Der Heringskrieg

Nach Wäschke, Hermann, Anhaltische Geschichte, Band 1 (1912), S. 465-478

Nunmehr wurde Fürst Bernhard, der vorher (1422) persönlich am Kriege gegen die Hussiten teilgenommen hatte, in einen Krieg, den sogenannten Heringskrieg, verwickelt, der seiner Herrschaft und auch dem ganzen Lande Anhalt leicht verhängnisvoll werden konnte. Im Jahre 1426 hatten nämlich einige mit Heringen und Percham (Tuch) beladene Wagen eines Lübischen Kaufmannes die Bernburger Zollstätte bei Gerbitz umfahren, um den Zoll zu ersparen. Der Geleitsmann aber, die die Übertretung bemerkt hatte, war den Wagen nachgejagt, hatte sie samt dem Gute festgenommen und auf das Schloß Bernburg gebracht. Dort waren, wie es in solchem Falle üblich war, die Waren abgeladen und mit Beschlag belegt.

Als das Gerücht davon nach Magdeburg gedrungen war, hatte der Rat der Altstadt die Waren zurückgefordert, und, da der Fürst sich der Herausgabe weigerte, hatte an der alten Warte über Gattersleben eine Besprechung zwischen dem Magdeburger Bürgermeister Arnt Jordan und dem Fürsten Bernhard Vi. stattgefunden. Hier hatte der Fürst den Standpunkt vertreten, die Ladung sei gar nicht Magdeburger Kaufmannsgut, sie ginge also den Bürgermeister und die Stadt gar nichts an. Arnt Jordan aber hatte behauptet, die Ladung sei Kaufmannsgut, das zu schützen verschiedene Städte sich durch Vertrag verpflichtet hätten. Nun sei es Rechtens, verfahrenen Zoll nur mit dem doppelten Zollsatz, nicht mit der ganzen Ladung zu büßen. Darauf hatte der Fürst erklärt, er werde sich deswegen nach der Praxis der andern Fürsten erkundigen, um danach seinen Entschluß zu fassen, Arnt Jordan war aber mit dieser Erklärung nicht zufrieden gewesen, sondern hatte vollständige Rückgabe der Ladung gefordert, oder andernfalls mit Krieg gedroht.

Kurze Zeit nach dieser Besprechung, durch welche der Fürst mindestens einen Aufschub der Entscheidung herbei geführt wähnte, gingen ihm von einigen Freunden Warnungen mit der Begründung zu, daß die Altstadt Magdeburg mit ihren Helfern einen gemeinschaftlichen Angriff auf Bernburg an ein und demselben Tage vorbereite. An Helfern hätte die Stadt die von Veltheim, den Rat von Braunschweig und von Halle, die von Oberge, von Garsebüttel und andere Adelige aus dem Bistum Hildesheim und dem Holzlande, welche alle der von Veltheim Freunde seien.

Alle diese Warnungen ließ der Fürst unbeachtet, weil er sich in vollem Frieden namentlich mit der Altstadt Magdeburg wußte. Darauf aber hatten eben die Verbündeten gerechnet und in listiger Weise verabredet, ihre Absagen an Fürst Bernhard gemeinschaftlich, und zwar erst am Abend vor ihrem Angriff auf Bernburg, und noch dazu an einem so abgelegenen Qrte der Herrschaft übergeben zu lassen, daß der Fürst sie vor Beginn des Sturmes auf Bernburg schwerlich erhalten konnte, also, vollständig überrascht und unvorbereitet, den Gegnern unterliegen mußte. In gewisser Hoffnung ihres Sieges hatten sie schon die Herrschaft Bernburg unter sich geteilt und einer dem andern sein Teil urkundlich zugesichert. „Aber“, so berichtet der Verfasser der Zerbster Ratschronik, dem einzig wir die Kunde von diesem Kriege verdanken,  „aber der allmächtige Gott hinderte, daß ihre bösen Vorsätze Erfolg hatten, es wäre auch immer ein Jammer gewesen, daß sie diesen hochgeborenen ehrlichen Fürsten um so geringer Sache willen von Leben, Gütern, Land und Leuten gebracht hätten.“

