I

Die Stimme

Die Wedekind-Schule sieht inzwischen wieder aus, als würde sie zusammenkrachen. Wie lange ist es her, dass sie saniert wurde? Acht oder neun Jahre vielleicht. Da wurden die Risse im Beton gespachtelt, die Dehnungsfugen neu verfüllt. Die alte Masse war brüchig und voller Asbest. Ein Schuljahr in Containern. Den nackten Beton wollte niemand mehr ansehen, es kam Farbe drauf. Die hässlichste Farbe der Welt, so ein irrsinnig, wahnsinnig, unglaublich hässliches grünliches Gelb, wie aus einem schlechten Trip. Irgendwie passend. Die Mauern sind jetzt wieder veralgt, die Stützwand an der Abfahrt zum Müllkeller spielt ins Dunkelgrüne. So macht es Sinn, nachträglich: Die Farbe kann nur gestrichen worden sein, um genau diesen Effekt vorzubereiten. Die Algen, ihre Samen oder wie immer sie sich vermehren, müssen schon in der Farbe drin gewesen sein. Daher kam dieses Grün, das sie nach hundert Jahren Mischen noch nicht hingekriegt hätte. Die Fenster wurden damals auch ausgetauscht, der bunte Kunststoff (dunkelgrün!) hat dem UV-Licht nicht standgehalten, er sieht brüchig und verschossen aus. Die alten Rahmen waren aus schwarzem Aluminium, die Scheiben beschichtet mit irgendetwas, das die Sonne filtern sollte. Eine Art Folie, die sich im Inneren der doppelten Verglasung ablöste. Das gab blinde Stellen, aber die blitzten, wenn morgens das Licht drauf fiel, golden braun. Wenn, das Licht, drauf fiel.

Die Treppe hat sich nicht verändert. Acht ewig breite Betonstufen, ein Stück der vorletzten liegt schief. Links ist es abgesackt, rechts steht es hoch. Zweitausendmal ist Elle die rauf- und runtergelaufen, immer musste sie aufpassen, um nicht zu stolpern. Ging das eigentlich allen so? Sie spürt es noch in ihrem Fuß, so ein Ziehen, wenn sie mit der Schuhspitze hängen geblieben war und der Spann sich dehnte, sie spürt es im Oberkörper, wie er nach vorn kippt, dem Boden entgegen, wie sie tippelt, um sich zu fangen, und sie hört es in ihrem inneren Ohr, wie ein paar Kinder lachen, immer haben welche gelacht. Heute sind keine da, die Stühle sind hochgestellt, Osterferien. Das ist seltsam, zu einer Schule gehören Leute, wenn sie leer ist, fühlt es sich an, als wäre sie aufgegeben, ganz und gar und für immer verlassen. Immer ist sie mit Hunderten anderen da rein- und rausgegangen, das ist allerdings nicht weniger seltsam, diese Armee von Lernsoldaten, dieser Haufen Kinderzombies, die willenlos und mit zunehmend leeren Blicken in das Gebäude strömen, als gäbe es dort was zu beißen. In wenigen Jahren wird auch ihre Tochter in so einem Kasten verschwinden, in dem kein Hunger zu stillen ist.

Es scheint, als würde jemand ihren Namen rufen, ein Hauch von einem Wort liegt in der Luft, ihr stellen sich die Nackenhärchen auf. Eeeeelle!, gerufen wie ein langgezogenes L. Sie erschauert. Ein Ruf wie aus dem Grab, wie aus dem Jenseits, aus der Hölle, aus – – –  Eeeeelle! Sie schafft es, sich nicht umzudrehen. Aber das ist nicht gut, es heißt, dass sie ihn ernst nimmt, diesen Laut, der nicht mal eindeutig vorhanden ist, der nicht in ihrem Kopf zu sein scheint und genauso wenig draußen. Sie nimmt den Eingang in den Blick. Die Chance, dass er offen steht, ist minimal. Sie ist gleich Null.

Eeeeelle! Jetzt klingt es näher und doch wie aus der Ewigkeit.

Die Türen hatten vor dem Umbau riesig dicke Umrandungen, knallorange und mit abgerundeten Ecken. Innen und außenrum Glas. Dadurch wirkten sie ein bisschen wie stehen gebliebene Portale in einer Ruinenstadt. Wie grell geschminkte Münder manchmal, in denen die Schüler in einem langen Strom verschwanden oder die sie wieder ausspuckten. Sie weiß, wie es sich anfühlt, rauszugehen, wenn alle anderen auf dem Weg nach drinnen sind. Auf dem Absatz oben vor den Stufen zu stehen und über tausend Köpfe hinweg zu schauen, sicher zu sein, dass man nicht einen Tag länger leben kann. Sie kennt die Scham gleich doppelt. Dreifach. Wären es hundert Stufen, sie hätte sich hinabgestürzt, vorbei an zweitausend Armen in eintausend Jacken, sie wäre durchgeflutscht, selbst wenn sich tausend Hände nach ihr ausgestreckt hätten, um sie zu tragen. Sie stand da oben einen Moment lang still, es kam ihr vor, als hätte sich ihr Leben, mit allen Menschen, die sie kannte, vor ihr ausgebreitet. Alles war klar, es existierten keine Fragen mehr. Nur noch ein Satz, die Summe, das Lebensfazit eines sechzehnjährigen Mädchens: Unsere Welt ist schlecht. Unsere, Welt, ist schlecht.

Von dem Moment an wusste sie: Es ging nicht mehr zurück.

II

Amphibien

„Eelle! Ku’mal, was ich gefunden hab!“

Junis kniete am Rand des Weihers und schob ein paar alte Blätter auseinander. Elle machte einen Schritt auf ihn zu, ließ die Hände in den Taschen. Eine Menge Zeug gab es da, mit dem ihre Finger spielen konnten: alte, zum Teil noch gefaltete Taschentücher, Bonbonpapierchen, zwei oder drei Münzen, von denen sie eine als 20-Cent-Stück identifizierte. Ein Lolli-Stiel, auf dem sie gekaut haben musste, denn er fühlte sich eingedellt und ein bisschen faserig an. Außerdem war er am Kau-Ende geknickt.

Sie sah voraus, dass sie in den Chucks wieder nasse Füße bekommen würde. Der Boden war rutschig, eindeutig zu pampig. Es hatte erst vor ein paar Tagen zu tauen angefangen. In allen Ecken lag noch der dicke, Monate alte, stumpfgraue Schnee.

„Komm, komm, ku’mal!“

Sie hockte sich neben ihn, ihre Oberarme berührten sich. Bei Junis spürte man den Schulterknochen oder was das war noch durch die Jacke. Zuerst sah sie nur braun. Allmählich löste sich ein Umriss aus dem Laub, das war so ein Amphibientier.

„Ist das ein Frosch?“, fragte Elle.

„Weiß nicht. Vielleicht eine Kröte.“

„Stups es mal an. Wenn es hüpft, ist es ein Frosch. – Stups es doch mal an!“

„Spinnst du? Ich fass die nicht an! Kröten sind giftig.“

„Du spinnst! Kröten sind doch nicht giftig. In Australien vielleicht.“

Wie sie da hockten, kamen sie ins Schwanken, ein paar Mal rempelten sie sich an. Elle kriegte jedes Mal Angst, wenn sich ihr Gewicht in Richtung Wasser verlagerte. Dabei war es sicher einen Meter weit weg.

„Dann stups ich sie eben. Die sechste Stunde fängt bald an, glaub ich.“

Sie stieß das Tier mit dem Finger an. Es hüpfte nicht. Dann war es wohl eine Kröte. Junis wusste es bestimmt und wollte nur nichts sagen.

„Komisch, dass die hier ist“, sagte Junis. „Es ist doch noch viel zu kalt.“

„Vielleicht hat jeman’ sein Terrarium am Weiher ausgekippt.“

„Blödes Weihnachtsgeschenk oder so? Kann sein.“

„Dann bekommen wir hier im Sommer ein Froschkonzert.“

„Ich geh heute nicht mehr in die Schule.“

„Der Niemüller ist sehr streng, das weißt du.“

„Mir egal. Willst du nicht mitkomm’?“

„Zu dir?“

„Meine Mutter ist diese Woche einen Tag länger in der Stadt.“

Mit Stadt meinte er die nächste Großstadt, neunzig Kilometer weit weg. Da arbeitete sie an einer Uni.

„Ku’mal!“

Sie redeten ja alle seltsam.

„So sieht eine Kröte aus.“

Elle hatte das Tier auf die Hand genommen. Mit zwei Fingern der anderen musste sie es festhalten, denn es versuchte angestrengt, die Beine zu bewegen. Sie stand auf.

„Kuck, dir, mal, ihr Bein an.“

Sie hielt das Tier jetzt fest, indem sie einen Fuß zwischen zwei Finger klemmte. Die Kröte versuchte immer noch wegzukommen, ihr hinteres Bein streckte und streckte sich.

„Ich fin’ das eklig, Elle. Tu sie weg!“

Junis war längst auch auf den Beinen. Die beiden erschraken voll, als sie auf einmal einen Stoß in den Rücken bekamen. Nicht sehr fest.

„Zigarette?“

„Hell! Lass den Mist“, rief Junis.

„Mir kannst du eine geben“, sagte Elle.

„Bekomm ich ’nen Kuss dafür? Mit Zunge.“

„Feuer kanns’ du haben.“

Elle kramte ihr Feuerzeug raus. Sie hatte es immer in der linken Hosentasche. Dennis rauchte Marlboro. War ihm egal, was die anderen sagten. Nur wenn ihn einer Helmar nannte, was ja sein zweiter Name war, flippte er aus. Das war gefährlich, denn er schlug schon mal zu. Jedenfalls sagten alle, er wäre wegen Schlägerns von seiner alten Schule geflogen. Junis hatte ihn Hell getauft. Das gefiel ihm, das wollte er sich auf die Knöchel tätowieren lassen. Dennis Helmar hätte auch nicht drauf gepasst, nicht mal auf beide Hände, nicht mal, wenn man die Daumen mit einrechnete.

Er machte immer extra lange Züge, seine Kippen leuchteten hell auf, als wollten gleich die Flammen rausschlagen. Elle hielt die Fluppen zwischen den beiden letzten Fingern, das sah voll Scheiße aus, fand Junis. War ihr aber egal, wie der darüber dachte. Sie rauchte auch nicht so richtig.

Die Kröte hatte sich von ihrer Hand fallen lassen.

„Was war’n das?“

Dennis hatte wie immer auf gar nichts Acht gegeben, also auch nicht mitgekriegt, dass Elle was auf der Hand saß. Den Plumps hatte er aber gehört.

„Eine Kröte.“

Er suchte sie mit den Augen. Als er sie nicht fand, hockte er sich hin. Elle achtete darauf, dass sie nicht zwischen ihn und den Weiher kam. Sie hatte Panik in der Nähe dieser Schlammpfütze. Die stammte noch aus der Muna-Zeit. Der Boden war ziemlich glitschig. Das Ufer fiel steil ab, auch wenn der Weiher nicht besonders tief war. Außer an der hinteren Seite, da ging es angeblich total weit runter.

Die Marlboro schmeckte nicht. Junis, der nicht rauchte, hob ein dürres Reis vom Boden auf und brach es knack, knack in kleine Stücke. Die ließ er einfach auf den Boden fallen und glotzte dabei in den Wald.

„Du wills’ mich verarschen, oder? Das ist doch keine Kröte. Das ist ein … Salamander. Zwei sogar.“

Vielleicht waren es auch so Molche.

„Junis!“

Der starrte weiter geradeaus.

„Was sind das jetz‘ für Tiere? Du kennst dich doch aus, Junis.“

Die Tiere, die Dennis entdeckt hatte, waren nicht viel länger als ein Finger und ganz schwarz, glänzend schwarz. Elle liebte sie sofort. Die Beinchen wuchsen sich in je drei Zehen aus, soweit man sehen konnte. Vorn waren sie total niedlich rund und glatt, mit schwarzen Augen wie die Hauben von Oberlichtern. Über den Rücken bestanden sie aus einer Menge schwarzer Ringe, die sich bis auf den Schwanz erstreckten.

„Die sind ja süß.“

„Sie catchen. Aber ganz langsam.“

Dennis grinste. Das eine Tier hockte halb auf dem anderen, sie hatten die Beine ineinander verhakt, sie versuchten, sich gegenseitig vom Weg zu ziehen. Aber sie kamen keinen Zentimeter vorwärts. Und niemand checkte, wozu dieser Kampf gut sein sollte.

Der Schulgong war am Weiher immer noch ziemlich gut zu hören. Elle trat das letzte Drittel ihrer Kippe in den Matsch. Sie hatte noch zweieinhalb Minuten. Bei Niemüller wollte sie nicht zu spät kommen. Sie hasste seine Maßnahmen.

Wie die versuchten, sich die Beine wegzuziehen, voll fies. Offenbar konnte keiner gewinnen.

„Das sind Alpensalamander. Lass ma‘ sehn.“ Junis beugte sich ein Stück vor, aber er hockte sich nicht hin. „Kein Zweifel. Das ist ja seltsam.“

„Was ist an denen jetzt besonders?“, fragte Dennis.

„Für so ein’ kriegst du in der Zoohandlung hundert Euro.“

Dennis streckte sofort die Hand aus, er packte einen Salamander zwischen zwei Finger und hob ihn an. Die Zigarette steckte zwischen seinen Lippen. Er ekelte sich kein bisschen. Das zweite Tier ging ein Stück weit mit in die Luft, als hinge es unten an einem Heli. Dann platschte es auf den Boden. Es zeigte keine Reaktion. Auch der Aufprall war nicht zu hören.

„Ich hab dich auf’n Arm genommen, Hell. Wenn du die in die Zoohandlung bringst, kriegst du höchs’ens Ärger. Die sind nämlich geschützt. Und eigentlich leben sie hier gar nicht. Jemand muss sie ausgesetzt haben.“

War das eine Rede? Junis wusste manchmal alles. Dennis sah ihn böse an. Immer noch hielt er den Sali zwischen den Fingern.

„Ich geh wieder vor“, sagte Elle. Das sollte heißen: zur Schule.

„Is‘ das schon die sechste? Dann muss ich auch los“, sagte Dennis.

Er packte die runtergerauchte Kippe ganz hinten am Filter und drückte sie auf dem Sali aus. Der regte sich nicht, fast als würde es ihm nicht wehtun. Es kam auch kein Laut von ihm. Dann begann er zu zucken.

„Spinnst du! Hör sofort auf damit“, schrie Elle.

„Die überleben hier eh nicht“, sagte Junis.

Dennis grinste. Er warf das kleine Tier weit hinaus in den Weiher.

„Jetzt isses wieder ‘n Brandteich“, sagte er.

Warum war er überhaupt aufgekreuzt? Hatte er gewusst, dass die beiden beim Weiher waren?

Elle fürchtete sich vor Dennis.

III

Die Einladung

                

Niemüller hatte sie wegen Rauchens drangekriegt, voll gemein. Wie blöd von ihr, nicht mit Junis zu gehen! Nachmittags hatte sie Sport. Sie zog sich gar nicht erst um. Sophie wechselte die Schuhe, natürlich, die war immer so ordentlich. Als sie sich aufrichtete, sah Elle, die dicht hinter ihr saß, wieder Sophies X-Beine. Man merkte es kaum, aber sie hatte welche. In der Grundschule hatte Elle es heimlich nachgemacht, laufen wie Sophie. Sie hatte dabei immer ordentlich übertrieben.

Man konnte gleich sehen, dass Denner keinen guten Tag hatte. Es waren vier Schülerinnen ohne Sportklamotten da, alle mit der gleichen Entschuldigung, „Es kann gar nicht sein, dass ihr schon wieder alle eure Tage habt“, murrte er, als er von Mona den Zettel bekam. Elle schaute er bloß prüfend an, milde prüfend. Sie schenkte ihm ein Unschuldslächeln, gerade an der Grenze zur Künstlichkeit. Das mochte er. Elle hockte sich neben die anderen auf die niedrige Turnbank. Sie saßen so schräg wie möglich, den Rücken an die Wand gelehnt, das Becken vorgeschoben, die Knie ragten in einer Reihe in die Luft. Es sah nicht wirklich chillig aus. Wie Babys lutschten sie an ihren Stiften. Das Protokoll würde drei Sätze lang werden. Wenn es hochkam.

Die Turnhalle war durch einen beweglichen Vorhang in zwei Felder unterteilt. Nebenan rannte eine fünfte oder sechste Klasse rum, die johlten noch alle und freuten sich, dass sie springen durften. Denner blies in seine Trillerpfeife. Sie hatten Volleyball. Der Henker wusste, wie er das machte, aber es klang ironisch, wenn er pfiff. Er war vielleicht der einzige Mensch auf der ganzen Erde, der das konnte.

Sophie saß neben Elle. Sie trug einen Pulli von Desigual, der sah voll schön aus. Sie hatte einen Teil der Unterlippe eingezogen und kaute darauf. Das hatte sie schon immer gemacht, schon seit dem Kindergarten, vielleicht schon im Mutterbauch, wer weiß. Als sie merkte, dass Elle sie ansah, hörte sie nicht etwa auf damit. Sie drehte auch nicht den Kopf, sie bewegte bloß die Augen. In, Richtung, Elle. Ein bisschen wie ein Monster oder wie so ein Riesenkopf in einem Game, der mit dem Blick immer die Figürchen verfolgte, die vor ihm hin und her rannten, und den Mund öffnete, wenn sie nah genug waren, um sie zu verschlingen. Nur dass Sophie den Mund geschlossen hielt. Elle musste anfangen.

„Schöner Pullover.“

„Danke. Hab ich bei Desigual gekauft.“

„Trotzdem schön.“

„Wieso denn trotzdem? Die haben doch lauter tolle Sachen.“

„Ja, haben sie.“

Sie sahen eine Zeitlang dem Spiel zu. Das Team auf ihrer Seite war richtig schlecht. Diese Mädchen konnten nicht schmettern. Sie konnten nicht blocken. Wenn sie hochhüpften, sah es aus, als wären ihre Füße am Boden festgenäht. Sie kamen mit den Fingerspitzen nicht mal an die Netzkante. Elle war sportlich, sie saß nicht oft auf der Bank. In ihrer Tasche steckten aber immer ein paar Entschuldigungen, gezeichnet und gesiegelt von Madlen. Musste man nur noch das Datum draufsetzen. Sie fand es schwierig, mit Sophie zu reden.

„Was der Denner wieder für ein Shirt anhat. Zwei Nummern zu klein.“

„Mindestens. Und dann diese Schrägstreifen.“

„Die bringen sein breites Kreuz zur Geltung.“

„Ich wette, am liebsten würde er bauchfrei rumlaufen.“

„Wieso denn bauchfrei?“

„Damit sein Six-Pack zu sehen ist.“

Punkt für Sophie. Elle hätte drauf kommen müssen.

Meinst du, er hat eins?, wollte Elle fragen, da drehte er sich um, die Pfeife in der Hand, und sah zur Bank rüber. Er schaute schon direkt Elle und Sophie an.

„Übrigens werde ich eure Protokolle benoten. Das ist euch schon klar?“

Er hatte echt schlechte Laune.

Eine halbe Minute später spürte Elle Sophies Ellenbogen sanft in ihrer Seite. Sie schielte rüber, Sophie hielt ihren Block schräg. Es stand nur ein Satz auf dem Blatt.

Lehrer Denner ist ein Penner.

Elle blätterte um, sie wollte auch eine freie Seite haben.

Er gibt Bio wie ein tío.

Der Spruch stammte aus dem fünften Schuljahr. Oder er war noch hundert Jahre älter.

 

Sophie schrieb:

Gibt er Sport

Elle schloss:

ist es Mord.

In dem Moment war es zwischen ihnen wieder wie früher.

In der Abteilung nebenan lachten alle. Bestimmt hatten die noch gemischten Unterricht.

Da war das warme Gefühl wieder, und nicht bloß für eine Sekunde, es blieb, es wurde noch stärker, noch wärmer, noch schöner.

„Kommst du zu meinem Sechzehnten?“, flüsterte Elle.

„Nett, dass du mich einlädst! Wann feierst du?“

Sie nannte Sophie den Tag.

„Da hab ich bis sechs Uhr Hockey-Training. Aber danach könnte ich kommen.“

„Ich will erst so gegen acht feiern. Das soll ne rich`ige Party werden.“

„Bei dir daheim?“

„Bin ich blöd? Wenn ich da feiere, hängt Madlen uns die ganze Zeit auf der Pelle. Nein, draußen im alten Bahnschuppen.“

„Das Gelände ist doch gesperrt.“

Elle zuckte die Achseln.

„Da ist außer uns eh niemand. Kommst du?“

Sie brachte gerade so noch die Frage raus. Denner hatte sich wieder umgedreht, diesmal ganz, nicht nur so den Kopf gewendet. Er hatte auch von vorn ein breites Kreuz.

„Elle, setz dich bitte ans andere Ende der Bank neben Mona.“

Sie maulte ein bisschen, aber sie wusste schon, dass es zwecklos war. Denner war eben nicht immer nett.

