(Missouri Synod, 1860; Brohm – not Walther, but Walther present; on Absolution; no known published translation- 4/97 ; see Christian Dogmatics III, pgs 191, 208-211)

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Zehnter

Synodal- Bericht

der

Allgemeinen

Deutschen Evang. - Luth. Synode

von

Missouri, Ohio, u. a. Staaten

vom Jahre 1860.

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St. Louis, Mo.

Synodaldruckerei von Aug. Wiebusch u. Sohn.

1861.


(page 34)

Verhandlungen über die Lehre von der Absolution.

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        Der wichtigste Gegenstand unserer diesjährigen Verhandlungen, dessen Besprechung auch die meiste Zeit gewidmet ward, war unstreitig ein Referat über den innigen Zusammenhang der Lehre von der Absolution mit der von der Rechtfertigung.  Wir lassen dies Referat hier erst unverkürzt folgen und knüpfen dann die Verhandlungen der Synode über dasselbe unmittelbar daran.

Referat.

Ueber den innigen Zusammenhang der Lehre von der Absolution mit der von der Rechtfertigung.

        Obwohl die Lehre von der Absolution in unsern Zeitschriften, auf Conferenzen und Synoden wiederholt behandelt worden ist, so daß über sie selbst wohl kaum noch eine Dunkelheit obwaltet, so möchte doch das Verhältniß dieser Lehre zu der von der Rechtfertigung eine eingehende Besprechung beides bedürfen und verdienen.  Referent hat die ihm gestellte Aufgabe lösen zu müssen geglaubt nicht durch eine voluminöse Abhandlung über diesen Gegenstand, wobei der Discussion wenig Raum übrig bleiben würde, sondern durch Aufstellung einer Reihe von Sätzen, um der freien Besprechung darüber Stoff und Ordnung zu liefern.  Er erlaubt sich 1), die Lehre Luthers und der lutherischen Kirche von der Absolution in kurzen, übersichtlichen Zügen zu wiederholen, und 2), auf den innigen Zusammenhang dieser Lehre mit der von der Rechtfertigung aufmerksam zu machen.  

I.

1.  Absolution oder Lossprechung von Sünden ist, nach Luthers Lehre, das Evangelium, sei es, daß es Vielen, oder daß es Einzelnen verkündigt wird.

        Luthers Schrift an den Rath zu Prag: “Es ist aber das Binden oder Entbinden gänzlich nichts anderes, denn predigen das Evangelium und dasselbe in Brauch wenden, also daß die Schlüssel nichts anderes sind, denn das Amt, dadurch man das Wort in Brauch und Uebung kehret”.

        Zweites Gutachten an den Nürnberger Rath: “Also ist das Evangelium selbst eine gemeine Absolution”.

        Anmerkung: Luther kennt zwar auch die allgemeine Absolution, die bei uns nach der Predigt pflegt gesprochen zu werden, und er tadelt und verwirft sie nicht: gewöhnlich aber versteht er unter Absolution die Privatabsolution, welche ihm nichts anderes ist, als das Evangelium, einem einzelnen Menschen gesagt, der über seine bekannte Sünde Trost dadurch empfahe.

2.  Die Privatabsolution ist demnach nicht eine außer oder neben dem Evangelio bestehende Macht, Sünden zu vergeben, sondern sie ist nichts anderes, als die Predigt des Evangeliums an den einzelnen Sünder.

        Kirchenpostille Osterdienstag: “Es ist hierunter kein andrer Unterschied, ohne daß solch Wort, so sonst in der Predigt des Evangelii


allenthalben öffentlich und insgemein jedermann verkündigt wird, dasselbe wird in der Absolution einem oder mehreren, die es begehren, insonderheit gesagt”.

3. Die Verwalter und Austheiler der Absolution im öffentlichen Amte sind die Prediger des Evangelii; sonst aber alle Christen, weil die ganze Kirche die ursprüngliche Inhaberin der Schlüssel ist; der aber, welcher durch ihren Dienst die Sünde vergiebt, ist der dreieinige Gott.

        Kirchenpostille Quasimodog.:  “Nun ist Pfarrher oder Prediger, als dein Seelsorger, oder auch ein jeglicher Christ in solchem Falle gefordert und gesandt, daß er dich trösten soll.  Darum obwohl die Gewalt, Sünden zu vergeben, allein Gottes ist, sollen wir doch auch wissen, daß er solche Gewalt übet und austheilet durch dies äußerliche Amt, zu welchem Christus seine Apostel sendet und ihnen befiehlet, daß sie sollen in seinem Namen Vergebung der Sünden verkündigen allen denen, die ihr begehren”.

        Ebendaselbst:  Wer angefochten ist, der gehe hin oder lasse zu ihm fordern seinen Seelsorger oder sonst einen guten Freund, klage ihm seine Noth und begehre Rath und Trost von ihm.  Und gründe sich darauf, daß Christus hie spricht: Welchen ihr die Sünden erlasset usw”.

        Hauspostille am Tage Petri und Pauli:  “Die Kirche, di alle Christen haben solche Macht und Befehl, daß sie keinen Sünder in Sünden verzagen lassen, sondern ihn trösten und im Namen Jesu Vergebung der Sünden sollen zusagen”.

        Anmerkung:  In andern Stellen beschränkt Luther die Laienabsolution auf den Nothfall.  So spricht er ua: “Dermaßen lügest du auch, daß ich alle Laien zu Bischöfen, Priestern, Geistlichen also gemacht habe, daß sie sobald unberufen das Amt auch thun mögen, schweigest, als fromm du bist, daß ich daneben schreibe, Niemand soll sich selbst das Unberufene unterwinden, es wäre denn die äußerste Noth”.  (Auf das überchristliche 2c Buch Emsers.) -- Hauspostille XIX. p. Trin.: “Andere Christen, ob sie gleich das Amt nicht haben, dennoch im Falle der Noth haben sie auch Befehl, dich zu trösten, wenn du um deiner Sünden willen verzagt bist. -- -- Solcher Worte sollst du dich denn so gewiß trösten, als spräche sie Christus selbst persönlich vom Himmel”.  Den scheinbaren Widerspruch wird folgende Stelle lösen aus Kirchenpost.  Quasimodogeniti:  “Wir haben wohl alle Gewalt, Beichte zu hören; aber Niemand soll sich vermessen, dieselbe öffentlich zu üben, denn der dazu von der Gemeinde erwählet ist.  Heimlich aber mag ich sie wohl brauchen, als wenn mein Nächster kommt und zu mir spricht: Lieber, ich bin beschweret in meinem Gewissen, sage mir eine Absolution, so mag ich das frei thun.  Aber heimlich, sage ich, muß es geschehen”.

4.  Die Absolution besteht nicht a), in einem richterlichen Urtheil des Beichtigers, b), nicht in einer leeren Verkündigung oder Anwünschung der Vergebung der Sünden, sondern c), in einer kräftigen Mittheilung derselben.

        Zu a), Apologie:  “Die Absolution ist schlecht der Befehl, loszusprechen, und ist nicht ein neu Gericht, Sünden zu erforschen; denn


Gott ist der Richter, der hat den Aposteln nicht das Richteramt, sondern die Gnadenexecution befohlen, diejenigen loszusprechen, die es begehren”.

        Zu b) und c), Hauspostille am XIX p Trin.:  Wenn Du von Deinem Seelsorger begehrest, daß er dich absolvire, und er spricht: Ich an Gottes Statt verkündige dir durch Christum Vergebung aller deiner Sünden usw” “Danket aber Gott, daß er solche Macht, Sünde zu vergeben, dem Menschen gegeben hat”.

        Anmerkung:  Hier nennt zwar Luther die Absolution eine Verkündigung der Vergebung der Sünden, aber eine solche, die Vergebung der Sünden wirklich mittheilt.

5.  Die Wirkung der Absolution a), gründet sich nicht auf des Menschen Reue, Beichte und Genugthuung, b), die Absolution fordert aber Glauben, wirkt und stärkt denselbeu, c), ohne Glauben ist sie dem Menschen nichts nütze, d), wiewohl sie darum kein Fehlschlüssel ist.

        Zu a. Hauspostille Quasimodog.:  “Im Papstthum hat man gepredigt: wer Vergebung der Sünden begehrt, der soll seine Sünde bedenken und ihm selbst eine Reue und Leid schöpfen.  Auf solche Reue hat man danach Vergebung der Sünden gegründet.  Nun kann es geschehen, daß solche Weise aus dem Exempel der Alten genommen sei, die eben wie wir keinem die Absolution haben wollen sprechen, er bekenne sich denn für einen Sünder und stelle sich, daß man sehe, daß ihm die Sünde leid sei.  Solches ist recht und soll also sein.  Aber daß man wollte sagen, solche Reue und Leid verdiene, daß die Sünden darum sollen vergeben werden, das ist falsch und unrecht.  Denn die Reue ist kein Verdienst, sondern es ist die Sünde, im Herzen recht gefühlet, und der Sünden Kraft und Regiment.  Da muß man Vergebung der Sünde und die Gnade nicht auf bauen”.

        Zu b) Hauspostille Quasimodog.:  “Der Glaube ist allein, der solches Wort kann fassen.  Und das Herz ist allein das rechte Kästlein dazu, darein es sich läßt schließen, daß es also klar und gewiß ist, daß wir allein durch den Glauben müssen gerecht werden.  Es muß ja Reue und Leid da sein, denn sonst kannst du der Sünden nicht von Herzen feind werden, wirst auch nimmermehr von Herzen begehren, daß sie dir soll vergeben werden.  Das ist aber der rechte Weg, daß du dich daher findest, da mein Wort ist, und dasselbe hörest und mit Glauben annehmest, damit wirst du von Sünden ledig”.

        Hauspostille Mariae Magdal.:  “Die Absolution ist ein göttlich Wort, darin einem jeden insonderheit die Sünden vergeben und losgesprochen werden, dadurch der Glaube gestärket und beweget wird”.

        Zu c) Vom Sacrament der Buße:  “Wo aber der Glaube nicht ist, hilft nichts, obgleich Christus und Gott selbst das Urtheil spräche.  Denn Gott kann Niemandem geben, der es nicht haben will.  Der will es aber nicht haben, der nicht glaubt, daß es ihm gegeben sei und thut dem Worte Gottes eine große Unehre”.

        Zu d) Von den Schlüsseln:  “Sprichst du aber, wie die Rottengeister und Sophisten auch thun: hören doch viele der Schlüssel Binden und Lössen, kehren sich dennoch nicht daran und bleiben ungebunden


und ungelöset, darum muß etwas anderes da sein, denn das Wort und die Schlüssel, der Geist, Geist, Geist muß es thun.  Meinst du aber, daß der nicht gebunden sei, der dem Bindeschlüssel nicht glaubet?  Er soll ‘s wohl erfahren zu seiner Zeit, daß um seines Unglaubens willen der Bindeschlüssel nicht vergeblich gewesen ist, noch gefehlet hat.  Also auch wer nicht glaubet, daß er los sei und seine Sünden vergeben, der soll ‘s mit der Zeit wohl auch erfahren, wie gewiß ihm jetzt seine Sünden sind vergeben gewesen und er ‘s nicht hat wollen glauben.  St Paulus spricht Römer 3,3.  Um deines Unglaubens willen wird Gott nicht fehlen.  So reden wir auch jetzt nicht davon, was der Schlüssel thue und gebe.  Wer ‘s nicht annimmt, der hat freilich nichts, der Schlüssel fehlet darum nicht.  Viele glauben dem Evangelio nicht, aber das Evangelium leugnet und fehlet darum nicht.  Ein König darum nicht gelogen, noch gefehlet, sondern du hast dich betrogen und ist deine Schuld; der König hat ‘s gewiß gegeben”.