Am 2. Juli, frühmorgens, rüsteten sich die Magdeburger zur Heeresfahrt gegen Bernburg. Damit von dem Vorhaben keinerlei Kunde nach außen dringen konnte, blieben die Tore der Stadt verschlossen. Noch aber gab es drinnen in der Stadt Freunde des ritterlichen Fürsten, die den Anschlag merkten und nun auf Mittel sannen, ihn zu warnen. Da nur Geistliche ungehindert die Tore passieren durften, so gewannen sie einen solchen für ihren Auftrag. Der ging zu Fuß aus der Stadt, erhielt aber in einem der nächsten Dörfer ein Pferd. Das schonte er nun nicht und gelangte morgens gegen acht Uhr in Bernburg an und warnte den Fürsten vor dem Anschlage, dessen Ziel, ob Bernburg oder Nienburg,  damals noch unbekannt war.

Kaum hatte der Fürst diese Nachricht von dem ihm drohenden Unheil erhalten, als er sofort um Hilfe Boten ausschickte, zu Fürst Georg I. nach Cöthen, zu den Grafen von Mansfeld und Protze von Querfurt. Fürst Georg I. erhielt den Auftrag, die rüstigsten seiner Mannen, Bürger und Diener diesen Abend noch nach Nienburg zu schicken, mit den übrigen selbst am anderen Morgen mit Sonnenaufgang bei Krüchern auf dem Windmühlenberge dort bis auf weitere Nachricht Stellung zu nehmen. Diese Weisung, die sich in der Folge als ungünstig herausstellte, war damals durch die Verhältnisse geradezu geboten. Noch war ja das Ziel des feindlichen Angriffes dem Fürsten Bernhard unbekannt, von der beherrschenden Höhe bei Krüchern konnte aber diese Reserve gegebenenfalls rasch sowohl auf Bernburg, als auch auf Nienburg dirigiert werden. Das allerdings war schon jetzt deutlich, daß Nienburg durch den Zuwachs an Besatzung, wie durch diese Reserve verhältnismäßig stärkere Sicherung erfahren hatte, als Bernburg selbst. Die übrigen Verbündeten, die Grafen von Mansfeld und Protze von Querfurt, waren gebeten, eine abwartende Stellung beim Welfesholz südlich von Sandersleben einzunehmen.

In dieser Zeit, in welcher der Fürst die erste bestimmte Nachricht vom beabsichtigten Angriff und Ausmarsch der Magdeburger erhalten hatte, kam zu ihm ein Diener des Herzogs Wilhelm von Braunschweig mit der Meldung, sein Herr wäre bei seiner Schwester, der Gemahlin Herzog Friedrichs von Sachsen, zu Besuch gewesen und nun, auf der Heimreise begriffen, nach Bernburg gekommen. Er bäte um den Besuch des Fürsten. Da setzte sich Fürst Bernhard sofort auf einen seiner Hengste, nahm Kurt Schenken von Krosigk und einige seiner Knechte und Diener mit und ritt dem Herzog Wilhelm entgegen, um ihm Nachtquartier auf der Burg zu Bernburg anzubieten. Als dieser das Anerbieten ablehnte und sich mit großer Eile entschuldigte, eröffnete ihm Fürst Bernhard, was er von dem bevorstehenden Angriff der Magdeburger in Erfahrung gebracht hatte, und bat ihn, mit dem Rate von Magdeburg zu verhandeln, um eine gütliche Einigung herbeizuführen. Der Herzog sagte dies bereitwillig zu. Nachdem ihm nun Fürst Bernhard noch Kurt Schenken zugesellt hatte, damit dieser ihm von dem Erfolg der Verhandlungen bald Nachricht geben könnte, schieden beide Fürsten voneinander.

Eine Meile Wegs vor Magdeburg traf Herzog Wilhelm auf die Magdeburger, die mit großer Kriegsmacht zu Pferd und zu Wagen mit ihren Büchsen und anderem Kriegsbedarf ihm entgegen kamen. Er ritt an den Bürgermeister Hans Lindow heran und erbot sich im Auftrage des Fürsten Bernhard zur Verhandlung über einen Vergleich. Hans Lindow berief sich auf den ihm gewordenen Befehl und verwies den Herzog im übrigen an den in Magdeburg verbliebenen Bürgermeister Arnt Jordan zu weiterer Verhandlung. Da entließ Herzog Wilhelm Kurt Schenken, damit er so schnell als möglich nach Bernburg zurückreite und den Fürsten rechtzeitig warne. Herzog Wilhelm aber ritt nach Magdeburg hinein, um dort den übernommenen Auftrag durchzuführen und womöglich den Angriff auf Bernburg in letzter Stunde noch zu verhindern.

