Kitsch!
Eine Arbeit von Fabian Bazant für das Seminar "Poetik des Abfalls?",
für das Institut für Philosophie an der Universität Wien, im Sommersemester 2009

Kurzzusammenfassung:
Kitsch ist grundsätzlich ein nicht gern gesehenes Phänomen, man wird nicht gerne als jemand, der Kitsch mag, angesehen. Doch wie kann man Kitsch definieren?
Eine solche Definition von Kitsch müsste berücksichtigen, dass Kitsch sowohl wissentlich als auch unwissentlich entstehen kann, aber immer mit dem Mangel an Tiefgang arbeitet, oder mit der Verflachung und Vereinfachung, und sie kann unwissentlich entstehen durch die Verfügbarmachung von ansich Exklusivem, und wissentlich um etwas Komplexes zu simplifizieren - im politischen entsteht dadurch die Möglichkeit, Verherrlichbar zu machen.

Einleitung.

Niemand will Kitsch! So kurz könnte man verallgemeinern, was natürlich im speziellen als nicht wahr bewertet werden müsste - und doch: Gibt es welche, die etwas für Kitsch erachten, also ehrlich kitschig finden, und es in ihrem Besitz dennoch nicht missen wollen (sehen wir hierbei einmal ab von Kitschsammlern)? Doch wenn wir schon so posaunen, ja was ist denn Kitsch? Ist der wohlgenährte gülden gekleidete Barockengel, der hinter der noch viel gold'neren Barockorgel auf zartrosa/blassblau/weiße Gemäuer blickt, als spanne er den Bogen des Eros, kitschig, oder gar Kitsch? Gibt es eine "Kitschmaterie", aus der alles ward, was rosa und klebrig ist - oder ist genauso wie die Schönheit auch der Kitsch nur verankert im wankelmütigen Auge des Betrachters, dazu verdammt, auf alle Zeiten nur flüchtig zu sein - und müssen wir uns fürchten, dass unseren Geschmack, wenn man auf uns als Ahnen zurückblickt, unseres Kunstwerks Früchte das gleiche Urteil ereilen wird? Worin liegt das Potential, einmal Kitsch zu werden?

Warum war, wenngleich es ihnen möglicherweise als dekadent bewusst, den höfischen Gästen in - beispielsweise - Versaille, die Oberflächlichkeit nicht klar? Nun, mag man sagen, die Oberflächlichkeit ist doch großteils nicht gegeben: Die Kunstfertigkeit, die hinter Bäumen, die wie seltene Vögel geschnitzt sind, ist enorm. Und es war weder alltäglich, erst recht nicht jedem vergönnt, auf solche Kunstfertigkeit blicken zu dürfen - zwar war ein nicht nur gezähmter, sondern auf Befehl Pfote reichender Garten einerseits ein Statussymbol, dass als Visitenkarte präsentieren sollte - jedoch nur einem sehr exklusiven Publikum.
Heute ist diese Exklusivität passé - und wir betrachten die Hinterlassenschaften entweder mit Respekt vor der Leistung und Arbeit, der Kunstfertigkeit und Ausdauer, die dahinter stand, oder wir sehen die Farben, die schlecht kaschieren, sehen Glas und Gold an Schuhen, Gesichter mit Puder verklebt, wir sehen Dinge, die widerliches verdecken sollen. Kitschig. Kitschig ist Ludwig, der Vierzehnte. Doch wieso? Was ist am verblichenen Monarchen kitschig? Der Barock erfuhr als Kunstrichtung also eine historische Umdeutung, ein Hinweis darauf, dass Kitsch nicht nur im Schaffen entsteht, sondern auch erst vom Rezipienten entschieden werden kann, was er als Kitsch sieht. Eine wichtige Frage, mit der wir uns auch noch beschäftigen wollen. 

Warum sollte man Kitsch produzieren wollen?

Wer Kitsch produziert hat keine Intention der Hintergründigkeit, es wird der Kunst ihre Schönheit genommen, sie wird zu Material degradiert. Zweckdienlich unnütz sollen sie eher helfen, nicht sehr tief verborgenes an die Oberfläche zu tragen. Der kleine Geist des kleinen Gartens wird präsentiert durch die kleinen Figuren mit großen Nasen, das Schild an der Toilette, wo ein aquarelles Kind im Profil seine Notdurft verrichtet soll zeigen, dass man derlei amüsant findet.
Erst sehr viel später, durch die Einstellungskonglumerate und Fusionethik und der daraus resultierenden Unklassifizierbarkeit ihrer Subkulturen des späten 20. Jahrhunderts kommt es vermehrt dazu, dass man Kitsch ganz bewusst zeigt, um den Zweck des Kitsches zu verneinen - doch ist dies nur der Schaum auf einer Welle, die mit den nachfolgenden Litern Meeres überhäuft wird, so dass die, die in Kitsch sich kleiden dies nicht mehr machen, um durch die Oberflächlichkeit der Kleidung ihre Tiefe zu betonen, sondern eben diese Oberflächlichkeit suchen, schäfisch denen folgend, die damit noch etwas zeigen wollten.

