Oxford, England
Freitag, 21.12.1984 6:00 h
Weihnachtszeit, Urlaubszeit! Eine tolle Erfindung, solange man einen Platz, eine Familie hat, mit der man diese doch ach so schönen Momente genießen kann. Und damit fingen gewöhnlich die Problem an. Wo soll man hin gehen wenn die Eltern getrennt leben und die Schwester seit 11 Jahren spurlos verschwunden ist? Zu Mam, die seit Samanthas verschwinden, vergessen hat, dass er überhaupt existiert? Oder zu Dad, der sich lieber dem Alkohol widmet und ihn ab und an mit einem Punchingball verwechselt? In der Regel wenn man so eine Auswahl hat, dann ist nicht einmal England weit genug von „zu Hause“ entfernt und alles ist besser als die Feiertage in dieser Familie zu verbringen.
Dieses Jahr hatte Fox Glück, er brauchte sich nicht mit diesen Fragen zu beschäftigen. Seine Mutter hatte ihm Geld als Weihnachtgeschenk geschickt, nicht viel, aber es genügte für einen Trip nach Tirol zum Ski fahren, mit anderen Studenten die über die Feiertage etwas, eh’ „armselig“ dran waren. 6 Studenten hatten sich für die Reise finden lassen und wollten sich die Kosten für die Fahrt und das Ferienhaus teilen. Mulder hatte keine Ahnung von Ski fahren, doch war das immer noch verlockender als die Ferien allein zu verbringen. Das Nachtleben soll dort super sein und es gibt Berg-, Gletschertoren und reizende Ski- Fahrlehrerinnen.
In seinem Kopf hatte er schon so die eine oder andere Vorstellung wie er seine Zeit dort verbringen würde. Er ging noch einmal seine mentale Checkliste durch, ob er auch nichts vergessen hatte und machte sich kurze Zeit später auf den Weg zum Sammelpunkt. Die Studenten hatten den Informationsschalter im Bahnhof als Treffpunkt ausgemacht. Man wollte mit der Bahn nach Dover und von dort mit der Fähre nach Calais übersetzen. Einer der Studies hatte dort einen Freund, der einen alten VW- Bus besaß, den konnten sie leihen, sie mussten nur für die Spritkosten selber aufkommen. Zum Glück fuhr man auf dem „Festland“ rechts, so das Mulder keine Probleme hatte, sich mit den anderen während der Fahrt nach Österreich ab zu wechseln. Das einzige was er auf der Hinreise vermeiden wollte, war in den Alpen hinter dem Steuer zu sitzen. Ein alter VW- Bus in den engen, meist kurvenreichen, steilen Straßen war ein Bild zum Gruseln, doch sie hatten alles geplant und er konnte sich nicht wirklich vorstellen das es irgendwelche Schwierigkeiten auf der Tour geben würde.
Er brauchte nicht lange zum Bahnhof. Ein paar der Gruppe waren schon anwesend und bei ihrem Anblick kamen ihm die ersten Zweifel ob er auch wirklich genug mitgenommen hatte. Er trug seinen alten grauen Winterparker, darunter einen braunen wollenen Rollkragenpullover und schwarze Jeans. Schal und Handschuhe hatte er vorerst im Rucksack verstaut. War er vielleicht zu dünn angezogen? Die anderen hatten Wattejacken und bei einem Lagen neben den Schiern noch ein Bündel, dass wie dicke Winterkleidung aussah. Das Ganze sah definitiv danach aus als ob er sich dort den Hintern ab frieren würde. Die Reise fing ja schon mal gut an.
Irgendwo in den Alpen, auf alle Fälle noch Österreich (Scheiß Orientierungssinn)
Donnerstag, 27.12.1984 17:05 h
Sie hatten sich verirrt. Ihr Führer hatte sich das Bein gebrochen und das Bewusstsein, immer noch nicht wieder erlangt. Was konnte jetzt eigentlich noch schief gehen? Es hatte alles als eine harmlose Tour in die Berge angefangen. Wie hatte es soweit kommen können? Über die Feiertage gab es reichlich zu Essen und jeder glaubte nun das es nötig war ein paar dieser „überflüssigen Pfunde“ wieder los zu werden. In den letzten Tagen hatte sich die Gruppe aus England mit ein paar Franzosen und Italienern angefreundet. Sie hatten zusammen für heute einen Bergführer gemietet. Früh um 7 Uhr waren sie aufgebrochen und wollten eigentlich zur Mittagszeit zurück im Ort sein, um dort gemeinsam den Nachmittag zu verbringen. Das war so harmlos und simpel, dass sich Mulder nur fragen konnte, wie sich das Ganze so rasant in einen Alptraum verwandeln konnte. Es war kalt, die warmen wattierten Wintersachen die er sich für den Trip in die Berge geborgt hatte, halfen gegen die Kälte, machten seine Bewegungen aber unbeholfener. Die Jacke war etwas zu klein für ihn wenn er die Arme anhob, dann drückte sie unbequem an den Schultern und die Ärmel rutschten halb bis zu seinen Ellbogen hoch. Lästig, mehr als Lästig und jetzt musste er auch noch den Bergführer schleppen. Man hatte abgestimmt sich auf den Rückweg zu machen, ohne darauf zu vertrauen das der Mann wieder zu bewusst sein kommt. Einer der Franzosen glaubte den Weg zurück zu kennen. Mulder hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache und dagegen gestimmt, doch war am Ende überstimmt worden.