Die Magdeburger hatten inzwischen ihren Marsch auf Neu-Gattersleben vollzogen und vereinigten sich dort mit denen von Veltheim und dem Aufgebot der Stadt Braunschweig. Von hier entsandten sie die Fehdebriefe nach Aschersleben und erwarteten Nachrichten aus Bernburg, die ihnen ein Spion überbringen sollte. Dieser, Hinrik Dummfreund, Vogt von Neu-Gattersleben, war in der Badstube der Neustadt Bernburg gewesen und hatte das Leben und Treiben in der Stadt beobachtet, um in Erfahrung zu bringen, ob etwa fremdes Volk zur Hilfe dort eingetroffen wäre, und ob die Bürger und der Fürst etwa in Angst und Sorge wären, kurz, ob der Fürst bereits Kenntnis vom bevorstehenden Angriff erhalten und welche AnOrdnungen er getroffen hätte. Der Spion hatte seine Beobachtungen bis in den späten Abend ausgedehnt. Er machte sich auf den Heimweg erst, als schon die Stadttore geschlossen waren, so daß ihm der Torwart am Neustädter Tor die Pforte erst aufschließen mußte.

Die Fehdebriefe aller Gegner des Fürsten waren in das Jungfrauenkloster zu Aschersleben geschickt, von dort sollte sie der Ratsschreiber von Magdeburg nach Hoym bringen, und zwar so, daß er gerade noch vor Sonnenuntergang nach Hoym, das anderthalb Meile von Aschersleben entfernt ist, kommen und dem dortigen Torwart des Fürsten die Fehdebriefe zu weiterer Beförderung an diesen überreichen konnte. Da sie aber vermuten mußten, daß der Vogt Heideke Hoppe die Briefe doch nicht bei sich behalten, sondern noch während der Nacht dem Fürsten übermitteln werde, so suchten sie auch dies zu verhindern und stellten deswegen auf den nach Bernburg führenden Straßen reitende Schützen auf, welche den Boten des Vogts abfangen und ihm die Briefe wieder abnehmen sollten.

In der Tat behielt Heiden Hoppe die Briefe nicht bei sich. Er beauftragte Hermann Gruding, einen Ritter des Fürsten, sie sofort dem Fürsten zu überbringen. Dieser machte sich auf den Weg und trabte in die Nacht hinein auf Bernburg. Mehrmals hörte er das Geräusch von Pferden und Wagen und ritt deswegen quer durchs Feld, um der ihm drohenden Gefangenschaft zu entgehen. Er gelangte glücklich nach Bernburg, übergab noch in der Nacht die Fehdebriefe, deren so viele waren, daß er sie mit einer Hand gar nicht überreichen konnte, und sprach. „Gnädiger Herr, diese Briefe, die ich Euern Gnaden überantworte, sendet Euch der Vogt von Hoym. Sie wurden dem Torwart überantwortet, als die Sonne zur Rüste gehen wollte. Ihr werdet wohl sehen, was das für Briefe sind. Ich wäre gern eher gekommen, doch mußte ich die Straße vermeiden und vom Wege ab über Feld reiten. Ich hörte nämlich Fuhrwerk an dem Wege an zwei oder drei Stellen, aber Gott half mir, daß ich ihnen entgangen und hierher zu Euer Gnaden gekommen bin.“

