spruch habe  zween Verstand: einmal sei er von Salomon zu verstehen, als einer Figur  Christi, das andermal von Christo.  Aber wenn das zugelassen wird, daß die Schrift nicht bestehet auf einem einfältigen Sinn, so streitet sie schon nimmer.  Mögen die Juden darauf bleiben, es sei von Salomon gesagt, wie wir bekennen, so lieget der Apostel aber mit gutem Schein  im Sande und schleußt nichts. Darum ists festiglich zu halten, daß er allein von Christo gesagt ist.”  (Predigt über die Epistel am dritten Christtage, vom J. 1522. XII, 228.)

Wir lassen der Jüden Geschwätz fahren und bleiben bei St. Pauli Verstand, welcher nicht ohne Ursache (Gal. 3, 16.) so fleißig auf das Wörtlein ‘Samen' dringet, und damit anzeigt, daß die heilige Schrift 1 Mos. 12, 3. und 22, 18. von einem einigen Samen, nicht von vielen rede, und saget frei heraus, daß solcher Same Christus sei, und tut solches aus  rechtem apostolisch en Geist und Verstande.  Ob nun den Jüden solch Deutung des Apostels nicht gefällt, irret uns Christen gar nichts. Es hat St. Paulus' Auslegung mehr Kraft bei uns, denn aller Rabbinen Glossen.” (Ausl. des Br. an die Gal., vom J. 1535. VIII, 2220.)                                      

Weil nun Davids Worte an diesem Orte (2 Sam. 23, 17.) solchen Verstand” (von Christi Gottmenschheit) “gerne geben nach aller Art ebräischer  (Seite 75) Sprache, sollen wir Christen keinen andern Verstand drinnen suchen noch achten, sondern diesen den einigen allein rechten Verstand, alle andere Deutung für menschlichen nichtigen Dünkel halten.  Das Neue Testament kann nicht fehlen, also das Alte Testament auch nicht, wo es sich reimet und dem Neuen ähnlich ist.”  (Ausl. der  letzten Worte Davids, vom J. 1543. III, 1814.)                                          

Münster zeucht an einem Ort einen jüdischen Rabbi an, der da saget: Sine supra et infra non potest intelligi Scriptura sancta, das ist, die heilige Schrift kann nicht verstanden werden ohne die obersten und untersten Punkte.  Und dasselbe ist wahr bei  den Ebräern.  Sie zeigen aber nicht an, wer der sei, der das gelehret oder geordnet habe, daß man diese Worte also nach den Punkten lesen soll; sie bringen auch keine gewisse Argumente oder Beweise, warum man eben auf diese Weise die Punkte hinzu tun müsse. . . . Zu der Zeit Hieronymi, wie es sich lässet ansehen, hat man zwar noch keine Punkte gebrauchet, sondern die ganze Bibel ist ohne Punkte gelesen worden. . . . Darum frage ich nicht viel nach der jüdischen Rabbinen Supra und Infra.  Es wäre besser, man läse die Schrift nach dem Intra; und das  Neue Testament gibt uns desselben rechten innerlichen Verstand, nicht den obersten oder untersten.” (Ausl. des 1. B. Mosis, vom J. 1545. II, 2703. f.)

XIII. Auch wo man die Schrift nicht verstehen kann, muß man sie doch mit heiliger Scheu betrachten und behandeln und seine unwissenheit bekennen.            

Derohalben sollen wir nicht zulassen, daß die Sprüche (des Alten Testaments) von Christo also zerrissen werden, von welchem Jakob angefangen hat zu sagen, daß er werde ein HErr sein der Heiden, und daß ihn die Völker über die ganze Welt hören und ihm gehorchen werden. Bei demselben Vornehmen, von Christo zu reden, lasset uns bleiben und keine fremden Figuren (als Hysteron Proteron 2c.)  dichten und hier herzuziehen. Wo es uns aber am Verstande mangeln wird, wollen wir die Meisterschaft dem Heiligen Geist lassen, nur daß wir nicht zulassen, daß der Text also zerrissen und verwirret werde.  Denn  ich will lieber bekennen, daß ich es  nicht verstehe.” (Ausl. des 1. Buchs Mosis, vom J. 1545. II, 2912. f.)

Wir wiederholen hier zum Schluß noch einmal Luthers Ausspruch: “Es ist mit Gottes Wort nicht zu scherzen.  Kannst du es nicht verstehen, so zeuch den Hut vor ihm ab.”  (Ausl. eines Stücks aus dem 23. Kap. des Proph. Jeremiä, vom J. 1526. VI, 1396.)