        Anmerkung: Fehlschlüssel, Wankeschlüssel, clavis errans ist der päpstliche Irrthum, daß nicht jede vom Priester gesprochene Absolution auch vor Gott im Himmel losspreche.  Dieser Irrthum hängt zusammen mit dem andern Irrthum, da man die Absolution von der Reue und Genugthuung abhängig macht und sie ein ein richterliches Erkenntniß des Priesters setzt.  Dadurch wird die ganze Absolution wankend und ungewiß.  Luther will von einem clavis conditionalis (einem bedingten Schlüssel), der uns nicht auf Gottes Wort, sondern auf unsere Reue weiset, durchaus nichts wissen, obwohl er in seinem Gutachten an den Nürnberger Rath von einer absolutio conditionalis (einer durch den Glauben bedingten Absolution) zu reden kein Bedenken trägt.

6.  Durch die Privatabsolution wird zwar keine wesentlich andere oder bessere Vergebung mitgetheilt, als in der Predigt des Evangeliums, sie ist auch zur Erlangung der Vergebung nicht in der Weise nothwendig, als ob ohne sie keine Vergebung stattfände; dennoch hat sie ihren besondern Werth und Nutzen, weil durch dieselbe der Einzelne gewisser gemacht wird, daß die Vergebung der Sünden auch ihm gehört.

        Zweitens Gutachten an den Rath zu Nürnberg:  “Wiewohl wir die Privatabsolution für sehr christlich und tröstlich halten, und daß sie soll in der Kirche erhalten werden, so können und wollen wir doch die Gewissen nicht so hart beschweren, als sollte keine Vergebung der Sünde sein, ohne allein durch Privatabsolution”.

        Von der Beichte und Sacrament:  “In der Beichte hast du auch den Vortheil, daß das Wort allein auf deine Person gestellt wird.  Denn in der Predigt fleugt es in die Gemeine dahin, und wiewohl es dich auch trifft, so bist du doch sein nicht so gewiß; aber hie kann es Niemand treffen, denn dich allein”.

7.  Mit der Privatabsolution hängt die Privatbeichte genau zusammen, welche nichts anderes ist, als daß man die Absolution begehret.  Nächstdem hat sie auch den Nutzen, daß sie dem Beichtvater Gelegenheit giebt, die Leute zu verhören,


die Predigt und den Katechismus zu üben, sie vor unwürdigem Gebrauch des Sacraments zu verwahren, allerlei Rath in schweren Gewissensfällen zu ertheilen; endlich ist sie eine Uebung in der Selbstdemüthigung.  Summa: sie ist eine Uebung des Gesetzes und Evangelii.

        Brief an die Frankfurter:  “Denn solch Beichten nicht allein darum geschieht, daß sie Sünde erzählen, sondern daß man sie verhöre, ob sie das Vaterunser, Glauben, zehn Gebote und was der Katechismus giebt, können.  Denn wir wohl erfahren haben, wie der Pöbel und die Jugend aus der Predigt wenig lernet, wenn sie nicht insonderheit gefragt und verhöret wird”.

        In den Predigten wider die Bilderstürmer:  “Es sind viel zweifelhafte, irrige Sachen, darein sich der Mensch allein nicht wohl schicken kann, auch nicht begreifen.  Wenn er nun in einem solchen Zweifel steht, und weiß nicht, wo hinaus, so nimmt er seinen Bruder auf einen Ort und hält ihm vor seine anliegende Noth, klagt ihm seine Gebrechen, seinen Unglauben und seine Sünde und bittet ihn um Trost und Rath”.

        In den Visitationsartikeln:  “Man soll auch Niemand zum Sacrament gehen lassen, er sei denn von seinem Pfarrherrn verhöret, ob er zum Sacrament zu gehen geschickt sei.  Denn St Paulus sagt 1 Cor 11, daß der schuldig sei an dem Leib und Blute des Herrn, der es unwürdig nehme.  Nun unehren das Sacrament nicht allein, die es unwürdig nehmen, sondern auch, die es Unwürdigen geben.  Denn der gemeine Pöbel läuft um Gewohnheit willen zum Sacrament und weiß nicht, warum er es brauchen soll.  Wer nun solches nicht weiß, soll nicht zum Sacrament zugelassen werden”.

        Von der Beichte an Sickingen:  “Daß wir aber williglich und gerne beichten, soll uns fürs erste reizen das heilige Kreuz, di die Schande und Scham, daß der Mensch sich williglich entblößet vor einem andern Menschen und sich selbst anklaget und verhöhnet.  Das ist ein köstlich Stück vom heiligen Kreuz.  O wenn wir wüßten, was Strafe solche willige Scham vorkäme und wie einen gnädigen Gott sie macht, daß der Mensch ihm zu Ehren sich selbst so vernichtet und demüthiget, wir würden die Beichte aus der Erde graben und über tausend Meilen holen”.

8.  Die Beichte ist nicht von Gott geboten, dennoch höchst nützlich.  Darum ist sie nicht als ein nöthiges Stück zu erzwingen, aber wo sie ist, ist sie zu erhalten, wo sie verfallen ist, durch Empfehlung und Anpreisung ihres Nutzen wiederherzustellen.

        KirchenpostilleXIV p Trin.:  “Die Papisten mögen nicht beweisen aus dem Neuen Testament, daß man Sünde beichten solle”.

II.

        Die Lehre von der Absolution und die Lehre von der Rechtfertigung stehen in einem genauen Wechselverhältniß.  Dies erhellet

        A.  daraus, daß die Lehre von der Rechtfertigung das Fundament ist, auf welches die Lehre von der Absolution sich gründet, und der Brunnen,


aus welchem sie fließt.  Ohne die Rechtfertigung wäre die Absolution ein Unding.

        B.  daraus, daß durch die reine lutherische Lehre von der Absolution die Rechtfertigung nicht nur erklärt, erläutert und verherrlicht wird, als ein freies, vollkommen erworbenes Gnadengeschenk Gottes, welches allein durch den Glauben empfangen wird, sondern auch und vornehmlich daß durch die Privatabsolution die Lehre von der Rechtfertigung dem einzelnen Sünder recht tröstlich und genießbar gemacht wird; denn in der Absolution wird ihm die Rechtfertigung aus Gnaden nicht als eine in weiter Ferne stehende, erst durch lange Bußkämpfe und Vorbereitungen zu erringende, sondern als eine vollkommen erworbene, durch ‘s Wort des Evangelii einem jeden einzelnen nahe gebrachte Gabe zugeeignet.

        C.  Noch klarer erhellet die enge Verbindung der beiden Lehren, wenn wir in ‘s Auge fassen, wie die Verfälschung der Lehre von der Absolution auch falsche Lehre von der Rechtfertigung entweder voraussetzt, oder nach sich zieht.  Dies wird uns um so einleuchtender werden, wenn wir es an einzelnen Beispielen nachweisen.

        1.  Die papistische Lehre von der Beichte, als einer Genugthuung für die Sünde, von nothwendigen Aufzählung aller Sünden, die papistische Lehre von der Absolution, als einer richterlichen Handlung des Beichtigers, von dem Fehlschlüssel, muß nothwendig dem armen Sünder den Trost der Rechtfertigung rauben, ja die Rechtfertigung selbst vernichten, und wiederum ist die ganze Lehre der Papisten von der Absolution die unausbleibliche Folge ihrer Irrlehre von der Rechtfertigung, als einer durch Verdienst de congruo  und de condigno (durch gebührliches und rechtes ganzes Verdienst) erworbenen Gnade.

        2.  Die Lehre der Reformirten von einem decretum absolutum (einem unbedingten Rathschluß) und einer voluntas signi et beneplaciti (einem geoffenbarten und einem geheimen Willen Gottes) macht, ähnlich dem Fehlschlüssel, den Trost der Absolution zunichte, also daß kein Mensch gewiß sein kann, daß ihm durch die Absolution des Beichtvaters seine Sünden vor Gott im Himmel vergeben seien; ferner indem sie die Absolution für eine leere Verkündigung der Vergebung der Sünden erklären, nehmen sie das ordentliche Mittel, die Brücke und den Steg, wodurch die Gnade der Rechtfertigung unser Eigenthum wird, hinweg;  endlich weisen sie dem Glauben eine ganz falsche Stellung an, und machen ihn zu etwas die Rechtfertigung durch Gebet und innerliche Arbeit zu Erringendem, und lassen ihn nicht sein, was er ist, die Hand, welche die dargebotene Gnade annimmt.

        Die methodistische Verwerfung der Absolution, als einer wahrhaften Mittheilung der Sündenvergebung, ist im Grunde nichts anderes, als eine Wiederholung der reformirten Irrlehre, insbesondere muß die Vermengung der Rechtfertigung und Heiligung, der Vergebung und deren Versicherung im Herzen, welches ein Grundzug des Methodismus ist, die Absolution theils unnütz machen, theils ihres Trostes berauben.

        3.  Der Pietismus innerhalb der lutherischen Kirche hat zwar keine besondere Lehre von der Absolution aufgestellt; allein durch seine unevangelische Betonung des ersten Stückes der Buße, durch seine beängstigende Classificirung der Seelenzustände, durch die mit dem Trostamte in Mißverhältniß stehende Warnung vor mißbräuchlicher Aneignung der Sündenvergebung,


auch durch die Weise, wie er gewöhnlich vom Glauben redet, indem er ihn immer mehr von der Seite seiner das Herz erneuernden Kraft, als von Seiten des Nehmens und Empfangens hinstellt, wird die Lehre von der Rechtfertigung und vom Glauben nicht unbedeutend in ‘s Dunkel gestellt und demnach muß diese unevangelische Behandlung der Lehre von der Rechtfertigung und vom Glauben auch die Absolution verdunkeln, schmälern und ihr ihre tröstende Kraft entziehen.

        4.  Die Lehre der romanisirenden Lutheraner von der Absolution, als eines ausschließlichen Amtsvorrechts der ordinirten Pastoren, wobei die Laienabsolution wenig oder keinen Raum behält und nur für eine tröstliche Zusprache ohne wirkliche Mittheilung der Sündenvergebung erklärt wird, verstößt gröblich gegen die Lehre von der unmittelbaren Kraft des Wortes und der Sacramente, und verkümmert, soviel an ihr ist, dem Sünder die Fülle des Trostes, der in Luthers Lehre von der Absolution, als einer der ganzen Kirche und jedem einzelnen Christen gegebenen Macht. Sünden zu vergeben, liegt.

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        Nach Vorlesung des ganzen vorstehenden Referats im Zusammenhange wurde jeder einzelne Satz desselben sammt den Belegen aus Luthers Schriften und den Symbolen nochmals gehört und gründlich besprochen, und zwar verhandelte die Synode auf solche Weise über den ersten Theil des Referats, nämlich die sechs ersten Sätze.  Was den 7 und 8 Satz betrifft, so erklärte sie zwar, daß dieselben nicht in dies Referat gehören (weswegen sie auch nicht weiter besprochen wurden), beschloß jedoch, daß sie im Synodalbericht mit abgedruckt werden sollen.  Zur Besprechung des zweiten Theils blieb leider keine Zeit übrig.

Erster Satz:  Absolution oder Lossprechung von Sünden ist, nach Luthers Lehre, das Evangelium, sei es, daß es Vielen, oder daß es Einzelnen verkündigt wird.