So war der Fürst durch die Treue seiner Freunde und Mannen zwar rechtzeitig noch gewarnt, aber freilich fast ganz unvorbereitet. Und nun kamen hinzu die Fehler der Disposition, da die Reserve bei Krüchern immer noch Nienburg als Ziel hatte, und die Reserve am Welfesholz dem Kampfplatz allzu fern war und nicht einmal den Zuzug von Halle hindern konnte, weil die Truppen dieser Stadt viel weiter östlich über Etlau auf Bernburg anrückten. Höchstens konnte sie bei einem Rückzugsgefecht nach dieser Richtung zur Verwendung gelangen. Zwar hatte man, wie nachher genau berichtet wird, in Nienburg bald in Erfahrung gebracht, daß Bernburg das Ziel des Angriffes sein werde. Kuno von Biedersee, der fürstliche Hauptmann in Nienburg, hatte auch noch in der Nacht zur Benachrichtigung des Fürsten einen Knecht nach Bernburg entsendet, der aber war gefangen worden, so daß der Fürst noch immer über das Ziel des Angriffs im unklaren war, als schon die Gegner von Neu-Gattersleben gegen das nur eine halbe Meile Wegs entfernte Bernburg anrückten. Vor Tagesanbruch waren sie vor der Stadt und begannen nun die Erstürmung, über deren Verlauf wir den Bericht der Zerbster Ratschronik haben, die einzige und so lebend wahre Darstellung, daß ein Forscher die Vermutung aufgestellt hat, sie müsse auf des der Stadt Zerbst befreunbeten Fürsten Bernhard Vi. eigener Mitteilung beruhen. Aus diesem Grunde geben wir den anschaulichen Bericht hier in vollem umfange wieder.

So kam es, daß der Rat von Magdeburg mit den Seinen die Nacht sich nach Gattersleben begaben, wo sich die von Veltheim mit den ihrigen befanden und der Rat von Braunschweig auch mit denen, die ihm Heeresfolge leisteten, wie sie die Verabredung getroffen hatten und darüber einig geworden waren, und zogen so weiter insgesamt vor Tage vor Bernburg und setzten ab zu Fuß von Pferden und Wagen wohl an vier oder fünfhundert gewappneter Leute, ehrbare gute Hofleute und Bürger, und rückten bei der Neustadt mit Leitern über die Gräben bis an die Wand, denn da war ein Ende von der Wand, weil die Mauer nicht vollständig um die Stadt herum ging. Hier begannen sie nun die Leitern an dem Stück Wand aufzurichten und zu stürmen. Als sie nun an die Wand gekommen waren, sprachen die Kundschafter, die es mit dem Rate von Magdeburg ins Werk gesetzt und vorbereitet hatten, mit Namen Peter Tatze, der lange Zeit zu Bernburg Bürger gewesen war und dem Grafen Bernde seinen Vogt zu Bernburg namens Clawes Wibold, zu Wedlitz besessen, in dem Bierkeller in der Altstadt Bernburg erstochen hatte und deswegen hatte entweichen müssen, und einer namens Heine Witonge, welche beide Anstifter des Rates zu Magdeburg Diener waren, so unter der Hand, doch so, daß es gehört wurde, einer zum andern. „Steig du hinauf und sieh, wie es steht!“ Der andere aber sprach. „Steig du hinauf, Peter, du erhälft da Geld und Gut für vom Rate von Magdeburg und hast ihm ja das so vorgestellt!“ Da stiegen sie beide zuerst auf die Leitern und spähten über die Wand, denn es war vor Tage und noch ganz düster. Als sie auf die Wand gekommen waren, sahen sie, daß sich was regte hinter den Holunderbüschen, die da standen. Da riefen sie zurück „Steigt herauf und seht, was da drinnen von Leuten ist, es ist überall voll Leute!“ Es waren aber nicht mehr als zwei oder drei Schuhknechte, die drängten sich um den Fliederbusch und wären gern davongelaufen, doch wagten sie es nicht, weil sie sich vermuteten, sie könnten dann erschossen werden.

Da glaubten die Feinde, nämlich Herr Jhan von Oberge, der dort auf dem Ende der Mauer saß, es wäre in der Nacht fremdes Volk hereingekommen, was doch aber nicht geschehen war. Da kam denn herzugesprengt der Graf Bernd auf seinem Hengste und hatte nichts an, als einen Panzer und einen Eisenhut auf seinem Kopfe und den Speer in der Hand. Sein Knappe Malderitz sprengte ihm nach auf seines Sohnes Grafen Otten fahlem Pferdchen und brachte ihm den Schild nach. Richard aus dem Winkel und Hermann Gruddingh, seine zwei Ritter, liefen ihm mit ihrem Geschosse nach und niemand sonst von der Burg, denn Graf Bernd hatte seine Mannen insgesamt auf dem Lande und sein Hofgesinde nach Nienburg geschickt und bestellt, und dorthin hatte Graf Jurgen, Fürst zu Anhalt, die Seinen auch geschickt, so daß in München-Nienburg wohl anderthalbhundert guter, auserlesener Hofleute und ganz rüstige und biedere Gesellen waren. Graf Bernd hatte geglaubt, sie würden sich an Nienburg versucht haben, und sorgte sich wegen Bernburg nicht, darum hatte er seine tüchtigsten Mannen und Diener nach Nienburg geschickt. Als Kone von Büderse, des Grafen Berndes Hauptmann, dem Grafen Bernde nachts von Nienburg nach Bernburg Nachricht geben wollte durch einen der Knechte Grafen Berndes, nachdem er gehört hatte, daß sie sich gegen Bernburg wenden wollten, ward dieser Knecht gefangen und aufgehalten. Als Graf Bernd in der Altstadt Bernburg auf den Markt kam, standen da seine Bürger aus der Altstadt mit ihrem dazu gemachten Geräte.

