Psychotherapie bei Frauen mit ADHS
Probleme – Hürden – Entwicklungsaufgaben – Therapeutische Perspektiven
Zusammenfassender Text | DP Jörg Dreher mit ChatGPT (3/2026)
ADHS bei Frauen ist lange Zeit unterschätzt und fehlgedeutet worden. Während das klassische Bild der Störung – hyperaktiv, impulsiv, störend – häufig auf Jungen zutrifft, zeigen Mädchen und Frauen oft einen anderen Phänotyp: eher unaufmerksam, stark kompensierend, nach außen angepasst. Diese Unsichtbarkeit hat Konsequenzen: Viele Frauen erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter, oft ausgelöst durch Erschöpfung, Burnout, Depression oder die Diagnose eines eigenen Kindes. Hinter diesen Präsentationsformen verbirgt sich häufig eine jahrzehntelange Geschichte von Missverständnissen, Selbstkritik und internalisierter Scham.
Die Psychotherapie steht bei dieser Gruppe vor einer doppelten Aufgabe: Sie muss nicht nur aktuelle Symptome adressieren, sondern auch biografisch aufarbeiten, was eine unerkannte oder missverstandene ADHS im Leben dieser Frauen angerichtet hat.
Sari Solden, eine der Pionierinnen der therapeutischen Arbeit mit Frauen mit ADHS, stellt in ihrem Werk „Women with Attention Deficit Disorder“ vor allem die psychische Dimension in den Mittelpunkt. Für sie ist ADHS bei Frauen primär ein Problem der Identität und der Scham.
Solden beschreibt, wie Frauen mit ADHS über Jahre ein Selbstbild entwickeln, das sich aus chronischen Misserfolgserfahrungen speist. Da sie sich unerмüdlich bemühen, aber dennoch regelmäßig scheitern – an Organisation, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit –, ziehen sie eine naheliegende, aber falsche Schlussfolgerung: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Dieser Glaubenssatz ist, nach Solden, der eigentliche Kern des psychischen Leidens.
Psychotherapie muss deshalb, aus ihrer Sicht, an der Identität ansetzen:
Soldens Ansatz ist stark psychodynamisch und humanistisch geprägt. Psychoedukation, Selbstwertarbeit und Identitätsentwicklung stehen im Zentrum. Die Diagnose ADHS wird nicht als Stigma, sondern als Erklärung und Befreiung verstanden.
Astrid Neuy-Lobkowicz, deutsche Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie, betont demgegenüber stärker die neurobiologische Grundlage von ADHS. Für sie ist ADHS primär eine neurologische Variante, die das dopaminerge System betrifft – und damit Aufmerksamkeit, Motivation, Impulskontrolle und Selbststeuerung.
Aus dieser Perspektive hat Psychotherapie zwar eine wichtige, aber eher ergänzende Funktion. Sie beschreibt das Leben mit unbehandelter ADHS treffend mit dem Bild: wie den ganzen Tag ohne Brille sehen müssen. Medikamente – vor allem Methylphenidat und Lisdexamfetamin – können hier die Wahrnehmungsbedingungen grundlegend verändern und Psychotherapie erst wirklich wirksam machen.
Ihre therapeutischen Schwerpunkte sind pragmatischer:
Aspekt | Sari Solden | Astrid Neuy-Lobkowicz |
Schwerpunkt | Identität, Scham, Biografie | Neurobiologie, Alltagsfunktion |
Rolle der Therapie | Zentral und eigenständig | Ergänzend zur Medikation |
Therapeutischer Stil | Psychodynamisch, humanistisch | Psychosomatisch, pragmatisch |
Medikation | Weniger im Fokus | Oft unverzichtbar |
Ziel | Authentische Identität | Funktionsfähiger Alltag |
Trotz dieser Unterschiede teilen beide Expertinnen eine gemeinsame Grundüberzeugung: Frauen mit ADHS leiden nicht an einem Charakterdefekt, sondern an einem neurologisch bedingten Funktionsmuster, das in einer Welt, die auf Anpassung und Linearität ausgerichtet ist, systematisch missverstanden wird.
Das vielleicht tiefgreifendste Problem ist das, was Solden als narzisstische Kränkung beschreibt: die schmerzhafte Diskrepanz zwischen erkennbarem Potenzial und tatsächlichem Funktionieren. Viele Frauen erleben sich als intelligent und engagiert, scheitern aber immer wieder an scheinbar einfachen Alltagsaufgaben. Die daraus entstehende Scham ist tief und chronisch.
Typische internalisierte Glaubensätze:
Diese Überzeugungen entstehen nicht durch die ADHS selbst, sondern durch jahrelange Erfahrungen von Kritik, Unverständnis und Leistungsdruck – in der Schule, in der Familie, im Beruf. Sie sind das psychische Sediment einer unerkannten Störung.
Viele Frauen entwickeln früh ausgefeilte Strategien, um ihre Schwierigkeiten zu verbergen: extreme Anpassung, sozialer Perfektionismus, Überkompensation. Diese Maskierung gelingt oft gut genug, um die ADHS jahrzehntelang unsichtbar zu halten – aber sie hat ihren Preis. Emotionale Erschöpfung, Burnout und Identitätsverlust sind häufige Folgen. Manche Frauen berichten, sie wüssten gar nicht mehr, wer sie eigentlich seien.