        Nachdem bemerkt worden war, wie überaus wichtig dieser Satz und wie wünschenswerth es sei, daß wir alle über die in demselben ausgesprochene Wahrheit recht klar und einig werden, sintemal in unserer Zeit gerade auch darüber eine wahrhaft babylonische Verwirrung herrsche und es gewiß auch unter uns nicht an Unklarheit in diesem Punkte fehle, so wurde zunächst ausgesprochen, daß, wenn hier die Absolution die Predigt des Evangeliums genannt werde, damit die heil.  Sacramente keineswegs aus - sondern mit eingeschlossen seien, da ja auch die Verwaltung der Sacramente eine, und zwar sichtbare Predigt des Evangeliums sei, daher sie auch von den alten luth Theologen das sichtbare Wort genannt werden.

        Demnächst erhob sich die Frage: ob nicht der Begriff von Absolution in der gegebenen Definition zu weit gefaßt sei? -- ob denn jede Predigt des Evangeliums wirklich eine Absolution sei?  -- Darauf ward geantwortet: Allerdings ist jede Predigt des Evangeliums Absolution; denn solche Predigt ist ja nichts anderes, als Darreichung und Austheilung der vorhandenen und in ‘s Evangelium gefaßten Sündenvergebung, geschehe sie nun öffentlich, an den Haufen, oder sonderlich, an den Einzelnen.


        Auf die jetzt gestellte Forderung, daß bei der Definition der Predigt des Evangeliums als Absolution zugleich die Nothwendigkeit des Glaubens an das Evangelium hervorgehoben werden sollte, geschah folgende Erwiderung: Es kommt hier vorerst alles darauf an, zu erkennen, daß der große Schatz des Evangeliums, die durch Christum für alle Menschen geschehene Erlösung und die dadurch erworbene Sündenvergebung auch allen Menschen dargebracht wird, nach dem Befehl Christi:  “Prediget das Evangelium alle Creatur”.  Allen, die es hören, ob sie glauben oder nicht glauben, wird die Vergebung der Sünden verkündiget und dargereicht.  Der Prediger spricht, wenn er das Evangelium verkündiget, immer die Absolution, und zwar auch denen, die nicht glauben; denn die Absolution ist ein göttlicher Act und nicht vom Glauben oder Unglauben der Menschen abhängig.  Der Ungläubige stoßt denn freilich die auch ihm durch die Predigt des Evangeliums geschehene Absolution von sich und geht ihrer eben darum verlustig.

        Dagegen wurde eingewendet:  Nach Gottes Wort könne und dürfe man ja doch den ungläubigen Sündern die Sünde nicht vergeben, sondern solle und müsse sie ihnen vielmehr behalten; da nun den Ungläubigen in der Predigt die Vergebung der Sünde nicht zu Theil werde, wie könne denn die Predigt des Evangeliums immer Absolution sein? -- Antwort: Die Thatsache der Erlösung und Versöhnung des ganzen menschlichen Geschlechts durch Jesum Christum und damit die Vergebung aller Sünden aller Menschen von Seiten Gottes, die ja eben das Evangelium verkündiget, anbietet und giebt, kann durch den Unglauben der Menschen nimmermehr zur Unwahrheit werden, wenn sie auch der Ungläubige nicht annimmt, sondern von sich stößt und darum, ja eben darum allein verloren geht.  Wie daher Absolution oder Lossprechung von Sünden nichts anderes sein kann, als die Predigt des Evangeliums, geschehe sie öffentlich oder sonderlich, so ist auch jede Predigt des Evangeliums, geschehe sie durch Wort oder Sacrament, immer eine Absolution von allen Sünden.

        Da aus diesen wiederholt ausgesprochenen Bedenken hervorging, daß über den ersten Satz noch nicht die erwünschte Klarheit und Einigkeit vorhanden, so sah sich die Synode veranlaßt, noch weiter und gründlicher über denselben zu verhandeln.  Man sprach sich zuvörderst dahin aus: daß noch keine rechte Einigkeit unter uns da ist, scheint daran zu liegen, daß Manche sich das Evangelium als Gnadenmittel getrennt denken vom Gnaden - Schatze, nämlich etwa so, wie wenn ein König durch eine Botschaft auffordern ließe, an einen gewissen Ort zu kommen, wo ein Schatz ausgetheilt werden solle, da denn der Schatz nicht bei der Botschaft sei, sondern anderwärts gesucht und geholt werden müsse; während es doch also ist, daß das Evangelium den Gnadenschatz der Vergebung der Sünde in sich schließt und die Verkündigung desselben diesen Schatz darreicht und mittheilt.  Die Darreichung hängt nicht davon ab, ob die Leute glauben oder nicht glauben, nein, der Schatz ist immer da beim Wort und wird allen, die es hören, dargereicht.  Die Sonne scheint, ob auch alle die Augen zuthun und ihr Licht nicht sehen.  Zur Erläuterung kann man das Beispiel der Auferweckung des Jünglings zu Nain hieherziehen.  Das Wort Christi: “Jüngling, ich sage dir, stehe auf”! war kein leerer Schall, keine leere Verkündigung, sondern erweckte bei dem todten Jüngling Gehör und Leben.  So erweckt das Evangelium


das geistliche Gehör, den Glauben, und theilt also den Schatz der Vergebung, welchen es in sich trägt, mit.

        Hieran schloß sich nun folgende in der Synode auftauchende Frage: Es wird von uns immer der Satz ausgesprochen und bekannt: Durch die Auferweckung Christi von den Todten hat Gott die ganze Welt absolvirt, dh von Sünden losgemacht; wenn hiernach die Welt bereits längst absolvirt und von Sünden losgemacht ist, was ist denn die Absolution oder Predigt des Evangeliums in der Kirche?  Ist sie auch ein Losmachen, oder bloß eine Verkündigung der schon geschehenen Losmachung?

        Antwort: Die Absolution der ganzen Welt ist in Gottes Herzen geschehen in dem Augenblicke, da durch den Herrn Christum die Erlösung vollbracht war, und weil vor Gott schon von Ewigkeit die Erlösung als vollbracht stand, so kann man sagen: In Gottes Herzen war die Absolution der Welt schon von Ewigkeit.  Aber wir haben sie noch nicht.  Was soll nun geschehen, damit wir sie erlangen?  Gott hat die Erlangung der Absolution an nichts geknüpft, das wir zu thun hätten, uns dieselbe zu verdienen, sondern aus freier Gnade will er sie uns geben und schenken.  Da ist nun kein anderes Mittel, das Geschenk anzunehmen, als der Glaube an Jesum Christum.  Damit die Absolution aber von uns angenommen werde, muß Gott sie uns bringen, und eben durch das Evangelium geschieht das Bringen dessen, was in Gottes Herzen ist.  Die Predigt des Evangeliums bringt uns also die Absolution, die in Gottes Herzen ist, damit der Glaube sie annehme; dies liegt in den Worten des Apostels:  “Wie sollen sie glauben, von dem sie nichts gehöret haben”? -- Wo die Predigt des Evangeliums verkündigt wird, da tritt der liebe Gott selber vor den Sünder hin und spricht: Ich bin versöhnt und verkündige dir hiermit, daß dir alle deine Sünden vergeben sind.  Wie nun das keine leere Verkündigung, sondern eine wahrhaftige Mittheilung der Vergebung wäre, wenn Gott unmittelbar so zu dem Sünder spräche, so ist auch die Predigt und Absolution der Prediger zwar nichts anderes, als eine Verkündigung der Vergebung, aber eine solche Verkündigung, die die Vergebung wirklich bringt und giebt.  Am besten können wir uns die Sache durch ein Bild deutlich machen.  Wir Menschen alle liegen von Natur in einem gräulichen Gefängniß gefangen; Christus hat die Pforten dieses Gefängnisses gesprengt; wir wissen, sehen und fühlen es zwar nicht, sie sind aber gesprengt.  Und wenn wir es auch sähen, hätten wir dennoch das Herz nicht, herauszugehen, weil wir befürchten müßten, daß wir draußen auf der Stelle würden ergriffen und wieder hineingeworfen werden.  Das Evangelium ist aber die selige Botschaft Gottes an uns: Gehet heraus, ihr seid erlöst, ihr seid begnadigt, ihr seid frei!  Das Evangelium ist also nicht eine Verkündigung, daß wir erst erlöst und begnadigt sollen werden, sondern daß wir bereits erlöst und begnadigt sind, und die Absolution im Evangelio ist nichts anderes, als eine Wiederholung der thatsächlichen Absolution, die bereits geschehen ist durch die Auferweckung Jesu Christi von den Todten.

        Hierbei wurde wiederum gefragt: Wenn durch die Auferweckung Christi die Welt absolvirt ist, wird sie dann noch einmal absolvirt durch das Evangelium?  Wenn man sagen muß, die Welt sei schon absolvirt,


muß man da nicht auch behaupten, die Predigt des Evangeliums sei nur eine Ankündigung der Absolution?

        Darauf ward geantwortet: Man spricht nicht: Wir werden noch einmal erlöst und versöhnt, sondern was einmal geschehen ist, wird uns zugeeignet.  Wenn der Apostel sagt: “Ist Einer für Alle gestorben, so sind sie alle gestorben,” so ist das gleich dem: Ist Einer zum Leben auferweckt, so sind sie alle zum Leben auferweckt.  So gewiß Christus gestorben, und zwar für alle Menschen gestorben ist, so gewiß sieht Gott alle Menschen als um ihrer Sünde willen gestorben an.  Christi Tod hat als der Tod für alle Menschen die Sünde getilgt.  Ist dagegen Christus auch an aller Menschen Statt auferweckt, so sind in Christo alle Menschen für gerecht erklärt; denn Christus bedurfte als der Gerechte für seine Person nicht durch die Auferweckung gerechtfertigt zu werden, sondern dies ist geschehen um unsertwillen, an deren Statt er gestorben und auferstanden ist, und also sind in Christo Alle gerechtfertiget.  Die Versöhnung und die Rechtfertigung ist bereits geschehen in Gottes Gericht, aber wir haben sie noch nicht.  Da hat Gott nun das Wort erwählt, sie uns zu geben.  Nicht durch eigene Werke sollen wir sie verdienen, sondern der Glaube soll sie ergreifen.  Soll das aber der Glaube thun, so ist das Wort nöthig, weil ohne Wort kein Glaube möglich ist.  Das Wort und natürlich auch die Sacramente sind daher das Mittel, dadurch uns der Schatz mitgetheilt wird.  Wenn unter einer bloßen Ankündigung der Vergebung dies verstanden wird, daß man lediglich davon erzählt, so muß auf die Frage: ob die Predigt des Evangelii nur eine Ankündigung der Absolutions sei, mit Nein geantwortet werden; sie ist aber eine solche Ankündigung, die zugleich das giebt, was sie verkündigt.  Ein Beispiel kann das deutlich machen.  Wenn ein reicher Mann ein großes Geschenk für Jemand bestimmt hätte, und Jemand erzählte mir davon, so würde mir dies nichts nützen; aber wenn ich als ein zum Tode Verurtheilter im Gefängniß läge und der König, der mich begnadigt hätte, sendete seinen Diener zu mir mit der Ankündigung des Pardons, so wäre ich wirklich pardonirt.  So hat auch Gott uns in Christo begnadigt und läßt mir den Pardon im Evangelio verkündigen.  Jede Creatur hat das Recht, mir zu sagen: Du bist erlöst und mit Gott versöhnt, deine Sünde ist dir vergeben: daher auch Christus sagt: “Prediget das Evangelium aller Creatur”.  Gewaltiger hätte der Herr nicht reden können.  Wo nur die Schöpfung hinreicht, da soll diese selige Botschaft ausgerufen werden: der Mensch ist erlöst und mit Gott versöhnt; wer glaubt, der hat, was die Botschaft sagt, nämlich Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit.  Zur weiteren Erläuterung diente auch noch dieses Beispiel: Wenn das Gericht einen Gefangenen freigesprochen hat, ist er frei in der Gerichtsstube, aber so lange er es noch nicht weiß, ist und bleibt er ein Gefangener.  Wenn nun das Gericht einen Boten zu ihm sendet mit der Botschaft: du bist frei, so ist diese Botschaft keine bloße Erzählung und leere Verkündigung, sondern eine wirkliche Mittheilung der Freiheit.  Also ist auch das Evangelium nicht eine leere Verkündigung von der durch Christum geschehenen Erlösung und erworbenen Vergebung, sondern eine solche Verkündigung, welche die Vergebung wirklich mittheilt und zueignet.