Da sprach Graf Bernd, “Ihr lieben Bürger, tut wie wackre Leute und folget mir. Die Feinde stürmen die Neustadt und wollen mit Macht dort einfallen!“

Da sprengte Graf Bernd voran und die Bürger folgten ihm. Als er mit seinen Bürgern dorthin gelangt war, kam er mit einem lauten Geschrei und rief selbst. „Hie Anhalt!“ und rief seinen Bürgern zu: „Ihr lieben Ritter und Knappen, seid mutig, Euer einer blicke auf den andern, es soll dieses Tages schon gut werden!“

Der Graf Bernd nannte sie nicht Bürger, das tat er deswegen, weil die Feinde glauben sollten, er habe viel fremde Leute bei sich dadrinnen, was aber doch nicht war, denn er hatte damals keinen fremden Mann bei sich, außer den beiden seinen Mannen, Richard aus dem Winkel und Hermann Gruddingh, und dazu seine Bürger. Von letzteren wollten zwei auf die Warten steigen und von dort aus Abwehr tun, die wurden beide erschossen. Da sprach Graf Bernd: „Es kann hier auf einen oder zwei nicht ankommen, tragt sie fort!“

Da wurden sie unter den Zaun geworfen und mit Kraut bedeckt. Als so Herr Jhan v. Oberghe, der, wie oben erzählt ist, auf der Mauer saß, des Grafen Berndes Stimme und Ruf vernahm, sprach er zurück zu seinen Freunden: „Ich höre Grafen Bernde, er ist hierher gekommen, wir werden hier nichts ausrichten, hier ist zu lange gewartet!“ Da stürmten die Feinde an drei Stunden ohn Unterlaß die Stadt, legten die Leitern an die Wand und wollten mit Macht einfallen, aber die Bürger standen unter der Wand und stießen die Leitern zusammen mit Spaten und Heugabeln und womit sie konnten. Und die Feinde begannen unten an der Wand zu hauen mit Picken und Äxten und mit Spaten zu graben und wollten die Wand umwerfen. Da warfen die Bürger mit Steinen gar kühn aus der Stadt und schossen von den Türmen und Warten herab, so daß jene wieder zurückweichen mußten über die Gräben.

Hätte aber die treffliche Mannschaft, die zu Nienburg war, innerhalb Bernburg sein können, da hätte Graf Bernd großen Nutzen davontragen können und der Feinde könnten fürder vielmehr verdorben sein, als so geschah.

