Ein Gespenst geht um im deutschen Bibliothekswesen:

Die Bibliothek als öffentlicher Dritter Ort nach dem Zuhause und der Arbeitsstätte. Ich halte mich jetzt nicht damit auf, das der Erfinder dieser Formel Ray Oldenburg 1989 in seinem Buch The Great Good Place ganz andere Orte im Blick hatte als Bibliotheken, wie der Untertitel Cafés, Coffee Shops - !! -, Bookstores, Bars and other Hangouts schon aussagt. Es ging ihm vor allem um öffentliche, niederschwellige Begegnungsorte und natürlich sollten Bibliotheken das auch sein, ebenso wie schöne Orte mit hoher Aufenthaltsqualität.
Überhaupt geht es in der gegenwärtigen Diskussion viel um Räume oder ganz hip um “spaces” und entsprechend lautet auch das Motto des nächstjährigen deutschen Bibliothekskongresses “Bibliotheksräume – real und digital”.

Insgesamt halte ich die Formel vom “Dritten Ort” für zu schwach, zu wenig aussagekräftig. Es mag eine ganz gute Formel, ein “Claim” für die Außendarstellung sein, aber ansonsten ist noch etwas Denkarbeit notwendig. Dies hilft, einerseits Aktivismus zu vermeiden, etwas das typische “Me-Too”-Verhalten. Andererseits ermöglicht es, die einseitige Fixierung auf bestimmte Fragestellungen wie den “digitalen Wandel” zu reflektieren.

Wir gehen dabei nun nicht von Räumen, nicht von Funktionen, nicht von Diskursen - wie etwa “Wissensgesellschaft” - aus, sondern von konkreten Menschen, denen, mit denen wir alltäglich zu tun haben.

Information ist nicht gleich Wissen

Es wird immer wieder gesagt, dass wir früher ein Problem des Mangels an Information hatten, praktisch ausschließlich in gedruckter Form, während wir heute einer Überfülle - eben digital - gegenüberstehen. Das ist so nicht richtig. Wir konnten in größeren Einrichtungen den Lesern hunderttausende Bücher, hunderte von Zeitschriftentiteln, viele davon in Jahrgängen gebunden, zur Verfügung stellen. Wir haben großen Aufwand betrieben, um diese Bestände formal, systematisch und verbal zu erschließen und dafür umfangreiche Regelwerke entwickelt. Wir hatten zwar immer das ungute Gefühl, dass das nicht reicht - man denke an handgetippte Empfehlungslisten, aber wir hatten einfach ein Monopol. Seit etwa 15 Jahren haben wir dieses Monopol verloren. Wir stehen heute vor dem Problem, dass “Informationen” sehr bequem elektronisch und inzwischen auch mobil recherchiert werden können. Wir können zwar über die Qualität dieser Informationen lamentieren, aber gegen die Mühelosigkeit des Zugangs kommen wir nicht an. Es gibt aber noch andere Faktoren.

Ein Problem, das Sie alle kennen. Es ist ganz offensichtlich so, dass ältere Schülerinnen & Schüler nicht mehr zu Sachbüchern, geschweige denn zu Nachschlagewerken greifen. Nun klar, wird man sagen, das sind eben die “digital natives”. Ja, aber ich glaube der tiefere Grund liegt woanders. Er ist ganz banal: niemand fordert es von ihnen. Das Schulsystem honoriert keine vertiefte Beschäftigung mit dem Lernstoff, da reichen wirklich die üblichen Internetquellen. Kein noch so elaboriertes Sachbuchportfolio, keine virtuelle Lernumwelt mit Zugriff auf Datenbanken wird daran etwas ändern. Es fehlt an dem wichtigen Faktor “Motivation”.

An dieser Stelle ist es sinnvoll, eine wichtige Unterscheidung zu treffen. Ich würde gerne einen im normalen Sprachgebrauch unüblichen Unterschied zwischen Information und Wissen machen. Informationen kann man speichern, Wissen nicht. Wissen ist persönlich erworbene, erarbeitete, angeeignete Information. In diesen Prozess der Aneignung spielen viele Faktoren hinein, Grundkompetenzen - wir hören gleich über ein Projekt gegen Analphabetismus - gesellschaftlicher Status, wirtschaftliche & persönliche Interessenlagen, “Das will ich gar nicht wissen”, das Bildungssystem mit seinen Vermittlungsformen, Zensur - und überhaupt Politik.