Kitsch kann also entstehen, wenn eine Materie unverstanden reflektiert wird, wenn der Zweck die Mittel heiligt - es kommt zu einer Überladung mit billigen Emotionen, die nur zum wiederum selbst unreflektierten Konsum dienen sollen und können. Kitsch wäre also von seiner Hintergründigkeit befreit. Dies kann an zwei voneinander unabhängigen Momenten passieren, und jeweils sowohl absichtlich als unabsichtlich. Entweder kann nämlich, als erster Moment, der Schaffende die Hintergründigkeit seines Werks vernachlässigen, andererseits kann jedoch der Rezipient dies ebenso: Es ergeben sich also zahlreiche Konstellationen: Die Schaffende kann ihrem Werk einen enormen, epischen Hintergrund geben, der Rezipientin ist dieser jedoch vielleicht unbekannt und sie versteht gewisse Anspielungen nicht, deswegen erscheint ihr das Werk als Kitsch. Ein Beispiel hierfür wäre die barocke Kunst.
Ebenso kann aber ein anderer Schaffender vielleicht wirklich nur hundertfach das selbe Gemälde eines rosa Sonnenuntergangs am Strand malen, und wenn er es selbst nur als Übung seiner Farbpalette sehen sollte, ein Rezipient, dem der Kontext nicht klar ist, mag es eben als Kitsch empfinden.
Kitsch ist, dass zeigt uns die Kunstgeschichte, also nicht immer intendiert. Es kann jedoch sehr wohl so sein, wie beispielsweise Greenberg in "Avantgarde und Kitsch" (1939) 1deutlich darlegt, dass Kitsch auch als Instrument eben benutzt werden kann.
Der verborgene (wenn überhaupt existente!) "Background" kann sehr leicht durch einen anderen ersetzt werden. Kitsch kann filtern, kann ästhetisierend wirken. Als Konsumgut hat Kitsch keinen Autor, keinen Namen, der propagiert wird. Kitsch ist anonym, nur wenige würden sich seiner rühmen. Höchstens noch der Name des Staats, in dem produziert wurde, weist verstohlen auf eine Urheberschaft hin. Man braucht nicht erklären, wer und wann, wo und warum geschaffen hat. Kitsch erklärt sich selbst, und eben darin liegt das Potential seiner beispielsweise politischen Ausnutzung. Es befreit den politisch motivierten Schöpfer davon, sich rechtfertigen zu müssen, und sollte einer aufschreien, werden die um ihn ihn zurückreißen, und ihn besänftigen: es ist doch nur Kitsch! Es ist doch nur Kitsch.

Warum sollte man Kitsch haben wollen?