Wie die Feinde nun abzogen und bevor sie in dem Felde sich gesammelt hatten, machten die Bürger über die Wand einen Ausfall und verfolgten sie und fanden in dem Graben Armbrüste, Schilde, Gleven und Helme, die sie sich abgestoßen hatten, weil sie sich vor dem Wasser fürchteten, das etwa, wenn man das Stauwerk aufgezogen hätte, in den Graben kommen könnte; was aber nicht so aufgeführt worden war. Und als nun die von Veltheim, die von Magdeburg und die von Braunschweig mit den Ihrigen die Neustadt, wie vorher erzählt ist, bestürmt und sich daran ernstlich versucht hatten, kamen die von Halle auch mit ihrem Kriegsvolk mit Anbruch des Morgens, als die Sonne aufging, auf der anderen Seite und zogen vor den Berg und begannen da auch zu stürmen, saßen ab und gingen mit einem angemessenen Teil des Kriegsvolkes daran, aber das Stürmen währte nicht lange, sondern sie wurden gar bald von der Mannschaft und den Bürgern von Sandersleben, dem tüchtigen Henning Schenken von Donnersleben, mit den Seinen, die von Plötzkau dahin gerannt kamen, und von denen, die auf dem Berge gesessen waren, abgewiesen, so daß deren gar viele verwundet wurden. Und Strobard, zu der Zeit ihr Hauptmann, hielt mit dem reisigen Zuge an den Vier Höhen und wartete auf Nachricht derer von Magdeburg und Braunschweig, wie es ihnen ginge und was sie auszurichten vermöchten. Da schickten die von Magdeburg ihren Boten über die Furt dicht bei der Stadt zu Henning Strobard und ließen ihn fragen, wie das zugegangen und verlaufen wäre, daß sie so lange geblieben und das nicht gehalten hätten, worüber sie sich die Zeit her geeinigt hätten. Die von Halle mit den Ihrigen sollten nämlich den ersten Sturm gegen den Berg haben, und wenn sie so getan hätten, war ihre Annahme, Graf Bernhard und die Bürger aus beiden Städten, der Altstadt und Neustadt, würden auf das Geschrei hin sich auf den Berg begeben (haben), um den zu verteidigen, alsdann wollten die von Magdeburg, die von Braunschweig und die von Veltheim ohne große Mühe und Arbeit und Anstregung in die Neustadt gelangen. Da erwiderte Strobard, sie hätten ihrer Büchsen eine bei dem Dorf Etlau festgefahren, dabei hätten sie sich denn versäumt und zu der bestimmten Zeit nicht kommen können.“

Als sie nun auf beiden Seiten nicht viel ausgerichtet hatten, zogen sie wieder von Bernburg ab, und jede Partei verheerte nun auf dem Heimwege alles, was da von anhaltischen Dörfern und Flecken gelegen war. Besonders ließen die Bürger von Halle ihren Unmut an dem Amte Gröbzig aus, welches damals die Leibzucht (den Witwensitz) der Mutter des Fürsten Bernhard VI. bildete. Zwar bat die Fürstin Luttrud den Hauptmann Strobard um Schonung ihres Wittums, aber dieser lehnte dies Ansuchen ab mit dem Hinweis darauf, daß Fürst Bernhard ja Urheber des Streites gewesen sei. Er habe dem Erzbischof zulieb und der Stadt Halle zuleid gehandelt, indem er auf Antrag des Erzbischofs vom Kaiser zum Richter über die von Halle bestellt worden sei und Hallesche Bürger vor sein Gericht nach Bernburg gefordert habe. Nun wollten sie zur Vergeltung auch einmal mit ihm Gerichtstag halten. Da erkannte die Fürstin, daß ihre Bitte vergeblich war, und versprach ihm eine Summe Geldes, um ihr Wittum vor Plünderung zu schützen. Henning Strobard nahm das Anerbieten an und zog nach Halle zurück. Die andere Partei, die von Magdeburg, von Braunschweig und die von Veltheim zogen die Wipper entlang, plünderten und verbrannten die Dörfer, nahmen auch viel Vieh weg und trieben das nach Neu-Gattersleben.

Inzwischen hatte Fürst Georg I. von seiner hochgelegenen Stellung bei Krüchern aus gesehen, daß die von Halle wieder von Bernburg abzogen. Sobald er es nun bewerkstelligen konnte, ritt er mit etwa neunzig Reitern auf Bernburg zu und gelangte am Abend dort an. Fürst Bernhard dankte ihm freundlich und versprach, ihm solche treue Hilfe nie zu vergessen. Er überließ nun Stadt und Schloß Bernburg dem Schutze Georgs und ritt nach Frideburg, um mit dem zur Zeit dort weilenden Erzbischof Günther von Magdeburg sich zu besprechen und dessen Hilfe zu gewinnen. Der aber war augenblicklich zum Kriege ganz unvorbereitet und empfahl dem Fürsten, in Verhandlungen einzutreten, während deren die Rüstungen in aller Ruhe und Sicherheit vorgenommen werden könnten. Da nun Fürst Bernhard die ihm nötige Hilfe beim Erzbischof nicht fand, verabschiedete er sich und kehrte nach Bernburg zurück, wo er dem Fürsten Georg diesen Mißerfolg mitteilte und die weiteren Maßnahmen beredete.