                

Als der Unterricht endlich vorbei war, ging Elle zur Bushaltestelle. Es waren nur zwei oder drei andere da, die meisten wurden nachmittags von ihren Mamas abgeholt. Das fühlte sich immer komisch an, so quasi allein da rumzustehen. Als wäre man verletzlicher. Oder leichter angreifbar. Sophie kam mit dem Fahrrad an. Das war gar nicht ihr Heimweg. Sie hielt neben Elle, die auf dem Bordstein stand und so ein bisschen größer war als ihre Freundin. Sophie behielt das Rad zwischen den Beinen.

„Ich habe nachgedacht, Elle. Ich werde nicht zu deiner Party kommen.“

„Wieso denn nicht?“

„Ich meine, ich würde total gern kommen. Aber ich finde es nicht gut, dass du auf dem Bahngelände feiern willst. Es ist nicht erlaubt und es ist auch gefährlich.“

Bla, bla, bla, bla, bla.

„Du hast überhaupt keine Ahnung. Es ist voll schön da. Hell will ein’ Ofen besorgen, dann können wir den Schuppen sogar heizen. Da liegt überall Holz rum.“

Wer besorgt den Ofen?“

„Dennis, meine ich.“

„Wieso lädst du den denn ein? Der ist doch doof.“

Sophie, gleich, langweilig. Es war leider wahr, es blieb wahr, es war nichts zu machen.

„Warum feierst du nicht im Jugendclub?“

„Der ist zu!“

„Nicht wenn man eine Party machen will. Man kann ihn mieten, es kostet gar nicht viel.“

Kostet gar nicht viel, äffte Elle sie innerlich nach. Schau, mein Desigual-Pullover. Kostet gar nicht viel. Schau, meine Nikes, kosten gar nicht viel.

Sie regte sich richtig auf.

„Ich feier nicht in einem langweiligen Jugendclub, egal ob er geschlossen ist oder nicht. Ich bin das tougheste Mädchen an der Schule, ich – “

„Ich muss los“, sagte Sophie, „ciao!“

Vielleicht hatte sie auch schade gesagt. Sophie stieg in die Pedale. Im Wegfahren wandte sie noch mal den Kopf: „Sag mir Bescheid, falls du deine Pläne änderst. Dann will ich sehen, was ich machen kann.“

Was du machen kannst? Ga’ nix kannst du machen, verstehs’ du das? Zu meim Gebur’stag wirst du bestimmt nie wieder eingela’n.

Es tat ihr weh, dass Sophie so blöd war.

        

IV

Septum, Helix, Nabel

                

Das Wohnzimmer war schon lange Elles Zimmer. Sie erinnerte sich kaum an die Zeit davor.

„Lass uns das Haus aufteilen“, hatte ihre Mutter Madlen gesagt, nachdem ihr Vater verschwunden war. Sie zog in den ersten Stock, Elle bekam das Erdgeschoss. Ein riesen Zimmer, um das alle sie beneideten. In dem riesen Zimmer war ein riesen Fenster, aus dem sie direkt in den Garten sehen konnte, die Fensterbank nicht höher als ein Stuhl. Es gab nicht nur das Fenster, es gab auch eine Tür. Die ließ sich seit irgendeinem super nassen Herbst nicht mehr öffnen. Laut Schreiner würde es einen Tausi kosten, das zu richten, eigentlich müsste man eine neue Tür einbauen. So viel Geld war nicht übrig, weil Madlen den Kredit für die Haushälfte seit zehn Jahren allein abstotterte. Elle störte das nicht. Sie spazierte bei Bedarf einfach durchs Fenster. Außer dem früheren Wohnzimmer befand sich im Erdgeschoss nur noch die Küche und Alice’ kleines Zimmer. Aber Alice war bloß in den Ferien mal da. Elle hatte ihre eigene Zone, sogar ihr eigenes Bad. Allerdings musste sie es selbst putzen.

Sie wohnten in der nördlichen Hälfte eines Doppelhauses. Jemand sagte mal, er habe noch nie eine dämlichere Aufteilung für ein Doppelhaus gesehen. Die eine Seite nach Norden, die andere nach Süden. Der Nachbar kriegte die ganze Sonne ab, sie selbst nur ein bisschen. Der Nachbar mähte jede Woche den Rasen und schnitt die Sträucher zurück. Madlen ließ alles wachsen.

Wenn sie aus dem Fenster kuckte, sah Elle einen Urwald. Dass es ein nördlicher war, kühl, dunkel, nass, machte ihr nichts. Sie hockte auf der Fensterbank, eine Teetasse zwischen den Beinen, und tippte etwas auf ihrem Phone. Ihr Gesicht wirkte angespannt, das kam, weil sie über die Salis schrieb. Nach einer Minute hörte sie auf. Zarte Schwaden stiegen aus der Tasse und zogen durchs gekippte Fenster ins Freie. Urwald, Regenwald, draußen pfiffen die Vögel. Das Tageslicht schwand dahin.

Die Ecken ihres Zimmers standen voller Pflanzen, die bis zur Decke reichten. In der Dämmerung wuchsen sie mit ihren Schatten zusammen und verbanden sich mit der Dunkelheit draußen. Alle Kanten verschwanden, der Fensterrahmen aus tropischem Holz wurde Teil des Waldes. Am liebsten hätte Elle in ihrem Zimmer trockenes Laub aufgeschüttet und den Heizkörper mit Schlinggewächsen zugedeckt. Allerdings war der Boden auch jetzt nicht sichtbar. Da lagen dreckige und saubere Klamotten solidarisch nebeneinander, Zeug von ihrem letzten Zeichenanfall und dazwischen zwei drei Gläser, ein Teller mit einem angegessenen Apfel, eine Tüte vom Bäcker. He, wart mal, da war bestimmt noch ein Stück Käsestange drin. Sie war zu faul, um nachzukucken. Vielleicht gammelte es.

Elle hatte einmal zwei Vögel besessen, aber einer war nach ein paar Tagen gestorben und dem anderen hatte das Alleinsein das Herz gebrochen. Die Zoohandlung hätte ihr einen neuen geschenkt. Madlen verbot es. „Du kannst doch einen toten Vogel nicht einfach durch den nächsten ersetzen wie ’ne kaputte Hose!“ Das wollte Elle gar nicht, nur sollte der zweite sich eben nicht allein fühlen. Jetzt waren sie beide hin. Naja, das war schon wieder eine Weile her. Sie hatte keine Lust es auszurechnen. Sie nahm das Phone und tippte noch ein bisschen.

Draußen ging die Klingel. Elle hob den Kopf, der Abglanz des Bildschirms färbte ihre Haut kalt ein und überdeckte fast das Aufleuchten der Augen. Sie schwang die Beine von der Fensterbank und ging auf Socken aus dem Zimmer. Der Tee stand jetzt allein da, er dampfte nicht mehr. Die Luft von draußen wurde schnell kälter, die Heizung kam nicht dagegen an. Die eine Ecke des Zimmers, die von der Tür und dem Fenster am weitesten weg war, wirkte ein bisschen spooky in der Abenddunkelheit; die Blätter, soweit man sie noch unterscheiden konnte, schienen zu wackeln, ihre Schatten tanzten über die Wände. Aber das konnte nicht sein, das hätte bedeutet, dass die Wärmeströmung stark genug gewesen wäre, um ihr Laub zu bewegen, es hätte bedeutet, dass der Wind durch den schmalen Fensterspalt so heftig ins Zimmer hätte blasen können, dass er die Blätter gerührt hätte, aber es herrschte kein Wind. Die Luft stand, das Rauschen der Blätter, als säße jemand heimlich und nicht ganz still im Pflanzengewirr, konnte nur eine Täuschung sein, ein falscher Eindruck, geschuldet dem letzten Licht, das endgültig wich, dem nichts folgte, oder kaum etwas, denn der Garten war nach dieser Seite hin groß, der Himmel bedeckt, die nächsten Straßenlaternen standen weit weg und bei den benachbarten Häusern waren die Rollläden längst runtergelassen.

Auch Elle hätte den Rollladen runterleiern können, sie tat es nicht, sie tat es nie, sie hasste diese Art, sich endgültig in einer Box einzusperren. Sie wollte die Nacht nicht aus- und sich nicht einsperren. Gerade rief sie draußen auf dem Gang: „Mama! Wow, ich dachte, du kommst ohne Gips zurück.“ Und ihre Mutter erwiderte etwas, das in Elles Zimmer nicht zu verstehen war. Es gab noch ein anderes Fenster in der Haushälfte, das einen Spalt weit offen stand, das befand sich in Madlens Schlafzimmer, direkt über dem von Elle, aber an einer anderen Wand, nach Westen schauend. Dieses Fenster hatte keinen Rollladen, nicht mal eine Jalousie war davor befestigt. Es war kreisrund und maß im Radius achtzig Zentimeter, voll schön. Wenn Madlen nicht da war, setzte Elle sich manchmal in den Kreis und schaute raus. Madlen war drei Wochen lang nicht da gewesen. Das Fenster ließ sich öffnen, indem man es um eine vertikale Achse drehte, bis es halb im Zimmer und halb draußen stand – das einzige Extravagante an diesem Gebäude. Elle hatte es zu schließen vergessen, nur die letzten Zentimeter fehlten, für die man ein bisschen Kraft aufwenden musste. Die Heizung im ersten Stock war runtergedreht und es war kalt geworden oben.

                

Der Hausflur sah tiptop aus, frisch gewischt, alle Klamotten an der Garderobe, die Schuhe in einer Reihe. Das Licht war funzelig, man sah es trotzdem. Madlen löste sich gerade aus Elles linkischer Umarmung, sie stützte sich auf dem Unterarm ihrer Tochter ab. Konnte es sein, dass Elle wieder einen Zentimeter gewachsen war? Sie hatte nicht mal Schuhe an, aber da fehlte höchstens noch eine Fingerbreite … Dabei war Madlen selbst nicht besonders groß. Diese omamäßige feingestrickte Weste, die sie trug, ein uni beiges Teil, war absolut ungewöhnlich. Sie nahm die Krücken und entlastete das rechte Bein.

„Was meinst du, ob ich so in den Club gehen kann?“

„Ma-ma!“

„Ha, Scherz. Aber sie haben gesagt, dass ich dieses Ding definitiv bald weglassen kann. Die Krücken brauch ich längst nicht mehr. Aber die gehören jetzt mir, was?“

„Wie heißt es noch mal?“

„Das ist ’ne Unterschenkelfußorthese. Mit Tintenlöschsohle, die sorgt für eine kurze Bodenreaktionszeit.“

Eben kam Betse mit dem Koffer rein. Er war in etwa so groß, als hätte die Mutter eine zehnwöchige Kreuzfahrt gemacht. Ein Rolle lief nicht richtig – wie bei Madlen. Betse keuchte, als sie das Teil aufs Treppenpodest hievte. Ihr Bauch wurde immer dicker. Elle wollte ihr helfen, kam aber zu spät. Die beiden hatten sich in der letzten Zeit häufiger gesehen, Betse passte schließlich auf das Mädchen auf, sorgte dafür, dass es was zu essen kriegte und so. Oder sie hatte dafür gesorgt. Eigentlich ein bisschen wie früher, als Betse selbst noch fünfzehn und Elles Babysitterin gewesen war. Auch beim Hausputz hatte sie die Finger im Spiel gehabt.

„Im Koffer habe ich was für dich, Ellen.“

„Achja, Mam, ich will ein Nabel-Piercing“, sagte Elle. „Bekomm ich das zum Sechzehnten?“

Was hatte Madlen erwartet – dass ihr Töchterlein wie ein Vorschulkind ihre Hand nehmen und sie zum Koffer ziehen würde, mach ihn auf, mach ihn auf? Betse jedenfalls meinte, einen Schatten über Madlens Gesicht huschen zu sehen, als Elle nicht auf ihre Ankündigung reagierte, und dieser Schatten konnte eigentlich nicht daher rühren, dass sie Nabelschmuck ablehnte. Madlen trug selbst ein Helix-Piercing, eine mini Indianerfeder, die von einem goldenen Ring in ihre Ohrmuschel hinabbaumelte. Sie hatte sogar mal ein schwarzes Hufeisen in ihrem Septum getragen, wie Betse sich erinnerte. Ok, das war lang her.

„Wie ich sehe, habt ihr hier ja totaal geputzt“, sagte Madlen. „Man kann fast froh sein, dass das Licht im Flur nicht heller ist. Sonst säh es aus wie bei Spießers daheim.“

Jetzt ging über Elles Gesicht ein Schatten. Betse, die wirklich mitgeholfen hatte, verzieh Madlen sofort die kleine Gemeinheit. Sie zog den Reißverschluss an ihrer Jacke höher. Die spannte da vorn.

„Du besuchst mich, Elle?“

„Klar, ich komm nachher zu dir.“

„Nein, ich meine morgen oder übermorgen.“

Warum denn nicht heute?

„Lebt euch gut wieder ein“, sagte Betse, bevor sie die Haustür schloss.

Irgendwie wirkte der Flur jetzt heller.

„Ich häng mal meine Jacke auf“, sagte Madlen und bückte sich danach. „Sonst mach ich noch die ganze Oordnung kaputt.“

„Das mache ich“, sagte Elle.

Madlen ließ sie.

„Kochst du uns nachher was? Ha, wie du kuckst! Das war ein Scheerz, meine Liebe. Wir gehen heute Abend zum Italiener, hm? Andiamo! Zur Feier des Tages leisten wir uns das mal. Ist das gut? Sag, dass es gut ist.“

„Gut“, sagte Elle. Sie mochte Pizza immer noch. Madlen lief fast normal mit diesem komischen Stiefel, der mit fetten Schnallen an ihrem Bein festgemacht war und dessen Sohle mitten unterm Fuß viel dicker war als vorn und hinten. Das Hosenbein hätte sie auch runterkrempeln können, es passte sicher drüber. Als erstes würde sie den Aschenbecher aus der Küche holen. Sie rauchte nur noch vor der Tür. Sie hätte lieber gar nicht rauchen sollen. Es gefährdete ihre Gesundheit. Es schädigte ihre Lunge. Es verstopfte ihre Arterien. Es verursachte Herzanfälle und schädigte ihre Zähne. Von Krebs ganz zu schweigen. Das ekligste Bild war ja das mit dem Loch im Hals. Oder doch das mit dem Tumor an der Zunge.

„Es kann sich leicht entzünden“, sagte Madlen, als sie nach dem Rauchen und Telefonieren wieder drin war. In beiden Taschen ihrer Weste zeichnete sich ein Viereck ab.

„Hä?“

„Am Nabel. Da reiben dauernd deine Klamotten drüber. Wenn dein Schmuck am Shirt hängen bleibt, kann es wehtun. Und der Stichkanal entzündet sich leichter als anderswo.“

„Niemand, den ich kenne, hat eine Entzündung.“

„Außerdem – ich mein, da ist doch alles super empfindlich. So am Bauch.“

Ich kenn noch empfindlichere Stellen, hätte Elle erwidern können. Sie tat es nicht.

„Mam –“

„Ich will nicht spießig klingen.“

„Du klingst nicht spießig. Es ist nur –“

„Naja, du musst es auch mal aushalten, wenn mir was nicht gefällt.“

Tat sie das etwa nicht? Also Elle jetzt. Und bedeutete es nun Nein oder Ja?

„Hey, vielleicht gehen wir zusammen zum Studio. Ich mein, wenn ich mich trau. – Ist das gut?“

        

        

        

V

Die Nudel

Die Down Spirit GTX-Handschuhe, die Junis zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, waren echt warm. Dafür sorgte der clever aufeinander abgestimmte Materialmix aus einer wasser- und winddichten Gore-Tex-Membran, einem feuchtigkeitsleitenden, weichen Innenfutter und einer sehr warmen Daunenfüllung. Er hatte sie anfangs nicht getragen, weil beim Ausprobieren die langen, doppelten Manschetten gegen die Säume seiner Jackenärmel gestoßen waren und er das Gefühl bekommen hatte, jemand wolle ihm andauernd die Handschuhe ausziehen. Erst an einem super miesen Schneetag Anfang Februar hatte er die Dinger mit in die Schule genommen, und da hatte Dennis ihm erklärt, wie geil und schweineteuer die waren. Jedem anderen hätte er sie sofort geklaut. Anschließend hatte Junis sie gegoogelt, wow, ja, das waren noch lange nicht die teuersten Handschuhe, aber schon ziemlich abgefahren, Freerider-Outfit.

Heute brauchte er sie. Dieser Winter hörte einfach nicht auf. Nach den drei Tagen Tauwetter, die gerade ausgereicht hatten, um den Boden in eine Matschrutschbahn zu verwandeln, herrschte nun schon wieder ein scheiß Frost. Nicht dass Junis über die Wiese gegangen wäre oder so. Aber der Parkplatz des Einkaufszentrums war voll mit gefrorenen, sogar festgefrorenen kleinen Klümpchen Dreck. Schon die Fahrt mit dem Roller hierher war kein Spaß gewesen. Junis wusste einfach nicht, warum er sich den Arsch abfrieren sollte, und hatte den Roller über den Winter eigentlich stehen lassen wollen. Das Problem war: Hier kam man anders kaum hin. Zum Laufen war es zu weit und der Bus, shit, wer fuhr denn mit dem Bus, bitte!

Das Einkaufszentrum vereinigte eine Reihe von Fachgeschäften, die meisten davon Filialen der international verbreiteten Ketten. Der Lebensmitteldiscounter und der Drogeriemarkt hatten nebenan in Extragebäuden eröffnet. Die standen auf leicht erhöhtem Niveau, die Parkplätze waren durch einen schmalen Streifen dicker weißer Kieselsteine vor einer ansteigenden Reihe von Winkelsteinen getrennt. Alle paar Meter ragte ein viereckiger, dunkelgrün lackierter Pfahl auf. Der Zaun dazwischen war aber nie drangebaut worden. Die Leute, die nicht zu schlapp waren und die keine Einkaufswagen schoben, konnten leicht die Stufe zwischen beiden Parkplätzen überwinden.

Junis ging zu dem Sportgeschäft an der äußeren rechten Ecke des Komplexes. Er hätte auch fahren können, aber er war zu faul seinen Roller noch mal zu starten und aufzusitzen, nachdem er sich bei Lotto ein Päckchen Tabak besorgt hatte. Die Alte, die den Laden betrieb, war da easy. Sie kannte Junis. Wenn sich noch andere Kundschaft im Laden befand, ignorierte sie ihn allerdings. Beim Verkaufen von Tabak an einen Jungen unter achtzehn erwischt zu werden, hätte sie tausend Euro kosten können. Manchmal malte er sich aus, sie in die Pfanne zu hauen und sich einen abzugeiern, wenn so ein Typ von der Stadt, der zum Schein in einem Playboy blätterte, zur Verkaufstheke vorpreschte und ihr mords Ärger machte. Warum ausgerechnet der Playboy wusste Junis nicht. Vielleicht konnte er sich nicht vorstellen, dass andere Typen als Angestellte von der Stadt so ein Magazin ansahen. Sein Vater vielleicht noch. In echt hätte er die Frau natürlich niemals verpetzt. Schließlich war er froh, so leicht an seinen Tabak zu kommen.

Nah beim Eingang zu dem Sportladen gab es einen Port, in dem anfänglich drei Reihen Einkaufswagen gestanden hatten. Aus unbekannten Gründen hatte man ihn aufgegeben, wahrscheinlich weil man die Wagen eher in der Mitte, vor dem zentralen Eingang brauchte. In dem nach zwei Seiten offenen Häuschen hatten sich ein paar Penner eingerichtet, es sah beinah aus wie eine kleine Kneipe. Ob es wirklich Obdachlose waren, wusste Junis nicht. Drinnen lagen jedenfalls keine Matratzen oder Pappen. Vielmehr standen da drei kaputte Plastikstehtische, bei einem von ihnen lag die Platte bedenklich schief. Durch den Schlitz zwischen der Seitenwand des Ports aus gelbem, halb durchsichtigen Kunststoff und dem Asphaltboden schoben sich die leergesoffenen Kleinen Feiglinge und Wodkafläschchen nach draußen.

Er hatte keine Bedenken, das alles ausgiebig zu begaffen. Die Typen, es waren hauptsächlich Typen, ließen es sich gefallen, sie kuckten nicht zurück und wenn sie es taten, nahmen sie ihren Betrachter nicht wahr. Wie eine Tarnkappe fühlte sich das an. Junis dachte daran, dass sein Vater für das Wohnheim gespendet und gesagt hatte, dass Menschen bei Temperaturen unter null Grad nicht draußen schlafen sollten. Es seien schon zwei Leute erfroren. Das war vor Weihnachten gewesen, also schon vier Monate her, und seitdem waren die Temperaturen kaum mal über null Grad gestiegen. Jedenfalls lag immer noch Schnee. Aber die Typen, die sich den ganzen Tag auf der Straße rumtrieben und vor den Supermärkten und an den Kiosken abhingen, waren nicht weniger geworden, sondern mehr, schien es ihm.

Im Sportladen suchte er nach Sachen, die man brauchte, um schwimmen zu lernen. Er hatte keine Ahnung. Das Mädchen mit dem viereckigen Namensschild auf der engen Bluse kannte er von der Schule, sie war zwei oder drei Klassen über ihm gewesen. Jetzt hieß sie Frau Maric und kam ihm recht erwachsen vor. Vielleicht lag es an der schwarzweiß gestreiften Bluse. Wer trug schon Blusen, bitte. Junis würde keinesfalls Sie zu ihr sagen. Es war ihm peinlich zu fragen.

