Zusammengestellt von @Volker
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Rekonstruktionen
eines Fragments die “Markus-Passion" von J.S. Bach
Es bestehen zur Zeit verschiedene Versionen als Frakmente zur "Markus Passion" von J.S. Bach
In 1964 war Diethard Hellmann der Erste, der versuchte, die Markus-Passion für eine Praxis-Aufführung aufzubereiten. Er verfuhr hierbei nach den Erkenntnissen, die vor allem die Herren Rust und Smend schon herausgefunden hatten. Die Arie “Welt und Himmel nehmt zu Ohren“ parodierte er aus der Arie „Leit, o Gott, durch deine Liebe“ aus der Trauungskantate BWV 120a.
Für die Arie “Angenehmes Mord-Geschrey“ fand auch er keine passende Vorlage – sie blieb wie der Evangelien-Text unvertont. Hellmann verzichtet auf jegliche eigene Neukomposition und bietet damit nur ein „Grundgerüst“ auf der Basis der bis dahin gewonnenen musikwissenschaftlichen Erkenntnisse. Um die Markus-Passion trotzdem aufführen zu können, empfiehlt er entweder das bloße Vorlesen des Evangeliumstextes oder das vollständige Weglassen desselben, wodurch die Markus-Passion eher den Charakter einer "normalen" Kantate (die ja in der Regel keine durchgehende Handlung besitzt) bekäme.
1974
wagte sich mit dem Ratzeburger Kirchenmusikdirektor Neithard Bethke
der erste Komponist an eine Neuvertonung der Evangelistenworte. Er
legte seiner Version der Markus-Passion die oben beschriebene Fassung
von Hellmann zugrunde und vervollständigte einige Chöre und
Arien aus Sätzen des Weihnachtsoratoriums.
1978
wiederum suchte Gustav Adolph Theill für seine Version sogar für
die zu vertonenden Rezitative Parodievorlagen in Bachs Oeuvre und
bediente sich dabei einiger Passagen der Kantate BWV 187 „Es
wartet alles auf dich“ und vor allem bei der Matthäus-Passion
– vor allem letzteres ist eine gut nachzuvollziehende
Entscheidung, denn der Evangeliumstext von Markus und Matthäus
weist gerade in der Passionsgeschichte etliche fast identische
Passagen auf.
Und durch dieses Verfahren konnte sich Theill somit
auch auf größtenteils authentische
Bach-Rezitativ-Kompositionen stützen. Die Arie “Welt und
Himmel nehmt zu Ohren“ unterlegt Theill im Gegensatz zu
Hellmann jedoch mit der Musik des dritten Satzes der Messe in A-Dur
BWV 234. Die Arie “Angenehmes Mord-Geschrey“ erhält
bei ihm die Musik des 8. Satzes der Kantate BWV 204 „Ich bin in
mir vergnügt."
Durch
eine Rekonstruktion der Markus-Passion bekannt geworden ist das
ehemalige Thomaner-Chor-Mitglied und jetzige Professor, Johannes H.E.
Koch. Nach dem Kriegsende weiteres Studium an der Musikhochschule in
Detmold bei Kurt Thomas. Mitbegründer
1948 der Kirchlichen Landesmusikschule (heute Hochschule für
Kirchenmusik) in Herford / Ostwestfalen.
1978/ 79 vertonte der Herforder Kirchenmusiker (und ehemalige Thomaner) Johannes H. E. Koch die Rezitative selber und entschied sich hierbei jedoch, gar nicht erst in irgendeine Konkurrenz zu Bach treten zu wollen. Er vertonte die Evangelistenworte in einem gemäßigt modernen Tonfall, reich an vielfältigen Harmonien, aber trotz aller Expressivität immer akribisch dem Sprachfluss des Evangelistentextes folgend. Diese Rezitative (und Turba-Chöre) werden nur von der Orgel – die Christusworte hingegen von zwei Gamben begleitet (quasi eine Hommage an die Matthäus-Passion).