So haben wir denn hiermit Luthers Inspirationslehre mit seinen eigenen Worten aus den verschiedensten Zeiten seines Lebens und Wirkens vorgelegt. Hiermit vergleiche man nun u. A. Luthardt's und Cremer's bezügliches Urteil. Ersterer erkühnt sich, zu schreiben, der die (Seite 76 >) heilige Schrift vieler Irrtümer zeihende Prof. Volck vertrete damit “die wahrhaft kirchliche Anschauung im Sinne Luthers'! Letzterer behauptet mit Ersterem, Luther glaube so wenig an die Inspiration der heiligen Schrift, daß er vielmehr zu sagen wisse “von Heu, Stroh und Stoppeln, welches den Propheten bei ihren eigenen guten Gedanken mit untergelaufen sei”, und zwar wollen dies Beide von den Propheten verstanden wissen, deren Schriften einen Hauptteil der heiligen Schrift ausmachen!

So wenig es nun diesen gelehrten, sogar lutherisch sein wollenden Theologen zur Ehre gereicht, daß sie hiermit offenbaren, wie wenig sie in Luthers Schriften zu Hause und wie wenig verläßlich zugleich ihre geschichtlichen Angaben selbst in solchen wichtigen Fragen sind, so ist doch dies noch keineswegs das Erschrecklichste.  Denn gesetzt  es widerstrebt uns, es niederzuschreiben , Luther hätte wirklich die Bibel für ein mit allerlei Irrtümern behaftetes Buch gehalten, aus welchem nur die Gelehrten den göttlichen Wahrheitskern herausschälen könnten, so wäre damit den Bibelchristen eben nur Luther genommen.  Das Allererschrecklichste hierbei ist, daß die modern gläubigen und modern lutherischen Theologen (wie es fast scheint, ausnahmslos!) es für eine jetzt nicht mehr zu bestreitende Tatsache erklären, daß die Schrift neben den “eignen guten Gedanken” ihrer Verfasser auch “Heu, Stroh und Stoppeln” enthalte, was “das Feuer verzehrt”. Damit wird den Bibelchristen nicht ein Mensch genommen, den sie bisher für einen treuen Zeugen der Wahrheit hielten, damit wird den Bibelchristen ihre Bibel selbst, ihres Fußes Leuchte und das Licht auf ihrem Wege zur Ewigkeit, ihr Stecken und Stab im finstern Thal der Trübsal, kurz, Gottes Wort, und damit ihr Trost in Sündenangst, ihre Hoffnung in der Nacht ihrer Todesstunde genommen!

Luther schreibt in seinem Großen Bekenntnis vom Abendmahl von der Allöosis Zwingli's: “Hüte dich, hüte dich, sage ich, für der alloeosi, sie ist des Teufels Larven, denn sie richtet zuletzt einen solchen Christum zu, nach dem ich nicht gern wollt ein Chrift sein, nämlich daß Christus hinfort nicht mehr sei, noch tue mit seinem Leiden und Leben, denn ein ander schlechter Heiliger. Denn wenn ich das glaube, daß allein die menschliche Natur für mich gelitten hat: so ist mir der Christus ein schlechter Heiland, so bedarf er wohl selbst eines Heilandes. Summa, es ist unsäglich, was der Teufel mit der alloeosi suchet.”  (Zitiert in der Concordienformel, Art. VIII. S. 682, § 40.)  Dasselbe müssen wir von der sogenannten “Gottmenschlichkeit der Schrift” sagen, wie sie jetzt von der modern-gläubigen Theologie verstanden und gelehrt wird: Hüte dich, hüte dich, sage ich, vor dieser “Gottmenschlichkeit der Schrift”; s.e ist des Teufels Larve, denn sie richtet zuletzt eine solche Bibel zu, nach der ich nicht gern wollte ein Bibelchrist sein, nämlich daß die Bibel hinfort nicht mehr sei, denn ein anderes gutes Buch, welches ich mit steter ernster Prüfung lesen müsse, um nicht in Irrtum zu geraten. Denn wenn ich  (Seite 77 >) das glaube, daß die Bibel auch Irrtümer enthalte, so ist sie mir kein Prüfstein mehr, sondern bedarf wohl selbst eines solchen.  Summa, es ist unsäglich, was der Teufel mit der “Gottmenschlichkeit der Schrift” suchet.                      

Wir wissen wohl, was unser wartet auf diese unsere scheinbar maßlose Erklärung.  Man wird sie verachten und verlachen als Zeichen eines Eifers mit Unverstand, wenn nicht noch Schlimmeres darin finden. Allein wehe uns, wenn wir hier, wo es sich nicht einmal nur um diese oder jene Glaubenslehre der Schrift handelt, sondern wo es heißt: “Sie reißen den Grund um” (Ps. 11, 3.), “Rein ab, rein ab, bis auf ihren Boden” (Ps. 137, 7.), wenn wir, obwohl wir nicht zu den Gelehrten gehören, aber Christen sein wollen, dazu schwiegen! Dann müßten die Steine schreien. -- Erbarme sich Gott seiner armen Christenheit in dieser letzten betrübten und gefährlichen Zeit.                        W.