„Haben Sie was zum Schwimmenlernen?“

Er starrte dabei auf ihr Namensschild. Sie legte eine Hand vor die Brust. Er wurde rot. Das alles passierte in einer Sekunde.

„Meinst du Schwimmflügel?“

„Ja. – Keine Ahnung, eher nicht, glaub ich. Das ist doch was für Kleine?“

„Für wen soll es denn sein, für dich selbst?“

Er hasste sie. Sie redete in so einem Verkäuferinnen-Tonfall mit ihm, dadurch kam er sich noch mehr verarscht vor.

„Ich meine, gibt es da nicht so Bretter und so?“

„Es gibt alles mögliche. Schwimmbretter, -gürtel, -reifen. Ich glaube, was du suchst, ist eine Nudel.“

Sie hatte überlange weiße Nägel mit irgendwie Schneeflocken drauf. Oder Sternen halt, silberner Glitzerkram. Bestimmt hatte sie auch einen Brilli im Zahn. Oder ein Lippenband-Piercing? Nein, zu cool.

„Es ist für meine Schwester“, sagte er und betete, dass sie nicht wusste, dass er keine hatte.

„Wie alt ist die?“

„Fünfzehn“, sagte er schnell. Zu schnell. „Wir sind dicht zusammen.“

„Na, wenn sie jetzt noch nicht schwimmen kann, vielleicht will sie dann gar nicht?“

Frau Maric verzog keine Miene. Sie schaute ihn nicht mal an. Sie schien in irgendetwas zu lesen, das auf der Verkaufstheke lag. Junis sparte sich die Antwort.

„Ich würde es an deiner Stelle mal im Spielwarenladen probieren. Die haben Schwimmnudeln, wir führen so was nicht.“

In der Ladentür wurde er mit warmer Luft angeblasen. Das machte ihm noch klarer, wie scheiß kalt es draußen war. Zum Glück hatte er seinen Helm nicht liegen lassen.

Ein Turm aus Kartons mit ferngesteuerten Fahr- und Flugzeugen brachte Junis im Spielzeugladen schon nah beim Eingang zum Stehen. Er fuhr Modellautos, seit er sechs war, und hatte vor zwei Jahren mit dem Heli-Fliegen begonnen, es aber nicht weit damit gebracht, weil er irgendwie zu faul zum Üben war. Jetzt juckte es ihn in den Fingern, aber eine Fernbedienung war nirgends zu sehen. Dafür pirschte sich eine Verkäuferin an, ends alt, mit Hautfalten unterm Kinn und stumpfen, schulterlangen Haaren, die wie schlecht gefärbt wirkten. Junis war auch hier der einzige Kunde, die Leute schienen alles, besonders Sport- und Spielsachen, nur noch beim Discounter einzukaufen. Freute sich diese Alte deshalb so? Sie war kurz davor, ihm die Hand zu schütteln.

„Tolle, äh, Modelle“, sagte er auf die Frage, ob sie ihm helfen könne.

„Ja, die sind wirklich schön. Wir haben sie im Angebot.“

Es lag ihm auf der Zunge zu sagen, dass es jedenfalls den Turnator online um einiges billiger gab. Aber warum eine Diskussion anfangen, sie würde es sowieso abstreiten. Er nahm den Heli vom Stapel und flog ihn mit hochgereckter Hand zwischen ihren Köpfen rum. Sie hatte auch so ein Namensschild – auf einem grauen Pullover mit V-Ausschnitt. Ihre Augen bekamen einen leichten Glanz, sie wirkte, als wollte sie auch gleich die Hände bewegen.

„Der ist ja überaus leicht. Darf ich ihn probefliegen?“

„Ich –, auf keinen Fall!“

Er flog ihn weiter mit der Hand. Das wirkte immer echter, je länger sie beide hinschauten. Beinah hätte man das Rotorgeräusch hören können.

„Wie viele Steuerachsen hat er?“

„Das steht bestimmt auf der Packung.“

„Können Sie es mal nachsehen?“

„Da muss ich erst meine Brille holen. Kannst du es nicht selbst schnell nachschauen?“ Sie ging auf die Zehenspitzen, um den Karton von dem hohen Stapel zu fischen.

„Danke, ist schon gut. Ich wette, er hat mindestens eine 4-Kanal-Steuerung. Sind Sie schon mal mit einem richtigen Heli geflogen?“

„Leider nie.“

„Ich durfte mal im Klinik-Heli mitfliegen. Das war sehr schön. Senkrecht in die Luft zu steigen, und dann, wusch, geht es vorwärts. Von Vierweg in die große Stadt. Ich habe alles von oben gesehen, die Schule, den Wald, auch das Einkaufszentrum. Ich glaube, ich habe sogar Sie gesehen, wie Sie über den Parkplatz gelaufen kamen.“ Sie schien belustigt. Wenn Junis noch ein bisschen kleiner gewesen wäre, hätte sie ihm bestimmt die Haare gewuschelt.

„Wissen Sie, ob er mit FPV ausgestattet ist?“

„Du kennst dich ja offenbar bestens aus. Was ist denn FPV?“

„First Person View. Im Cockpit sitzt eine kleine Kamera und überträgt das Bild an den Controller. Man fliegt den Heli aus der Perspektive des Piloten. Das würde ich gern mal machen.“

„Ich auch“, seufzte sie.

„Kann ich den Controller mal sehen?“

„Nein. Ich weiß nicht mal, wo er ist. Im Karton jedenfalls nicht.“

„Schade. Naja.“

Junis stellte den Heli wieder oben auf den Turm. Er kam besser hin als sie, weil er ein bisschen größer war. Dabei schielte er in ihren Ausschnitt. Was für ein schrumpeliges Dekolletee. Voll fies. Sie reagierte unbewusst auf seinen Seitenblick. Jedenfalls zupfte sie oben an den Schultern rum, sodass das V ein wenig höher rutschte. Junis tat, als wollte er sich von dem Stapel abwenden, zog jedoch im letzten Moment eine Turnator-Schachtel raus. Er war sehr vorsichtig.

„Wow“, sagte er. „Sind das nicht die Autos, die umfallen und dann einfach auf der anderen Seite weiterfahren?“

„Ja, die sind lustig. Der Vertreter hat uns einen vorgeführt.“

„Darf ich den mal ausprobieren? Bitte, Frau Munter!“ Das stand auf ihrem Schild: Janine Munter.

„Nein. Das ist nicht erlaubt.“ Er konnte ihr ansehen, dass sie nicht besonders entschlossen war.

„Oder fahren Sie ihn mal? Ich habe noch nie einen Turnator fahren sehen.“ Er sprach es deutsch aus. „Wenn er doch eh schon ausgepackt ist.“

„Er ist nicht ausgepackt.“

„Aber Sie haben doch gesagt, dass Sie eine Vorführung hatten.“

„Na, gut. Komm mal mit. Es ist ja sonst keiner da.“

Sie ging erstaunlich schnell in den hinteren Teil des Geschäfts. Bei der Ladentheke wies sie ihn an, zu warten, und verschwand hinter einem Vorhang. Junis schaute sich im Laden um. Als Frau Munter zurückkam, stellte sie ein quietschrotes Fahrzeug auf die Theke. Die Räder dominierten, die Karosserie hing dazwischen um eine zentrale Achse wie ein Dekor. Es gab zwei Fahrerkabinen, eine rot, eine silbern. Wenn man es sich überlegte, hätte in echt immer ein Fahrer kopfunter in dem Teil hängen müssen, wenn es nicht gerade flippte.

„Cool, oder?“ Junis nickte.

„Tolles Design.“

„Darf ich mal ausprobieren, wie er flippt?“ Frau Munter erklärte ihm noch mal, dass sie keine Kunden damit spielen lassen dürfe.

„Aber Sie dürfen ihn doch fahren. Biittee!“

Mit einem weiteren Blick zur Tür, als wäre sie dabei, ein mittleres Verbrechen zu begehen, willigte sie endlich ein. Junis durfte den Wagen anschalten, Frau Munter übernahm die Steuerung. Sie hielt sie in der Hand, ohne den Halsriemen zu benutzen. Als sie die Joysticks nach vorn schob, schoss der Wagen über die Theke und flog ein Stück weit durch die Luft, bevor er, anders ging es gar nicht, wieder auf den Rädern landete. Sie kicherte halb lustvoll, halb verlegen. Junis beeilte sich, den Turnator aufzuheben. Dabei untersuchte er ihn von allen Seiten.

„So einen Sprung hält er locker aus.“

„Ich wollte gar nicht, dass er von der Theke hüpft.“

„Sie dürfen die Joysticks nur ganz leicht antippen.“ Er zeigte es mit den Daumen.

Frau Munter probierte es noch mal, diesmal stoppte der Wagen vor der Kante ab.

„Geschafft!“

„Sie können es! Darf ich mal sehen, wie er flippt?“

„Hä?“

„Naja, wie es aussieht, wenn er sich überschlägt. Wenn man die Räder gegeneinander laufen lässt, also das rechte Paar nach vorn und das linke nach hinten, kann man ihn doch aufs Kreuz legen. Nur dass er dann eben wieder richtig steht.“

„Ich weiß, was du meinst, aber ich weiß nicht mehr, wie man es hinkriegt.“

„Sie müssen die Sticks entgegengesetzt bewegen, einen nach vor und einen nach

hinten. Bis zum Anschlag.“

Zum Glück merkte Frau Munter nicht, dass Junis sich zu gut auskannte, um zu behaupten, er hätte noch nie einen Turnator gesteuert. Vielmehr schaute sie listig, nach dem Motto: Ich hab gemerkt, dass du mich aus Glatteis führen willst. Bis zum Anschlag, haha.

„Ooo-kay!“

Sie betätigte die Hebel nur langsam. Der Turnator drehte sich anderthalb mal, bevor sie durchzog. Diesmal schoss er nach vorn von der Theke und prallte in ein Regal mit sorgfältig arrangierten Schleich-Tieren. Die Tiger, Löwen, Elefanten, Zebras wirbelten in alle Richtungen durch die Luft. Ein Strauß musste bitter erkennen, dass er wahrhaftig nicht fliegen konnte.

„Hoppala!“

„Auweia“, sagt Junis unschuldig. Er grinste nicht ein bisschen. Frau Munter eilte um die Theke und fing an die Schleich-Tiere einzusammeln. Junis sah ihr eine Weile zu. Unter dem Pullover zeichnete sich ihr Rückgrat ab, eine dünne gebogene Welle wie bei einem Dino. Schließlich nahm er den Turnator und setzte ihn behutsam zurück auf die Theke. Er schaltete ihn sogar ab. Er latschte ein paar Schritte, um ein Känguru einzusammeln, das besonders weit gesprungen war – vielleicht um der falschen Gesellschaft zu entkommen. Voll geil, wie die alle durch die Luft geflogen waren. Fast wie in einem Game. Der Unfall hatte die gute Stimmung gekillt. Junis spürte deutlich, dass Frau Munter wünschte, er wäre nicht mehr im Laden, wahrscheinlich sogar, er wäre nie reingekommen. Er entsann sich, warum er den Laden betreten hatte.

„Achja, eigentlich bin ich wegen einer Schwimmhilfe hier. Meine Schwester soll es endlich lernen.“

„Da drüben!“, sagte die Verkäuferin beinah mürrisch. Den Turnator hielt sie vor die Brust gedrückt. Sie würde ihn wieder nach hinten bringen und in eine Ecke stellen und jedes Mal, wenn sie daran vorbeikam, würde ein mieses Gefühl hochkommen.

„Ich habe leider keine Ahnung, was da in Frage kommt und wie man so was benutzt“, sagte Junis. „Könnten Sie es mir vielleicht zeigen?“

VI

Das Tier

„Heiß’ das, du has‘ nichts mitgebrach’?“

„Hell! Ich bin erwischt wor’n, wie soll ich ’n da was mitbring’?“

„Mann, Vale, ich kapier das nich. Wir ham es zehnmal geübt, oder?“

„Und ich hab alles so gemacht, okay? Die müssen’s gewussd’ ham. Dieser Typ hat mir richtig aufgelauert.“

„Nicht eine Flasche, Loser. Da muss Onkel Hell selbs’ noch mal ran.“

Dennis ließ die flache Hand über Vales Hinterkopf schrammen.

„So mach’ man das.“

Er zog den Reißverschluss an seinem Rucksack auf. Es klirrte leise, als er den Wodka rausholte, drei Flaschen mit blauen Labeln auf dem flachen Bauch.

„Das reich’ mal gerade für mich.“

„Die Polizei is hier gewesen.“

Dennis zuckte. Es sah aus, als würde er die Flaschen wieder in den Rucksack stecken wollen. Voll gefährlich, wenn die Bullen sich hier umschauten.

„Im Erns’?“

„Ja, sie ha’ mich nach Hause gefahren. So ham sie ’s genannt.“

„Wenn sie’n gansen Kram hier fin‘, sin’ wir im Arsch.“

„Die wür’n ’ne Hundertschaft brauchen, um hier was zu fin‘. Der Hof is riesig.“

„Glaub nich, dass die vollkomm’ blöd sind.“

„Die wür’n eine Woche brauchen.“

„Sie wür’n denken: ’n altes Haus, das leer steht, ist doch ’n perfektes Versteck. Sie wür’n deine Fußspuren im Staub sehen.“

„‘S war derart daneben, Hell. Ich mein: Sie konnten ja nichts machen. Nur mich hier abliefern und mit mein’ Eltern sprechen.“

„Was ham die gesagt?“

„Streng! Ich muss ein’ Monat lang voll mithelfen. Und darf nicht weg außer zur Schule.“ Vale lachte. „Das mach’ aber nichts. Die krie‘n eh nichts mit.“

„Ehrlich, Vale, ‘s gefällt mir nicht. Wenn dein Vater jetz’ anfängt, dir hinterher zu schnüffeln –“

„Tut er nich. Dafür hat er gar keine Zeit.“

„Deine Mutter?“

„Die ers’ recht nich.“

Draußen fuhr der Trecker vorbei. Mega große Reifen, fast so hoch wie die Decke in dem alten Haus. Nicht dass sie zu sehen gewesen wären, dazu waren die Fenster viel zu dreckig. Es wurde nur dunkler. Noch dunkler. Und die Scheiben klirrten. Da war zum Teil schon der Kitt rausgefallen. Wie lang stand das alte Haus jetzt leer? Vale wusste es gar nicht genau. Seine Großeltern hatten neu gebaut. Vor vierzig Jahren oder so, irgendwann im Mittelalter eben.

„Has’ du die Uhr auch hier?“

„Klar.“ Vale zeigte auf ein altes Radio, so ein riesen Teil mit einem magischen Auge. Das stand auf einer noch älteren Eckbank. „Da drin.“

„Man sieht auf hunnert Meter, dass du’s angefasst hast.“

„Hier komm’ nie jemand rein außer mir.“

„Mein Vater sagt, das kann man nur von eim Grab behau‘m.“

„Kapier ich nicht.“

„Hol die Uhr einfach raus, Vale!“

„Aber das is ‘s beste Versteck, Mann. In dem Radio könns’ du ne halbe Leiche unterbringen, ohne dass man’s merkt.“

Er holte einen Schraubenzieher aus der Tasche, als gäb es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Ein paar Sekunden, und der Deckel hinten klappte weg.

„Kuck! Da is riesen Platz drin.“

Dennis kuckte nicht. Er streckte die Hand aus, ließ sich von Vale die Uhr geben. Ihr Armband war aus genietetem Leder, abgefahren breit. Das Edelstahlgehäuse trug eine schwarze Keramiklünette mit eingraviertem Namen. Vale dachte zuerst, das wäre der Name des Besitzers, aber es war natürlich der Name des Herstellers. Vier römische Ziffern auf dem Blatt und das Quadrat mit Kreuzen wie von einem Kartenspiel waren nicht so schön. Außer dem Rädchen zum Einstellen der Zeit hatte sie zwei Knöpfe zum Drücken, die hätte er gern ausprobiert, aber er traute sich nicht. Dennis hatte behauptet, er könnte hundert Euro für die Uhr kriegen, Vales Anteil wären dann zwanzig. Shit, er hätte sie am liebsten behalten.

„Wir müssen den gansn Kram auf verschie‘ne Stellen verteilen“, sagte Vale. „So is ‘s zu gefährlich.“

„Ich dachte eh, du würd’st das Zeug mal verhökern.“

Dennis erklärte Vale, dass das gerade nicht ging. Sein Kontakt war beinah erwischt worden, wie er einen Flat Screen losschlagen wollte. Ein scheiß Junkie hatte ihn verraten. Die waren einfach total unberechenbar.

                

Draußen mussten sie einen Bogen machen um eine tiefe, lange Treckerspur, die voll Wasser stand. Es war ein bisschen trüb, so eine Farbe wie frische grüne Kacke, aber vollkommen glatt – der graue Himmel spiegelte sich drin.

„Weißte was? Ich hab Elle erschreck‘ vorgessern. Bevor wir losgezo‘n sin’, war ich beim Weiher. Da stand sie mit Junis und hat geknutscht. Ich hab mich im Wald versteckt und da hab ich so einen hohlen Stamm entdeckt. Da hab ich dann reingerufen“, er formte mit den Händen eine Art Röhre, „E-eeelle! – Eee-eelle! Die wuss‘n nich mal, aus welcher Richtung ‘s kam.“

„Sie hat immer Angst am Weiher. Haste das schon mal gemerkt? Ich glaub, sie wär fas’ mal reingefallen.“

Dennis’ Augen wurden schmal, er sagte aber nichts.

Vale ging mit ihm an dem ganzen langen Stall vorbei, in dem irgendwie über hundert Kühe standen. Das heißt, die latschten da rum, das war so ein Laufstall. Hundert Meter lang, ein Meter für jede Kuh. Und ein Melkstand, wo das Vieh selber reinging, um die Milch abzuliefern. Weil ihnen sonst die Euter wehtaten. Die Zitzen wurden von einer Maschine gewaschen, dann kamen so Becher dran, die sich festsaugten. Es gab eine Menge zu staunen für einen Jungen, der mit so was nicht groß wurde.

Entlang der Stallwand lag ein Haufen Zeug, halb verrottete, in aufgerissene Folie gewickelte Heuballen, Gitterboxen mit grau gewordenen Holzresten. Ein altes Mähwerk stand da mit schlapp runterhängender Antriebswelle und super verrostetem Blech, dann Rollen mit Schafsdraht und durcheinandergekommene Holzpfähle. Wieder eine Palette mit einer ollen Hundehütte drauf. Der Kälte zum Trotz schoben sich die ersten Brennnesseln aus dem Boden. Und immer wieder gab es Fahrspuren, die voll Wasser standen, zu tief, um einfach reinzutreten. Vale zog an einem Band seine Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete ein altes Vorhängeschloss. Der Riegel kratzte matt, als er ihn zurückschob.

Die ganze Hütte, die sie nun betraten, stand bedrohlich schief da. Im hinteren Teil waren eingeknickte Balken zu sehen, von oben drang Licht ein. Altes Heu oder Stroh muffelte vor sich hin. Vorne war es ziemlich dunkel. Aber Vale hatte da eine Taschenlampe deponiert. Er knipste sie an, ihr Strahl richtete sich auf einen oben offenen Käfig aus Dachlatten und Draht. Verschissene Streu bedeckte den Boden, in einer Schüssel aus grauem Ton stand allerdings frisches Wasser neben einem Teller voll Körner. Nach einer Weile traten die Umrisse eines kleinen Verschlags aus dem Zwielicht hervor. Voll Film Noir. Vale stieg mit einem großen Schritt über die Seitenwand mitten in den Käfig rein. Er steckte die Hände in den Verschlag. Ein eher gequältes als ängstliches Gackern wurde hörbar.

Als er sich umdrehte, blitzte ein gelber Schnabel im Lampenlicht auf, ein starres Auge, ein roter Kamm. Die gelben Füße waren an den Körper gezogen, die Federn wirkten in dem trüben Schein feucht und angeschmutzt.

Dennis war vor dem Verhau stehen geblieben. Er drehte sich halb weg, als Vale ihm das Huhn entgegenstreckte.

„Was soll ‘n das wer‘n? Voodoo?“

„Es ist von ei‘m Bussard angefallen wor‘n. Ich habs unter ’nem Strauch gefun‘n.“ Er ging mit dem Tier noch mal besser ins Licht. „Kuck!“

Vale hatte das Tier mit den Händen umfasst, jetzt kippte er es ein Stück weit auf die Seite, sodass es in seiner linken Hand lag. Mit der rechten zog er einen Flügel vom Körper des Huhns weg, das nun wieder ein klagendes „Booaak“ hören ließ und sich freizumachen versuchte – ziemlich kraftlos. Es hatte vorn an der Brust nur wenige Federn, die pickelige Haut war sichtbar. Zum Flügel hin klaffte ein Loch, das in düsteren Farben schillerte. Schwarzrot, lila, außen rosa und feucht.