Kitsch kann entstehen, wenn jemand Kunst produziert, die nicht als Werk, sondern als Mittel dienen soll. Wenn zu diesem Zweck beispielsweise überzeichnet und übertrieben wird, wie in Bollywoodfilmen oft der Fall, und wenn diese Übertreibung entweder keinen, oder aber zumindest keinen zugänglichen Hintergrund hat. Als Hintergrund gilt hierbei zum Beispiel die Motivation des Urhebers, möglicherweise seine Biographie - kann die Rezipientin nachvollziehen, wieso das, was eine Künstlerin geschaffen hat, so ist? Ist die Darstellung dessen angemessen, oder ist sie überzeichnet? 
Kitsch erzählt keine Geschichten, nicht einmal Anekdoten. Doch: Kitsch kann einen schönen Rahmen bieten, hinter dem eine solche Geschichte erzählt wird. Man denke an ein kitschiges Souvenir, das an einen schönsten Urlaub erinnert. Eine kleine Figur, nichtssagend, gibt eben deswegen viel Raum für Assoziationen, wenn auch nicht für Hinterfragung. Die kleine Möwe aus Ton, mit gespreizten Flügeln auf einer Meereswoge gebettet, hat als einzigen echten Bezug den Namen des Ortes, in dem sie an einem Stand an einen Touristen verkauft wurde, von einer Maschine eingraviert bekommen. Mehr ist da nicht. Und doch weiß der Tourist möglicherweise zu berichten, wie es dort war, wie die zwei Sommerwochen ihn prägten, und alles mögliche sonst noch: all diese Assoziationen bringt der Rezipient, nicht der Schaffende. Vielleicht ist es in einem industrialisierten Rahmen, wo man Kitsch als Kitsch für kleine Stände mit Strohdächern herstellt, ja sogar genau so beabsichtigt. Vielleicht soll der Kitsch eben nichts erzählen, damit sein Käufer es tut. Ob dem Kitsch nun ein vielleicht mal exklusives Werk zugrunde liegt, dessen "Aura", um es mit Benjamin zu sagen2, verfällt oder zertrümmert wurde, ist nebensächlich. Wichtig ist, dass der Kitsch selbst nichts erzählt. Das kann dadurch erreicht werden, dass man ihn schon als stumm schafft, aber auch dadurch, dass man etwas, was viel Hintergrund hätte, dessen beraubt, und als oberflächlich, als Hülle darstellt. Kann eine solche Hülle denn dann noch etwas vom Original transportieren? Wir wollen dies an einem weiteren Beispiel untersuchen.
Im katholischen Glauben ist Weihwasser solches, das ein Priester geweiht hat - es erhält dadurch einen Mehrwert, den nicht jeder reproduzieren kann, dem wir nun also eine bestimmte Exklusivität zustehen wollen. (Besonders ist bei diesem Beispiel, dass natürlich jeder behaupten könnte, dass bestimmtes Wasser geweiht ist, und solang nicht ein Vampir den Behauptenden Lügen straft, würde ihm jeder glauben. Wir vernachlässigen doch der Einfachheit und vor allem der Ernsthaftigkeit halber dieses Szenario und seine blutsaugenden Folgen) So ist also zumindest der katholischen Gläubigen die Gelegenheit, solches Weihwasser zu ergattern, eine gewisse Mühe wert, sie hat Respekt und Ehrfurcht - möchte jedoch nicht jedes Mal einen Priester rufen, der ihr on demand Wasser weiht. Zum Glück kann Wasser allerdings auf Vorrat geweiht werden, was auch das übliche Prozedere darstellt. (Mag auch das Wasser irgendwann abgestanden sein, die Weihe ist es nicht) Es gibt daher auch die Möglichkeit, Wasser in Flaschen abzufüllen, um es im eigenen Heim griff- und einsatzbereit zu haben. Wir wechseln den Schauplatz.
Ein Besuch an jedem beliebigen Wallfahrtsort zeigt, dass sich kaum etwas besser eignet, um Weihwasser zu transportieren, als eine billige Plastikflasche in Form der lokal relevanten Heiligenfigur, notfalls gerne auch in Marienform. Kann eine solche Flasche, die als pures Werkzeug einen bestimmten Zweck erfüllen soll, überhaupt noch irgendetwas vermitteln, was über unsere Definition einer Hülle, zu der Assoziationen geknüpft werden können, gedeckt ist? Wir haben es hier mit extremen zu tun; einerseits hat das Wasser, das per se (in unseren Gebieten) ein unscheinbarstes Gebrauchsgut darstellt, durch einen Akt des Glaubens einen höchst exklusiven Wert erhalten, der per definitionem nicht von jedem wiederholt werden kann - und es befindet sich in einer Flasche, die eine Veneration mimt - ist diese Darstellung ihrer Bedeutung befreit? Werden vielleicht gänzlich andere Werte vermittelt, als durch das Original - ja kann eine solche Kopie denn dem Original dadurch widersprechen, vielleicht sogar in krassem Gegensatz stehen?
Wenn wir von Kopie und Original sprechen, drängt sich eine weitere Frage auf: Wie steht es mit dem Reprodukt Kitsch, wenn Original und Kopie ident sind, sei es bei einer mehrmals ausgearbeiteten Fotografie, sei es in der modernen digitalen Vervielfältigung? Sofern die Replik tatsächlich und gänzlich ident ist mit dem Original, wie es eigentlich nur virtuell möglich ist, wird man die beiden (bzw jedes einzelne der vielen) gleich beurteilen müssen. Hat es einen offenbaren Hintergrund, oder soll es erst durch Assoziationen des Rezipienten gefüllt werden?

Kitsch ist selbst Kunst.