Seine Anmerkungen im Internet nachzulesen lauten wie folgt:
Link: http://www.emmaus.de/ingos_texte/bach_markus.html
Die Matthäus- und die Johannespassion liegen in aufführungsreifer Form vor. Darüber hinaus besitzen wir aber lediglich das Textbuch einer "Passionsmusik nach dem Evangelisten Marco". Es stammt von Bachs Librettisten Christian Friedrich Henrici (alias Picander) und findet sich in dessen "Ernst-, Scherzhafften und Satyrischen Gedichten" von 1732. Als Aufführungsdatum teilt Picander den Karfreitag 1731 mit. Von der Musik allerdings kennen wir nicht eine Note, da die vermutlich einzige überlieferte Abschrift aus der Sammlung Franz Hausers bei einem Brand im Februar 1945 in Weinheim vernichtet wurde.
Noten bzw. Klavierauszüge der Markuspasssion als Parodivorlagen von Hellmann/Koch können hier bestellt werden.
Link: http://www.carus-verlag.com/index.php3?BLink=KKArtikel&ArtikelID=18800
Eine CD dieser Rekonstruktion der Markus-Passion von Hellmann / Koch wurde von dem Oelberg-Chor Berlin unter der Leitung von Ingo Schulz als Live-Aufnahme 2004,in der Emmaus-Kirche, Berlin-Kreuzberg,
eingespielt.
Link: http://www.emmaus.de/ma/cd_index.html
1981 schuf Volker Bräutigam (er ist heute Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle/ Saale) eine noch „radikalere“ Version:
Die rekonstruierte Hellmann-Version der Markus-Passion ergänzte er mit einem Evangelienbericht, der auf einer Zwölftonreihe basiert und von Orgel und Schlaginstrumentarium begleitet wird (also hören würde ich diese Fassung schon mal gern –wie das wohl klingen mag??)...
Dieses „neutönende“ Ensemble soll während einer Aufführung auch räumlich getrennt von den übrigen Ausführenden stehen – der Chor hingegen als verbindende „Brücke“ zwischen den beiden Vertretern so unterschiedlicher Klangwelten.
CD bei jpc Link: http://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/hnum/9615425/-/iampartner/K84
1983
komponierten auch Tadeusz Maciejewski und Stefan Sutkowski die
Rezitative der Markus-Passion neu und machten zugleich anscheinend
sehr großzügige Anleihen sowohl bei der Matthäus- wie
auch der Johannes-Passion und sogar in der eigentlich nicht als von
Bach geltenden Lukas-Passion.
Einen
ähnlichen Weg wählte 1984 der Organist Christoph Albrecht,
der jedoch auf ein allzu großes (und wahllos erscheinendes)
Zusammenstellen von Anleihen aus verschiedenen Werken zugunsten nur
einer beliehenen Quelle verzichtete (was ich eigentlich auch
konsequenter finde): Die Markus-Passion vom Dresdener Kreuzkantor
Gottfried August Homilius (1714-85) – ein Komponist, der ja
erst in den letzten Jahren eine gewisse „Renaissance“
erlebt hat. Der Vorteil: Wie alle anderen Komponisten einer
Markus-Passion auch, verwendet Homilius (natürlich) Luthers
Bibeltext – die Rezitative können somit „passgenau“
in die zu rekonstruierende Bach-Version übernommen werden.
Albrecht kombiniert diese mit der schon mehrfach erwähnten
Hellmann-Fassung.
1993
entschied sich der Freiburger Komponist Otfried Büsing für
eine weitere Variante: Er vertonte den Evangelistenbericht in einer
modernen Bibelübersetzung (der von Walter Jens), weil
zugegebenermaßen die zur Bach-Zeit noch verwandte
Luther-Fassung doch einige Formulierungen enthält, die ohne
Erläuterungen heute nicht mehr verstanden werden. Im Gegensatz
zu Bach (und der Praxis der damaligen Zeit) wird der Evangelist hier
nicht von einem Tenor, sondern von einem Bariton gesungen, während
die Christusworte ein Tenor übernimmt.
Die Begleitung dieses Passionsberichtes übernimmt ein Kammerorchester.
Ebenfalls
1993 griff der britische Musikwissenschaftler "Simon Heighes" auf die
Markus-Passion des in Hamburg tätigen Reinhard Keiser
(1674-1739) zurück. Immerhin stammt von Bach höchstpersönlich
eine Abschrift dieser Passion! Wenigstens 2 Aufführungen (je
einmal in Weimar und Leipzig) unter Bachs Leitung sind überliefert.