„Da hat er ’n Stück rausgerissen. Ich hab die Wunde mit Jod behan‘lt. Ich versuch es wieder hinzukrie‘n.“

„Warum zeigs‘n mir das? Das interessiert mich nich.“

„Meine Eltern denken, ‘s wär tot. Was meins’ du, wie die kucken, wenn es auf einmal wieder übern Hof spaziert?“

„Mir doch egal, Mann.“

„Pass auf. Da drü’m sin‘ so alte Plastikboxen, wo mal Eis drin war. Davon nehm’ wir eine und tun die Uhr rein. Wenn ich die hier in dem Verschlag versteck, den ich dem Huhn gebaut hab, komm‘ da keiner drauf. Garantiert nich.“

„Un‘ warum nich?“

„Ers’ns: Der Schuppen kracht bald zusamm’, sagt mein Vater. Es geht nie jeman’ rein, ich dürfte auch nich‘. Zwei: Wenn jeman’ reinkommt, sucht er nie bei dem Huhn. Nich mal du traus’ dich hin.“

„Ich will mir nur nich die Schuhe versiffen.“

„Eben. Gib mir mal so ’ne Box. Da auf dem Brett. Nein, da, ja.“

Dennis holte die Box, legte die Uhr rein und machte den Deckel drauf.

„Nich dass die schwitz’ da drin.“

„‘ch pass auf“, versprach Vale.

Er setzte das verwundete Huhn vor den Wassertrog und versteckte umständlich die Box.

„Ey, was liegt ‘n da?“, rief Dennis. „Is das ’ne Drohne?“

„Hab ich im Wald gefun‘n. Is kaputt, glaub ich.“

„Die ist ja groß!“

Vale stieg wieder aus dem Verhau. Er nahm die Taschenlampe in die Hand und stellte sich neben Dennis. Zusammen besahen sie das gelb-schwarze Fluggerät. Es hatte vier Schrauben, die über ein Kreuz verbunden waren. In der Mitte war die Batterie fest, ein ziemlich dicker Klotz.

„Da sind nur ein paar Drähte los“, meinte Dennis.

Er zeigte mit dem Finger auf die Stelle. Vale leuchtete.

„Das läss‘ sich problemlos löten. Aber was is mit der Fernsteuerung?“

„Ich frag mein Bruder“, sagte Dennis. „Der kennt sich mit so was aus. Vom Bund her.“

„Vielleicht kann er ’ne Hellfire-Rakete dranbau‘n.“

„Ja, und dann lass’n wir das Ding über die Schule flie‘n und Bam, Bäng, ja‘n wir sie in die Luft.“

„Un‘ die Sporthalle hinterher.“

„Wieso ’n die Sporthalle? Ich weiß was Besseres“, sagte Dennis.

Draußen fuhr wieder was vorbei. Diesmal ein Auto, mit V6-Motor, das konnte man hören. Dennis und Vale schauten sich an. Sie machten schnell jetzt.

        

        

        

VII

Die Überraschung

                

Noch eine Nacht und einen halben Tag, länger wird Elle nicht in Vierweg bleiben. Sie hat so weit alles geregelt, ist beim Makler gewesen, bei der Bank, bei dem Händler, der den Haushalt auflösen wird. Sie hat mit dem Bestatter und mit dem Pfarrer gesprochen, gemeinsam haben sie gestern Madlen unter die Erde gebracht. Ein paar Kollegen ihrer Mutter waren dabei und wenige Freunde. Elles Vater hatte keinen Nerv für diese traurige Veranstaltung, ihre Halbschwester Alice war da und bedankte sich, dass Elle „das alles übernommen“ habe. Sie sind sich fremd geworden; immerhin reichte die Nähe noch, um sich in die Arme zu fallen und eine Minute gemeinsam zu heulen.

Leonora ruft „Mama!“, die Gießkanne, die ihr zu schwer geworden ist, neigt sich immer stärker dem Boden zu. Bevor sich das Wasser auf seine Füße ergießt, eilt Elle hinzu und hilft dem Mädchen.

Obwohl so wenige Leute bei der Beerdigung waren, ist der Grabhügel mit Kränzen und Blumen vollständig bedeckt. Es ist nicht das einzige frische Grab, aber das einzige mit gänzlich frischen Blumen. Gleich nebenan ist eine Stelle schon abgeräumt und der nackte lehmbraune Boden zeigt Risse. Das sieht nach Erosion und unfruchtbarem Boden aus. Elle versucht sich vorzustellen, wie Madlens Grab aussehen wird, wenn es fertig ist. Weiße Kieselsteine sollen es bedecken, die von einer schlichten Einfassung aus Basalt zusammengehalten werden. Sie hat einen kreisrunden Grabstein in Auftrag gegeben. Dieser wird in der Form eines Jin-und-Jang-Zeichens halb matt und halb poliert sein; sie hätte auch eine Variante aus weißem und schwarzem Naturstein wählen können, aber sie wollte zwei nicht zusammengesetzte Steine.

Als Spruch würde sich ein Laotse-Zitat eignen: „Das Harte und Starre begleitet den Tod. Das Weiche und Schwache begleitet das Leben.“ Auf so was stand Madlen. Elle hat noch Zeit, sich das zu überlegen. Auf jeden Fall werden der Name ihrer Mutter, der Geburtstag und das Sterbedatum draufstehen, Tag, Monat und Jahr. Merkwürdig wenige Jahre Abstand zwischen beiden, wo heute doch bald alle neunzig werden. Der Stein wird sich gut machen auf dem Vierweger Friedhof. Das Gelände steht voll ungewöhnlicher Grabsteine, von denen einige sogar mit Design-Preisen ausgezeichnet wurden. Gäbe es in der Stadt Touristen, wäre das die Attraktion.

Auch Elle hat sich für das Unternehmen des immer noch ehrgeizigen Steinmetzen entschieden. Es ist schon lange am Ort ansässig, bietet die gesamte Bestattung aus einer Hand an und hat moderate Preise. So musste sie nicht zum Discounter gehen, zumal Madlen etwas Geld für ihre Beerdigung zurückgelegt hat.

Elle muss wieder einschreiten, als Leonora Blumen aus einem Gebinde auf einem fremden Grab zieht, um sie zu dem ihrer Oma zu bringen. Sie erklärt ihrer Tochter unsanft, dass sich das nicht gehöre. Leo wirkt beschämt, doch eine Minute später hat sie bereits etwas Neues entdeckt, das ihre Aufmerksamkeit an diesem fremdartigen Ort auf sich zieht.

Madlen hat Elle immer verboten, die angebotene Scheibe Wurst zu nehmen, wenn sie zum Metzger gingen. Nur Fleisch kaufte sie dort, und auch davon nur wenig. Der Laden steht leer, ein Handarbeitsverein nutzt die Schaufenster, um seine Osterbastelein zu zeigen, aber die wirken auch nicht mehr frisch.

Es ist natürlich nicht die einzige Erinnerung an ihre Mutter. Aber Elle ist erstaunt, wie wenige es sind. Sie hatte gedacht, ein ganzes Archiv würde aufgehen und eine unsichtbare Hand ohne ihr Einverständnis von Bild zu Bild wischen. Vielleicht passiert das eher, wenn man einen Schock hat? Sie war immerhin vorbereitet, auch wenn Madlen von der Diagnose an nur noch drei Monate leben durfte, von Weihnachten bis Ostern etwa. Elle wäre gern mehr bei ihr gewesen in dieser Zeit, nur mit Job und Kind war es unmöglich. Beim Telefonieren gerieten sie manchmal in Streit. Es fühlte sich fast an wie früher.

                

Zwischen den beiden Urnenwänden läuft ein Mann über den Weg. Komisch dass man auf einem Friedhof nie allein ist. Immer hat da jemand was zu tun. Zuerst glaubt sie, dass der Mann auf die Ecke mit den etwas älteren Gräbern zuhält, in der auch Frank begraben ist. Sie hat ihn nicht vergessen, wie sollte sie. Gestern dachte sie sogar, sie könnte ihn hören. Er scheint jedenfalls da sein – kein Spuk, kein kalter Hauch, kein Schemen oder Schatten, mehr eine Präsenz, die sich in sich spürt und die doch mehr ist als eine Fantasie.

Leo hat einen kreidigen Stein gefunden und malt damit auf den asphaltierten Hauptweg. Elle wäre bereit, sich in ihr Spüren zu vertiefen. Doch da taucht hinter einer Baumgruppe hervor der Mann wieder auf, gar nicht weit von ihr weg. Er ist nicht besonders groß, drahtig, das Haar auf seinem Kopf ist hochgegelt, das wirkt beinah pubertär. Außerdem grinst er und kommt, jetzt eindeutig, auf Elle zugelaufen. Der Mann trägt einen seidig glänzenden, knittrigen Anzug zu einem weißen Hemd, bei dem die zwei oberen Knöpfe offenstehen. Die kühle Aprilluft scheint ihm nichts anhaben zu können. In kurzen Abständen zieht er an einer fetten E-Zigarre, wie sie gerade in Mode sind, und pafft gewaltige Mengen an Dampf aus. Elle spürt einen Stich im Bauch, beinah macht sie eine Bewegung, doch ihre Knie sind weich. Eine Zeitlang hat sie gezweifelt, nun ist sie gewiss. „Hell!“

„Dennis“, korrigiert er mit einem winzigen Kopfnicken und hört für den Moment zu grinsen auf.

Sie fragt sich, wie ausgerechnet er hierher kommt. Sie wundert sich nicht mehr, warum sie keine Wiedersehensfreude spürt.

Dennis spricht ihr sein Beileid aus. Dabei streckt er seine Hand vor, die sie nicht ausschlagen will. Ein harter Griff – unter dem Anzug scheint immer noch der gleiche Satz an wohltrainierten Muskeln zu stecken. Er lächelt wieder, doch dezent. Elle weiß nicht, was sie mit ihm reden soll. Sie sieht, wie er die Kleine in den Blick nimmt.

„Wie heißt sie? Sie ähnelt deiner Mutter etwas.“

Mann, Dennis!, denkt sie. Aber es tröstet sie. Was soll sie nur zu ihm sagen?

„Warst du, ich meine, bist du denn zufrieden?“, fragt er sie und wischt, die Hand aufhaltend, durch die Luft.

„Was meinst du?“

„Die Beisetzung. Entschuldige, ich möchte dir nicht zu nahe treten. Sicher trauerst du sehr.“

Was ist mit diesem Typ passiert? Er ist so höflich! Beinah einfühlsam. Ein bisschen glatt vielleicht. Paff paff.

„Schon ok. Die Beerdigung“, Beisetzung kriegt sie nicht über die Lippen, „war …“

Welches Wort nimmt man da? Angenehm kann sie wohl schlecht sagen. In Ordnung? Klingt auch nicht gut. Problemlos?

„War sie, was die äußeren Umstände betrifft, zu deiner Zufriedenheit?“

Sie nickt. Sie fragt sich wirklich, was der Typ gefressen hat. Langsam ahnt sie, was los ist. Sein Vater hat für dieselbe Firma gearbeitet. Vielleicht ist er da immer noch.

„Du bist bei Krauss?“

„Assistent der Geschäftsleitung. Nicht schlecht, eh?“ Er steckt die E-Zigarre in die Seitentasche seines Sakkos. Ein Ende schaut heraus. „Ganz ernsthaft. Wenn du etwas auszusetzen hast, sag es mir bitte. Wir sind bemüht, unseren Service immer weiter zu perfektionieren.“

Elle überlegt, ob sie schon mal mit ihm telefoniert hat. Einmal war so ein Typ dran, dessen Namen sie nicht verstand und der so ähnlich redete. Aber Dennis musste ja wissen, mit wem er sprach. Hätte er sich da nicht zu erkennen geben können?

„Arbeitet dein Vater noch da?“

Dennis nickt ungerührt.

„Leichte Bürotätigkeit. Er kann nichts mehr heben. Kreuz kaputt. Hat auch keine ruhige Hand mehr.“

Wieder schweigen sie einen Moment.

„Also ich war sehr zufrieden, Dennis. Mit den äußeren Umständen. Der Umgang mit euren Mitarbeitern war immer angenehm, ihr habt alles perfekt organisiert und mir viel abgenommen, wovon ich keine Ahnung hatte.“

„Du wirst auch mit dem Stein zufrieden sein. Du sollst sehen.“

Sie fragt sich, ob er sie angelogen hat. Vielleicht ist er einfach Steinmetz geworden wie der Alte. Das würde seinen Händedruck erklären. Sie sagt ihm, dass sie los müssen, und ruft nach Leonora. Es ist ein kleines Wunder, dass dem Mädchen nicht langweilig wurde.

„Naja“, sagt er, „als ich dich hier oben stehen sah, dachte ich, ich sag dir mal hallo und schaue nach dem Rechten.“

Schaue nach dem Rechten, was?

„Ja. Danke, Dennis. Wie gesagt, es ist alles zu –“

„Junis wohnt immer noch bei seinen Eltern. Wusstest du das? Er fährt Krankenwagen.“

„Ich bin seit bald zehn Jahren hier weg!“

„Wenn du willst, kann ich ihn von dir grüßen,. Muss aber nicht. Hey, ich hab mich gefreut dich zu sehen.“

Schon wieder hält er ihr die Pfote hin.

„Auf Wiedersehen“, sagt Elle, dann: „Dennis?“

„Ja?“

„Nichts, tut mir leid. Ich bin morgen wieder ab.“

Rasch entfernt er sich einige Schritte. Bevor er hinter den Bäumen verschwindet, dreht er sich halb um und winkt ihr. Er wirkt verlegen. Das ist das Letzte! Echt.

Das bringt dich ganz schön zum Nachdenken, hm?

Sei still!

Elle nimmt Leo an der Hand. Die Kleine fragt, ob ihre Oma einen Kakao für sie habe, wenn sie zurückkämen, und entlockt den Augen ihrer Mutter damit ein paar Tränen. Elle hebt die Gießkanne auf. Gemeinsam biegen sie auf den Hauptweg ein und gehen in Richtung Wasserbecken, in Richtung Ausgang. Plötzlich spürt Elle im Rücken einen Stoß, sie taumelt vorwärts, muss sich, da sie völlig überrascht ist, mit ein paar schnellen Schritten fangen.

Leo schreit spitz, sie hat das Gleichgewicht verloren und hängt für ein paar Augenblicke am Arm ihrer Mutter wie eine hinterhergeschleifte Puppe. Als Elle sich umdreht, ist da niemand. Kein Zweig bewegt sich, kein Vogel hat zu singen aufgehört – sind eh keine da. Das wundert sie nicht, irgendwie wundert der Stoß sie auch nicht. An diesem Tag wundert sie gar nichts mehr.

        

        

VIII

Die Blessur

Nie zuvor hatte in Betses Wohnzimmer eine solche Unordnung geherrscht. Der Schreib- und der Esstisch waren gleichermaßen mit Büchern, Zeitschriften und Fotokopien übersät, aus den Stapeln leuchteten bunte Einmerker hervor, vieles lag aufgeschlagen da. Auf dem Bildschirm ihres Notebooks hafteten beschriebene Zettel, die Tastatur war unter einem großen blassgelb und -blauen Polsterumschlag verschwunden, der etwas Größeres enthalten haben musste, denn er bildete eine schiefmäulig offenstehende Höhle, wirkte dabei jedoch, als würde sich in ihm schwerlich anderes finden lassen als dunkle Luft. Elle räumte einen Katalog für Babykleidung von einem Stuhl und setzte sich an den Esstisch.

Nach und nach bemerkte sie die Ordnung im Chaos. Auf der linken Tischseite schien sich alles zu stapeln, was irgendwie mit Babys zu tun hatte. Rechts, auf der Wandseite, lagen die Brautmodenkataloge, die Hochzeitsplaner und Catering-Angebote. Sogar eine handgeschriebene Mindmap war zu sehen. Im Übrigen war alles so ordentlich wie immer. Die vier Stühle standen gerade und im gleichen Abstand vom Tisch, das Chromrohr blitzte wie vor fünf Minuten geputzt. Auf dem mit blauem Velours überzogenen Sofa war keine Kuhle, nicht mal eine Falte zu sehen und die Kissen standen in regelmäßigen Abständen mit dem üblichen Kniff in der Mitte da. Auf der glänzenden Oberfläche des Sideboards lag kein Staub, die Türen waren wie immer alle geschlossen. Und immer noch hing nur ein einziges Bild an den Wänden, abstrakt, farblich und mit dem ebenfalls verchromten Rahmen exakt auf die Möbel, die zartgrauen Wände, den dunklen Laminatboden abgestimmt.

Die Hochzeit interessierte Elle viel mehr als der Babykram. Sie blätterte in einer obenauf liegenden Zeitschrift und fing an zu geiern. Was für Typen! Mit ihren super glänzenden Haaren und diesen, wie hieß das, gestutzten Bärten, die Hälse zum Teil in hohe Kragen gequetscht, an denen komplizierte Schleifen oder Knoten prangten. Ein Model trug eine grau-schwarz gestreifte Hose von einem Label namens Stresemann. Die dazugehörige Jacke reichte weit über den Arsch und fast bis zu den Knien runter. Ein anderes Model hielt einen schwarzen Spazierstock in der Hand, fast konnte man ihn wippen sehen. Dann kam eine Doppelseite, auf der die Bräutigame Zylinder und andere komische Hüte trugen, auch eine Frau mit weißem Zylinder war dabei. Die Zylinder gefielen ihr, ohne Quatsch! Ihr Vater hatte ihr mal so ein Ding gezeigt von irgendeinem Uropa oder so. Den konnte man ganz plattfalten und mit einem Schlag auf den Unterarm ploppte er wieder auf. Ends lustig. Aber mal ehrlich, wo gab es denn solche Männer? Sie hatte jedenfalls noch keine gesehen, weder mit gestreiften Hosen noch mit schwarzen Spazierstöcken, weder in der Landeshauptstadt noch hier. Der hier hatte allerdings voll die geilen Augen, die leuchteten so krass blau, dass sie auf farbige Linsen tippte.

Elle war derart vertieft, dass sie weder das Aufwallen des Wassers noch das Klacken des Kochers hörte. Erst als Betse mit einem kleinen Tablett angewackelt kam, auf dem sich die dampfende Kanne, eine Dose mit Kandiszucker und etwas klapperndes Geschirr befanden, kehrte sie aus der lustigen Hochzeitswelt zurück ins richtige Leben. Sie hatte sich gar nicht die Bräute angeschaut! Mann, aber das konnte sie immer noch tun. Die waren bestimmt mindestens genauso lustig.

Es duftete leicht nach Orange. Die Kombi aus aromatisiertem Schwarztee und Kandiszucker erinnerte sie an Erzählungen von Müttern ihrer Klassenkameraden, Frauen, die ihre Jugend in den Achtzigerjahren verbracht hatten und mit seligem Blick von Teestuben und Friedensmärschen erzählten. Voll komisch! Zucker war eigentlich ein No-Go, nur im Tee mochte Elle ihn.

„Nimm doch den Becher“, sagte Betse. Da musst du nicht durch den Henkel greifen.“

Sie nahm den Becher. Sie spürte die Wärme durch den Verband strömen. Sofort begann es in ihrem Finger leise zu pukern – ein fantastischer Schmerz, so leicht, dass er nicht wirklich wehtat, gleichzeitig groß genug, um ihn ernst zu nehmen. Auch das Nähen war seltsam gewesen. Aufgrund der Betäubung hatte es gar nicht geschmerzt. Trotzdem war es unangenehm, ein Restempfinden von Druck im Gewebe, von Gewalt, das Geräusch einer Nadel, das gar nicht zu hören, aber unabweisbar da war. Irgendwie sowas. Sie hatte darüber nachgedacht, als sie sich anschließend die volle Stunde im Wartezimmer langweilen durfte.

„Merkst du eigentlich schon was?“, fragte Elle und zeigte mit dem dicken Finger auf Betses Bauch.

„Quark, viel zu früh. Wenn es strampelt, lass ich dich mal fühlen, ok?“ Betse ließ die Hand auf dem Bauch liegen. Sie pustete in den Tee und rührte anschließend noch mit dem Löffel darin. „Jedenfalls darfst du dich nicht entmutigen lassen. Wann ist deine Fahrstunde?“

Elle hatte sie abgesagt. Nach dem Sturz mit dem Roller war ihr die Lust vergangen.

„Weiß nicht. Nächste Woche, glaub ich.“

„Gut. Du musst jetzt dranbleiben. Sonst kriegst du noch Angst vor dem Fahren. Du weißt, wie wichtig der Führerschein in unserer Gegend ist.“

Kleiner Clip in Elles Kopf (das blieb für ewig abgespeichert): Eine leere Straße in einem Industriegebiet. Elle steht an der Rinnsteinkante, den Scooter an ihr zitterndes Bein gelehnt. „Das war’s dann wohl für heute“, sagt die Fahrlehrerin beim Einsammeln der größten Splitter aus der in Trümmer gegangenen Verkleidung. Ends peinlich; dabei ist das Fahren angeblich so leicht – wie Fahrrad, hat Junis behauptet. Dein Oberkörper muss mitgehen, wenn du dich in die Kurve legst“, sagt die Fahrlehrerin und schaut streng, „nicht dagegen“. – Wie Fahrrad, ich weiß, denkt Elle. Doch vor den Augen der Welt soll sie jetzt einen beschädigten Motorroller quer durch Vierweg schieben. Das ist nicht wie Fahrrad. Sie nickt, sie packt den Lenker, ohne groß was zu spüren. Die Fahrlehrerin, die hinten ein bisschen mitschiebt, ruft auf einmal: „Oh, mein Gott, da tropft ja Blut auf den Boden!“ Es kommt aus ihrem Handschuh, Elle merkt es erst in diesem Moment. Ihr wird flau. Die Fahrlehrerin kann den Roller halten. Sie parkt ihn auf dem Gehweg und ruft den Krankenwagen. Man kann schließlich nie wissen. Bis die Sanis da sind, darf Elle nicht aufstehen. Die Fahrlehrerin stabilisiert sie in ihrer halb sitzenden Position. „Pass auf, so versaust du dir die Hose.“

Auf dem Schreibtisch klingelte ein Telefon.