Eine pure Reproduktion ohne eigene Kreativität kann nicht Kitsch sein. Der Kitsch erfordert einen kreativen Prozess, egal wie wenig tiefgehend ist. Nicht die Masse an Kitschobjekten ist Kitsch, sondern das Einzelobjekt in seiner Massenhaftigkeit. Als Beispiel bleiben wir bei der Fotografie: sie ist ein Sonderfall: Kunst ist nicht das Fotopapier, die Abbildung einer Situation, sondern das kreative Selektieren. Also kann dann auch Fotografie natürlich Kunst - und daher auch Kitsch sein. Aber das Foto als einzelnes, banales Objekt von Papier und Farbe, kann erst Kunst werden, wenn in kreativem Prozess verwendet, oder um einen kreativen Prozess, etwa einen kitschigen Bilderrahmen, ein kitschiges Motiv, ergänzt. Der Augenblick des kitschigen Motivs gilt nicht allgemein. Einerseits kann zum Beispiel ein Gartenzwerg in einer Skulptur verwendet werden, ohne dass die Skulptur dadurch kitschig wird, man kann wohlmöglich dies sogar als das erweitern um einen Hintergrund sehen, für das Kitschmotiv, hier der Gartenzwerg ursprünglich geschaffen wurde. Umgekehrt aber kann das Darstellen oder Verwenden einer kitschigen Figur auch keinen Einfluss auf die Kitschigkeit des Endprodukts haben. Als Beispiel nehmen wir den Film, in dem ein kitschig überzeichneter Charakter agiert: nicht automatisch würde man behaupten, dass es sich wegen ihm um einen kitschigen Film handelt, genausowenig wie das Gemälde, das den kitschig gekleideten Ludwig den 14. zeigt, automatisch ein kitschiges Bild war.
Wir haben gesagt, dass Kitsch beabsichtigt sein kann, und haben darauf auch den Fokus liegen lassen. Kitsch kann aber auch "passieren", und zwar dann, wenn man Exklusives demokratisiert. Kitsch ist ein Phänomen der Verfügbarmachung von Kunst. Jeder kann Kitsch haben, jeder kann sich Kitsch leisten, er ist billig produziert. Das heißt natürlich nicht, dass Kunst, wenn wir sie als Kontrapunkt zu Kitsch stellen wollen, im Gegensatz teuer sein muss. Der Preis ist nicht eine Kategorie von Kunstfertigkeit, sondern etwas, was erst durch den Rezipienten passiert. Man könnte als Basis ganz hart, und auch nur sehr abgehoben, eine Linie ziehen, dass angewandte Kunst daher nie schön sein kann, und schöne Kunst nie angewandt wäre, was uns jedoch sehr viel weiter führen würde und auch nur als schwer real zu halten zeigen würde. Man könnte demnach, und das wollen wir abkürzend tun, den Preis eines Kunstwerks von der Kunst eines Kunstwerks trennen. Dabei fiele natürlich jeder durch unser Netz, der nicht einfach nur Handwerkt oder im "Elfenbeinturm" künstlert - wie gesagt, dies führt zu weit fort, und soll auch nur kurz erwähnt sein, um klar zu machen, dass "billig" sich nicht auf die Profitablität, also den Hersteller, bezieht, sondern die Konsumierbarkeit, also den Rezipienten. (vgl hierzu auch Flusser und, wieder, Greenberg).
Zurück zur Verfügbarmachung. Wenn wir ein Gemälde im klassischen Sinn als etwas betrachten, dass an einem Ort, und keinem anderen gleichzeitig, hängt, dort betrachtet werden kann und künstlerischen Anspruch erhebt, und dem ein kitschiges Bildchen gegenüberstellen, das man eingerahmt kaufen kann, wobei beide das selbe Motiv darstellen, dann sehen wir natürlich zahlreiche Unterschiede. Wo das Gemälde exklusiv ist, ist das gerahmte Bildchen demokratisiert, das heißt, jeder kann es haben, jeder kann es aufhängen, es ist vervielfältigt und dadurch latent omnipräsent. Erst die Fotografie gab die Möglichkeit, Kopien ohne Unterschiede zu reproduzieren - wie Benjamin (im "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit") ja schon bemerkt. Doch auch die industrielle Massenfertigung, doch nicht erst sie, ermöglicht Emotionen "to go", traditionell bemüht sich, wie schon ausgeführt, gerade die Tourismusindustrie darum, kitschige "Mitbringsel" zu produzieren - man kann hier die industrielle Produktion und ihre Techniken nicht gesondert betrachten, selbst aus Holz geschnitzte "Andenken" können schließlich kitschig sein. Das schwächt jedoch das Argument der Verfügbarmachung nicht: schließlich handelt es sich ja auch bei noch so kunstfertiger Produktionsweise nicht um das überbrücken der Mauer der Exklusivität. Dies geht weite Strecken. Nicht nur Bilder, auch Architektur, Lebewesen, Personen, alles kann man nachbauen, und die Nachbaut wird die Exklusivität nicht mehr haben. Doch nur in wenigen Fällen, etwa in der Fotografie, im Film, im Theater unter Umständen noch, wird das Original dabei wirklich um seine Exklusivität ärmer.