Eine nicht geringe Wertschätzung Bachs seinem Kollegen gegenüber
dürfte damit wohl erwiesen sein. Die Inspiration Bachs durch
Keisers Komposition ging unter anderem soweit, dass Bach in seiner
Matthäus-Passion auf dessen Idee zurückgriff, die
Christusworte von einem Streichensemble und nicht vom „bloßen“
Continuo begleiten zu lassen! So gesehen scheint Heighes’ Idee,
für die Rekonstruktion der bachschen Markus-Passionauf eine
Passion Keisers zurückzugreifen, naheliegender als die Wahl von
Homilius’ Markus-Passion, die Christoph Albrecht 1984 getroffen
hatte.
Konstantin Köppelmann (Kantor der Münchner Immanuelkirche) orientierte sich 1994 für seine Fassung an den Versionen von Gustav Adolph Theill und Diethard Hellmann. Allerdings rekonstruierte er die Arie “Welt und Himmel nehmt zu Ohren“ auf der Grundlage einer Bass-Arie aus der Johannes-Passion. Auch Köppelmann komponierte die fehlenden Rezitative neu - allerdings wieder im Bachstil.
Anlässlich
der 75-Jahr-Feier seiner niederländischen Bachvereinigung wählte
1996 Jos van Veldhoven Teile der Markus-Passion des in Dresden
tätigen Komponisten Marco Giuseppe Peranda (1625-75) aus, um sie
mit den Fragmenten der Markus-Passion von Bach zu kombinieren. Der
von Peranda vertonte Text ist – naturgemäß –
mit dem Picanders weitgehend identisch (zumindest in den für die
Rekonstruktion benötigten Evangelientexten). Interessanterweise
ist in dieser Version nunmehr Bachs Musik plötzlich die
„modernere“ – Perandas Musik ist ganz dem Stil des
17. Jahrhundert verhaftet und obendrein durchweg a cappella gehalten.
Somit können auch ungeübte Zuhörer jederzeit
unterscheiden, welcher Komponist gerade vorgetragen wird.
Auch
in dieser Fassung kommt wieder das Stilelement „alte Musik“
in Kontrast zu „neuerer Musik“ zum Tragen.
1997 wählte der britische Literaturprofessor Austin Harvey Gomme eine ähnliche Lösung wie Simon Heighes es 4 Jahr zuvor getan hatte: Er „borgte“ die Evangelistenpartie aus der Markus-Passion von Reinhard Keiser. Beide Versionen unterliegen allerdings der Problematik, dass Keisers Markus-Passion erst mit der Szene im Garten Gethsemane beginnt (wie viele Passionsmusiken dies tun) und nicht wie Picanders Passionstext bereits mit der Salbung in Bethanien und dem letzten Abendmahl. Somit muss hier das Bachfragment umgestellt und angepasst werden – betroffen sind immerhin eine Arie und drei Choräle, die Gomme entsprechend umplatzieren muss. Auch dies wiederum eine Notlösung.
Die Notlösung umging der Hamburger Kirchenmusikdirektor von St. Jacobi Rudolf Kelber im Jahr 1998/99 auf pragmatische Weise: Er komponierte die fehlenden Szenen zu Beginn der Passion einfach selber und kombinierte ansonsten ebenfalls den restlichen Evangelienbericht aus der Markus-Passion von Reinhard Keiser mit dem Bachfragment. Außerdem integrierte er drei weitere Bach-Arien in seine Fassung der Markus-Passion. Bei seinem Amtsvorgänger Telemann bediente er sich außerdem, indem er einige Turbae-Chöre Keisers durch dessen Vertonungen ersetzte (schließlich stammen auch von Telemann einige Passionsmusiken, darunter meines Wissens auch mehrere Fassungen einer Markus-Passion).
Im Bach-Jahr 2000 viel beachtet worden ist die Fassung, die Ton Koopman 1999 erstellte: Er blendete quasi sämtliche bisher gewonnenen Erkenntnisse zu parodierten Stücken aus und begann quasi „janz von vorn“ mit der Arbeit.