                

Betse hatte noch Festnetz! Sie kramte es unter ein paar kopierten Aufsätzen hervor. Beim Blick aufs Display zogen sich kurz ihre Brauen zusammen, sie ging aber ran. Hallo, ja, nö, jetzt nicht bitte – das war beinah schon alles, was sie hören ließ, abgesehen von einem recht weich gehauchten Ciao am Schluss. Elle konnte sich leicht ausrechnen, wer da angerufen hatte.

„Wird der Alex so eine gestreifte Hose anziehen?“

„Was für eine Hose?“

„Wie in dem Heft da.“

Sie zeigte es Betse.

„Einen Stresemann? Ich find’s ja schick. Aber so einen Anzug ziehst du nur einmal im Leben an. Bei Alex muss man außerdem froh sein, wenn er nicht in Jeans und T-Shirt zur Hochzeit kommt.“

„Ein Brautkleid zieht man doch auch nur einmal an.“

„Ich bin gar nicht sicher, ob ich ein spezielles Hochzeitskleid tragen will. Vielleicht nehme ich lieber etwas Praktisches.“

„Du sollst einen Zylinder aufsetzen. Aber einen echten, so einen schwarzen!“

Betse lachte und versuchte Elle durch die Haare zu wuscheln. Die warf den Kopf zur Seite.

„Habt ihr Streit? Du hast so gekuckt beim Telefonieren.“

Sie machte es nach.

„Ich weiß gar nicht, ob ich dir das erzählen soll“, seufzte Betse. Dann erzählte sie es.

Neuer Clip in Elles Kopf: Vor dem Schlafzimmer umarmt und küsst Alex Betse. Alex hält dabei die Augen auf, sie sind kalt. Sein Blick fällt auf die Uhr an der Wand. Shit, er muss los zu einem Kunden. Betse ist so in die Umarmung versunken, dass sie um ein Haar hinfällt, als er sie loslässt. „Wir sehen uns morgen“, ruft Alex und eilt aus der Wohnung. Betse ist den Tränen nah. Sie stürzt ins Bad und klatscht sich kaltes Wasser ins Gesicht, um nicht zu heulen. Sie findet sich noch anämischer als sonst, die geröteten Lider stechen in all der Blässe total hervor. Sie hasst ihre aufwärts gebogene Nase. So eine Nase hat sonst niemand auf der Welt! Als sie ins Wohnzimmer kommt, sieht sie Alex’ Phone da liegen. Ohne nachzudenken, eilt sie damit zum Fenster. Aber Alex ist schon weg. Wo sein hässlicher silberner Passat Kombi stand, sieht Betse nur einen hellen Fleck auf dem vom Regen dunkelgrauen Kiesplatz. Da macht es miep-miep, eine Nachricht erscheint auf dem Display. Babette schreibt: „Es war super nett mit dir. Du bist ECHT sweeeeet.“ Kussmund, Kussmund, Herzchen, Herzchen, Herzchen. Smiley. Betse ist geschockt. Sie kennt Babettes Insta-Bilder. Das ist so eine schöne blonde, aber trotzdem braungebrannte, voll weibliche Frau, die ihren Body andauernd mit neuen, aufreizenden Fotostrecken feiert. Alex selbst hat ihr die Bilder gezeigt und dabei gesagt: „Krass, wie die drauf ist. So alles von sich zu zeigen.“ Er hat behauptet, er selbst würde sie nicht kennen, sondern nur der Kumpel von einem Kumpel. Zehn Minuten später schließt er die Tür auf, schnappt sich das Phone, das Betse zurück an dieselbe Stelle gelegt hat, und verschwindet, ohne eingehalten zu haben, mit einem Luftküsschen. Betse hat keine Gelegenheit, ihn zur Rede zu stellen. Sie drischt vor Wut ein Sofakissen grün und blau. Wie kann er ihr das antun, so kurz vor der Hochzeit! Am liebsten würde sie ein Messer nehmen und das Kissen mit hundert Stichen grundlegend zerfetzen!

Ok, ein paar Details hatte Elle erfunden, aber im Wesentlichen fußte der Clip auf dem, was die verletzte Betse ihr erzählte.

„So ein Blödian“, sagte Elle, und niemand weiß, woher sie dieses Wort hatte, „du solltest ihn killen.“

Betse ermahnte sie, sie fand es falsch und gefährlich, so etwas auch nur zu denken.

„Er passt sowieso nicht zu dir“, beharrte Elle.

„Er passt zu mir. Und ich liebe ihn. Statt ihn zu beseitigen, werde ich versuchen, das Problem aus dem Weg zu räumen.“

Trotzdem sah sie verletzt aus, fand Elle. Seltsam. Wie konnte man jemand lieben, der so einen Scheiß machte? War das nicht pervers? Sie selbst hatte sich noch nie verliebt, außer vielleicht ein bisschen in Holger, nachdem er Sophie und sie in den Club mitgenommen und ihnen sogar einen Drink spendiert hatte. Nachdem er Elle total gentlemanlike nach dem Club bis zur Haustür kutschiert hatte, behauptete Madlen, er hätte mit ihr geflirtet. Wahrscheinlich war genau das pervers, nicht verknallt zu sein – schließlich hatten die meisten nichts anderes mehr im Kopf. Außer Junis vielleicht, der tickte anders.

„Du hast noch gar nicht von Madlen erzählt. Geht es ihr besser?“, fragte Betse.

„Sie ist gemein zu mir. Kaum dass du weggefahren warst, ging es schon los. Ich hatte nämlich das Fenster vergessen. Das runde oben, weißt du, wo ich so gern sitze. Ich hab es einen klitzekleinen Spalt weit offen stehen lassen. Das hat sie richtig wütend gemacht. Wegen der Heizkosten!“

„Madlen muss das Geld für euch und das Haus ganz allein verdienen.“

„Was soll das schon kosten, wenn so ein Fenster ein paar Tage offensteht? Vielleicht fünf Euro. So viel hat sie allemal.“

„Sicher geht es für deine Mutter nicht um fünf Euro. Sie möchte einfach, dass du achtgibst.“

„Wenn sie essen geht, gibt sie zehnmal mehr aus.“ Elle zog einen Schmollmund. „Sie datet einen Typen. Angeblich hat sie den in der Reha kennen gelernt. Der ist nicht mal so alt wie du. Glaub ich. Der studiert noch oder so.“

„Bist du eifersüchtig?“

„Spinnst du? Auf meine Mutter doch nicht. Neulich hat sie sich fast die gleichen Sachen gekauft, die ich gerne anziehe.“

„Ist es dir peinlich, wenn deine Mutter sich genauso anzieht wie du?“

„Es ist mein Stil! Warum kann sie sich nicht anziehen wie andere Mütter oder wie –“

Elle unterbrach sich.

„Wie ich?“, frage Betse, kein bisschen beleidigt. „Hast du es ihr gesagt?“

„Was gesagt?“

„Dass es dich stört. Dass sie deine Individualität respektieren soll.“

„Nhn.“

„Es ist wichtig, dass du ihr zeigst, wie sie auf dich wirkt. Du solltest dich ruhig mehr trauen.“ Betse bedachte Elle mit einem liebevollen Blick. „Hey, ich mach dir einen Vorschlag: Dienstagabend gehen Alex und ich zum Fünfziger, um das Hochzeitsmenü zu besprechen. Willst du nicht mitkommen – als unsere Speisentesterin?“

„Vielleicht.“

„Und vorher gehen wir zwei Eis essen – falls ich rechtzeitig aus der Gruft rauskomme. Na, wird schon klappen.“

Offiziell wurde die Gruft Seniorenzentrum Vierweg genannt. Es gab einen Spruch: „Seniorenzentrum Vierweg, hier endet auch Ihr Weg.“ Aber den mochte Betse nicht. Sie glaubte an das Jenseits und den ganzen Kram. Das Eis überzeugte Elle. Den ganzen Winter hatte sie noch keins gegessen.

„Dienstag geht. Wann wollen wir uns denn treffen?“

„So gegen fünf. Ich schicke dir eine Nachricht. Hey, ich freu mich, dass du wieder mehr aus deinem Dschungel rauskommst.“

Elle spürte einen heißen Flash. Das Wichtigste hatte sie vergessen: Ihre Mutter wollte, dass sie ihre ganzen Zimmerpflanzen rauswarf. Das Zimmer streichen, mehr Licht und Luft haben. Voll gemein! Aber damit wollte sie Betse nicht auch noch auf die Nerven gehen. Heute jedenfalls nicht. Und schon gar nicht mehr, als sie fragte: „Was wünschst du dir eigentlich zum Geburtstag?“

Sollte sie Betse zu ihrer Party einladen, auf das gesperrte Bahngelände?

IX

Gossip

Wie hatte sie sich nur so erniedrigen können!

Elle wollte am liebsten alle Facebook-Pinnwände mit Hass-Posts über Sophie zupflastern! Bestimmt war sie dort mit all ihren Urgroßeltern befreundet, denn kein lebender Mensch nutzte noch FB. Für nichts auf der Welt.

Elle hatte Sophie ein zweites Mal eingeladen, mit einem ihrer totaaal süß gemalten Zettel. Sophie in einer super nahen Einstellung, wie sie über die Schulter kuckt. Ihr Gesicht ist nicht mal ganz zu sehen. Sie hebt die Brauen und die Nase gleich mit, zieht die Schultern hoch, klappt die gehobenen Hände nach außen wie verkehrte Flügel. Erst nach einer Sekunde schüttelt sie den Kopf. Kein Bedauern, eher: Das hab ich dir doch schon gesagt! Ich komme NICHT! Voll doof, echt.

Jetzt standen sie auf der anderen Seite des Pausenhofes, Sophie mit ihren frisch gefärbten silber Haaren neben Corinna-dem-Klischee mit ihren weißen Haaren und einem Mädchen aus der hundertsten Klasse mit so dark rot schillernden Haaren. Garantiert redeten sie über nichts anderes als irgendwelche Jungs zu klären. Diese Glamour-Ponys sahen exakt gleich aus wie das Spielzeug, das sie mit fünf besessen hatten. Corinna-das-Klischee hatte dieses Jahr angeblich schon zwei Beziehungen hinter sich gebracht. Irgendwie schienen Jungs, jedenfalls solche, die Alexander, Julius oder Maximilian hießen, auf Klischees zu stehen. Genau diese drei in ihren dämlichen Woolrich-Parkas strichen gerade um die Mädels herum. Camouflage-Optik, es war wirklich das Letzte!

Corinna-das-Klischee wandte sich Julius zu. Sie sah ihm in die Augen, ließ den Blick zu seinen Lippen wandern und zurück. Sie legte ihm die Hand auf die Brust, zupfte einen Fussel ab, nein, sie ließ die Finger dort liegen. Er grinste dämlich, aber traute sich nicht mal, sie anzufassen, geschweige denn zu küssen. Sie trat noch etwas näher. Elle sah das alles genau, so weit weg sie auch stand, und was sie nicht sah, das wusste sie. Hinter der Turnhalle gab es Schulklos, die mindestens seit dem Weltkrieg niemand mehr benutzte. Bei einem war die Tür eingetreten – der optimale Ort, um einen Woolrich-Parka-Boy zu klären; heißer Sex lebt vom Kontrast, sagt das Klischee.

Elle kannte Corinna seit der ersten Klasse, als sie noch nicht ihren Spitznamen weg hatte, aber schon genauso blöd drauf gewesen war. Sie hatte immer bloß Pferd spielen wollen, und jedes Mal hatte Elle sich ein Bein brechen müssen – „du weißt, was das bedeutet …“

Dario kam auf sie zu, um ihr ebenfalls abzusagen. Er machte es echt nett, erklärte, dass er an dem Abend ein Fußballspiel hätte und es super schade fände.

Niemand würde am Freitag kommen. Sie wurde sechzehn und kein Arsch wollte mitfeiern. Sie war allen Leuten totaaal egal. Über der inneren Flennerei verpasste sie beinah etwas Wichtiges. Jedenfalls den Anfang hatte sie verpasst. Denn plötzlich stand Junis bei der Haartrachtengruppe und, Elle wollte sich die Augen reiben, verdammt nah am Klischee. Wollte sie mit dem etwa die gleiche Nummer abziehen wie mit Baby-Kampfanzug-Julius? Sie wollte. Sie tat es. Elle ballte die Hände zu Fäusten, jeden Moment würde sie quer über den Schulhof sprinten und dem Klischee den Hals umdrehen. Gleichzeitig wollte sie zum Weiher rennen, einen Sali killen. Nein, lieber nicht, arme Salis, lieber weiter rennen bis ans Ende. Der Satz gefiel ihr. Sie tippte ihn in ihr Phone: „Weiter rennen bis ans Ende, durch Stadt- und Wald- und Lebensbrände.“ Mehr fiel ihr nicht ein. Egal, die App hätte den Text bis morgen sowieso gelöscht.

Im Wesentlichen zuckte Junis nur die Schultern, als Corinna-das-Klischee ihn fragte, ob er am Freitag zu ihrer Party kommen würde. Eine kleine intime Feier in der Laube, nur die besten Leute. (Die Laube war fast schon eine Villa, mindestens aber ein riesiges Gartenhaus, das ihre Eltern mitten auf vier zusammenliegenden Grundstücken in der Schrebergartenanlage gebaut hatten, obwohl es eigentlich verboten war, mehr als ein Grundstück zu pachten, aber sie hatten es hingekriegt.)

Er bemerkte durchaus, dass sie die Jacke aufgemacht hatte und die Brust vorschob, er sah die Aufforderung in ihren Augen und spürte das Locken in ihren Fingern, als ihre Hand seine Brust berührte, zunächst einen Fussel abzuzupfen schien, dann dort liegen blieb, aber es war ihm egal. Junis spürte nichts, weder Anziehung noch Abstoßung. Hätte ein lasch gekickter Hacky Sack seine Brust getroffen, wäre das Gefühl das gleiche gewesen. Wäre sein Blick über den braunen Wasserspiegel des Weihers gewandert, hätte er darin womöglich mehr erblickt als in den grünbraunen Augen des Klischees. Weibliche Brüste waren für ihn so etwas wie Vorratsbehälter für Babykost.

Er sagte Corinna, wie er es fand, dass sie am selben Tag wie Elle ein Fest machen wollte. Er sagte es ganz ruhig, er benutzte keine Kraftausdrücke, er nannte sie nicht „Klischee“.

Kaum war er ein paar Schritte entfernt, warf Corinna ihren Kopf an Sophies Schulter. „Oh, mein Gott, er sieht so gut aus!“, rief sie, „diese Jochbeine, die Kieferknochen!“ Sie wollte Medizin studieren. „Der Adamsapfel! Wenn er schluckt, dreh ich komplett durch! Von den Augen will ich erst gar nicht reden. Oh, mein Gott, oh, mein Gott, oh, mein Gott. Und dieses schwarze Haar. Es duftet, er wäscht sich sogar die Haare! Kann mir eine von euch sagen, wie ich diesen Typen klären kann?“

„Den klärst du niemals, der ist schwul.“

Stabilo hatte offensichtlich im Vorbeigehen ihre Worte aufgeschnappt. Er sah nicht schlecht aus, deutlich bessere Haut als Maximilian. Aber die Stimme, Shit, sie war mal hoch, mal tief, mal rau, mal weich wie eine Kinderstimme. Seine Ohren standen ein bisschen ab.

„Ist eigentlich alles an dir so groß wie deine Ohren?“, frage Corinna, ehrlich interessiert. Da wurden die Stabilo-Ohren rot, und er zog ab.

Ihre Freundinnen grinsten, auch Sophie.

Stabilos Ausspruch, machte die Runde, mit etwa tausend Kilometern in der Stunde. Jo, Digga. Alle hatten Spaß, ein Lachen wanderte über den Schulhof wie ein aus dunklen Wolken brechender Sonnenstrahl. Elle hörte es, Hell hörte es, manche hängten noch einen extra Witz dran wie „Corinna fickt dich trotzdem“ oder sie sangen Ride my Pony. Einer aus den unteren Klassen, der ziemlich gut rennen konnte, traute sich, Junis selbst zuzurufen: „Bist du schwul oder bist du cool?“

Junis blieb cool.

Nach der Pause hatte die 9c Mathe bei Lehrer Denner. Eine Hälfte der Schüler hing im Halbschlaf auf den Stühlen, Dennis’ Kopf war gar auf die Tischplatte gesunken. Die Streber meldeten sich wie verrückt, sie überboten sich mit dem Zerlegen und Berechnen von Potenzen, solchen mit positiver und solchen mit negativer Basis. Marc Anton, der absolute Beste der Klasse, fing von sich aus an, etwas von Rechnungen mit negativem Exponenten zu faseln, während Elle nicht mal sicher wusste, ob die kleine Zahl oben nun Exponent oder Basis genannt wurde. Vielleicht hätte sie die letzten beiden Mathestunden doch nicht sausen lassen sollen. Nur war die Orga für so ein Fest komplizierter, als sie gedacht hatte. Und jetzt sah es fast so aus, als würde der Aufwand sich gar nicht lohnen.

Noch etwas anderes fiel ihr auf: Die Klasse wirkte insgesamt aufgekratzt. Die Mädchen um Corinna tippten fleißig auf ihren Phones. Das war natürlich verboten, aber Denner war entweder kurzzeitig erblindet und, gab es das Wort, ertaubet, oder er hatte sein pädagogisches Konzept geändert. Jedenfalls sagte er nichts. Mikel war schon ein paar Mal aufgestanden, um mit Stabilo zu tuscheln. Auch das scherte Denner nicht. Elle wusste längst den Grund. Sie hatte noch in der Pause erfahren, was gerade wieder die Runde machte. Es war ja praktisch jede Woche jemand dran. Und es bedeutete eigentlich nichts. Trotzdem hatte sie Junis angeboten, Arm in Arm mit ihm in die Klasse zu gehen. Aber das war nicht nötig. Junis hatte geheimnisvoll gelächelt und war vom Schulhof verschwunden.

„Okay“, sagte Denner mit leicht genervtem Schwung, „noch mal für alle: Welches Rechengesetz gilt für das Multiplizieren von Potenzen mit gleicher Basis? – Elle!“

Sie schreckte hoch. Hatte sie etwa im Halbschlaf den Arm gehoben? Nein, beide Hände befanden sich unter der Tischplatte. Sie beobachtete, wie Hell mühsam den Kopf hob und sagte:

„Die ist nicht da.“

„Oh“, sagte Denner, „dann eben … aber da bist du doch, Elle! Also?“

Inzwischen hatte ihr jemand die Seitenzahl zugeflüstert.

„Potenzen mit gleicher Basis werden multipliziert, indem man die Exponenten addiert und die Basis beibehält.“

„Richtig. Gibt jemand ein Beispiel?“

Die Streber meldeten sich wieder, aber Denner ignorierte sie. Der Lärm schwoll erneut an, irgendwie hatten alle das Gefühl, für diesen Tag genug geleistet zu haben. Denner fragte Stabilo nach einem weiteren seiner tollen Gesetze. Als dieser im Mathebuch blätterte, platzte Denner der nicht vorhandene Kragen, und er verbot barsch, die Antwort abzulesen. Stabilo zog es vor zu schweigen. Die Streber hofften offenbar, dass Denner ihm eins überbriet, und ließen die Hände unten. Es gab Gekicher. Jemand rief „a plus b gleich c“ in den Raum.

„Okay“, sagte Denner mit stärker genervtem Schwung, „wie viel ist eins plus eins?“

Nun wurde aus dem Gekicher Gelächter. Elle fand es albern, sie sehnte sich nur noch weg aus dieser scheiß Mathestunde. Bis Freitag gab es noch so viel zu tun!

Falsche Zahlen wurden gerufen, bis hoch zu sieben, und ein besonders witziger Junge rief „elf“. Dass Denner sich mit einem sportlichen Sprung vom Pult zur Tafel bewegte und der Klasse den Rücken zukehrte, enthemmte die Schüler vollends. Sogar Sophie stand auf, um Anna einen Zettel zu geben. Mikel riss an Dennis’ Tisch und versuchte ihn umzuwerfen, worauf Dennis ihm ohne Umschweife gegen das Schienbein trat und ihm mit der Faust drohte. Stabilo hielt sich die Hand vor den Mund und rief mit verstellter Stimme halblaut: „Junis geht mit Denner.“

Von einem Moment auf den anderen wurde es still in der Klasse. Denner drehte sich langsam um, er warf die Kreide in einem eleganten Bogen durch die Luft, fing sie mit der Linken für den Bruchteil einer Sekunde auf und leitete sie aufs Pult weiter. Sie landete ohne zu zerbrechen auf dem aufgeschlagenen Mathebuch.