        Zu der hier folgenden Bemerkung, daß die Vergebung, die auf Gottes Seite geschehen, durch das Evangelium mitgetheilt und also, wie


manche alte Agenden sagen, das Gewissen “ruhsam” gemacht werde, wurde als Erläuterung hinzugefügt: Man denke sich Gott als einen reichen Mann, der stellt auf mich eine Anweisung auf eine Million aus.  Wenn Gott unterzeichnet hat, so ist die Summe mein Eigenthum; denn die Anweisung lautet auf meinen Namen.  Aber die Anweisung muß mir gebracht werden, damit ich ‘s weiß und des Geschenks gewiß und froh werde.  Gott hat nun unterzeichnet durch die Auferweckung seines Sohnes; allein ich habe die Anweisung noch nicht.  Darum hat der Herr Christus das Predigtamt eingesetzt, dh die Ordnung gemacht, daß das Evangelium verkündigt werde, durch diese Botschaft wird mir die Million Goldgulden gebracht.  Das Wort des Evangeliums ist eine Ankündigung von dem, was Gott längst gethan hat, darum bringt ‘s den Schatz der Vergebung; der Aussteller der Anweisung hat den Mann reich gemacht, obwohl er ‘s noch nicht weiß, durch die Verkündigung erfährt er ‘s, wird ihm aber auch der Reichthum zugetheilt.  Weil die Kirche ua auch die Absolutions - Formel gebraucht: “Ich verkündige dir die Vergebung,” so meinen Viele, es wäre die Absolution eine leere Verkündigung.  Die Formel: “Ich verkündige dir die Vergebung,” ist ganz richtig, gut und köstlich, da sie jedoch leicht im Sinne reformirter Irrlehre verstanden werden könnte, brauchen wir sie nicht allein.  Weil die Ankündigung wirklich Vergebung ist, darum sagen wir: “Ich vergebe dir deine Sünden”.  Das Wort Christi: Gehet hin in alle Welt usw, ist dasselbe, als jenes: Welchen ihr die Sünden erlasset usw; in letzterem Wort ist nur angezeigt, welche Bedeutung, Kraft und Wirkung das Evangelium habe; nicht ein neues Amt neben und außer dem Amt des Evangelii ist dadurch aufgerichtet, sondern nur gelehrt worden, daß das Amt des Evangelii nichts anderes sei, als das Amt der Vergebung der Sünden.

        Ein Bedenken gegen obige Auseinandersetzungen wurde folgendermaßen ausgesprochen: Wenn ich an Christum glaube, habe ich Vergebung der Sünden, und kann mir daher die Absolution gar nichts bringen, was ich nicht schon habe.  Durch Wort und Taufe ist mir die Vergebung zugeeignet, ich habe sie also beständig und unverrückt; darum kann mir die Absolution nur eine Erinnerung sein an das, was ich schon habe.  Wenn ich das vergesse, so sagt mir die Absolution: Bedenke, was du hast.  Als Petrus auf dem Meer wandelte, ging alles gut, so lange er sich des Wortes Christi erinnerte: “Komm her”;  da er aber beim Anblick des Ungestüms dies Wort vergaß und anhub zu sinken, streckte Christus die Hand nach ihm aus, daß er nicht untersänke.  Die Hand, die Petrum herauszog, ist uns die Absolution, die uns tröstet, wenn uns die Gnadensonne der einmal geschehenen Vergebung mit Wolken der Anfechtung bedeckt ist.  Die Absolution ist also nur der Trost gegen Anfechtung, Zweifel und Muthlosigkeit.

        Dagegen wurde erinnert, der Redende verstehe ohne Zweifel Absolution im engeren Sinne; wir aber reden im Allgemeinen von dem Evangelio als der Absolution.  Ferner wurde entgegnet: Was da eben gesagt worden ist, beruht, wenn man die Worte nimmt, wie sie lauten, doch wohl auf einer irrigen Vorstellung.  Die Gnade, die wir bekommen, stecken wir nicht ein, wie man ein Stück Brod in die Tasche steckt, so daß man sagen könnte: Was ich bereits eingesteckt habe, kann mir nicht mehr gegeben


werden; nein, die Gnadengüter sind ganz andern Charakters, sie werden fortwährend gegeben und empfangen.  So lange wir im Glauben wandeln, findet immer ein Geben und Nehmen derselben statt.  Der Glaube ist ja nichts anderes, als ein Nehmen; daraus folgt, daß die Gnadengüter immer gegeben werden, Gott giebt sie dem Glauben fort und fort.  Es ist wahr, in der Taufe habe ich die Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit empfangen, darum habe ich sie; indessen wenn Gott nicht fort und fort gäbe, hätten wir nichts; meine Absolution besteht darin, daß ich gebe, dh Gott giebt durch mich.  Ich kann nicht sagen: Ich habe, darum kann ich bloß erinnert werden an das, was ich habe; nein, mir muß fort und fort gegeben werden.  Gott giebt mir aber dadurch, daß er mir sein Wort vorhalten läßt, der Glaube ergreift das Wort und empfängt daher, was das Wort in sich schließt.  Wenn ich sage: Was ich habe, das habe ich im Glauben an das Wort, so folgt daraus nicht: Also kann die Absolution nichts, als eine bloße Erinnerung sein; sondern es folgt nur dies: Die Absolution giebt mir nichts weiter, als was ich schon habe.  Das Wort giebt immer, der Glaube nimmt immer.  Die Lösung des Bedenkens ist: Der Glaube ist ein fortwährendes Nehmen der Schätze im Wort; darum muß das Wort immer gepredigt werden, und es kann den Menschen nicht genug geprediget werden, sie können nicht genug absolvirt werden, nicht genug das heil.  Abendmahl empfangen.  Wir leben hier im Glauben, der muß immer nehmen; im Schauen dereinst wird ‘s anders sein.  Zum Verständniß dessen dient auch, was Luc 7 von der großen Sünderin geschrieben steht; der Herr Christus bezeugt und erinnert nicht nur: “Ihr sind viele Sünden vergeben,” sondern spricht ihr auch noch einmal besonders die Absolution.

        Auf die Frage, warum man, da die Welt bereits vor 1800 Jahren absolvirt sei, dennoch nicht sage, der Welt seien die Sünden vergeben?  erfolgte die Antwort: Wenn man so schlechthin und ohne Erklärung sagte: Der Welt sind die Sünden vergeben, so würde das mißverständlich sein; Viele würden es nämlich so verstehen, daß alle Menschen bekehrt wären, glaubten und in den Himmel kämen.  Wenn man indessen spricht: Von Seiten Gottes sind der Welt die Sünden Vergeben, so ist ‘s recht geredet.  Was hilft mirs aber, wenn mir Gott sagt: Ich bin dein Freund, und ich denke, er ist mein Feind?  Gott ist wohl mit uns versöhnt, aber wir nicht mit ihm, daher der Apostel sagt: “Lasset euch versöhnen mit Gott”.  Gott muß uns die Hand der Versöhnung reichen, wenn wir sollen mit ihm versöhnet werden; die hat er gereicht, er ist mit der Welt versöhnt, aber wir glauben ihm nur nicht und fürchten uns daher vor ihm; darum sagt er durch das Evangelium: Du brauchst dich nicht zu fürchten, ich bin dir versöhnt, glaube nur, so sind dir alle deine Sünden vergeben.  Man denkt gewöhnlich, das Wort sei allein ein Mittel, dadurch eine solche Veränderung im Herzen bewirkt werde, daß ein Glaube entstehe, der da lebendig sei, und diesen Glauben hält man für so ein herrliches Werk, um welches willen Gott den Sünder begnadige, bedenkt aber nicht, daß der Glaube an sich eine leere Hand ist, die sich nur füllen läßt.

        Ein Synodale bemerkte: Evangelium und Lossprechung von Sünden sei eins und dasselbe, das sei ihm klar; aber wenn man nur ein


Stück des Evangeliums, als zB das Stück von der Todten Auferstehung predige, so könne man doch wohl nicht sagen, daß das Absolution sei. -- Darauf antwortete man: Es ist einerlei, ob ein Theil oder das ganze des Evangeliums geprediget werde, es ist immer Absolution.  Wenn man so im Allgemeinen von der Auferstehung der Todten prediget, so prediget man kein Evangelium; denn solche Predigt wirket bei den Gottlosen Schrecken und Entsetzen; wenn man aber prediget, daß die Gläubigen auferstehen, und zwar zum ewigen Leben auferstehen, so ist dies ein gar herrliches und tröstliches Evangelium.  Zur Begründung, daß auch im kleinsten Stücklein des Evangeliums die Absolution stecke, ward das Beispiel eines Angefochtenen angeführt, der durch den Spruch: “Gott hilft beide Menschen und Vieh,” auf einmal aus aller Angst und Noth gerissen und mächtig getröstet wurde.

        Schließlich wurde nun über den ersten Satz noch Folgendes ausgesprochen: Es darf nicht verwechselt werden, was Christus gethan hat, und was an Christo geschehen ist.  Sein Leiden, Sterben und Auferstehen war keine Absolution, wohl aber seine Auferweckung von den Todten.  Unsere Predigt und Absolution ist der moralischen Wirkung nach nichts anderes, als was Gott an Christo gethan hat; der Unterschied besteht nur darin, daß Gott durch die Auferweckung seines Sohnes die ganze Welt absolvirt hat, wir aber nur Einzelne, Prediger zB nur ihre Gemeinden absolviren.  Christus war unser Stellvertreter; er ward für uns gestraft, verdammt und verflucht, in ihm wir.  Er ward an unserer Statt endlich in den Schuldthurm des Todes geworfen, aber am dritten Tage ließ ihn Gott wieder heraus und machte ihn herrlich.  So wenig ward Christus am Kreuz für seine eigene Person gestraft, so wenig er selbst ein Sünder war; sondern wir wurden in ihm gestraft, in ihm sind wir auch gerechtfertigt.  Durch Christi Auferweckung sprach Gott die ganze Welt gerecht.  Wenn wir alle das wüßten, so wäre ‘s genug; da wir ‘s aber nicht wissen, so bliebe der Schatz unbenutzt, wenn wir ‘s nicht erführen.  Da spricht nun Gott: Was ich gethan, soll verkündigt werden.  So gewiß die Auferweckung Christi eine wahre Absolution ist, so gewiß ist auch meine Absolution keine bloße Erzählung, sondern eine wirkliche Mittheilung der Vergebung.  Die Absolution ist ein Act Gottes, welcher gilt bis an ‘s Ende der Welt.  Unsere Absolution ist nichts anderes als eine Wiederholung des Actes Gottes in der Auferweckung Christi.  Die Reformirten dagegen sehen das Evangelium für weiter nichts an, als eine Erzählung von der Erlösung, welche die moralische Kraft habe, einen Menschen in eine andere Gesinnung und durch die andere Gesinnung in einen solchen Zustand zu versetzen, in welchem er Gott gefällt.  Zu unserer Seligkeit mußte zweierlei geschehen, 1), die Vergebung der Sünde mußte erworben werden, das hat Christus gethan; 2), in Folge der Vollkommenheit und Vollgültigkeit des Verdienstes Christi mußte der dreieinige Gott vergeben, das hat Gott gethan und thut ‘s noch fort und fort bis an den jüngsten Tag, aber nicht mehr so, wie bei der einmaligen Auferweckung seines Sohnes, sondern durch die Verkündigung des Evangeliums.