Nun hatte Herzog Wilhelm von Braunschweig mit dem Bürgermeister Arnt Jordan verhandelt, aber den Angriff auf Bernburg nicht verhindern können. Er erreichte nur, daß eine Besprechung zwischen Hans Lindow und dem Fürsten Bernhard halbwegs zwischen Bernburg und Neu-Gattersleben verabredet wurde. Herzog Wilhelm ritt nun selbst nach Bernburg zurück, und meldete dies dem Fürsten. Am folgenden Tage ritten Herzog Wilhelm, Fürst Bernhard und Fürst Georg an die bezeichnete Stelle, wo sie mit Hans Lindow zusammentrafen. Es kam ein Friede zustande, dessen nähere Bedingungen am nächsten Tage mit Arnt Jordan zu Kloster Berge verabredet werden sollten. Dem Fürsten Bernhard war es zwar nicht genehm, daß er seiner Würde so viel vergeben und dem Bürgermeister von Magdeburg gewissermaßen entgegenreiten sollte, da Kloster Berge so nahe vor Magdeburg lag, aber er konnte es zur Zeit nicht ändern und bedachte den verderblichen Schaden seiner Lande und seiner armen Leute, der sie in der nächsten Zeit hätte treffen können.

Die Begegnung des Fürsten mit dem Bürgermeister Arnt Jordan am 9. Juli 1426 in Kloster Berge war nicht eben sehr freundlich. Arnt Jordan tat, als ob er an Fürst Bernhard vorübergehen wollte, ohne ihn zu beachten. Dieser aber rief ihm zu. „Arnt, das hätte ich von dir doch nicht gedacht, daß du mir so nach Leben und Gut trachten würdest, denn du hast uns häufig und viel dazu zu gut gesagt und geschrieben.“  Da erwiderte Arnt Jordan. ,,Gnädiger Herr, wir mußten uns des Kaufmanns wegen so zeigen; es war unser Ernst nicht.“  Fürst Bernhard aber entgegnete vorwurfsvoll. „Das ist doch nicht ritterlich gehandelt, im Scherz einem nach Leben und Gut zu trachten!“

Nach dieser wenig aussichtsvollen Begrüßung eröffnete nun der Herzog Wilhelm die Verhandlungen, welche zu folgendem Sühnevertrag führten. Fürst Bernhard mußte das gepfändete Gut, Heringe und Berkahn, herausgeben. Auf Grund dessen sollte dann der Unwille abgetan und die Fehde geschlichtet und gesühnet sein. Auch mit der Stadt Halle kam am 9. August ein Vertrag zustande wegen des Schadens, den ihnen Fürst Albrecht getan hatte. Die anhaltischen Fürsten gaben 500 rheinische Gulden Buße und den Geschädigten selbst noch 150 Gulden.

Den Herren von Veltheim blieb aber der heimtückische Angriff auf Bernburg unvergessen. Wenige Jahre danach bot sich Gelegenheit, ihrem Übermute zu steuern. Am 13. Dezember 1429 schlossen die Herzöge Bernt, Qtto und Friedrich von Braunschweig, der Landgraf Friedrich von Thüringen, die Fürsten Bernhard Vi., Georg I., Sigmund ii., Waldemar und Adolf von Anhalt, die Grafen von Schwarzburg, Stolberg, Mansfeld, Querfurt und Steinfurt, sowie die Städte Magdeburg, Halle, Halberstadt, Braunschweig, Quedlinburg, Aschersleben und Helmstedt ein Bündnis gegen diesen gemeinsamen Feind, der durch Raub und Mord die Straßen unsicher machte und dem Handel beträchtlichen Schaden zufügte. An der Zahl der Verbündeten kann man ermessen, wie weit sich der Einfluß dieser Schädigungen erstreckte, und wie bedeutend die Macht sein mußte, über welche die von Veltheim mit ihren Helfern verfügten. Aus diesem Grunde dehnte sich die Fehde über mehrere Jahre aus, da noch am 3. Juli 1432 sich die Stadt Magdeburg mit Fürst Adolf von Anhalt gegen dieselben Herren von Veltheim, von der Schulenburg und von Alvensleben verbündete.