„Seite vierundachtzig folgende findet ihr die Rechenregeln für das Potenzieren. Arbeitet sie selbstständig noch mal durch. Fünfundachtzig unten die Aufgabe zwei und von der drei die Buchstaben a, b und c … und d macht ihr bitte als Hausaufgabe. Wem das jetzt zu schnell war, der kann es von der Tafel abschreiben. O–kay“, er hüpfte aufs Pult und blieb dort breitbeinig sitzen, „mal sehen. Wer von euch denkt, dass ich schwul bin?“

Keiner meldete sich. Es kicherte auch niemand. Schlappschwänze. Elle nahm die Befriedigung in seinem Gesicht wahr, eins zu null, o–kay. Denner versuchte nun, eine Diskussion in Gang zu bringen, aber irgendwie, das war doch klar, sagte niemand, was er ehrlich dachte. Es gab die üblichen Sprüche vom Mainstream, dass niemand aufgrund seiner sexuellen Orientierung benachteiligt werden dürfe, und die es sagten waren dieselben, die auf dem Schulhof alle möglichen Sachen nicht doof oder scheiße, sondern schwul fanden und andere gern mal mit „Homo“ oder „Schwuli“ frotzelten. Lediglich ein paar Mitschüler mit eher östlichem Migrationshintergrund sprachen sich eindeutig gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften aus. Sie ernteten dafür viel Kritik. Hell wäre vielleicht imstande gewesen, zu sagen, dass er einem Schwulen in die Fresse hauen würde (ohne einen Grund dafür angeben zu können, doch den brauchte einer wie Hell nicht). Aber vielleicht waren Schwule ihm einfach egal. An wen er auch immer denken mochte, er hatte sich entschieden, nur mit dem Stuhl zu wippen und sein Becken in durchaus obszöner Weise gegen den Tisch schlagen zu lassen.

Denner sprach über die Häufigkeit von Homosexualität in verschiedenen Gesellschaften und auf die Frage ihrer Erblichkeit. Statistisch gesehen sei auch in dieser Klasse mindestens ein Junge schwul. Er sprach nur von den Jungs und ließ dabei seinen Blick von Tisch zu Tisch hüpfen. Zog einer den Kopf ein? Junis hatten alle längst vergessen, das war der gute Effekt bei der Sache.

Als Denner etwas über Homosexualität im Tierreich erzählte, kam Stimmung auf. Die meisten fanden es lustig, sie kannten Beispiele aus dem Zoo oder von den Viehweiden der Umgebung. Das Klischee behauptete, eine Safari zu wilden Bonobos im Kongo gemacht zu haben, die es wahllos und die ganze Zeit über miteinander getrieben hätten. Denner kannte ein Beispiel von schwulen Pinguinen.

Elle driftete ab. Sie dachte noch an Junis. Ehrlich gesagt war sie selbst nicht ganz sicher, was mit ihm los war. Er schien sich tatsächlich nicht für Mädchen zu interessieren, jedenfalls nicht so. Das Komische war jedoch, dass Elle sich auch nicht so für ihn interessierte. Er war ihr bester Freund, sie verbrachten viel Zeit zusammen und vertrauten einander. Er sah gut aus, er war ihr Typ. Aber er machte sie nicht an. War das der Beweis, dass er anders tickte? Vielleicht würde sie ihn am Freitag küssen, nur probehalber. Es war ihr Geburtstag, konnte er da sauer werden?

„Zwei der männlichen Pinguine haben sogar ein Ei zusammen ausgebrütet“, sagte Denner gerade.

Das holte Elle zurück in die Klasse. Ihr war leicht übel. Sie wollte sich schon melden, um aufs Klo zu gehen, da kam der Pausengong. Sie sah, dass Denner sein Becken auf dem Lehrerpult weit nach vorn geschoben hatte. Es sah ein bisschen aus wie vorhin bei Hell. Alle sprangen auf.

„Jedenfalls“, rief Denner mit lauter Stimme in die Klasse, „muss ich euch enttäuschen, Jungs. Ich bin nicht schwul. Nicht mal ein bisschen.“

Warum schaute er die Mädchen an, als er das sagte?

X

Der Fund

Auf das gesperrte Bahngelände zu kommen war nicht schwer. An der Straße befand sich ein Tor mit einem festen Metallrahmen, höchstens eins siebzig hoch. Wer nicht gesehen werden wollte, konnte statt darüber zu klettern einfach ein Stück weit an dem alten, von verwitterten Betonpfählen gestützten Maschendraht entlanglaufen. Zwischen Fichten und Gestrüpp gab es mehrere Lücken, durch die sich kriechen oder klettern ließ. Auf der anderen Seite des Geländes, wo ein totes Gleis vor einem halb verfaulten Prellbock endete, stand ein weiteres Tor so weit offen, dass Elle sich mit etwas Luftanhalten einfach durchquetschen konnte.

Diesen Weg hatte sie am Nachmittag genommen, um zwei Einkaufstüten mit Knabberzeug, Cola und anderen langweiligen Sachen zum Lagerschuppen zu bringen. Wie sie es da mit ihren Freunden eine ganze Nacht lang aushalten sollte, war ihr selbst noch nicht klar. Auch wenn es niemand interessierte, was hier los war, wollte sie lieber kein Lagerfeuer machen. Hell hatte etwas von einem Feldofen gefaselt, den sein Vater noch von der Bundeswehr besaß. Aber sie glaubte nicht, dass es stimmte. Ein Feld zu heizen war schließlich vollkommen sinnlos. Außerdem würde Hell sich niemals die Mühe machen und zu Fuß einen Ofen hierher schleppen!

In dem Krieg, der im vergangenen Jahrhundert ihren Opa und die meisten anderen Bewohner nach Vierweg gebracht hatte, musste auf dem Bahngelände einiges los gewesen sein. Die Stadt gab es damals noch gar nicht, vielmehr stand da eine Munitionsfabrik, schön ab vom Schuss und im Wald versteckt. Die Leute, die hier arbeiteten, waren nicht freiwillig gekommen, es waren meistens Gefangene aus anderen Ländern, hatte man Elle erklärt. Mit der Eisenbahn wurde das Zeug an alle möglichen Fronten gebracht und dort von der Bundeswehr oder wie das hieß verschossen. Die Zwangsarbeiter überlebten nicht lange, weil die Munition giftig war und sie nur wenig zu essen bekamen. Wenn sie zu langsam arbeiteten, wurden sie erschossen. Die Nazis, die an all dem schuld waren, schienen eher ungechillt gewesen zu sein. „Diese Stadt ist auf Knochen errichtet“, hatte ihr Opa immer gesagt. Leider lebte er inzwischen in der Gruft, dem Seniorenzentrum, und litt an etwas, das nicht Alzheimer hieß, aber genauso scheiße war.

Die Knochen waren inzwischen sicher selbst verfault und seit fünfzig Jahren oder so fuhr hier auch kein Zug mehr. Höchstens einen Kilometer weiter rauschte der ICE vorbei, nur halten würde er hier in hundert Jahren noch nicht. Dementsprechend waren die Gebäude und das ganze Gelände ziemlich vermodert. Auf dem Dach wuchs Gras und auf der einen Seite sogar eine kleine Birke. Sie hatte schon Blätter. Überall sprossen Knospen, das Gras war grün und schon so hoch, dass man beim Laufen nasse Knöchel bekam. Offenbar war das nicht normal, denn von den Temperaturen her herrschte immer noch Winter. Die Geo-Lehrerin hatte behauptet, es würde am ersten Mai schneien.

Elle wurde am ersten Mai sechzehn. Das war kein schlechter Tag. Immer hatten alle frei und selten fuhren alle weg, außer er fiel auf einen Montag oder, wie in diesem Jahr, auf einen Freitag. Aber diesmal feierte sie rein, es war Donnerstag und die Leute waren daheim, und es gab keine Schule am nächsten Morgen!

Vorteil Nummer zwei: Ihre Mutter war verreist. Sie hatte diesen neuen Lover oder wollte ihn haben. „Es ist mir totaal peinlich, deinen wichtigen sechzehnten Geburtstag zu verpassen, aber es gab da diesen super günstigen Flug nach Malle, und Chris hat ihn schon gebucht, er wusste ja von nichts. Hey, aber ich ruf dich an, sobald wir im Hotel sind! Achja, und ich habe mit deinem Vater geredet. Er lässt was springen und, also, du bekommst eine Vespa! Übrigens besucht uns Alice in den Pfingstferien. Und das Helix-Piercing geht auch in Ordnung, kannst du das jetzt selbst erledigen oder muss ich mitgehen? Weißt du, ob wir noch Sonnenmilch haben, die in der Sprühflasche? Könntest du welche besorgen?“

Elle hatte ihr noch nicht gesagt, dass sie sich im Fahrunterricht gelegt hatte und erst mal nicht mehr hinging.

Jetzt war es sieben, noch voll hell. Elle saß auf einer Pappe, die sie extra mitgebracht hatte, ließ die Beine von der Laderampe baumeln und wartete weiter auf die ersten Gäste. Sie hatte nur eine Flasche Wodka mitgebracht, in dieser Angelegenheit verließ sie sich auf Dennis, den sie nicht soo gern eingeladen hatte. Aber er gehörte jetzt dazu, sogar Vale durfte kommen! Junis würde Dope organisieren.

Sie war dabei, eine Legende zu schaffen. Elles Sechzehnter – von diesem Abend würde man noch reden, wenn sich schon lange niemand mehr an die Muna und den Krieg erinnerte! Sie träumte davon, dass die Leute nur so aufs Gelände strömten, diverse Spots bildeten, an denen unterschiedliche Musik lief – die einen tanzten, die anderen chillten, alle soffen und rauchten und fanden es mega geil. Ein bisschen spekulierte sie auch über die Geschenke, die sie bekommen würde. Allerdings bekam sie bald einen kalten Arsch und sprang wieder auf, um sich mit ein paar Übungen aufzuwärmen. Es sah ja keiner zu.

Doch kaum hatte sie mit dem Stretching begonnen, erhielt sie einen Stoß gegen die Schulter. Elle erschrak.

Klar, es war Hell.

Er nuschelte etwas wie einen Glückwunsch, dass sie noch keinen Geburtstag hatte, war ihm egal. Hell hielt eine Plastiktüte hoch und schüttelte sie. Im Innern klackten Flaschen aneinander.

„Vale, der Versager, hat sich erwischen lassen. Deshalb bring ich nur drei Flaschen. Exklusiv geklaut bei Uwe’s.“ So hieß der kleine, unabhängige Supermarkt, der sich gegen alle Wahrscheinlichkeit in Vierweg hielt. Uwe hatte keine Sicherungskappen auf den teuren Flaschen, er schloss sie auch nicht weg. Selbst schuld, dachte Elle. Doch im Grunde war ihr nicht wohl. Warum jemand schaden, der vielleicht gar nicht so ein Kapitalistenarsch war und dessen Sohn womöglich heute Abend bei ihrer Party auftauchte? Sie bedankte sich trotzdem.

„Ich hab auch den Ofen“, sagte Hell und grinste noch breiter als breit. „Also ’n Zeltofen. Von meim Bruder. Dafür könn’st du mir minnestens die Eier kraulen.“

Es war ein Fehler, sich bei ihm zu bedanken.

„Du nervst“, sagte Elle.

„Feiers’ du in dem Schuppen da?“ Er deutete mit dem Kopf in die Richtung. „Ich bau ihn so auf, dass es drinn’ nich raucht. Du solltest Holz sammeln gehen.“

Das tat Elle. Es kam sowieso noch keiner. Zwischen all dem knospenden Grün lagerte doch viel altes Laub, das ganz schön glitschig war. An den Ästen, die sie aufhob, klebten braune Blätter und feuchter schwarzer Mutterboden. In einer Mulde unterm Fichtendickicht lag sogar noch etwas Schnee. Ein Stückchen weiter sah sie zwei Wodkaflaschen am Boden, dieselbe Marke hatte Hell mitgebracht. Sie war also nicht die Erste, die auf die Idee gekommen war, hier eine Party zu machen.

Im Dickicht war es ihr etwas zu dunkel. Sie machte kehrt, sie hatte schon einige Äste zusammengerafft, und beim Rest würde ihr bestimmt jemand helfen. Als sie zurückkam, war endlich Junis da. Was der ihr wohl schenken würde? Vielleicht eine Rube-Goldberg-Installation, wenn er sie endlich fertiggebracht hatte? Sie liebte diese sinnlos verketteten Mechanismen.

Junis erfasste mit einem Blick, dass Elles letzte, panische Whatsapp an ihre B-day-Gruppe berechtigt gewesen war. Wenn bis jetzt außer Hell wirklich niemand erschienen war, würde auch später kaum jemand kommen. Das tat ihm leid und er nahm sich vor, sie ein bisschen aufzuheitern. So begrüßte er sie mit einer leichten Umarmung, das taten sie sonst nur, wenn andere zusahen (Hell zählte in diesem Fall nicht zu den anderen). Sie schmiegte sich voll an ihn. Er zog ein in Alu eingewickeltes Piece aus der Jackentasche und zeigte es ihr kurz. Elle hielt den Daumen hoch. Sie wirkte gar nicht nervös, eher so busy.

„Hast du die Boom mitgebracht?“

„Was denkst du denn!“ Er zog sie aus dem Rucksack. „Außerdem habe ich noch ein paar Power Bars, damit uns nicht die Energie ausgeht.“

Hell hatte es natürlich mitgekriegt, er sprang neben Junis und wollte die Bluetooth-Box gleich anfassen. Aber Junis passte auf, er zog das Teil weg. Hell fummelte sein Phone aus der Hosentasche.

„Komm, schalt sie ma’ an, dann kann i’ mich verbinden. Wir stellen sie auf die Rampe. Da könn’ wir das ganze Gelände beschallen.“

„Erstens“, erwiderte Junis, „kommt die Box rein. Ich will nicht, dass sie versaut wird. Zweitens bestimmt Elle die Musik heute. Wenn sie das nicht will, habe ich ein Set für sie vorbereitet.“

„Die hört bestimmt nur Scheißmusik“, murrte Hell, „Shawn Mendes oder sowas.“

Ohne darauf einzugehen, wandte Junis sich dem Lagerschuppen zu. Dieses aus roten Ziegeln errichtete Gebäude wirkte auf ihn irgendwie verrottet und stabil zugleich. Das Schiebetor aus teergetränktem Holz war an den Ecken stark angenagt, die Beschläge rosteten, an einer Stelle klaffte ein ellenlanger Spalt. Vom Dach hing in Fetzen Teerpappe, die Pfette oder wie der Balken da oben hieß, der die Sparren trug, war an zwei oder drei Stellen gebrochen. Der Raum selbst war kahl, am Boden lagen Müll und lose Steine, von den Wänden schuppte ein uralter Kalkanstrich. Nach hinten raus hatte es früher ein Fenster gegeben, so hoch, dass man nicht rauskucken konnte. Davon war nur das Gerippe aus Eisenstegen übrig. Ein bisschen sah es aus wie im Knast. Durch eines der Löcher stak ein Ofenrohr, unten hing es in der Luft, ein sinnraubender Anblick. Aber Junis wusste Bescheid, er hatte den alten Ofen auf der Rampe gesehen und nahm sich nun noch einmal vor, Hell für die Schlepperei zu danken. Ohne Ofen würden sie es keine drei Stunden hier aushalten.

So lange Junis den Ort kannte, stand dort ein abgerocktes Sofa. Früher hatten sie sich bedenkenlos darauf gefläzt. Heute dachte er, dass es vielleicht gesünder wäre zu stehen oder auf einer Pappe zu hocken. Zum überwiegenden Teil war das Dach ja noch dicht und der Boden trocken. Junis’ Blick fiel auf das Rohr für die elektrische Leitung, das am unteren Ende von der Wand abgerissen war und in den Raum ragte. Er nahm an, dass es aus Blei wäre. Weit oben hing sogar noch eine Porzellanfassung für eine Glühbirne, aber Strom gab es auf dem Gelände nicht mehr. Hatte eigentlich jemand an das Licht gedacht? Er glaubte nicht. Wie uncool! Hier zu sitzen, wenn es draußen richtig dunkel war, konnte keinen Spaß machen. Arme Elle. Der Sechzehnte war doch ein richtig wichtiger Geburtstag, fast schon wie achtzehn.

In einer Ecke lag immer noch ein gutes Dutzend Ziegelsteine. Junis schichtete sie sorgfältig zu einem Turm auf. Die obere Lage wischte er mit einem Papiertaschentuch ab, ein weiteres breitete er anschließend als Deckchen darauf aus. Nun erst platzierte er dort seine Box. Er wollte sie schon einschalten, als er draußen Stimmen hörte.

Elle blieb kurz der Mund offen stehen, als sie sah, wer sich dem Schuppen näherte. Ausgerechnet das Klischee! Die macht doch ihre eigene Party! In ihrem Gefolge gingen Leon und zwei weitere Jungs. War einer von denen Holger? Elle hätte ihre linke Hand gegeben, um ihn bei ihrer Party zu haben, aber nicht unter dieser Voraussetzung! Zum Glück war es jemand anderes, der Holgers Style nur nachahmte.

Die Frage blieb, warum das Klischee hier aufkreuzte. Vielleicht waren ja zu ihrer Party keine Leute erschienen und sie hatte sich entschlossen, lieber hier mitzufeiern. Oder sie kam, um Leute von hier zu sich abzuziehen. Oder, das würde am besten zu ihr passen, sie fand den Ort so unschlagbar cool, dass sie ihre eigene Feier hierher verlegt hatte. Es gab schließlich einen weiteren Schuppen auf dem Gelände.

„Jetzt fehlt nur noch eine Matratze“, murmelte Junis neben Elle und verdrehte die Augen.

„E-e-e-lle!“, rief das Klischee, „hast du nun heute Geburtstag oder morgen? Ich möchte dir gratulieren, aber vorher bringt Unglück. Ich habe übrigens heute, Schwester.“

„Morgen“, sagte Elle.

„Nein, heute. Hä?“

„Ich habe morgen.“

„Achso, ja, dann hab ich also vor dir Geburtstag. Ist das lässig?“ Sie hakte sich bei Leon unter. Es sah aus, als wollte sie mit in seine Haut schlüpfen.

„Wir sind schnell mit dem Auto rübergekommen, weißt du, um mal bei deiner Party vorbeizuschauen, bevor bei uns richtig die Post abgeht. Ich starte erst um neun. Feierst du da drin?“

Sie zeigte auf das Schiebetor. „Ab-ge-fahren!“

Schon schlüpfte sie durch den Spalt nach drinnen, Elle und Junis hinterher. Wo war eigentlich Dennis hin?

Junis stellte sich in die Nähe seiner Box. Es lief noch keine Musik. Es gab nur wenig Licht.

„Cool“, sagte das Klischee, „ich nehme an, das ist pur. Richtig? So art-brut-mäßig. Oder? Habt ihr gar keine Matratze? Auf dem Sofa kann man ja nicht sitzen oder so. Das ist verschmutzt, würde ich sagen.“

Immer noch hing sie an ihrem Typen, als könnte sie allein nicht gehen. Trotz der Dämmerung im Schuppen sah Elle jede Einzelheit von Corinnas Make-up. Leon presste seine Hand auf ihre Taille, das brachte die Oberweite noch besser zur Geltung.

„Oh, die UE Boom 2! Nicht schlecht, wenn man keine richtige Anlage hat.“

Junis trat einen Schritt vor. Sie hätte ihn beiseiteschieben müssen, um an die Box zu kommen.

„Lässig, lässiger Ort, lässige Idee. Vielleicht feiere ich nächstes Mal auch hier. Aber lasst euch nicht erwischen. Und wenn doch: Ihr wisst ja, wo ihr mich findet. Und meine Party geht mindestens bis morgen früh. Vielleicht das ganze Wochenende lang. Ciao, Junis.“

Er hatte daran gedacht, die Boom zu schützen, sich dabei aber selbst vergessen. Corinna schenkte ihm einen ihrer Augenaufschläge und wiederholte die Nummer mit der Hand, die sie auf seiner Brust ruhen ließ.

„Wir feiern kurz und hart“, sagte Junis.

Die Augen des Klischees leuchteten auf.

„Kurz und hart, das klingt … uuhm. Wir werden auch kurz und hart feiern, Jungs! Kürzer und härter, dafür vielleicht öfter.“

„Oh, fast vergessen“, sagte sie zu Elle schon im Umdrehen, „ich habe ein Geschenk für dich. – Leon!“

Leon setzte den Rucksack ab und holte ein Päckchen heraus. Lila-grünes Geschenkpapier. Ein goldenes Band verzierte das Geschenk, es waren sogar so Ringel an den Enden.

„Du darfst es nicht aufmachen. Erst wenn du Geburtstag hast. Sonst bringt es Unglück. Aber ich kann dir schon mal sagen, was drin ist: eine Bree Faro 1! Das ist die beste, schönste, praktischste Handtasche, die es gibt. Kein Fake. Ich hab sie doppelt, weißt du? Ciao, Elle!“

Junis fühlte sich erleichtert, als das Klischee mit seinem Gefolge wieder verschwand. Anders als letztens in der Schule war ihm ihre Hand auf seinem Körper nicht egal gewesen, sondern unangenehm. Wenn es ihm nicht zu anstrengend vorgekommen wäre, hätte er glatt einen Corinna Hate Club gegründet. Hell wäre bestimmt dabei gewesen. Er hatte sich einfach in die Büsche gedrückt, als die vier aufgetaucht waren.