Zweiter Satz: Die Privatabsolution ist demnach nicht eine außer oder neben dem Evangelio bestehende Macht, Sünden zu


vergeben, sondern sie ist nichts anderes, als die Predigt des Evangeliums an den einzelnen Sünder.

        Da dieser zweite Satz nothwendig aus dem ersten folgt, auch bei der Besprechung dieses schon mitbesprochen wurde, so ward er ohne weitere Discussion angenommen.

Dritter Satz:  Die Verwalter und Austheiler der Absolution im öffentlichen Amte sind die Prediger des Evangelii; sonst aber alle Christen, weil die ganze Kirche die ursprüngliche Inhaberin der Schlüssel ist; der aber, welcher durch ihren Dienst die Sünde vergiebt, ist der dreieinige Gott.

        Zu diesem Satze ward zuvörderst bemerkt: daß Gott Sünde vergiebt, glauben alle Denominationen; daß er durch Menschen Sünde vergiebt, glauben nächst den Lutheranern keine, außer die Römischen, diese aber ganz verkehrt; viele Lutheraner glauben wohl, daß Gott durch die Prediger Sünden vergebe, aber nicht durch die gemeinen Christen.  Wir sollten uns alle recht klar darüber werden, daß es ordentlicher Weise auf Erden keine Lossprechung von Sünden giebt, ohne durch Menschen. -- Ferner ward erinnert: die Erfahrung lehrt, daß selbst diejenigen unter den sogenannten Lutheranern, welche noch die Lehre haben, daß Prediger Sünden vergeben können, und daß Gott überhaupt durch Menschen, und nur durch Menschen die Sünde vergebe, häufig es dennoch nicht glauben.  Gar Viele suchen die Vergebung darin, daß in eines Menschen Herzen etwas vorgeht, auf Grund welcher Vorgänge der Mensch endlich die Stimme des heil.  Geistes im Herzen höre:  dir sind deine Sünden vergeben, du bist ein Kind Gottes!  Solche Erfahrungen sind aber nicht der Weg zur Vergebung der Sünden, sondern umgekehrt auf dem Wege der Vergebung macht man solche Erfahrungen.  Woher kommt es, daß ein Mensch Vergebung der Sünden hat und derselben gewiß ist? -- Dadurch, daß man auf solche Vorgänge, Erfahrungen und Empfindungen baut, baut man auf einen schlüpfrigen Grund, selbst wenn dieselben vom heil.  Geist gewirkt sind; denn man kann sie heute haben, und morgen vielleicht nicht mehr.  Wer die Gewißheit der Vergebung auf solche innere Vorgänge baut und kommt in Todesnoth, wo er vielleicht nichts mehr davon spürt, der fährt mit Ach und Weh dahin.  Darum sollen wir wissen, die Vergebung ist immer da, Christus hat sie erworben und als Schatz seiner Kirche anvertraut, und da will er sie auf keine andere Weise austheilen, als durch die Gnadenmittel.  Wenn ich nun glaube, daß sie auch für mich da ist, weil ich weiß, ich bin getauft, ich glaube den Verheißungen des Evangeliums, ich bin zum heil.  Abendmahl gegangen und tröste mich der köstlichen Verheißung: das ist mein Leib, für dich gegeben, das ist mein Blut, für dich vergossen zur Vergebung der Sünden, -- wenn ich also stehe, so stehe ich recht.  Alles andere, darauf man baut, ist ein Grund neben dem rechten Grunde, wenn man diesen überhaupt noch hat; wie Mancher aber mag den rechten Grund verlassen haben!  Es bleibt ewig wahr, die Vergebung der Sünde ist allein durch Christum erworben, wird allein durch ‘s Evangelium ausgetheilt und allein durch den Glauben


ergriffen.  Was ich im Herzen durch Wirkung des Heil.  Geistes empfinde, das sind Früchte der Vergebung;  wenn ich die auch nicht bei mir finde, glaube aber dem Evangelio, so habe ich doch Vergebung der Sünden.

        Die Frage: Wenn ich das Vaterunser bete und glaube, habe ich da auch Vergebung der Sünden durch Menschen? -- wurde dahin beantwortet: Ja, ganz gewiß!  denn alles Wort Gottes, auch das Vaterunser, ist uns durch Menschen vermittelt.  Hätten nicht die Apostel Befehl zu predigen empfangen, so hätten wir auch kein Wort Gottes.  Der Gegensatz gegen das: “Nur durch Menschen,” ist nur dieser, das ich nicht durch heimliche Stimmen und außerordentliche innere Empfindungen der Vergebung gewiß wolle werden.  Darauf läßt sich Gott nicht ein, sondern spricht: Schlag die Bibel auf, lies, höre das Evangelium und glaube, -- das ist der Weg; wenn du den Weg gehst und dem Worte glaubst, wirst du auch, so bald es mir gefällt, das Zeugniß des Geistes fühlen; denn dies ist eine Frucht, die auf Glauben und Vergebung folgt.

        Die Ursache, warum Viele an der Lehre, daß durch Menschen Sünden vergeben werden, sich stoßen, ist, weil sie meinen, wir glauben, der Prediger habe durch die Ordination eine besondere Beschaffenheit empfangen, so daß, wenn er nur die Worte spricht, er durch eine geheime Kraft Vergebung mittheile und die Sünde gleichsam hinwegzaubere.  Aber diese Meinung beruht auf grobem Mißverstand; denn das ist nicht die Lehre unserer Kirche; dieselbe lehrt vielmehr also: die Vergebung ist da und auszurufen in aller Welt; das Wort der Gnade, der Kirche gegeben, ist Gottes eigenes Wort; wo es erschallt, da erschallt Gottes Stimme; so gewiß in der Bibel steht: “Glaube an den Herrn Jesum Christum,” und: “Welcher des Herrn Namen anrufen wird, soll selig werden,” so gewiß redet Gott zu uns, wenn er uns diese Verheißungen verkündigen läßt; nicht in der Beschaffenheit des Predigers, sondern im Wort liegt die Macht, Sünde zu vergeben, nicht weil ‘s der Prediger sagt, sondern weil ‘s Gottes Wort ist, wenn ‘s auch ein Knabe sagte, habe ich Vergebung der Sünden.  In solcher Lehre ist keine Spur eines elenden Predigerstolzes zu finden. -- Viele sagen: Ja, die lutherische Kirche ist schön, das ist nicht zu läugnen; jedoch ihre Lehre von der Absolution ist ein Anhängsel aus dem Papstthum.  Aber Gott behüte! die lutherische Kirche verflucht die papistische Irrlehre von der Absolution; ihre Absolution ist das süße Evangelium, ohne welches eine rechte Versicherung der Gnade und Vergebung der Sünde gar nicht möglich ist.  -- Wenn wir sagen, wir empfangen Vergebung nur durch Menschen, so wollen wir dasselbe, was Luther will, wenn er so oft spricht, wir empfangen sie durch das leibliche und mündliche Wort.  Es handelt sich also darum, daß es das leibliche und mündliche Wort ist, wodurch ich Vergebung der Sünden erlangen will; wenn ‘s das ist, so ist es gleichviel, ob ich ‘s lese, oder mich in Gedanken desselben erinnere, oder es vom Prediger, oder auch von einem Kinde höre, -- es verkündigt und bringt mir immer Vergebung. -- Wir gründen unsere Lehre ua auch auf das köstliche Wort des letzten Sonntagsevangeliums (Dom. XIX p Trinitas):  “Der solche Macht


den Menschen gegeben hat”.  Warum wird das vom Evangelisten besonders erwähnt, daß das Volk Gott gepriesen, der solche Macht den Menschen gegeben habe?  Er will damit anzeigen, daß der heil.  Geist in jenem Volk, das Christum noch nicht für wahren Gott erkannte, doch diese herrliche Erkenntniß gewirkt habe, daß solche Macht, nämlich Sünde zu vergeben, den Menschen gegeben ist.  Wie dort Christus, auch nach seiner Menschheit, Sünde vergeben hat, so werden auch uns jetzt durch Menschen unsere Sünden vergeben.

        In Bezug auf den gewöhnlichen Einwand Vieler: Wie kannst du dir anmaßen, mir die Sünde vergeben zu wollen?  Du kannst ja nicht wissen, ob ich bei Gott in Gnaden stehe!  wurde bemerkt, dieses Bedenken komme daher, daß die Leute glauben, es müsse erst in ihnen etwas vorgegangen sein, auf Grund dessen sie sich der Vergebung der Sünden getrösten dürften, während doch durch die Vergebung erst Erfahrungen gewirkt werden.  Nach der Schrift gehört die Vergebung Allen, soll auch Allen gesprochen werden, nur nicht den Säuen und Hunden, di Solchen, die durch offenbare Gottlosigkeit und Unbußfertigkeit zu erkennen geben, daß sie den dargereichten Schatz verachten, sowie die Säue köstliche Perlen mit Füßen treten und Hunde Einen anfallen, wenn man ihnen etwas darreicht.

        Um Mancher willen, denen diese Sprache über diese Lehre noch etwas fremd sein dürfte, wurde noch hinzugesetzt: Wenn wir sagen, die Vergebung geschehe durch ‘s Wort, welches Menschen sprechen, so meinen Viele, wir wären überhaupt Feinde von inneren Erfahrungen und bauten das ganze Christenthum auf die äußerlichen Ceremonien des Gottesdienstes.  Freilich lehren wir: Gott will die Vergebung allen Menschen schenken, hat ‘s auch schon gethan durch die Auferweckung seines Sohnes; aber wir lehren auch zugleich: Wer das Evangelium recht hören soll, dem muß zuvor das Gesetz in seiner ganzen Schärfe und mit allen seinen Schauern und Schrecken gepredigt werden.  Wer nicht durch ‘s Gesetz zerschlagen und zerschmettert ist, dem wird die Absolution nichts helfen, und dieselbe ihm ertheilen, hieße Wasser in ein Gefäß gießen wollen, das voll ist.  Wenn wir behaupten, die Absolution sei da für jeden Sünder, so ist damit nicht gesagt, daß nicht das von Natur Felsen - und demantharte Herz zerschlagen und zerschmettert sein müßte, wenn die Absolution Frucht bringen soll; wir sagen aber dieses: Wenn das Herz durch den Hammer des Gesetzes zerschlagen und zerschmettert ist, dann ist dem Sünder nichts zu verkündigen als: Du armer Sünder, kreuch zum Kreuz herzu, Christus hat deine Sünden gebüßt und getilgt, glaube ‘s nur, sie sind dir alle vergeben; nicht aber ihm zuzurufen: Bete, ringe und kämpfe so lange, bis du fühlst, daß du Vergebung der Sünde, Freude und Frieden hast.  Nur solchen zerschlagenen Herzen kommt die Absolution zugute, nicht weil sie den andern nicht gehörte, sondern weil es unmöglich ist, den Glauben zu haben ohne vorhergegangene Wirkung des Gesetzes. -- Hierbei wurde auch erinnert, daß der vorliegende Satz von außerordentlicher Wichtigkeit sei; denn er kennzeichne unsere theure lutherische Kirche.  Die Secten glauben nicht, daß die Macht, Sünde zu vergeben, den Menschen gegeben sei; romanisirende Partheien beschränken diese Gewalt auf eine bevorzugte Menschenclasse; unsere Kirche aber allein lehre, Gott habe diese Macht der ganzen Kirche gegeben, jeder Christ dürfe und solle dem


andern das herrliche Evangelium verkündigen und ihm zurufen: Du bist versöhnt, fürchte dich nicht, glaube nur, deine Sünden sind dir vergeben!  Seien wir darin recht einig, so bleibe unsere Kirche auch an unserm Theile, was sie ist, -- die Trösterin aller Betrübten.