Wer den Eiffelturm in Paris besucht, und sich dort eine kleine Kopie desselben, aus Plastik wohlmöglich, kauft, kann die natürlich mit nach Hause nehmen, und kann das tun, was man mit Kitsch und Mitbringsel wohl so macht, und was wir auch schon zur Genüge ausgeführt haben. Doch man kann durch die Herstellung von kleinen Eiffeltürmen dem Original nicht seine Einzigartigkeit nehmen. Zwar sind die Kopien alle banal, und Unexklusiv, der echte Eiffelturm ist es jedoch nicht. Er, die New Yorker Freiheitsstatue, das Kolosseum  in Rom, sie alle sind einzigartig, und können so leicht nicht mehr Reproduziert werden. Van Goghs Sonnenblumen bleiben einmalig, egal, wie oft sie fotografiert werden. Das bedeutet jedoch nicht umgekehrt, dass Kitsch nicht einzigartig sein kann. Hier kommt der Hintergrund wieder ins Spiel, und ob dieser nachvollziehbar oder unergründlich ist.

Unergründlich klingt vielleicht danach, dass nur das Kunst sein kann, dessen Hintergrund man verstehen kann- dem ist nicht so. Doch zumeist wird Oberflächligkeit nur denen verziehen, die Tiefgang schon bewiesen haben. Ein Beispiel hierfür ist abstrakte Kunst, die von vielen berühmten Künstlern erst spät in ihrer Laufbahn angegangen wird. Sie präsentiert sich oft als die instrumentalisierte Banalität, die sich aber nicht als Kitsch versteht - jedoch nur als Kunst versteht, weil eine Künstlerin sie schuf, die also rückschließend begründet wird. Jedoch reicht ein Eimer Farbe auf einer Leinwand noch nicht, um Kitsch zu sein, egal wie renommiert der Schütter sein mag. Doch welche Werte bleiben dem Kitsch denn, wenn etwas komplett wertbefreites, wie beispielsweise das Schüttbild, nicht als Kitsch gelten, selbst wenn es weder vom Erschaffenden noch vom Rezipienten einen Hintergrund gibt? Was hat der Kitsch, wenn er nicht nichts hat?
Flusser sieht in ihm die Rückführung des Verbrauchten, des Abfalls, in die Kultur.3 Wenn wir Kitsch also als Wiederkehr verbrauchter Inhalte sehen, dürfen wir nicht vergessen, dass Kitsch auch vom Rezipienten erst dazu gemacht sein kann. Und hier finden wir aber bei genauerer Betrachtung keinen Widerspruch. Denn auch die Rezeption, die Interpretation eines Werks kann sich aus dem Abfall bedienen, kann Neuem attestieren, nachgemacht zu sein, kann Althergebrachtem die Innovation bescheinigen.

Kitsch ist für alle zugänglich, er ist das Resultat einer Vervielfältigung dessen, was man nicht verstanden hat, oder das einer Tiefe, dem Hintergrund, beraubt wurde. Die Motivation ist nicht in Relation zu einem künstlerischen Anspruch. 

Ein Problem, dem wir gegenüberstehen, und das so leicht auch nicht zu lösen ist, ist dass diese Definition von Hintergrund sehr subjektiv und willkürlich ist. Demnach kann also etwas für den einen Kitsch sein, für den anderen Kunst, oder sogar Avantgarde, wenn wir Greenbergs Gebrauch des Begriffs als Kontrapunkt teilen wollen.
Kitsch transportiert geradezu das Nichttransportieren von Inhalten, was einem Rezipienten, der Kitsch nicht mag, auch ermöglicht, einen Nenner zu finden. Wer Kitsch nicht mag, mag es nicht, dass etwas ohne inhaltlichen Anspruch als Kunst gesehen wird. Doch was dem einen ein hoher inhaltlicher Anspruch sein mag, wir unterstellen mal, dass es Wagner so mit den germanischen Heldenepen ging, ist einem anderen ein paar Jahrzehnte später vielleicht einfach nur banal, als dicke Frauen in Federkostümen.

Des Volkes Kunst?