Nun kam er, einen abgestorbenen Baumstamm an einem Stück Elektrokabel hinter sich her schleifend, zurück zum Schuppen. Die Hose mit Camouflage-Muster wirkte etwas zu groß um seine Beine, von den aufgeplatzten Sneakers ganz zu schweigen. Auch der brombeerfarbene Hoodie sah aus wie ein leerer Sack. Junis wusste, dass Hell darunter immer ein hautenges Doppelripp-Unterhemd trug, unter dem sich wiederum der schmale Brustkorb abzeichnete. Hells Arme waren sehnig, die Muskeln nur schwach ausgeprägt. Der ganze Körper hatte diese feste Textur, die sich ziemlich schön anfassen musste. Junis konnte sich schwer vorstellen, dass der Junge einfach jemand umnietete, wie er es angeblich an seiner alten Schule getan hatte. Andererseits wusste Junis, dass die Schlägertypen selten besonders große oder muskulöse Kerle waren. Auch sein kantiges Gesicht gebot Vorsicht. Die Züge waren beinah schon männlich, der Adamsapfel stand vor und es zeigten sich Spuren von Bart. Die Haare waren bis rauf zur Schädelplatte kurz rasiert, oben blieben sie minimal länger. Wie Hell es schaffte, ohne Jacke nicht zu frieren, war Junis ein Rätsel.

„Eee-lle, ku’ ma! Ku’ ma!“

Junis staunte, als Hell plötzlich eine Drohne in Händen hielt. Mit ihrer gelb-schwarzen Lackierung sah sie wie eine Biene aus. Junis zählte vier Rotoren, an jeder Ecke einen.

„Schenk ich dir. Hab ich im Wald gefun’n. ’S sin’ nur ein paar Kabel ab, das löt ich dir noch.“

„Was ist mit der Fernbedienung? Hast du die etwa auch – gefun’n?“

Junis war hinzugetreten und musterte das Flugobjekt. Er hoffte, eine eingebaute Kamera zu finden.

„Die krieg’s du in je’m Elektronikmarkt. Besorg ich noch.“

„Danke, Dennis“, sagte Elle brav.

„Is mir ’n Vergnügn“, erwiderte er artig. Aber gleich fing er wieder zu zappeln an. „Stell dir vor, du darfs ’ne Predator fliegen. Ich mein, du sitzt irgendwo auf so ’ner Militärbasis rum und spiels’ mit ei’m Joystick. Das is vielleich’n bisschen langweilch. Du stehs’ mit dem Gerät stunnenlang über ei’m Wald, wie hier und kuckst und kuckst mit dein’ Kameras. ’S bewegt sich nix und niemand. Du fliegs’n bisschen hin un’ her. Auf eima’ wackeln die Büsche, und da komm’ die Taliban ausm Wald gesprung’, du visierst den Kaftan von so ei’m an und Zack! Rakete drauf. Auf die Schädel von denen.“

„Stell dir vor, deine Drohne steht über Vierweg.“

Das konnte Dennis nicht. Er dachte, auf der Schule wären Dachziegel und keine Kieselsteine, und er wusste nicht, ob man mit der Drohnenkamera die Grabsteine sehen oder sogar lesen konnte, die sein Vater dort aufstellte. Ebenso wenig war er imstande, sich die Lage des kleinen Gewerbegebiets vorzustellen, in dem seine Familie Haus und Werkstatt hatte. Junis nutzte das aus.

„–  und dann“, sagte er zu Dennis, „feuerst du deine Hellfire, genau in dem Moment, in dem du Denner am Giebelfenster siehst …“

Paouh, tschüss“, erwiderte Dennis grinsend, „a-to-mi-siert, der Sack.“

„Nicht mal die De-’N-A bleibt übrig“, setzte Junis noch eins drauf, aber Dennis kapierte den Witz nicht. Er ließ sich sogar einen Fluss unterjubeln, der sich angeblich durch Vierweg schlängelte. Er wollte ihm mit der Drohne zum Meer folgen und überhaupt per Kamera die Welt bereisen und dabei das Böse besiegen. Wahrscheinlich war er noch nie in seinem Leben aus der Region weggekommen. Er war noch nie geflogen, er hatte womöglich noch nicht mal auf einem Hochsitz gesessen.

                

Elle und Junis starteten die Party zu zweit. Hell machte sich an dem Baumstämmchen zu schaffen, das er auf die alte Laderampe gezogen hatte und nun mit seinem Multitool kleinsägen wollte. Er merkte schnell, dass er da eine echte Aufgabe hatte. Die Äste, die Elle zusammengelesen hatte, würden niemals brennen, dieses dickere Holz dagegen musste seiner Meinung nach im Innern trocken genug sein. Er traute sich durchaus zu, die Stücke, die er von dem Stämmchen absägen wollte, mit dem Multitool zu spalten.

Da hörte er einen Zweig knacken. Vale kam über das Abstellgleis. Er schleppte eine schwere Tasche und trug mit der Linken außerdem noch einen olivgrünen Zehn-Liter-Kanister. Brachte der kleine Sack etwa Benzin? Das wäre genial!

„Ey, Kälbchen! Schlepps’ du ein Kanister Wodka an?“

„Ich hab noch zwei Flaschen o’ganisiert, Hell. In dem Kanister is Diesel. Mein Alter hat ein’ gansn Tank voll für sein Trecker.“

„Manchma has’ du ein Lickblick. Lichblick, wollt ich sa’n.“

„Wo sin’n die annern?“

„Elle un’ Junis im Schuppn, kanns’ du radn, was die machn.“

Hell grinste und schob den Zeigefinger durch ein Loch, das er mit Daumen und Finger der anderen Hand formte.

„Un’ die annern?“

„’s komm keine annern. Glaub nich dran.“

„Ich hab auch Lampn dabei, bisschen Licht kannich scha’n, he? Auf Dauer kanns’ du die nich mit Diesel brenn’ las’n, aber heutnach’ geht schon. N’ Haufn Grillanzünner hab’ch auch.“

„Bisd’n geniales Kälbchen, Mann.“

Vales Augen leuchteten auf. Wäre er ein Hund gewesen, hätte er Hell die Hand geleckt. Er hievte seine Sachen auf die Rampe, stützte sich rauf. Hell zog das Schiebetor weit auf. Er formte mit den Händen einen Trichter.

„Polizei, Polizei! Die Party ist vorbei!“

Elle und Junis zuckten nicht mal.

Von da ab wurde das Fest richtig gut. Es kamen tatsächlich erst mal keine Leute mehr, aber das war den Vieren egal. Sie tranken Wodka-Bull, zogen einen durch und hörten voll laut Musik. Vale brachte mithilfe von Diesel und Grillanzündern den Ofen in Gang. Er kam auf die Idee, dem zweiten Schuppen, der schon wesentlich verfallener war, ein paar Bretter vom Dach zu reißen. Sie waren unter der Teerpappe halbwegs trocken geblieben und brannten ganz gut. Die Lampen rußten, aber ihr Licht war völlig geil, so gelb und warm, und wenn sie schaukelten, sprangen die Schatten von Elle und den anderen nervös über die rohen Wände.

Elle fläzte sich aufs Sofa, scheißegal, wie versifft es war. Sie flog die Drohne mit der Hand und träumte weiter vom grenzenlosen Weltraum, in dem manchmal sogar das Licht anging, und dann sah es aus, als würde ein Haufen steingrauer, kugelrunder Klicker schwerelos in einem riesigen blauen Raum rotieren. Vale warf einen seltsamen Blick auf das Flugobjekt, als könnte er nicht glauben, es zu sehen. Er sagte aber nichts.

Gegen elf kam ein Trupp Schüler vom E.T.A.-Hoffmann-Gymi. Sie machten sich über die Musik lustig, die im Lagerschuppen lief, blieben im Übrigen aber freundlich, ließen sich einen Wodka-Bull ausschenken und erzählten von ihren Plänen für die Walpurgisnacht.

Ursprünglich hatten sie nur ihrer Geschichtslehrerin ein mobiles Klo in den Garten stellen wollen. Das war aber langweilig. Anschließend waren sie auf die Idee gekommen, dem Direktor ein Bett ins Büro zu stellen, wussten jedoch nicht, wie sie in die Schule eindringen sollten. Nun wollten sie ihrem Deutschlehrer, der irgendwie Modelleisenbahnen sammelte, ein paar Meter Gleis in den Garten legen. Die Jüngeren waren so beeindruckt, dass sie sich nicht mal fragten, ob das realistisch wäre. Die Großen fuhren ja schon Auto und so.

Einer von ihnen war Holger. Elle spürte, wie ihr das Blut zum Herz floss, wenn er in ihrer Nähe war, jedenfalls wurde es warm in der Gegend. Auch das ging also in Erfüllung! Ihre Augen folgten ihm unablässig; innerlich war es, als würde sie auf seinen Schuhen stehen und wie ein Geist jede seiner Bewegungen mitvollziehen. So ein schwereloser Tanz war das, für alle anderen unsichtbar.

Holger war feingliedrig, er hatte dunkle Haare, die er ganz einfach trug, keine dieser aufgemotzten pubertären Jungsfrisuren. Seine Augen waren von dem hellen Blau eines Schneefelds in der Dämmerung, man konnte meinen, dass es in seinem Kopf leuchtete. Wenn er sie direkt ansah, was praktisch nie geschah, machte die Kälte seines Blicks ihr ein bisschen Angst. Aber das alles war es nicht, was Elle wirklich anzog. Entscheidend war sein Auftreten: ruhig, freundlich, so selbstsicher, dass er es nicht nötig hatte, sich über die Kleineren lustig zu machen. Er beachtete sie nicht groß, nur als er erfuhr, dass sie in ihren Geburtstag reinfeierte, wünschte er ihr vorab alles Gute (ohne wirklich zu gratulieren) und machte eine Bemerkung darüber, wie sich für ihn mit sechzehn unglaublich viel geöffnet hätte, als er endlich Moped fahren und sich aus Vierweg entfernen konnte und als er anfing zu lesen und das Leben zu verstehen.

Lesen! Elle wusste, dass eine Menge Bücher gab, auch wenn sie fast keine zu Hause hatte, und sie nahm sich vor, sie alle durchzunehmen. Gleich morgen früh würde sie anfangen. Sie traute sich nicht Holger zu fragen, welches Buch sie sich als erstes besorgen sollte.

Elle war nicht als Einzige vollkommen hin und weg. Auch Junis freute sich an Holgers Anwesenheit. Er fragte sich, warum ihn diese zierlichen Typen so anzogen, vielleicht weil er selbst sich zu groß und irgendwie ungeschlacht vorkam. Holger war nicht so sehnig und hart wie Dennis, er hatte außerdem viel bessere Haut. Die hellen Augen hätte Junis ihm stehlen können, mit hellen Augen wirkte einer gleich viel intelligenter! Und wie schöne Hände er hatte, so lange Finger und gepflegte Nägel. Junis fragte Holger, ob sie noch ein bisschen bleiben wollten. Später könne man ihnen ja helfen, das Gleisstück auszubauen.

„Willst du nicht dein Phone mit der Boom koppeln? Ich würde gern mal deine Playlist hören.“

                

Hell hatte sich derweil die Drohne geschnappt. Wie vorher Elle flog er sie mit der Hand, er hätte sie gern über den Köpfen der anderen kreisen lassen. Vale traute sich nach wie vor nicht, ihn zur Rede zu stellen, weil er sie einfach mitgenommen hatte, ohne auch nur zu fragen. Man hätte auch sagen können: Dennis hatte sie geklaut. Er schoss diverse Hellfire-Raketen ab; die Explosionen und deren Folgen konnte er sich gut vorstellen.

„Der Predator steht überm Fluss gans nah bei unsrer Schule. Von un’n sieht ihn nieman’. Die Kam’ras erfas’n ’n Pausenhof.“

„Welcher Fluss ’n?“, fragte Vale.

„Wieso? Der Fluss.“

„Ich bin vorhin schon die ganse Zeit da drüber geflo’n. Bis zum Meer.“

Einer der älteren Jungen schnappte das auf.

„Bist du nicht von hier, oder was?“, fragte er. „In Vierweg gibt’s keinen Fluss, Kleiner.“

„Nenn mich nich Kleina!“, rief Dennis und sprang auf die Füße. Mehr traute er sich nicht.

„Naja, vielleicht habe ich was verpasst. Leute, kennt einer von euch einen Fluss in der Gegend?“

„Einen Fluss? Klar, Mann, die Viere.“

„Die Wege.“

„Der Weg ist der Fluss.“

„Es gibt hier vier Flüsse.“

„Eigentlich müsste unser Ort Vierfluss heißen.“

Dennis warf einen sehr bösen Blick auf Junis, der so tat, als würde er von der ganzen Sache nichts mitbekommen. Vale tippte Dennis auf den Oberarm.

„Lass uns verschwin’n!“

Vale blieb sitzen.

„Was füa Aschlöcha“, murmelte Dennis im Rausgehen. Der Fluss war aus seinem Kopf verschwunden, er hätte nicht sagen können, wie er es geschafft hatte, da durchzufließen. Während er in die Dunkelheit stapfte, stellte er sich vor, die Predator wäre über ihm. Sie war mit einer Wärmebildkamera ausgestattet, und die Rakete hatte einen Wärmesensor in ihrem Kopf. Paou, es krachte und blitzte. Sein Kopf explodierte. Seine Eingeweide verteilten sich über den angefrorenen Boden. Sie schimmerten feucht im Sternenlicht.

Kurz vor Mitternacht hatte Elle einen kleinen Stimmungseinbruch. Es lag nicht daran, dass Holger und seine Leute wieder abzogen, übrigens ohne das Gleisstück, das sie angeblich hatten mitnehmen wollen, auch nur einmal noch zu erwähnen. Im Gegenteil: Die Gymnasiasten hatten einen bedeutenden Teil des Biers und des Wodkas getrunken, die Bull-Dosen waren gänzlich aufgebraucht. Außerdem hatte Elle Holgers Playlist nicht gefallen, irgendwie war das alles so arty und ein bisschen langweilig.

Nein, es lag am Altern. Ihr Vater sagte, ab fünfzehn würden alle Menschen degenerieren. Sie befand sich auf direktem Weg ins Altersheim! Und er hatte sich mal wieder nicht gemeldet. Madlens Ankündigung, Elle solle einen Roller bekommen, war das einzige Lebenszeichen von ihm. Sie vermisste auch andere Mädchen auf ihrem Fest. Sophie hätte wenigstens kurz vorbeischauen können, Betse hätte mit ihnen abhängen können, wenn Elle sonst schon keine Freundin auf der Welt hatte! Allerdings dachte Betse, Elle würde im ehemaligen Jugendzentrum feiern. Sie hätte sonst garantiert versucht, ihr das Bahngelände auszureden.

Im Endeffekt war nur Junis ein echter Freund. Den kleinen Vale mochte sie auch, nur war er eben noch ein halbes Baby und klebte viel zu sehr an Dennis. Sie hätte es ok gefunden, wenn die beiden vorhin zusammen verschwunden wären, um erst in zwei oder drei Tagen wieder in Elles Leben aufzutauchen.

I checked my head, but no one’s home. The mood is right, the party is on. Looks like tonight, I’ll be drinking alone.

Der Ofen verbreitete eine sozusagen sauerstoffarme Wärme, trotz der Zugluft im Raum.

„Was habt ihr ei’ntlich gesagt, wo ihr heut nach’ bleib’?“, wollte Vale plötzlich wissen.

„Ach, Kälbchen“, sagte Junis, „wir sind schon aus dem Stall heraus und in der weiten Welt, da muss man so was nicht mehr – sa’n.“ Er machte immer diesen speziellen Nuscheleffekt nach, den Vale von Dennis übernommen hatte. „Davon abgesehen: Meine Mutter ist bis nächste Woche an der Uni, und mein Alter kriegt gar nicht mit, ob ich daheim bin oder nicht.“

„E’m. Meine Ald’n merken auch nix. Aber mor’n halb sie’m gehd mein Ald’r in’ Stall, da muss ich dem helfen.“ Er würde um sechs aufs Radl steigen müssen, um es rechtzeitig zu schaffen. Voll gemein! Voll zum Geiern!

„Ich bin sowieso allein“, sagte Elle, „es ist ganz gleich, wo ich heute Nacht bin. Oder in irgendeiner Nacht.“

„Ich rette dich heute Nacht“, sagte Junis. Wirklich fürsorglich klang es aber nicht, eher ein bisschen abwesend.

„Jeder will für immer leben“, sagte Elle, „aber wer bin ich, zu sagen, ich möchte einfach ein Leben, an das wir uns erinnern werden – wir leben für heute.“

„Auf heute, Elle! Es ist zwölf!“

Junis hatte die Gnade sich von den Pappen zu erheben, auf denen er seit mindestens einer Stunde lungerte. Er umarmte sie mit beinah ausgestreckten Armen, er wünschte ihr Glück, er ließ sie nicht los. Sie tanzten auf der Stelle, es war mehr ein Wiegen als ein Tanz, aber durch die Musik kehrte die Unbegrenztheit zurück, die Sterne, das All, das alles. Da wollte Elle für immer bleiben, in keinem anderen Raum auf oder außerhalb der Welt.

„Ein Bier auf ex“, rief sie. Vale sprang zum Kasten und öffnete drei Flaschen.

„Auf Elle!“

„Auf Elle!“

„Auf euch! Auf mich! Auf alle, die heute Nacht hier sind!“

Sie hatte ihre Flasche beinah gefinisht, als sie von draußen ein lautes Rufen hörten:

„E-eeelle! – Eee-eelle!“

                

Allmählich organisierte sich Hells vom Drohnenangriff atomisierter Körper wieder. Mit seiner Selbstverteidigungstaschenlampe in der Form eines Baseballschlägers leuchtete er den Himmel ab. Die angeblich superhellen LEDs reichten indes nicht mal aus, um bis in die Wolken zu leuchten, geschweige denn, versteckte Flugobjekte ausfindig zu machen. Also richtete er den Strahl auf den Boden vor seinen Füßen. Im braunen Gras des Vorjahres glitzerten irre schön die Eiskristalle, da kam kein Sternenhimmel mit, so weiß, so klar, so kalt wirkte das. Er mochte die Kälte, sie durfte ruhig beißen, er biss dagegen an. Alte Fuß- oder Reifenspuren waren gefroren und machten es ihm schwer, sein Tempo beizubehalten. Möglicherweise waren es seine eigenen Fußabdrücke und er lief genau da, wo er schon einmal entlang gelaufen war, und berührte den Boden nur quasi.

Bereits nach wenigen Schritten hörte das offene Gelände auf, es kam eine Zone mit Gestrüpp und kleinen, überwachsenen Müllbergen, meistens Bauschutt und Ähnliches. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass die Vierweger früher alles Mögliche auf das Gelände gebracht hatten, auch Autobatterien und Kanister voll Altöl. Auf die wilde Kippe folgte ein dichtes Tannenwäldchen, in dem man sich sehr vor dürren Ästen in Acht nehmen musste; dahinter standen, wie er wusste, auf einem Streifen hohe Tannen vor einem Zaun des Schrebergartengeländes. Hielt man sich mehr links, kam man allerdings schnell auf einen frisch gewalzten Weg. Das Ganze einen Wald zu nennen (oder ein „Holz“, was angeblich dasselbe bedeutete), war offen gesagt Quatsch.

Es war voll unfair, wenn die anderen ihn verarschten! Woher sollte er wissen, ob es in Vierweg einen Fluss gab, war etwa hier geboren? Also. Junis allein hätte er es vielleicht verziehen, weil Junis einfach ein super Typ war und immer gern eine Tüte spendierte. Aber dieses Weichei Holger mit seinen Rührei-Freunden – das ging zu weit. Er würde es ihnen heimzahlen. Dennis malte sich aus, wie er mit seiner Basi-Taschenlampe die Scheinwerfer an Holgers Auto zerdepperte. Anschließend wäre die Frontscheibe dran, die Türen, die Haube, das Dach. Viel würde nicht übrig bleiben. Vielleicht bliebe auch von seiner Lampe nicht viel übrig, die aufgrund ihres mangelnden Gewichts an ein richtiges Diskutierholz nicht rankam. Neben dem Schuppen lag ein Haufen alter Eisen-Wasserrohre – bestimmt noch vom Krieg. Mit einer Winkelmuffe vorne dran könnte das eine gute Alternative sein.

Die Taschenlampe leuchtete lange nicht so gut wie behauptet. Der Fokuspunkt der Linse war recht klein. Man konnte mit ihr kaum den Boden ausleuchten und erst recht niemand blenden. Als es in der Nähe knackte, suchte er mit seinem Strahl die Büsche ab und sah eben noch ein Kaninchen wegspringen. Wahrscheinlich schreckte er hier gerade die ganze Tierwelt auf. Macht nichts, was hockten die auch hier rum, wo er pinkeln wollte. Übrigens ging er nicht aus Scham so weit vom Schuppen weg, sondern weil er sich bewegen und die Lampe testen wollte. Hell war nicht der Typ, der sich im Dunkeln die Hosen vollschiss. Es machte auch nichts, wenn alle gegen ihn waren. Er kam gut allein klar.