        Gegen den häufig gemachten Einwand: Der Prediger ist selbst ein sündiger Mensch, wie will er denn Andern Sünden vergeben? wurde hervorgehoben: 1), Christus hat befohlen, daß Prediger und alle Christen das Evangelium verkündigen, also absolviren sollen, und 2), Gottes Wort was ja die von Menschen gesprochene Absolution ist, bleibt Gottes Wort auch auf sündhaften Lippen.

        Eine Frage wurde endlich noch aufgeworfen und beantwortet, nämlich diese: warum Luther die Absolution der Christen insgemein gewöhnlich nicht, wie die Taufe, auf den Nothfall beschränkt, und warum er doch wieder in einzelnen Stellen nur vom Nothfall spricht?  Die Lösung war folgende: Die beiden Sacramente tragen ihrem Wesen nach einen öffentlichen Chararakter, es liegt daher in der Natur derselben, daß ihre Verwaltung stets öffentlich geschehe, dagegen die Absolution das Evangelium ist, welches alle Christen als geistliche Priester jederzeit zu verkündigen berufen sind.  Der Unterschied liegt also im Wesen Beider.  Wenn aber dessenungeachtet Luther die Absolution hie und da auf den Nothfall beschränkt, so redet er ohne Zweifel von einer solchen Absolution, die einen gewissen öffentlichen Charakter hat.

Vierter Satz:  Die Absolution besteht nicht in einem richterlichen Urtheil des Beichtigers, nicht in einer leeren Verkündigung oder Anwünschung der Vergebung der Sünden, sondern in einer kräftigen Mittheilung derselben.

        Hierzu wurde die Erläuterung gegeben: Daß die luth Kirche so oft ausspricht, daß die Absolution kein richterliches Urtheil sei, kommt daher, daß die Papisten dies behaupten.  Um nämlich ihre Lehre, daß in der Ohrenbeichte jede Sünde zu offenbaren sei, und daß die Kraft der Absolution davon abhänge, daß man rein gebeichtet, di dem Beichtiger alle seine Sünden erzählt habe, zu rechtfertigen, vertheidigen sich die Römischen damit, es müsse ja jeder Richter, der ein Urtheil fällen wolle, die Uebelthat des Angeklagten wissen, und zwar nicht bloß das Factum (die That), sondern auch die Umstände, die die Sünde entweder größer, oder geringer machen.  So wenig ein Richter ein rechtes Urtheil fällen könne, wenn er keine Zeugen verhöre und den Thatbestand nicht ganz genau ermittele, so wenig könne der Priester in der Beichte ein Urtheil fällen, wenn ihm nicht alle Sünden mit allen Umständen gebeichtet werden.  Lutheraner dagegen halten die Absolution nicht für ein Urtheil des Beichtigers über Seelenzustände, sondern weil dieselbe allen Menschen gehört und der Sünder nur dadurch rechtschaffen bekehrt wird, daß er das Evangelium mit wahrem Herzensglauben annimmt, so wird dem armen Sünder, der seine Sünde bußfertig bekennt, dies tröstliche Evangelium verkündiget und er dadurch losgesprochen, und ist also die Absolution die Gnadenexecution Gottes am armen Sünder.

        Das übrige in dem Satze Enthaltene ist schon oben besprochen worden.


Fünfter Satz:  Die Wirkung der Absolution gründet sich nicht auf des Menschen Reue, Beichte und Genugthuung, die Absolution fordert aber Glauben, wirkt und stärkt denselben, ohne Glauben ist sie dem Menschen nichts nütze, wiewohl sie darum kein Fehlschlüssel ist.

        Ueber den ersten Theil dieses Satzes: “Die Wirkung der Absolution gründet sich  nicht auf des Menschen Reue, Beichte und Genugthuung,” wurde ausgesprochen: Das gelehrt wird: Niemand kann den Trost der Absolution erfahren, außer wer in rechter Reue steht, dies wird häufig also mißverstanden, als ob die Reue eine verdienstliche Bedingung wäre der Kraft und Frucht der Absolution.  Es kann ja freilich in keinem Herzen der wahre Glaube wurzeln, welches noch fleischlich sicher und ohne Reue ist, aber darauf, daß man Reue hat, ist der Trost nicht zu gründen.  Daher ist es gefährlich, also zu predigen, daß man, anstatt durch seine Predigt Reue zu wirken, immer nur Reue fordert; dadurch kommen die Leute auf solche Gedanken, als wäre die Reue verdienstliche Bedingung der Vergebung.

        Der zweite Theil des Satzes: “Die Absolution fordert Glauben, wirkt und stärkt denselben,” wurde folgendermaßen erläutert: So selbstverständlich dies zu sein scheint, von solcher Wichtigkeit ist es.  Sehr viele Erweckte stoßen sich an der lutherische Lehre von den Gnadenmitteln, weil sie wähnen, wir glaubten, der Mensch könne durch bloße äußerliche Mittel in den Himmel kommen; denn wir sagen ja, die Taufe mache selig, die Absolution mache selig, das heil.  Abendmahl mache selig, machen also den Gebrauch dieser äußerlichen Mittel zum opus operatum (dh wir lehren, daß der bloße äußerliche Gebrauch der Gnadenmittel verdienstlich sei zur Erlangung der Seligkeit).  Aber Solche sollten doch bedenken, daß der Vorwurf des opus operatum nur die Papisten trifft, die da sagen: Wenn wir nur keinen Riegel vorschieben, so macht der Gebrauch der Taufe, Absolution und Communion selig.  Wir dagegen sagen: Es ist noch lange nicht genug, keinen Riegel vorzuschieben (wenn wir das überhaupt vermöchten, keinen Riegel vorzuschieben), sondern es muß noch viel mehr, nämlich der Glaube da sein, wenn wir die Gnadenmittel heilsamlich gebrauchen und selig werden wollen.  Was sollte aber mehr, als der Glaube, nöthig sein?  Sind nicht alle Kräfte lebendigen Christenthums im Glauben enthalten?  Freilich ist es gewiß, Taufe und Absolution und Abendmahl machen uns selig, aber wenn wir glauben.  So ist jedes Bedenken, als ob wir den Gebrauch der Gnadenmittel zum opus operatum machten, gehoben.  -- Wenn gesagt wird, daß die Absolution den Glauben fordere, wirke und stärke, so ist zuvörderst unter dem Fordern kein gesetzliches Fordern zu verstehen, sondern das Fordern des Evangeliums; es heißt so viel: der Glaube ist erforderlich, um die Frucht der Absolution zu genießen.  Was den ganzen Satz betrifft, so erklärt er sich schön durch das Beispiel von einem reichen Manne, der einem Armen eine Gabe darreicht.  Durch das Darreichen wird der Arme bewogen, daß er seine Hand entgegenstreckt, und indem er sie entgegenstreckt, empfängt er zugleich die Gabe.


        Das dritte Stück der These: “Ohne Glauben ist die Absolution dem Menschen nichts nütze,” wurde als Allen klar erkannt, und darum gleich das vierte Stück vorgenommen: “Wiewohl sie darum kein Fehlschlüssel ist”.  Darüber sprach sich die Synode also aus: Obgleich dieser letzte Satz im Referat vielfach erläutert ist, so ist er doch so wichtig, daß wir nicht so schnell darüber hingehen dürfen.  Man muß hierbei den Unterschied zwischen dem Mittel der Darreichung (dem Evangelio) und dem Mittel des Annehmens (dem Glauben) recht festhalten.  Das Mittel der Darreichung fehlet nie und kann nie fehlen.  Wenn wir Prediger alle glaubten, daß wir keinen clavis errans (Fehlschlüssel) haben, wir würden viel fröhlicher und getroster den Leuten den überschwänglichen Trost des Evangeliums in seiner ganzen Fülle darreichen.  Obwohl wir aber dem Princip nach einen Fehlschlüssel nicht glauben, so kommen uns in der Praxis doch mancherlei Bedenken, ob wir den Schatz des Evangeliums in seiner ganzen Fülle darreichen dürfen, woraus hervorgeht, daß wir, aufgewachsen unter den Einflüssen dieser Zeit, doch etwas vom Glauben des Fehlschlüssels in unsern Herzen tragen.  Einer der Synodalen bestätigte dies durch sein eigenes Beispiel; er habe, sagte er, sonst auch gemeint, wenn der Mensch nicht glaube, so gehe die Absolution ihm gleichsam über den Kopf hinweg; aber man müsse dagegen Luthers Wort beherzigen: die Sonne, die auf einen Dieb und Räuber und einen ehrlichen Mann scheint, bleibt dieselbe Sonne, und das Gold in der Hand eines Bösewichts bleibt dasselbe Gold.  Hierher gehöre auch das Wort im Gleichniß vom Säemann: “Darnach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihren Herzen”.  Dasselbe gelte auch von den Sacramenten.  Der Schatz werde immer gegeben, aber ohne Glauben nicht empfangen.  Das sei auch ein großer Trost für den Seelsorger, daß er sich nicht, wie einst Caspar Schade, darüber zu martern und zu ängstigen brauche, daß er die Absolution ja keinem Unwürdigen ertheile; denn wenn der Prediger gewiß sei, daß seine Absolution kein Fehlschlüssel ist, so falle das Bedenken.  -- Darauf wurde weiter ausgesprochen:  Das vom Fehlschlüssel Gesagte ist nicht allein wichtig für die Prediger, sondern vornehmlich auch für die Zuhörer.  Warum kommen sonst rechtschaffene Christen nicht mit rechter Begierde und Sehnsucht in die Beichte?  Warum hat man so große Abneigung gegen die Privatbeichte?  Der Hauptgrund ist, weil sie denken:  Wenn du weißt, du bist ein Christ, du hast Vergebung der Sünden, darfst du hingehen; wenn du die dagegen nicht weißt, darfst du nicht hingehen, du könntest dir die Absolution sonst zum Gericht nehmen, ja du empfingest gar keine Absolution, sondern Fluch und Verdammniß.  Wüßten und glaubten sie, daß jederzeit, wenn der Prediger spricht: Dir sind deine Sünden vergeben, das wirklich so ist, Gott wirklich Ja und Amen dazu sagt, das Wort wirklich von Sünden löst, der Schlüssel wirklich schließt, so würden sie viel mehr Verlangen haben nach dem großen Schatze.  Sie denken aber oft: Der Schlüssel paßt wohl, aber ich müßte eine bessere Thür sein, wenn er mein nicht fehlen sollte; allein dies ist falsch, der Schlüssel fehlet nie.  So wahr Gott im Himmel lebt, so gewiß bin ich absolvirt, wenn mich der Prediger absolvirt; wenn ich daher die Vergebung nicht erlange, soll ich nicht sagen: Der Schlüssel hat gefehlt, sondern: Ich habe gefehlet.
Ich darf mich nicht die bußfertige Erkenntniß, daß ich ein Bösewicht vor Gott bin, abhalten lassen, den Löseschlüssel zu gebrauchen; denn dieser Schlüssel sucht eben lauter Bösewichter, die gebunden sind, und die löst er.  Die Prediger haben von Gott den Befehl, der Welt Sünden zu vergeben, ich gehöre zu der Welt, also sollen die Sünden auch mir vergeben werden, so soll ich schließen, wenn ich mich als einen Bösewicht vor Gott erkenne.  Gott fordert von mir die Annahme der Vergebung, di Glauben, und weil ohne Reue kein Glaube möglich ist, Reue, aber um den Grad der Reue soll ich mich nicht abquälen.  Wenn ich so viel Reue habe, daß ich gern Vergebung haben möchte, so ist ‘s genug.  Gott sagt nicht, die Reue, sondern der Glaube hat Vergebung.  Ich soll gar nicht fragen, ob ich einen gewissen Grad von Reue habe, sondern ob ich Glauben habe, und wenn ich merke, daß mir ‘s noch am Glauben mangelt, soll ich anfangen zu glauben.  Man martere sich nicht mit der Frage, ob man einmal eine Zeit gehabt habe, da man außerordentliche Erfahrungen an seiner Seele gemacht habe; denn du kannst vor 30 Jahren herrlich Erfahrungen gemacht, ja dieselben auch viele Jahre lang immer gehabt haben und eben jetzt nichts davon spüren.  Dies ist auch wichtig, zB bei der Tröstung eines Kranken; den soll ich nicht fragen: Hast du denn dies und das jemals erfahren?  und wenn er Ja sagt, ihm zurufen: Nun siehe, weil du das erfahren hast, darum sei getrost und glaube, daß du ein Kind Gottes bist; sondern den soll ich fragen: Möchtest du den Herrn Jesum und seine Gnade gerne haben? und wenn er das bejahet, ihm den vollen Trost des Evangeliums verkündigen.