Dabei stellte er sich vor, ein Schüler Bachs zu sein, der im Kompositionsunterricht von diesem folgenden Auftrag erhält: „Hier ist ein Textbuch; vertone es und verwende dazu so viel wie möglich aus den Werken, die ich bis heute (1731) geschrieben habe. Was du nicht finden kannst, das komponiere selbst.“
Im
Booklet zu seiner Einspielung der Markus-Passion schreibt Koopman,
dass er vor allem in den Partituren der Kantaten auf die Suche ging
und tatsächlich für einige Stücke gleich mehrere
brauchbare Lösungen finden konnte. Für einige Chöre
hätte er in der Johannes-Passion eventuell brauchbare Lösungen
finden können, doch aus dieser wollte er sich nicht bedienen Koopman ist der Ansicht, dass die seit der Hellmann-Version immer
wieder aus der Trauerode BWV 198 herangezogenen Stücke gar nicht
so besonders gut zur Rekonstruktion der Markus-Passion geeignet sind
– er erwähnt „hervorragende Lösungen, die die
Verwendung der Trauerode überflüssig machen“. Das
größte Manko des Booklets dieser Aufnahme ist es dann,
sich konsequent darüber auszuschweigen, wo Koopman denn nun
seine Anleihen stattdessen gemacht hat.
Bei der erforderlichen Neukomposition der Rezitative kommt Koopman immerhin seine immense Musizierpraxis zugute: Er kennt Bachs geistliche Musikwelt wohl so gut wie kaum ein anderer! Trotzdem war die Neukomposition der Rezitative der Markus-Passion à la Bach für ihn eine große Herausforderung, die den Thomaskantor in seiner Bewunderung noch weiter steigen ließ, wie er schreibt.
2001
fertigte der Schweizer Komponist Matthias Heep eine Fassung an, die
wiederum mit dem bewussten Stilbruch „Alt gegen Neu“
operiert: Er komponierte acht in sich geschlossene Sätze für
Soli, Chor und modernes Orchester, die sich jeweils mit Abschnitten
der rekonstruierten Markus-Passion abwechseln. Offensichtlich
verzichtete Heep auf alle Choräle der Textvorlage und
integrierte lediglich einen (im Originaltext nicht vorkommenden)
Choral „Kyrie, Gott Vater“, den er ins Zentrum der
gesamten Passion platziert.
Nach
siebenjähriger Vorarbeit (in der das gesamte Oratorien- und
Kantatenwerk Bachs studiert wurde) erlebte schließlich im Jahre
2003 die Fassung des italienischen Komponisten Guido Mancusi ihre
Erstaufführung. Auch er komponierte die Rezitative im Bachstil und
wählte einige andere Parodievorlagen als in älteren
Rekonstrukt-Versionen der Markus-Passion.
Eine
Fassung als Rekonstruktion der Markus-Passion wurde in Anlehnung an
die Markus-Passion von Reinhard
Keisers (1674 - 1732, ein Zeitgenosse von Bach, durch das Collegium
Cantorum Köln, Ltg.
Thomas Gebhardt, in 2005 aufgeführt.
Der fehlende Teil des Werkes kann auf der Grundlage plausibler Vermutungen sowie mit »werkfremden« Sätzen für eine Aufführung wiedergewonnen werden. So folgt der Großteil der Evangelien-Erzählung in den Rezitativen der Markuspassion Reinhard Keisers, die Bach selbst in Leipzig aufführte.
Diese Fassung scheint am Wahrscheinlichsten dem Originalwerk von J.S. Bach zu entsprechen, zumal Bach die Markus-Passion von seinem Zeitgenossen "Reinhard Keisers" vier Mal in Leipzig aufgeführt hatte.
Bach hatte von dem älteren Keisers eine hohe Meinung und übernahm die Violinbegleitung bei den Gesangssolisten von der Markuspassion Keisers in seine Matthäus-Passion.
Die Markuspassion Keisers erreicht nicht die Passions-Kompositions-Grösse (Matthäus- Johannes) von J.S. Bach.
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Eine sehr schöne Rekonstruktion der Markus-Passion gelingt Tom Koopman und scheint in etwa dem Original zu entsprechen. Sie ist bei jpc zu beziehen als DVD.
(Rekonstruktion von Ton Koopman)
Sound: DSS 5.1
Bild: WS
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch
Link: j p c - DVD Koopman Markus-Passion (Rekonstruktion) J.S. Bach
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Eine CD-Einspielung der Markuspassion für 5,99 € liegt weiterhin bei jpc vor:
Hier handelt es sich bei dieser Markus-Passion um eine Rekonstruktion durch Diethard Hellmann In dieser Aufnahme sind sicherlich die gesprochenen Bibeltexte aus dem Markus-Evangelium, was hier der bekannte Rezitator Wolf Euba übernimmt, sehr ungewöhnlich anzumerken.