ADHS ist nicht nur eine Aufmerksamkeitsstörung, sondern auch eine Störung der Emotionsregulation. Viele Frauen erleben intensive, schnell wechselnde Gefühle und eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Kritik oder Ablehnung – bekannt als Rejection Sensitivity Dysphoria. Schon kleine Signale können starke emotionale Reaktionen auslösen: Rückzug, Selbstkritik, impulsive Reaktionen.
Ein charakteristisches Muster bei Frauen mit ADHS ist ein Pendeln zwischen zwei Extremen: auf der einen Seite Chaos (Aufschieben, Vergessen, Strukturverlust), auf der anderen Seite Überkontrolle (rigide Planung, Perfektionismus, extreme Selbstdisziplin). Dieser Wechsel kostet enorme Energie und mündet häufig in Erschöpfung.
In Partnerschaften und Familien entstehen typische Konflikte: um Unordnung, Vergesslichkeit, emotionale Reaktivität. Manche Frauen übernehmen kompensatorisch zu viel Verantwortung für andere; manche werden abhängig von Partnern, die die Alltagsstruktur übernehmen. Schuldgefühle und Überanpassung sind häufige Themen.
Viele Frauen mit ADHS machen lange Therapieerfahrungen, ohne dass sich ihre zentralen Probleme verbessern. Drei Fehlformen sind besonders häufig:
Die „Depressions-Therapie“
Depression, Angst und Burnout sind reale Leiden – aber sie sind oft sekundäre Folgen einer unbehandelten ADHS. Wenn die Therapie sich nur auf Symptomebene bewegt und die zugrundeliegenden exekutiven Probleme nicht adressiert, bleibt der Alltagsdruck bestehen. Die Patientin versteht sich vielleicht besser – aber ihr Leben funktioniert immer noch nicht.
Die „Kindheitserklärungs-Therapie“
Biografische Konfliktbearbeitung ist wertvoll, aber wenn ADHS-Symptome wie Vergesslichkeit oder Unordnung ausschließlich psychodynamisch interpretiert werden (als „passiver Widerstand“ oder „innerer Konflikt“), entsteht ein folgenschweres Missverständnis. Die Patientin versucht, sich „mehr zusammenzureißen“ – was Scham und Selbstkritik nur verstärkt.
Die „Motivations-Therapie“
Ratschläge wie „Machen Sie kleine Schritte“ oder „Strukturieren Sie Ihren Tag“ klingen vernünftig – aber sie übersehen, dass ADHS das dopaminerge Motivationssystem direkt betrifft. Viele Frauen haben solche Ratschläge ihr ganzes Leben gehört. Sie helfen nicht nachhaltig, wenn die neurobiologische Grundlage unbehandelt bleibt.
Eine gute Therapie bei Frauen mit ADHS verbindet mehrere Ebenen:
Psychoedukation
Das Verständnis von ADHS als neurobiologischer Besonderheit, nicht als Charakterschwäche, ist oft schon transformativ. Viele Frauen beschreiben die Diagnose als Moment, in dem ihr Leben erstmals Sinn ergibt.
Selbstwertarbeit
Die internalisierten Versagensüberzeugungen müssen sichtbar gemacht, biografisch eingeordnet und durch neue Selbstnarrative ersetzt werden: „Mein Gehirn funktioniert anders.“ – „Ich habe Stärken und Schwächen.“ – „Ich darf mein Leben ADHS-gerecht gestalten.“
Emotionsregulation
Methoden aus DBT, ACT und mentalisierungsbasierter Therapie helfen dabei, mit intensiven Gefühlen, Frustrationstoleranz und Ablehnungsempfindlichkeit umzugehen.
Konkrete Alltagsstrategien
Externe Struktur, visuelle Organisation, Zeitmanagement-Tools, Routinen: Diese praktischen Hilfen sind keine Nebensache, sondern oft der entscheidende Unterschied für die Alltagsfunktion.
Identitätsentwicklung
Wer bin ich mit ADHS? Was sind meine Stärken? Wie will ich leben? Diese Fragen stehen am Ende eines therapeutischen Prozesses, der aus Scham Akzeptanz und aus Erschöpfung Selbstwirksamkeit werden lässt.
ADHS ist nicht nur Defizit. Viele Frauen entdecken im therapeutischen Prozess Ressourcen, die lange durch Selbstkritik überdeckt waren:
Psychotherapie bei Frauen mit ADHS zielt nicht auf die „Heilung“ einer Störung. Sie zielt auf Integration: die Fähigkeit, das eigene neurologische Profil zu verstehen, anzunehmen und ein Leben zu gestalten, das dazu passt.
Das ideale Behandlungskonzept verbindet Psychoedukation, Psychotherapie, gegebenenfalls Medikation und ADHS-Coaching. Die Therapie trägt dabei den Kern: Sie schafft den Raum, in dem aus jahrelanger Scham Selbstverständnis werden kann – und aus dem Gefühl, grundlegend falsch zu sein, die Erkenntnis, schlicht anders zu sein.
Sari Solden und Astrid Neuy-Lobkowicz betonen unterschiedliche Wege dorthin. Solden sucht die Heilung der Identität, Neuy-Lobkowicz die Optimierung der Funktion. Doch beide meinen dasselbe Ziel: dass Frauen mit ADHS endlich ein Leben führen können, das ihrem tatsächlichen Selbst entspricht.
Zusammengestellt auf Basis von: Jörg Dreher mit ChatGPT (3/2026) – Psychotherapie bei Frauen mit ADHS