Wissen entsteht also immer auch im Rahmen gesellschaftlicher Diskurse & Konversationen, wir kommen darauf zurück. Könnte es sein, dass uns Begriffe wie "Informations-" oder "Wissensgesellschaft" in die Irre führen?

IT TAKES A VILLAGE

Um das Folgende etwas zu strukturieren möchte ich eine Formel aufgreifen, die der us-amerikanische Bibliothekswissenschafter und Apologet des “New Librarianship” R. David Lankes, der an der Universität von Syracuse (New York) lehrt vor einigen Jahren in einem Blogeintrag geprägt hat:

Schlechte Bibliotheken schaffen Sammlungen. Gute Bibliotheken schaffen Dienstleistungen. Großartige Bibliotheken schaffen Gemeinschaften.

Ich werde versuchen, entlang dieser sehr plakativen Formel dem Konzept des “Dritten Ortes” etwas mehr Substanz zu geben. Ich komme hierbei aus den Niederungen des bibliothekarischen Alltags einer Kleinstadtbücherei.

BAD LIBRARIES BUILD COLLECTIONS

Wir arbeiten nach wie vor schwerpunktmäßig bestandsbezogen - auch digital. Nach wie vor durchsuchen große und gut bezahlte Lektorate den Markt nach dem “Guten Buch”. Allein an der Produktion des Informationsdienstes arbeiten über 80 Institutslektoren und über 300 feste Rezensenten. Natürlich macht das Sinn, aber nach dem Gesagten ist es im Grunde die falsche Baustelle.

Diese sehe ich eher in den geänderten Aneignungweisen von Wissen. Das schnelle und bequeme Er-Googeln mit anschließendem Copy&Paste ist mit unseren Instrumenten, Kataloge, die zu einschlägigen Publikationen führen, aus denen das gefragte Wissen erst mühsam herausdestilliert werden muss, nicht mehr kompatibel. Es ist kein Zufall, dass gegenwärtig Discovery-Systeme und Bibliothekspädagogik, hier besonders die Benutzerschulungen, ein heißes Thema sind.

Wir versuchen dabei, die Menschen bei ihren konkreten Bedürfnissen abzuholen. Das ist im Grunde Serviceorientierung.

GOOD LIBRARIES BUILD SERVICES

Man kann die Geschichte des Bibliothekswesens in Deutschland der letzten 50 Jahre - und das gilt für beide Bibliotheksformen - als eine langsame Bewegung auf die Menschen hin deuten. Von den Resten der Thekenbibliothek in den Sechzigern zur Dreigeteilten Bibliothek in den Siebzigern, der Erfindung des Nahbereichs, Einführung von Methoden der Bestandskalkulation und der Zielgruppenorientierung bis hin zu buchhandelsnahen Präsentationsformen, die Einrichtung von Cafes und gemütlicheren Aufenthaltsbereichen.

Gerade im Kinder- und Jugendbereich wurden viele neue alterspezifische Veranstaltungsformate entwickelt. Auch die momentan hoch gehandelten Makerspaces gehören hier her.

All das wäre nicht möglich ohne eine zunehmende Zusammenarbeit mit außenstehenden Partnern. Wir kommen nun endlich zum Networking.

Networking

IT TAKES A VILLAGE Zuerst möchte ich klarstellen, was “networking” nicht ist. Es bedeutet nicht, dass ich möglichst viele Menschen kenne, mit möglichst vielen Partnern Veranstaltungen durchführe, auch wenn dies ein Resultat sein kann.

