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Bremen Kulturschock im eigenen Land

Von Ina Friebel - 08.04.2015 - 0 Kommentare

Einen Kulturschock kann man erlernen – behauptet Imme Gerke. Gemeinsam mit ihrem Mann Jacques Drolet und den fünf Kindern bietet sie ab Mai entsprechende Kurse in der Überseestadt an. Gerke hat einen Doktor in Zellbiologie und ist viel herumgekommen in der Welt. Nachdem die gebürtige Bremerin in der Schweiz studiert hatte, ging es Ende der 1980er-Jahre nach Madagaskar. Im Vorfeld absolvierte Familie Gerke einen Kursus zum Erlernen des Kulturschocks. „Ohne Vorbereitung fühlt sich eine Auswanderung wie ein Sprung aus dem Flugzeug ohne Fallschirm an. Man verliert den Boden unter den Füßen“, sagt Gerke.

1994 zog es die Familie nach Kanada. Dort beherrschte die Geschichte kanadischer Blauhelme die Schlagzeilen, die in Somalia einen jungen Mann brutal gefoltert und ermordet hatten. „Diese Soldaten sind ohne Kulturschockausbildung in ein fremdes Land geschickt worden.“ Gemeinsam mit ihrem Mann, der ebenfalls einen Doktor in Biologie hat, setzte Gerke nun alles daran, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt. „Wir haben uns bis an die Spitze zum verantwortlichen General vorgearbeitet und einen entsprechenden Kursus für das kanadische Militär erarbeitet“, erzählt sie. Sie und ihr Mann gaben Kurse für Studenten, Arbeiter, Manager und andere auswanderungswillige Menschen.

Vor zwei Jahren zog es Imme Gerke samt Familie zurück in die Heimat. „Hier mussten wir feststellen, dass für die Bevölkerung nichts getan wird, wenn es darum geht, mit dem Kulturschock vor der eigenen Haustür zurecht zu kommen“, sagt Imme Gerke und ergänzt: „Angezündete Flüchtlingsheime und Pegida sind das Resultat. Die Menschen finden sich in ihrer eigenen Kultur nicht mehr zurecht.“

Um dieser Verunsicherung entgegen zu treten, bietet Imme Gerke gemeinsam mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern ab Mai Kulturschock-Kurse und entsprechende Vorträge an

. Gerke hat drei erwachsene Töchter sowie zwei ebenfalls volljährige Söhne. Sie springen als Vertretung ihrer Eltern ein, um entweder die Kurse zu leiten oder Vorträge zu halten.

Zentrum für Weltenbürger

Am Anfang steht die Wissensvermittlung. „Die Leute lernen, was ein Kulturschock ist, und sie sollen selbst einen erleben“, erklärt Gerke. „Wir geben ihnen angefangene Geschichten aus unserem eigenen Erfahrungsschatz, die sie weitererzählen sollen.“ Die Kursusleiter stoppen die Vorträge, wenn sie unrealistisch werden. „Wir erklären ihnen dann, warum die erdachte Situation so nicht stattfinden kann“, sagt Gerke. Damit solle der Schock ausgelöst werden. „Indem wir etwa darauf hinweisen, dass es in einigen Ländern nicht immer Strom gibt“, erklärt Gerke. Ziel sei es, dass die Leute lernen, sich anzupassen und eine adäquate Lösung zu finden. „Da eine solche Erfahrung sehr intensiv werden kann, übernehmen zwei Gruppenleiter die Betreuung der Teilnehmer.“

Zusätzlich werden die Gruppen je nach Vorerfahrung in Anfänger, Fortgeschrittene und Meister unterteilt. Die Familie Gerke legt Wert darauf, eine möglichst breit gefächerte Zielgruppe anzusprechen.

„Diese Methode ist universell anwendbar: Sie eignet sich für Katastrophenhelfer, Diplomaten, Studenten, aber eben auch für solche, die sich mit neuen Kulturen in der eigenen Stadt auseinandersetzen müssen. Ein Kulturschock fühlt sich immer gleich an“, sagt Gerke. Das sei zwar unangenehm, aber nicht gefährlich. „Integration kann nur klappen, wenn diejenigen, die sie zulassen sollen, auch darauf vorbereitet sind“, ergänzt sie.

Ihr Traum ist es, dass Bremen zum Zentrum für die Ausbildung zum Weltbürger avanciert: „Schließlich ist Bremen eine alte Hansestadt mit umfangreicher internationaler Geschichte.