Kitsch scheint, dadurch, dass er niemandem verwehrt ist, sondern jedem offen liegt, etwas demokratisierendes zu zukommen. Durch Vervielfältigung kann jeder Anspruch auf den Besitz von Kunst erheben, und, wie wir schon sagten, wo Kunst unreflektiert kopiert wird, und ihr Hintergrund verloren geht, kann Kitsch entstehen - und doch ist Kitsch, wie Greenberg auch betont, ein, wenn nicht sogar der, vorherrschende(r) Stil, und dies hat einen meines Erachtens nach simplen Grund. Wenn man Kitsch als universal verstanden und verständlich sieht, ist er der kleinste gemeinsame Nenner der Kunst - jeder kann sich mit Emotionen identifizieren, und nirgends sind sie so kompakt überladen wie im Kitsch. Diejenigen, die sich Emotionen aus der "schönen" Kunst pflücken können, weil sie das nötige Handwerk beherrschen - Greenberg exempliert die Lesefähigkeit am Anfang der Entstehung des Kitschs - die vielleicht eine Partitur lesen können, die einen Pinselstrich nachvollziehen oder hinterfragen können, die einen Film auf sein Drehbuch hinunter zu zerlegen vermögen, sie haben dadurch exklusiven Zugang zu den in den Künsten verarbeiteten und verwobenen Emotionen. Wer ein Gemälde nur als eine Leinwand mit Farbklecksen sieht, dem ist vielleicht die Verzweiflung, mit der ein Pinsel geschleudert wurde, fremd und nicht nachvollziehbar. Er kann die Spuren nicht lesen, die der Künstler zwischen seinem Werk und seiner Motivation, dem Hintergrund, gelegt hat. Wird diese Motivation nun aber plakativ äußerlich präsentiert, und dann vielleicht noch überzeichnet, ist dies jedem banal, der sich auf das Lesen ästhetischer Fährten versteht.
Gleichzeitig hat die gefällige Kunst, zu der der Kitsch wohl zu zählen ist, eine Besonderheit an sich, die einen wilden Kreislauf auslöst: sie ist, ob ihrer Gefälligkeit, beliebter als das, was seine Werte vor den Massen versteckt - zugänglicher ist ihr Hintergrund, wenn man so will, und hätte sogleich ein paradoxes Verhältnis geschaffen.

Einerseits ist also Kitsch das, was Hintergründigkeit nicht hat, allerdings deswegen, weil alle Hintergründigkeit äußerlich prostituiert wird - wohingegen, wenn wir den Contrapart "Avantgarde" nehmen wollen, selbige wiederum als eines Hintergrunds entbehrend von jenen beschrieben wird, die Kitsch mögen. Zahlreiche Beispiele finden sich, wenn man populistische Zeitungen und Zeitschriften mit kunstmarktkritischen vergleicht: werden im einen der Avantgarde Oberflächlichkeit und Banalität attestiert, so erfährt umgekehrt im anderen der Kitsch die gleiche Diagnose. Wo also der Durchschnitt eine Hintergründigkeit nicht nachvollziehen kann, weil ihm die τέχνη fehlt, bemängelt die Extremposition die Hintergründigkeit der Durchschnittskunst, da sie nicht an der Hülle sucht - gerade dort aber verstecken sich die Werte von Kitsch.

"Ehrlicher" Kitsch?

Eine vielgenannte Eigenschaft von Kitsch ist, dass die Nachricht, die er in sich trägt, vordergründig und präsent ist. Kitsch braucht nichts zu verstecken, da er ja schon nackt vor einem steht. Wer etwas als Kitsch sieht, kann keinen Hintergrund suchen, der dem Werk Tiefe verleihen könnte. Kitsch könnte also durchaus als offen und sogar ehrlich bezeichnet werden. Auch propagandistische Kunst sucht nichts zu verbergen. Simplifiziert werden komplexe Inhalte gezeigt, eben damit die Zielgruppe sie nicht missversteht. Es wird von den Schaffenden davon ausgegangen, dass entweder die Zielgruppe nicht die Fähigkeit hat, den Hintergrund zu verstehen, oder dass, sofern sie ihn verstünde, sie ihn nicht mehr akzeptieren würde - bzw. sie ihn auch dann verwürfe, wenn ihr der Hintergrund, den sie nicht akzeptieren möchte, zugänglich wäre. Um ein Beispiel solcher Verkitschung zu sehen, reicht es jedoch, den Boulevard der Medien anzusehen. Nirgendwo sonst ist so konzentriert das zu sehen, was unserer Definition nach Kitsch zu heißen wäre: Wir haben Überschriften, die den Rahmen für Erzählungen und Diskussionen an Stammtischen bieten sollen, jedoch selbst nichts sagen, und wenn doch, dann nur plump vordergründiges. Wir sehen retouchierte Bilder retouchierter Personen des öffentlichen Lebens, aus Politik, oder dem, was uns als "Staralltag" platt (seines Hintergrunds beraubt!) präsentiert wird. Wir sehen Karikaturen, die Schenkelklopfen induzieren wollen, und lesen Meinungen, deren Tiefgang nur bis zum Boden eines "Stamperls" reicht. Ist also der Boulevard, wir wollen unter dem Begriff vorerst speziell die täglichen Druckwerke, exemplarisch im deutschsprachigen Raum, verstehen, Kitsches Teil?