Networking ist erst ein einmal ein Wechsel der Perspektive. Wir sehen nicht mehr nur nach innen, sind nicht mehr fixiert auf den eigenen Betrieb. Wir blicken nach draußen auf die Gemeinde, wenn man will auch von oben, sehen uns in einem Netz von Akteuren. Damit stellt sich aber sofort die Frage: wofür stehen wir, wo sind unsere Anliegen, was ist unsere Aufgabe? Leseförderung, Informationskompetenz, Mediothek… Und wie messen wir unseren Erfolg? Unsere Erfolgskriterien sind bisher unsere Kontaktzahlen, von den Besuchen bis zu den Ausleihen oder zu den Veranstaltungsteilnehmern. Und nun?

Networking findet nicht auf neutralem Boden statt. Grundlage ist immer eine Wertentscheidung . Es gibt sehr unterschiedliche Vorstellung über die Aufgabe von Bibliotheken. Ich möchte Ihnen hier drei aktuelle Programme vorstellen.

Gleichgültig, für welchen Schwerpunkt man sich vor Ort entscheidet, man wird immer versuchen, ins Gespräch zu kommen, Teil einer öffentlichen Debatte zu werden.

IT TAKES A VILLAGE… Networking bedeutet die aktive Teilnahme am “Dorfpalaver”. Hier sollten wir eine laute Stimme haben. Gerade in der Zusammenarbeit mit Schulen ist es ja unser Kernproblem, dass wir nicht Teil der pädagogischen Debatte in den Schulen sind, immer nur Angebote von außen machen können. Die Teilnahme an öffentlichen Gesprächen & Debatten heißt aber auch, dass wir bereit sein müssen, Führung zu übernehmen. Das Thema “Leadership” spielt in der us-amerikanischen Diskussion eine zentrale Rolle.
Hierher gehört ein weiteres Problem, das selten diskutiert, aber allen bekannt ist: Bedauerlicherweise sind gerade engagierte Menschen oft schwierig im Umgang. Moderationstechniken und Methoden des guten Konfliktmanagements oder Mediation sollten bekannt sein und eingesetzt werden können. Leider werden wir Bibliothekare auf diese Gemengelage von Struktur- und Kommunikationsproblemen im Studium nicht vorbereitet. Um es einmal überspitzt zu formulieren: wieviel IT verträgt unser Beruf eigentlich?

Networking ist also auch Handwerk. Es beginnt schon damit, dass man seine Kommune wirklich kennt und weiß, woran und wofür einzelne Institutionen, Organisationen oder Vereine arbeiten. Der Zuständigkeitsbereich des Jugendamtes muss ebenso bekannt sein, wie die Tätigkeitsfelder und die Finanzierung der freien Träger. Ein kleiner Verein, der von Projektgeldern lebt, unterliegt anderen Zwängen als ein großer Träger, mit dem die öffentliche Hand langfristige Verträge abgeschlossen hat. Unter den gegenwärtigen Umständen ist davon auszugehen, dass die meisten potentiellen Partner ebenso am Rande ihrer Möglichkeiten arbeiten wie die Öffentlichen Bibliotheken. Manchmal werden wir nicht mehr anbieten können als Räumlichkeiten, aber unter Umständen ist auch das schon viel!

Networking ist eine Philosophie. Gerade wenn die Umstände unübersichtlich sind und zukünftige Entwicklungen unklar, ist es von großem Nutzen, mit einem breiten Spektrum von Partnern und Experten im Gespräch zu sein. Es hilft, gesellschaftliche Realitäten klarer zu sehen und sich entwickelnde Problemlagen besser zu erkennen. Es ist in gewisser Hinsicht so etwas wie Diversitätsmanagement. Auch wenn wir die Vielfalt und Kompetenzen nicht in unsere eigene Institution holen können, was leider oft personell nicht geht, haben wir doch Anteil daran wie andere Menschen die Dinge sehen und angehen.

Zusammengefasst:

Schluss

Um es zum Abschluss noch einmal zu betonen, nichts muss so bleiben wie es ist. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Unsere Gesellschaften sind alles andere als robust. Wir erleben gerade, wie schnell sich Krisen aufbauen können, deren Bewältigung Jahre in Anspruch nehmen werden. Wir sollten unseren ganzen Verstand, unsere ganze Leidenschaft brauchen, um das Notwendige zu erkennen und dann auch zu tun.

Danke