        Zwei Fragen bezüglich dieses vierten Stücks des vorliegenden Satzes wurden nun noch in die Synode geworfen und beantwortet.  1) Wir sagen: Die Absolution ist nie ein Fehlschlüssel, sondern reicht die Vergebung dar, so oft sie gesprochen wird, und glauben das alle fest; sollte es aber nicht nöthig sein, durch eine ausdrückliche Erklärung der Synode einen Riegel vorzuschieben, daß diese Wahrheit in der Kirche nicht gemißbraucht werde?

        Antwort: Es steht mit uns doch wohl noch so, daß es viel nöthiger ist, die ausgesprochene Wahrheit erst recht gründlich zu erkennen, damit wir sie auch recht fröhlich predigen und den großen Schatz des Evangeliums in seiner ganzen Fülle darreichen lernen, als uns vor Mißbrauch bange sein zu lassen, und es bedarf gewiß der Warnung an uns, daß wir seinen Riegel vorschieben, wo Gott keinen vorgeschoben hat.  Es ist ja gewiß, daß vor Mißbrauch gewarnt werden muß, aber wir müssen uns doch ja in Acht nehmen, daß wir, wenn wir den Trost des Evangeliums ausgeschüttet haben, denselben dadurch nicht wieder verklausuliren, daß wir sagen: Ja, mein Lieber, nun mußt du aber so und so beschaffen sein, wenn du es wagen willst, dich des Trostes anzunehmen.  Wir sollen wohl bedenken, daß wir gar kein Recht haben, Bedingungen zu machen, und daß der Prediger, der eine bedingte, und zwar von Seiten Gottes bedingte Absolution spricht, verflucht ist.  -- Wenn wir sagen, die Absolution sei jedem Menschen zu sprechen und sei allemal gültig, so könnte wohl Jemand auf den Gedanken kommen, es sei keine Kirchenzucht nöthig und müsse allemal Jeder, der kommt, zur Absolution und zum Abendmahl zugelassen werden; allein das ist damit keineswegs gesagt.  Obgleich die ganze Welt nach Gottes Befehl absolvirt werden soll, so soll die Absolution


doch denen nicht ertheilt werden, die uns sagen, sie wollen nicht absolvirt sein.  Das sagen uns aber diejenigen, die unbußfertig in offenbaren Sünden, oder in öffentlicher Ketzerei leben.  Diese werden von uns deswegen nicht absolvirt, weil wir sonst den Namen Gottes mißbrauchen würden, was uns im zweiten Gebot verboten ist.  Wenn solche nun auch immerhin sagen, sie wollten absolvirt sein, so ist das doch nicht wahr; denn sie wollen nicht von allen Sünden absolvirt sein, da sie ja in einzelnen muthwilligen Sünden, oder in Ketzereien beharren wollen.

        2.  Frage: Wenn der Löseschlüssel immer untrüglich ist, so muß eben so untrüglich immer der Bindeschlüssel sein; wie verhält sich ‘s nun aber mit dem falschen Bann, wobei der Bindeschlüssel ge mißbraucht wird?  und in welchem Falle muß der Bann als Mißbrauch der Schlüsselgewalt angesehen werden?

        Antwort?  Die Lösung dieser Frage ist im kleinen Catechismus so deutlich gegeben, daß sie gar nicht deutlicher gegeben werden kann.  Es ist nämlich der Bindeschlüssel an öffentlichen und unbußfertigen Sündern zu gebrauchen.  Derselbe ist und bleibt nun zwar immer der Bindeschlüssel, wo er auch angewandt werde; aber wenn man Solchen die Sünde behält, denen man sie nach Gottes Wort nicht behalten darf, so ist das Mißbrauch des Bindeschlüssels und falscher Bann.  Im Betreff des Banns ist uns Matthew 18 eine untrügliche Regel von Christo selbst gegeben, nach welcher wir verfahren müssen.  Dabei thut es nicht noth, in ‘s Herz zu sehen;  denn da richtet und urtheilt man über das, was offen zu Tage liegt, nämlich über öffentliche Sünde und Unbußfertigkeit, welche letztere eben dadurch offenbar wird, daß der öffentliche Sünder bei der dritten Stufe der Ermahnung die Gemeinde nicht hören will.  Hierbei ist nicht zu vergessen, daß der des Bannes Würdige allemal im Gewissen überführt ist, daß er mit Recht ausgeschlossen und für einen Heiden und Zöllner gehalten werde.

Sechste Satz: Durch die Privatabsolution wird zwar keine wesentlich andere oder bessere Vergebung mitgetheilt, als in der Predigt des Evangeliums, sie ist auch zur Erlangung der Vergebung nicht in der Weise nothwendig, als ob ohne sie keine Vergebung stattfände; dennoch hat sie ihren besondern Werth und Nutzen, weil durch dieselbe der Einzelne gewisser gemacht wird, daß die Vergebung der Sünden auch ihm gehört.

        Der erste Punkt dieses Satzes, daß in der Privatabsolution keine wesentlich andere und bessere Vergebung, als in der Predigt des Evangeliums mitgetheilt werde, ist schon bei dem ersten Satze mit erläutert worden; denn wenn das Evangelium wesentlich nichts anderes ist, als Absolution, so theilt auch die Privatabsolution nichts wesentlich Anderes mit, als die Predigt des Evangeliums.  Ein Gleichniß kann das Verhältniß der Privatabsolution zur allgemeinen Absolution durch die Predigt verhält sich ‘s so, wie wenn ein reicher Mann eine Masse Goldstücke unter eine Menge wirft mit der Absicht, daß jeder ein Goldstück empfangen soll; wer nun


zugreift, der hat ‘s.  Mit der Privatabsolution ist ‘s aber also, wie wenn der Diener des reichen Mannes einen Zaghaften, der nicht zuzugreifen wagt, das Goldstück in die Hand drückt.  Wie hier der Einzelne kein besseres Goldstück hat, als die Andern, so wird auch durch die Privatabsolution nichts Anderes und Besseres gegeben, als durch die Predigt.  Es ist ein falscher Unterschied, der häufig gemacht wird, daß in der Predigt der Schatz der Vergebung der Sünden nur verkündigt, oder auch angeboten, in der Privatabsolution aber mitgetheilt werde.  Wenn Dr Luther von größerer Gewißheit der Vergebung in der Privatabsolution redet, so will er nichts weiter sagen, als: Es ist dem Gläubigen schwerer, sich den Trost in der allgemeinen Predigt anzueignen, als in der Privatabsolution.  Auf den Einwand, ob nicht aber doch die Privatabsolution einen besondern Trost gebe, den die Predigt des Evangeliums nicht gewähre, ward erwidert (sp): Wie kann irgend etwas einen besondern Trost geben, da das Evangelium die Fülle alles Trostes ist?  Die Sacramente sind nichts anderes, als ein sichtbares Wort, ihr Inhalt ist daher ganz derselbe, wie der des Wortes.  Daß Gott neben dem Wort noch die Sacramente, darin er mit dem Einzelnen handelt, verordnet hat, damit hat er den Zustand der Gläubigen berücksichtiget; weil es nämlich bei der Schwachheit dieses Lebens dem Gläubigen schwerer wird, sich den Trost anzueignen, wenn er nur im Allgemeinen dem Haufen  verkündigt wird, darum ist Gott, wie Luther sagt, nicht so karg, sondern hat verordnet, daß der Trost allerlei Weise dem Gläubigen dargereicht wird.  Wir sehen hierin also Gottes wunderbare Herablassung zu der Schwachheit seiner Gläubigen; weil er weiß, wie schwer es ihnen wird, in der allgemeinen Predigt den Trost zu ergreifen, darum hat er Privatabsolution Taufe und Abendmahl für die Einzelnen gegeben, damit Jeder wisse, hier bin ich die Person, mit welcher Gott redet und handelt.