Als Kitsch wird die zur Konsumware reduzierte Kunst verstanden, und jene, die Kitsch nicht mögen, prangern dies an. Doch was ist mit jenen, die Kitsch womöglich gar sammeln? Einerseits sehen wir eine Emanzipation derer, denen man "schwere" Kunst nicht zumutet, sie finden über den Kitsch einen Zugang zu Ästhetik und zu Emotionen, die durch Kunstwerke vermittelt werden, und finden sie so präsentiert, dass sie neben einem Alltag schnell in den sanften Tönen entschwinden und abschalten können - Kitsch als Resultat der industrialisierung und Werkstätigkeit?4 Als solchem käme ihm ein noch viel wichtigerer Zweck zu, nämlich eine Aufwertung der Rezipienten, die sich mit Kunst nicht mehr als notwendig auseinandersetzen wollen - diese aber dennoch schön finden. Tatsächlich wird die Zielgruppe von Kitsch als eine solche wahrgenommen, die wenig Zeit zur Verfügung stellen will. Den "Boulevard" lesen sie auf dem Weg zur Arbeit, und auf Reisen kaufen sie ihre Mitbringsel an Ständchen am Wegesrand, am besten sogar vor dem relevanten Gebäude oder Platz ihrer Erkundungstour auf vorgefertigten Pfaden. Und wiederum ergibt sich aus der Zusammensetzung dieser Zielgruppe umgekehrt, dass sie vom Hersteller nicht enttäuscht werden will. Der übliche strapazierte Handel zwischen Künstler und Rezipienten, demnach nur in gewissen Rahmen fortgeschritten werden darf, erliegt völlig, es darf gar nicht erst überrascht werden, alles bleibe beim alten, und gleichen. Vielleicht kein Zufall, dass die kitschige Volksmusik eine ja realiter nie existiert habende heile Welt beschwört, in der man noch nicht politisch korrekt sein muss und sexistisch sein darf - und dass eben die Zielgruppe, beispielsweise eines "Musikantenstadls", gutmöglich gar Synonym für Plattheit und Kitsch, in einer Zeit enormer Einschränkung und Unterdrückung aufgewachsen sein muss. Zur Befreiung aus diesem Korsett taugt jedoch ein spezifisches Studium ästhetischer Gesichtspunkte wenig, die Probanden haben dafür möglicherweise nicht die Muße, und sicherlich nicht die Zeit. Für die, die sich so fühlen, als würden sie sich immer nur "abrackern", gibt es überhaupt keine Alternative zu konsumierbarer Kunst, soll heißen, Kunst, die funktioniert, die etwas mitteilt, ohne einen Zeitlichen Aufwand zu erfordern. Kunst für unterwegs, die nicht belastet oder aufhält. Kunst, die für nichts gut sein muss, und gleichzeitig für alles gut sein kann. Als emotionsüberladenes Paket wird die Kunst jedoch so angewandt, wie sie noch nie war - so wenig stört man sich an Details, sinniert über Entscheidungen eines Künstlers, wie beim Kitsch! Ja wären sie denn ernst gemeint von einem Künstler, die Methoden des Kitsches, und fänden sie Anklang bei der Zielgruppe, die ihrem Alltag nur für Momente entfliehen wollen, was wäre das für ein Markt! Da den Rezipienten das Kunstwerk hier weniger bedeutet als die möglichst oberflächlichen Emotionen, die es vermittelt, kann das Produkt auch gezielt von technisch raffinierten Maschinen produziert werden, der Künstler wird nicht mehr benötigt, sein Name noch weniger. Kitsch ist also in der direkten Verbindung von Rezipienten und Vervielfältiger, ohne den Umweg einer maßgeschneiderten oder gar individuellen Produktionsmühe, die ein Kunstwerk so an sich hat. Das Kunstwerk wird zum künstlichen Werk, dessen Zweck seine Produktion bestimmt. Kitsch ist Fließbandkunst.
Wo wir vorher eine mögliche Aufwertung des Rezipienten gesehen haben, zeigt sich bei näherer Betrachtung auch das Gegenteil davon: Rezipienten, die mit Kitsch bei der Stange gehalten werden, denen man mehr schon nicht mehr zutraut. Der Kitsch ist eine Sackgasse der Kultur, weil man in ihm nicht mehr höher steigen kann. Wenn Kitsch maschinell produziert ist, ist die Fortschrittlichkeit seiner Produktion banal, nicht bewundernswert - gleiches gilt jedoch ebenso für die Emotionen, die er vermitteln möchte: er erfindet nichts, und konfrontiert die Rezipienten auch nur mit genehmem, bewährtem Einheitsbrei. Im ist zu eigen, sowohl speziell als auch allgemein kitschig zu sein, und fürwahr, wir nehmen auch schon die Stände, die Kitsch verkaufen, selbst als kitschig wahr. Die Zielgruppe von Kitsch emanzipiert sich nicht, sie findet nur kleine Luftlöcher in der Plane ihrer Werktätigkeit. Und wer findet die Zeit, durch die raren Luftlöcher noch zu blicken, und die Gegend zu betrachten?
Kitsch ist vielleicht in der Mitte von beidem, Emanzipation und Unterdrückung, anzusiedeln. Wenn wir als ein Extrem dasjenige sehen, wo Kitschrezipienten in den Pausen ihres Alltags möglichst wenig Zeit und Muße erfordernde Kunst rezipieren wollen, und als anderes Extrem das Szenario von Kitschproduzenten, die ihrer Zielgruppe nicht auf die Idee kommen lassen wollen, ihre Pausen auszdehnen, haben wir in der Mitte das, was vielleicht eine Definition von Kitsch darstellt:

Zusammenfassung:

Kitsch hat so viele Formen und Ausdehnungen, dass es oft schwer ist, ihnen ein gemeinsames zu entlocken. Einerseits zeigt sich uns Kitsch als ein Teil der Kunst, die - um diese beiden Kategorien zu strapazieren - extrem angewandt und extrem zwecklos, oder "schön", zugleich ist, indem sie nämlich ausschließlich emotionsgeladen auftritt, diese Emotionen allerdings auf's Banalste hin instrumentalisiert, indem sie entweder, wenn das Objekt auf einem vorhandenen Vorbild basiert, etwa einer Statue oder einem Gebäude, dessen Hintergrunds und Basis befreit wird, und daher platt scheint, oder ein solcher Hintergrund von vornherein nicht vorhanden war, und nur bestimmte Gefühle geweckt werden sollen. Andererseits ist der Kitsch gerade dadurch perfekter Träger von Geschichten, die er nicht selbst erzählt - wobei unter Geschichten eine Breite verstanden werden kann, die von politischer Propaganda bis zu Erinnerungen aus dem Urlaub reicht.
So erhält der Kitsch einen persönlichen Hintergrund, der entweder an Stelle des originalen tritt - beispielsweise bei einer Replik, die als Souvenir verkauft wird - oder einen gänzlich neuen, wenn das Kitschprodukt schon für diesen Zweck geplant und hergestellt war - als Beispiel diene ein Gartenzwerg oder eine Engelsfigur. Das Objekt erlebt also eine Umdeutung durch den Rezipienten, der jedoch auch schon industriell und kommerziell motiviert eben dazu gedrängt wird. Ein sehr anschauliches Beispiel wäre eine Ansichtskarte, die die Zuckerseiten des Aufenthaltsort klebrig süß festhält, jedoch auf der Rückseite leer ist, und eben erst vom Kunden, Rezipienten, Käufer, Arbeiter, beschrieben und dadurch mit einem Hintergrund versehen wird. Doch auch die alte Frau, die in ihrem Garten Gewächse und Tonfigürchen pflegt, sie gibt letzteren einen Hintergrund. Die emotionsschwangere kurze Melodie wird in der Werbung mit einem Produkt verknüpft. Dies erfordert vom Kitsch, seine Inhalte, das heißt, die Emotionen, die er als Kunstwerk notwendig vermittelt, plakativ und plump präsentiert werden, um idealiter keine Reflexion zu erfordern, sondern direkt zur Absorption zur Verfügung zu stehen. Naturgemäß schluckt der Rezipient jedoch nicht nur das Zuckerstück der Emotionen, sondern, so die Hoffnung der Agenturen, Parteien, Souvenirproduzenten, auch den Tropfen Medizin. Hinterhältig, könnte man meinen, ist es, so mit Emotionen zu spielen, da sich niemand ihnen verwehren kann, und wer vielleicht noch den Gartenzwerg "kitschig!" findet, erliegt dann vielleicht doch einer Bollywood-Szene. Kitsch ist also einerseits eine Hülle, ein Vordergrund, der individuell gefüllt werden kann mit Assoziationen, Erinnerungen, aber eben auch politischer Gesinnung und Propaganda. Damit, könnte man sich vielleicht zu behaupten erdreisten, steht er in gewisser Form in den großen Fußspuren der rhetorischen Tradition, und ist vielleicht nur eine neue Form von Medium für sophistische Reden, andererseits gibt er als bekömmliche Kunst vielleicht die Möglichkeit zur Emanzipation - gerade denen, die in der Gesellschaft zu kulturell nicht Gerüsteten gedrückt wurden.

notes



1 Greenberg, Clement, "Avantgarde und Kitsch", in: Kitsch. Texte und Theorien, hg. v. Ute Dettmar, Thomas Küpper, Stuttgart: Reclam, 2007, 203-212; Broch, Hermann, "Die reaktionäre Technik des "Effekts"" und "Einige Bemerkungen zum Problem des Kitsches", ebd., 213-226

2 Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1963; S. 7-44

3 Flusser, Vilém, "Gespräch, Gerede, Kitsch. Zum Problem des unvollkommenen Informationskonsums", in: Die Revolution der Bilder. Der Flusser-Reader zu Kommunikation, Medien und Design, Bollmann, 1995

4 Zu ähnlichem Schluss kommt ja auch Greenberg in "Avantgarde und Kitsch", S. 205ff