Zwischen diesen kleinen Tannenbäumchen half ihm die Taschenlampe noch weniger. Hie und da schimmerte bleich das tote alte Gras. Es war immer spannend, auf so eine Stelle zu treten, nie wusste man, ob darunter ein Stamm oder Äste lagen, ob gleich der Boden kam, ein fauler Stumpf oder ein Hohlraum. Immer noch tiefer in den Wald drang Hell vor. Die Musik aus dem Schuppen war erstaunlich klar zu hören, mal wieder Hollywood Undead, naja. Als sein Fuß an etwas hängen blieb, wollte Hell zuerst durchziehen. Aber das ging nicht. Er musste die Schuhspitze aus irgendwas herauswursteln, als hätte sie sich in einem aufgerollten Teppich verfangen oder etwas Derartigem. Mal leuchten … Teppich schien gar nicht so daneben, jedenfalls war es was Größeres, Dunkles … das sah aber eher wie ein Mantel aus. Oder eine Jacke, ja, es war eine Jacke. Zur Jacke gehörten eine Hose und ein paar Tennisschuhe. Ungelogen: Tennisschuhe. Wer zog denn noch so was an? Lol.

Erst als der Strahl der Lampe eine Hand erfasste, wurde Dennis klar, dass da jemand lag. Im selben Moment dachte er auch, dass der Liegende tot sein müsse. Das war einfach klar. Hammer! Eine echte Leiche! Irgendwie erschrak er darüber nicht richtig; es war etwa, als hätte er einen umgestürzten Baum entdeckt. Nach dem Gesicht leuchten wollte er jedoch nicht. Es reichte, als im Lichtkegel ein paar graue Strähnen auftauchten. Er frage sich, ob er den Mann nun schütteln sollte, um sicherzugehen. Nein, das musste er nicht. Es war ganz und gar eindeutig. Dennis nahm einen kräftigen letzten Schluck aus der Flasche und warf sie in hohem Bogen durch den Wald. Sie stieß an keinem Stamm an, das erschien ihm wie ein Wunder, nicht wie ein Wunder, sondern wie der unübertriebene Ausdruck seiner Geschicklichkeit. Erst weit hinten hörte er sie auf einem Stein zerschellen. Er würde beide Hände brauchen. Er würde Vale brauchen.

Vale ging langsam die Laderampe auf und ab. Mit seinen dreizehn Jahren vertrug er noch nicht ganz so viel wie die anderen, umso mehr tat ihm die frische Luft wohl. Wenn der Schwindel sich gelegt hatte, wollte er zum Waldweg laufen, wo er idiotischerweise sein Fahrrad gelassen hatte. Eigentlich wäre das kein Problem gewesen, aber in dieser Nacht konnte man nicht wissen. Da wurde alles Mögliche geklaut oder versteckt. Vale fiel seine Drohne ein. Er fand es ziemlich mies von Hell, dass er sie einfach Elle schenkte, obwohl Vale sie gefunden hatte. Er hätte wenigstens fragen können! Abgesehen davon konnte Vale schon ziemlich froh sein, mit den Großen abhängen zu dürfen. Die nahmen ihn richtig ernst. Sie redeten auch nicht blöd, weil er von einem Bauernhof kam. Manchmal nannten sie ihn Kälbchen, das ging in Ordnung. Aber sie hielten sich nicht die Nase zu oder behaupteten, er hätte Heu oder Mist an den Kleidern.

Vale hatte für Elle eine gecrackte Konsole, die hatte er nicht extra hier rausgeschleppt. Er konnte sie ihr genauso gut morgen noch geben. Ein Game hatte er ihr überreicht, und sie voll nichtsahnend die Augen verdreht und gesagt, ich hab doch gar nix, um das zu spielen. Hehehe. Sie würde garantiert ziemlich glücklich sein. Er überlegte, sich hinzusetzen, aber jede größere Veränderung der Lage konnte dazu führen, dass ihm übel wurde. Heute morgen hatte er nach dem Huhn geschaut; es war tot. Zu viele Wunden, schätzte er. Es machte ihn jetzt noch ganz traurig. Morgen würde er es feierlich begraben, tief genug, dass der Fuchs es nicht wieder ausbuddeln konnte. Seine Mutter hatte gleich gesagt, das wird nichts mehr. Aber er war verdammt nah dran gewesen, es –

„Vale! Vale!“

„Hell?“

Achja, der war nach draußen gegangen. Warum senkte er die Stimme so?

„Gut dass du grade draußen bist. Du muss’ mir bei was helfen.“

„Bei was?“

„Siehs’ du dann.“

„Voll geile Lampe. Sieht aus wie’n Migränestab.“

„Funzt auch so.“

„Au, probier sie doch nich auf mir aus, Mann.“

„Leichte Schläge aufs Schädeldach erhöh’n das Denkvermögen. Wir brauchen ’n Seil oder so was. Irgendwo muss noch das Kabel liegen, mit dem ich vorhin Holz aus dem Wald geschleppt habe.“

„Zwischen den Lagerschuppen hab ich ’n Drahtseil gesehen. Das Ende kam irgendwo ausm Boden. Ich weiß aba nich, ob’s lang genug ist.“

Es lag gleich unter der Oberfläche. Als sie daran zogen, sahen sie im Lampenschein, wie kleine Erdplatten sich aufwölbten und zur Seite wegbrachen, als öffnete sich der San-Andreas-Graben. Hell knipste rund drei Meter des Seils mit dem Multitool ab. Es war sauharte Arbeit.

„Jetz komm mit.“

„Wohin’n?“

„Schiss?“

„Im Dunkeln? Hab ich noch nie Schiss gehabt.“

Hell fand die Stelle beinah sofort wieder.

„Was’n das? ’N Teppich?“

„Hab des auch z’erst gedacht. Nee, Mann. Ku’ma genau hin! Jacke, Hose, Schuh.“

„Ok?“

„Was meinste wohl, was drin is?“

„’N Freund von dir?“

Vale fürchtete, dass Hell ihm die Bemerkung übel nehmen könnte.

„’N Freund? Hahaha. Bis’n gutes Kälbchen. Ja-ha, das ist mein neuster Freund. Ham uns gerad kennen gelernt. Die annern sin’ alle Dödeln. Wie du.“

„Wie heißt er denn?“

„Wie? Keine Ahnung.“

„Ich glaub, er hat zu viel getrunken. Sollte nich hier lie’n bleim. Zu kalt.“

„Ge-nau, ge-nau. Aber der … kann nich lauf’n oder so. Wir müssen ihn wegbring’ von hier. Der liegt noch vom Krieg da, weißte?“

Sie nahmen das Drahtseil und versuchten, es dem Toten um den Oberkörper zu binden. Das war nicht so einfach, der Körper war sperrig und schwer. Als Dennis an der Jacke zog, um ihn auf den Rücken zu drehen, machte es Ratsch. Der Stoff zerriss entlang der Reißverschlussnaht, und Dennis fiel um ein Haar auf den Hintern. Nach einigem Hin und Her hatten sie das Seil zweimal um den Körper gewickelt und zwischen den Schulterblättern einen Knoten geschürzt. Mühevoll schleiften sie den Toten durch die Büsche. Mal zogen sie beide an dem Seil, mal bog Vale kleine Bäumchen weg oder untersuchte die Strecke nach unsichtbaren Hindernissen. Sein Schwindel ließ nach, schon dachte er wieder daran, sich mit einer Flasche Bier für die Schufterei zu belohnen.

Als sie endlich in der Nähe des Schuppens angekommen waren, sage Dennis, er wolle ihn Elle zum Geburtstag schenken. Um einen besseren Effekt zu erzielen, sollte der Tote an einem Baumstamm aufgerichtet werden. Es gelang ihnen aber nicht, ihn auch nur ansatzweise zum Stehen zu bringen. Also lehnten sie seinen Oberkörper gegen den Stamm einer Birke. Dabei glitt ihm die ohnehin schon zerrissene Jacke vom Arm und weil das irgendwie panne wirkte, zogen sie ihm das Kleidungsstück ganz aus. Vale las den verwaschenen Schriftzug auf dem Shirt: Las Vegas. Er dachte an Palmen und Wüstensand, eine von Millionen Lichtern funkelnde Stadt voller Automaten und Spieltische. Verdammt, er wäre gern mal zum Zocken dahin gefahren! Aber er durfte froh sein, wenn er im kommenden Sommer überhaupt mal ohne seine Eltern wegdurfte. Das wünschte er sich zum vierzehnten.

Dennis war einen Schritt zurückgetreten, um das Werk zu betrachten. Etwas fehlte ihm noch für einen tollen Effekt.

„Wir bin’n die Hand an den Ast da. Dann sieht es aus, als ob er winkt.“

Vale hob den Arm des Toten an, Dennis band ihn mit dem Kabel fest. Dabei entdeckte er eine goldene Gliederkette um dessen Hals. Ohne viel rumzumachen, nahm er sie ab. Vorn hingen Buchstaben dran.

Nun kannten sie seinen Namen.

                

Elle wollte zuerst nicht nach draußen kommen. Sie fühlte sich wohl zwischen dem bullernden Ofen und der Boom. Immer noch hatte sie ein Gefühl von Unbegrenztheit, nur hatte es sich auf geheimnisvolle Weise umgekehrt. Sie schwebte nicht mehr unendlich hoch und weit draußen, sie sank durch einen unbestimmten Raum, der ihr keinen Anhaltspunkt gab, wo darin oben und wo unten war. Trotzdem spürte sie eindeutig, dass es hinabging in eine grenzenlose Tiefe, die Ewigkeit. Sie war dunkel, sie war das Nichts, und wenn sie nicht das Nichts war, dann war sie die Verneinung von allem Bestimmten oder Bestimmbaren auf der Welt. Woher kam auf einmal der Hang zum Philosophieren, war es der Wodka oder das Bull? Waren alle Philosophen Säufer gewesen oder Taurin-Addicts? Hatte es Taurin früher überhaupt gegeben? Ach, das spielte überhaupt keine Rolle. Das Leben war kurz, ein bisschen Traum, ein wenig Hoffnung und gute Nacht! Nichts lebte, das ihrer Regungen würdig wäre. Schmerz und Langeweile waren ihr Sein und Kot die Welt – sie durfte sich beruhigen.

Derartige Sprüche kannte sie von ihrem Vater, sonst nicht viel. Für einen kurzen Moment schien es, als würde die neblige Unendlichkeit sich verdichten, als wären die Wände eines Schachtes, durch den sie fiel, zum Greifen nah. Da tauchten Bilder auf von dem Alten mit seinen ewigen schwarzen Klamotten und den Arbeitsstiefeln, die er immer trug, obwohl er gar nicht arbeitete, oder eben mit dem Kopf, wie er es nannte.

Für Momente war in dem Schacht eine Wand erkennbar, die kleine Alice hämmerte von der anderen Seite hindurch. Elle sah die kleinen Fäuste und streckte ihre Hand aus, erreichte sie aber nicht. Madlen lag mit einem viel zu knappen Bikini und viel zu braun am Strand von Malle, sie ließ sich von einem Typen, der völlig unscharf blieb, den kranken Fuß massieren. Da krachte die Wand schon wieder ein oder besser gesagt, sie erwies sich als Täuschung in der Täuschung. Tatsächlich war da nur Raum, Raum, Raum, Leere, Leere, Leere. Ein Licht wie in einem Taucherfilm, jedoch in absolut neutraler Atmosphäre, nichts Nasses, nichts Warmes oder Kaltes, auch keine Dunkelheit.

In einer anderen Dimension schaffte Elle es schließlich, Boden unter ihre Füße zu bekommen. Sie wankte, sie hatte den Eindruck, ihr gesamtes Blut sammele sich in ihrem Unterleib. Im Kopf war jedenfalls kaum etwas davon. Draußen biss sich die Kälte durch ihre Kleider. Die Wolken waren fort, ein äußerst matter Sternenhimmel zeigte sich, an dem der Mond keine Ruhe halten konnte. Ein ADHS-Mond war das, eine silbrige Flipperkugel, die von den Sterne-Bumpern hin und her geschossen wurde. Hell und Vale sah sie erst, als Hell die Taschenlampe anknipste. Auch diese beiden standen nicht still.

„’S gibt neue Gäste“, rief Dennis. „Ehrlich is’ es bloß eina. Tataa!“

Automatisch schwenkte ihr Blick zum Lichtkegel. Wahrhaftig, da saß einer am Baum. Mehr konnte sie kaum erkennen. Wie komisch der seinen Arm hielt. Und irgendwie schien er zu schlafen. Sein Kopf hing so runter.

„Schön hallo sagen“, forderte Hell.

Um ein Haar hätte Elle „Hallo“ gesagt.

Ein zweiter Lichtkegel gesellte sich suchend zu dem ersten. Er traf Dennis im Gesicht und Vale am Bauch, bevor er die alten Tennisschuhe fand, deren seitliche Streifen hell aufleuchteten. In einer Sohle war ein sternförmiges Loch zu erkennen. Auch der Schriftzug Miami oder was davon zu sehen war, leuchtete schwach. Man hätte glauben können, dass da einfach jemand säße, wenn nicht der Körper so völlig ohne Spannung gewesen wäre. Der scheinbar gehobene Arm war zu tief in den Ellenbogen gesackt, der Oberkörper wollte zur Seite weg, der Kopf hing zu weit über.

Junis blieb zunächst auf der Rampe stehen. Er hielt die Lampe über der Schulter, fast auf Augenhöhe. Im Unterschied zu Hells blendete ihr Licht brutal. Junis’ Gesicht fiel tief in Schatten. Elle näherte sich dem Freund, er blieb reglos.

„Ich hab ’n Geschenk für dich, Elle“, rief Dennis. „Du kanns’ mit ihm machen, was du wills’.“

Wie zum Beweis riss er den losen Arm des Toten in die Höhe und bog ihn so lange nach hinten, bis ein sehr eigenes Geräusch zu hören war. Der ganze Körper kippte dabei noch weiter zur Seite und Dennis zog an dem Drahtseil, um ihn zurück in eine aufrechtere Position zu bringen.

„Was soll ich mit dem?“, frage Elle.

„’S is ’n Freund von mir“, wiederholte Dennis. „’S is mein Prügelknabe.“

Dennis versuchte den Toten zu umarmen. Dann packte er seine Taschenlampe ganz hinten am Knauf und schlug zu. Es gab fast kein Geräusch.

„Ist das alles?“, fragte Junis. „Hält er nicht ein bisschen mehr aus?“

Dennis vermied es, in den Kegel von Junis’ Lampe zu schauen. Er gab auch keine Antwort. Vielmehr drückte er Vale seinen Sprechstopper in die Hand und verschwand in die Dunkelheit. Vale nahm offenbar an, dass er nun an der Reihe wäre. Er schien den Kopf des Toten zu packen, als ob er ihn in eine bessere Position bringen wollte. Kurz darauf warf er etwas, das, im Lichtschein für einen Sekundenbruchteil aufblitzend, wie ein Haarbüschel aussah, zur Seite und sprang zurück. Er sackte regelrecht in die Knie. Junis und Elle standen immer noch reglos vor dem Schuppentor. Die Musik war ausgegangen.

                

Dennis kam mit einem Gegenstand zurück. Bald wurde klar, dass es sich um ein Stück Rohr handelte, wie sie neben dem Schuppen lagen. Am vorderen Ende saß eine T-Muffe. Er nahm Vale die Taschenlampe ab und steckte sie in eine Seitentasche seiner Cargo-Hose. Er nahm kurz Maß. Weit ausholend schwang er das Rohrstück wie einen Hammer auf den Schädel oder, wer weiß, in das Gesicht des Toten. Es knackte, ganz als würde etwas brechen. All die anderen Geräusche, gab es die? Das beredte Schmatzen, das Sausen der Rohrs in der Luft – womöglich entstand das in den Köpfen, jeder hatte da seinen Film. Von außen kam nichts dazu. Kein Flugzeug, kein Zug, kein Tier in der Nacht, das durchs Laub raschelte, bellte oder schrie, keine Stimmen von Menschen, nicht mal das Surren eines Drohnenpropellers ertönte. Man hätte sich wünschen mögen, dass das verdammte Licht aus Junis’ Lampe ein Geräusch verursacht hätte. Doch es gab keinen Laut. „Der Tod ist still“, hatte Franz Helmar gesagt, dem mit fünfzehn der Krieg begegnet war, „ich wünsche keinem, diese Stille kennen zu lernen.“

Dennis schien nicht wütend, während er zuschlug. Es wirkte eher, als würde er Holz spalten. Konzentriert und ergebnisorientiert, mit der Befriedigung eines arbeitenden Menschen führte er Schlag auf Schlag. Nach einer Weile machte er Pause. Vale blieb außerhalb des Lichts. Es hätte wie ein Standbild gewirkt, wäre da nicht das leise Zittern in dem gleißenden Strahl gewesen. Eine Minute später turnte das Lampenlicht wild durch die Bäume.

Junis war von der Rampe gesprungen. Er sah sich die Sache von Nahem an. Dennis machte ihm Platz.

„Wetten, du schaffst es nicht, ihm den Arm auszureißen?“

Der Bann der Stille war gebrochen.

„Was’n das für ne Wette? Wetten, du schaffs’ es nicht, ihm ’n Bein abzuhacken?“

Sie versuchten es. Der Tote war für sie in diesem Moment nicht mehr als eine Kleiderpuppe, die man zerfleddert, um zu sehen, was sie zusammenhält. Junis blieb vollkommen kalt, wie der Tote hob er sich nicht von der Umgebung ab. Vale hatte seine Taschenlampe übernommen, er filmte außerdem mit dem Phone. Der Predator über ihren Köpfen blieb unentdeckt. Langsam stieg er höher in den klaren Nachthimmel, die drei übrigen Jugendlichen mit ihrem armseligen Taschenlampenlicht verloren sich schnell in dem immer größeren Ausschnitt, den die Wärmebildkamera aufnahm.

Elle dachte nicht mehr daran, dass sie Geburtstag hatte. Sie taumelte nach wie vor durch den endlosen Schacht in eine Tiefe, die sich nicht länger anfühlte wie Tiefe. In der frostigen Luft begann sie zu zittern. Warum war Junis weggegangen, warum stand er da unten mit Hell und tat diese Dinge? Hatte Hell nicht gesagt, dieser Mann wäre sein Freund? Sein Prügelknabe. War Freundschaft nichts als das, war Junis ihr Prügelknabe und sie sein Prügelmädchen? Warum war er so kalt? Alle waren so kalt. Sie spürte eine bohrende Sehnsucht, ihrer Clique nah zu sein, sie wollte, dass alle sich umarmten, sogar Hell sollte dabei sein. War es nicht seltsam, dass kein einziges Mädchen zu ihrer Party gekommen war? War sie kein richtiges Mädchen? Aber was war sie dann? Was konnte sie, was wollte sie sein? Sie wollte nichts weiter sein, als dieses unbegreifliche Fluidum, in dem sie sich seit einer Ewigkeit bewegte, sie wollte keine Grenze haben, an der sie begann oder aufhörte, Elle zu sein. Sie stützte die Hände auf die Rampe. Wahrhaftig, sie spürte Widerstand. Sie sprang hinab und kam mit den Füßen auf dem Boden auf. Es gab eine stoffliche Welt, in der sie nicht endlos fallen konnte. Aber das half ihr nicht. Im Gegenteil, sie hasste es. Sie wollte nicht aufkommen, sie wollte nicht gestoppt werden, sie wollte eins sein. Elle ging zu ihren drei Freunden, die sich ihr zuwandten mit Gesichtern voller Erwartung. Sie suchte Junis Hand wie ein Kind. Aber sie war auch tough. Sie verlangte von Hell den Lichtausknipser, der lachte über das Wort. Eine Taschenlampe, die ein Lichtausknipser war, haha. Er reichte sie ihr. Elle holte aus, sie zog dem Schädel, der neben dem Baumstamm herabhing, eins über. Die Haut platzte auf, die Kalotte darunter musste schon zersprungen gewesen sein, ein Teil davon löste sich mit dem Skalp, und der Blick war frei auf das Innere. Wieder fehlte der Boden, wieder fiel sie oder flog oder schwebte und sie tauchte in dieses gewesene Bewusstsein. Sie schauerte, als hätte ein neuartiges Energiefeld sie erfasst. Wo war sie nun, mit wem war sie da verbunden? Sie hörte kaum, wie Dennis maulte, weil sie die Lampe verbeult hatte, es klang wie durch einen Vorhang. Ein leises Wimmern drang an ihr inneres Ohr, gar nicht weinerlich, das nach und nach zur Stimme wurde. Die Stimme hatte etwas zu sagen. Was sagte sie? Eine Zeitlang horchte sie angestrengt auf die Wortschleife. Eure, glaubte sie rauszuhören, eure Welt, klang es in ihrem Kopf, ist … ist … ist … schlecht. Noch einmal. Kein Zweifel. Eure Welt, ist schlecht. Eure Welt, ist schlecht. Eure, Welt, ist schlecht. Wie von außen hörte sie es nun. Und sie wusste, von wem es kam. Noch hatte sie nichts zu erwidern, noch dachte sie bloß: eure Welt, ja. Ich kehre nie zurück. Ich werde fallen in Ewigkeit.

Es war Dennis oder der von ihm ausgehende Wodkadunst, der sie zurückholte. Wie war ihr Arm um seine Schulter gekommen? Auf einmal hielt er ihr ein Kettchen vor die Nase. Es glitzerte golden und fünf kleine fette Buchstaben schaukelten daran.

„Er heißt übrigens Frank.“

Auf einmal musste Elle sich übergeben.