        Die hier gestellte Frage, ob Christus in den Worten: “Welchen ihr die Sünden erlasset” usw die Privatbeichte eingesetzt habe? wurde bestimmt mit Nein beantwortet, wie auch bemerkt, daß in der Stelle, Jac 5,16: “Bekenne einer dem andern seine Sünden,” woraus die Papisten die göttliche Einsetzung ihrer Ohrenbeichte beweisen wollen, nur von dem Bekenntniß gegenseitiger Beleidigungen und Versündigungen unter den Christen die Rede sei; wohl aber bezeugte man, daß in den Worten Christi, Joh 20,23 die Privatabsolution eingesetzt sei.  Die Letztere wurde folgendermaßen bewiesen: Der Herr hat befohlen, daß sein Volk getröstet werden soll mit einem gewissen Troste, er will, daß Alle selig werden, das Evangelium soll geprediget werden aller Creatur; ist hiermit die Predigt des Evangeliums für Alle befohlen, wie vielmehr für den Einzelnen!  Wenn auch die Worte: “Welchen ihr die Sünden erlasset” 2c nichts anderes sind, als eine weitere Erklärung des Befehls Christi: “Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Creatur,” und also nur eine Auseinanderfaltung der Schätze des Evangeliums, durch die Predigt dargereicht, so kann man doch nicht läugnen, daß der Herr die Privatabsolution in denselben besonders befohlen habe.  Dieselbe liegt allerdings schon in dem allgemeinen Befehl: “Prediget das Evangelium aller Creatur,” aber weil wir leicht denken könnten, sie liege nicht darin, darum hat ‘s der Herr in dem andern Wort, als der näheren


Bestimmung jenes Befehls, besonders ausgesprochen.  Auf die jetzt wiederholte Frage, ob denn nicht eben wegen der besondern Einsetzung der Privatabsolution auch ein besonderer Trost in derselben liege? erfolgte die Antwort: Allerdings kann man sagen, es liege ein besonderer Trost darin, wenn man nur damit nicht meint, es liege ein besonderes Gut darin; der besondere Trost aber ist, daß ich weiß, ich erhalte hier die Vergebung für meine Person.  So ist also die Privatabsolution wohl eine besondere Einsetzung Gottes, aber es ist nicht so, daß uns in dieser besonderen Einsetzung ein besonderes Gut gegeben wird, welches in der allgemeinen Predigt des Evangeliums nicht läge.  Am besten redet man also: Die Privatabsolution kann mir dazu dienen, daß ich des Trostes der Vergebung gewisser werde; sie ist nicht eine größere Versicherung, als das öffentlich gepredigte Wort, aber sie kann mich gewisser machen, weil da gesagt wird: Du, du bist der Mann, dir, dir sind deine Sünden vergeben; sie hilft mir daher etwas, was mir die öffentliche Predigt nicht hilft.  Dieses recht deutlich zu machen, dazu diente folgendes Gleichniß:  Es hat eine ganze Stadt gegen ihren König rebellirt und ist allen Einwohnern gedroht, daß sie gerädert werden sollen, und zwar von unten auf; aber der König ist gnädig und läßt der ganzen rebellischen Bürgerschaft Pardon verkündigen.  Da sie nun einige Haupträdelsführer (wie sich denn wahre Christen immer für Haupträdelsführer und die vornehmsten unter den Sündern mit dem Apostel halten), die denken zitternd und bebend: Wer weiß, ob ihr in den Pardon eingeschlossen seid!  Ja, wenn ihr jeder für seine Person den Pardon in Händen \hättet!  Wenn nun der König seine Boten schickte und einem jeden sagen ließe: Du, Hans, Peter, oder wie du heißen magst, bist begnadigt, das würde sie doch ohne Zweifel der Gnade ganz gewiß und ihr Herz fröhlich machen.

        In Betreff obiger Aussprachen wurde eingewandt:  Wenn zwischen der Privatabsolution und der Predigt des Evangelii sein wesentlicher Unterschied ist und die eine kein anderes, sondern ganz dasselbe Gut dargereicht, wie die andere, so begreift man nicht, warum die Privatabsolution so sehr hervorgehoben und gepriesen wird; der müßte ja gar keinen Verstand haben, der sich der öffentlichen Predigt nicht ebensogut annehmen und getrösten könnte, als der Privatabsolution. -- Dagegen ward erwiedert: Dann kann man auch nicht begreifen, warum der Herr Christus neben der Predigt auch noch die Taufe und das heil.  Abendmahl eingesetzt hat; denn zwischen diesen und der Predigt ist auch kein wesentlicher Unterschied.  Dann muß man sich auch wundern, daß Christus nach seiner Auferstehung spricht: “Saget es seinen Jüngern und Petro”; dann muß man auch sagen: Petrus hat keinen Verstand gehabt, daß er sich den Trost nicht zueignen konnte, da er den Aposteln insgemein gebracht wurde, zu denen er ja gehörte; aber Petrus dachte: Du bist kein Apostel mehr, darum ließ ihn der Herr insonderheit Trost bringen.  Unsere Alten sagen: Nicht das ist es, was dem Christen Scrupel macht, ob die Welt erlöst sei, sondern ob er selbst erlöst sei, di ob die allgemeine Erlösung auch ihn für seine Person angehe.  Auf unsere Kniee sollten wir fallen und Gott danken, daß er uns solchen Trostquell geöffnet hat, auf unsern


Knieen sollten wir dahin rutschen, wo wir den Trost der Privatabsolution finden können.  Damit ist nun keinesweges gesagt, daß man den Leuten Gewissen machen, sie drängen und treiben solle zur Privatbeichte, sondern es soll nur eine Ermunterung für uns Prediger sein, daß wir ihnen frisch und fröhlich den Segen, den das Evangelium reicht, in seiner ganzen Fülle anbieten.  Uebrigens ist auch hier von dem kirchlichen Institut der Privat - Beichte nicht die Rede; denn das hat der Heiland nicht eingesetzt, daß vor dem Abendmahl immer erst gebeichtet werden müsse, sondern wir reden jetzt von der Privat - Absolution an sich, diese sollen wir in ihrer Herrlichkeit recht erkennen.  Das würde falsch und verkehrt sein, wenn wir versuchen wollten, den Leuten die Privatbeichte aufzudringen; das hieße die Pferde hinter den Wagen spannen.  Nein, wir wollen ‘s ganz anders anfangen;  wir wollen recht frisch und fröhlich ihnen die große Herrlichkeit der Privatabsolution vorstellen, dann werden sie endlich uns dringen, ihnen die Privatabsolution zu reichen.

        Einwurf: Es scheint aber doch aus dem Gesagten hervorzugehen, wird auch wohl hie und da ausgesprochen, daß diejenigen, welche die Privatbeichte nicht gebrauchen, tadelnswerth und für schlechtere Christen zu achten seien, als die, welche sie gebrauchen.  -- Antwort: Wir haben jedesmal, so oft wir von der Privatbeichte geredet, ausdrückliche Verwahrung eingelegt gegen solchen Unsinn.  Je ernster wir der Heiligung nachjagen, desto mehr werden wir erkennen, wie schwer der Trost der Vergebung zu fassen; da werden wir denn nach und nach einsehen, welche große Seligkeit das ist, daß die Verheißungen des Evangeliums nicht bloß im Allgemeinen verkündigt, sondern durch bestellte Diener in der Privatabsolution uns auch insonderheit zugeeignet werden: ein verfluchter und schändlicher Gräuel aber ist es, wenn man auf solche Weise die Privatbeichte den Gemeinden aufzudringen versucht.  Wenn die Lehre, um die sich ‘s im Referat handelt, recht wird zur Klarheit kommen, dann wird, was wir wünschen, schon von selbst kommen; darum sollen wir nur die Lehre recht treiben.  Viele Heuchler gehen zur Privatbeichte, und viele rechtschaffene Christen zur allgemeinen Beichte.  Daß die Privatbeichte so gering angesehen wird, liegt im Mangel an rechter Erkenntniß dieser Lehre, daß Prediger die Macht, Sünden zu vergeben, haben und daß ihr Wort, weil Gottes Wort, gültig ist; das ist noch nicht recht von Herzen ergriffen und in den Herzen noch nicht recht lebendig geworden; man denkt: Nun ich höre es ja alle Sonntage, glaube es auch und erfahre die Kraft des Worts an meinem Herzen; wir glauben nicht fest, daß wir Vergebung der Sünden haben nur durchs Wort, nicht wegen unseres Hernszustandes, es steckt in uns allen, daß wir unsern Trist auf unsern Herzenszustand gründen, während er doch nur in dem Worte steckt.  Kann ‘s etwas Tröstlicheres geben, als daß Gott uns armen Sündern in der Privatabsolution so nahe tritt?  Daß die Gemeinden noch mit so viel Widerwillen gegen die Privatbeichte erfüllt sind , liegt auch daran, dass wir sollten.  Gewiß, je süßer und lieblicher wir verstünden das Evangelium als eine Kraft Gottes den Leuten vorzuhalten, desto mehr Glaube würde erweckt werden; je mehr Glaube erweckt würde, desto mehr Anfechtung würde es gehen; und je mehr Anfechtung, desto mehr Begierde nach Trost


würde entstehen und desto mehr würden die Leute kommen, um in der Privatabsolution sich den Trost zu holen.  Unsere Gemeinden sollen aber nicht denken, daß nun die Zeit gekommen, da wir dass Netz über sie werfen wollen , weil wir so frisch und fröhlich ihnen die Privatabsolution anpreisen; nein, sondern dass wir so frisch und fröhlich davon reden und predigen wollen, soll geschehen, einestheils weil es zur Verkündigung des ganzen Rathschlusses Gottes gehört, anderntheils damit, wenn wir einmal todt sind, und unsere Gemeinden kommen endlich zur Erkenntniß des grossen Schatzes der Privatabsolution, sie nicht sagen können: Unsere Pastoren haben sich doch in dieser freien Republik gefürchtet, uns diesen Schatz anzubieten.

        Auf die Frage: Ist die Privatabsolution ein Gnadenmittel gleichen Ranges mit den Sacramenten? antwortete die Synode: Ja, aber sie ist nicht dem Evangelio coordinirt, sondern subordinirt, dh sie ist nicht Etwas neben und ausser dem Evangelio, sondern die fliesst aus demselben.  Die Schmalk. Artikel reden von fünferlei Weise des “Raths und Hülfe wieder die Sünde,” 1., durch die Predigt, 2. durch die Taufe, 3., durch’s heil.  Sacrament des Altars, 4., durch die Kraft der Schlüssel und 5., per mutuum colloquium et consolationem fratrum (durch gegenseitige Unterredung und Tröstung der Brüder), und fassen diese Stücke alle zusammen unter der Ueberschrift: “Vom Evangelio.”

        Dem ersten Punkt der These stimmte man jetzt einmüthig bei und nahm den zweiten Punkt vor, dass die Privatabsolution zur Erlangung der Vergebung der Sünden nicht in der Weise nothwendig sei, als ob ohne sie keine Vergebung stattfände.  Hierzu bemerkte man: Der Sass ist ein Beweis, dass die grösste Vorsicht anzuwenden sei, wenn man den Leuten darstellt den Unterschied zwischen Privatabsolution und allgemeiner Absolution.  Man darf ’s ihnen nicht so vorstellen, als ob nicht derselbe Schatz in der allgemeinen Absolution gegeben werde, der in der Privatabsolution gegeben wird.  Es ist ja gewiss, dass die allgemeine Beichte nicht die Vorzüge hat, die die Privatbeichte hat, aber man darf die Sache nicht so darstellen, als ob nicht dieselbe Vergebung in der allgemeinen Beichte erlangt würde, die in der Privatbeichte erlangt wird.  Auch in der allgemeinen Beichte, wie wir sie vor dem heil Abendmahle gebrauchen, geschieht ja in gewissem Sinne ein persönliches Bekenntniss und eine persönliche Zueignung; denn man hat da eine bestimmte Anzahl Christen vor sich, die ihre Sünden bekennen, Gnade begehren und die Absolution empfangen; sie ist daher im Betreff des persönlichen Zugeeignetwerdens etwas Mehreres, als die allgemeine Predigt und man muss sich in der Predigt darüber wohl in Acht nehmen, dass man Gottes Heiligthum nicht antaste.  Schon das geringschätzende Reden von der allgemeinen Beichte ist gefährlich; ich darf nicht das Eine gering schätzen, um das Andere hochzustellen, es bleibe vielmehr Beides in seinem hohen, herrlichen Werthe.

        Der dritte Punkt des 6. Satzes, vom besonderen Werth und Nutzen der Privatabsolution handelnd, wurde, weil er beim 1. Punkte schon vorweg besprochen war, ohne Weiteres beistimmend angenommenund damit die Verhandlungen über die Lehre von der Absolution für diesmal beschlossen.-----------------------