Sie waren jetzt schon doppelt solang auf dem Rückweg wie sie für den Hinweg gebraucht hatten. Der Bergführer war immer noch keine Hilfe, stand vermutlich unter Schock oder hatte sich bei seinem Sturz schwerer verletzt als man mit bloßem Auge erkennen konnte. Man musste kein Genie sein um die Wahrheit, die sich dahinter verbarg zu erkennen. Glasklar sie hatten sich verlaufen, der Franzose hatte sie vermutlich, mehr als nur in die falsche Richtung geführt. Ihm war zum Schreien zumute und er würde mit Sicherheit längst Kilometerweit zu hören sein, wenn er nicht wüsste, dass so etwas üble Konsequenzen haben konnte, besonders hier in den Bergen. Im Ort wo sie untergekommen sind, hatte man ihm neben alten Räuber und Geistergeschichten auch einiges über Lawinen, Gletscherspalten und verunglückten Bergsteigern erzählt. Zu diesem Zeitpunkt konnte er kaum glauben, dass man ab und an Leichen in der Nähe eines Gletschers findet die über hundert Jahre alt und immer noch gut erhalten sind. Jetzt konnte er sich das sehr wohl vorstellen und hoffte das niemand in fünfzig oder hundert Jahren über seine Leiche stolpern würde. Er blieb kurz stehen, um tief Luft zu holen und noch einmal den Verwundeten auf seinem Rücken zurecht zu rücken. Er trug den Mann huckepack, so wie er oft seine Schwester am Strand lang getragen hatte, damals in den besseren Zeiten, bevor sie verschwand. Er konnte sich nicht erinnern das ihm dabei jemals sein Kreuz zu schaffen gemacht hatte wie heute. War es weil seine Schwester im Vergleich zu seiner jetzigen Last ein Federgewicht war oder simpel weil es damals um Spaß und nicht Überleben ging? Überleben, darum ging es im Augenblick wohl. Der Spaß war längst vergessen. Er wollte gerade weiter gehen als er ein Grollen hörte. Als er sich gerade umdrehen wollte um zu sehen, woher das Geräusch kam, war es schon zu spät. Irgendetwas schnappte nach ihm und dann war es nur noch Dunkel.
Krankenhaus in Innsbruck, Österreich
Sonntag, 06.01.1985 13:45 h
Er kam langsam zu sich, brauchte einiges an Zeit um sich an das Licht zu gewöhnen, bevor er herausfinden konnte wo er sich zur Hölle befand. Seine Nase und Ohren lieferten bereits Informationen an sein Gehirn und was er da verarbeitete beunruhigte ihn. Der Gedanke an ein Krankenhaus hielt sich hartnäckig, aber er musste es sehen, um es auch glauben zu können. Er hasste Krankenhäuser genauso wie er Ärzte nicht leiden konnte. So warum zum Teufel war er hier? Nur ungläubig schaute er sich im Raum um. Eindeutig Krankenhaus, doch irgendetwas war anders. Sein Blick schweifte über die Einrichtung blieb vor Schreck starr an einer Blumenvase hängen. Wie konnte das sein? Er war Farbenblind und doch konnte er plötzlich rote Rosen sehen. War das nur Einbildung? Rot! Grün! Er kannte diese Farben nicht wirklich, hatte sie bisher nur als unterschiedliche grau Töne war genommen. Samantha hatte einmal versucht sie für ihn zu beschreiben und seine Schwester war die einzige Person die sich jemals die Mühe gemachte hatte ihm zu helfen die beiden Farben auseinander zu halten, sie überhaupt zu erkennen. Rote Rosen, Verkehrsampeln waren Teil eines Spiels, dass sie sich dazu ausgedacht hatte. Er hätte nie zu träumen gewagt rot oder grün zu sehen.
Nach gut fünf Minuten hörte er auf die Blumen an zu starren. Mulder schloss kurz die Augen und schaute sie sich dann noch einmal an. Sie waren immer noch rot und grün, nicht grau in grau. Schnell suchte er mit den Augen den Raum ab und ein Handtuch fand sein Interesse. Das Handtuch war weiß mit einem roten Kreuz drauf. Treffer, ein rotes Kreuz das Symbol des „Roten Kreuz“, also konnte er sich das Ganze nicht einbilden, richtig? Mulder kam sich nun vor wie jemand der sein ganzes Leben lang schwarz-weiß Fernsehen geschaut und plötzlich einen Farbfernseher bekommen hatte. Er wollte raus, Gras, oder besser gleich einen ganzen Park sehen und natürlich wollte er endlich wissen welche Farbe Captain Kirks Uniform nun wirklich hat. Das war für ihn immerhin ein Jahrzehnte langes Streitobjekt gewesen.
Oxford, England
Sonntag 13.01.1985, 6:30 h
Es war gerade mal eine Woche her das er im Krankenhaus aufgewacht war. Man hatte ihm erzählt das er von einer Lawine verschüttet wurde und das er einer der glücklichen Drei war die Lebend geborgen werden konnten. Von seiner Gruppe hatte keiner überlebt, die anderen beiden Überlebenden waren das eine Ehepaar aus Frankreich. Man glaubt, dass die Leiche des Bergführers ihn vor Schaden bewahrt hatte. Den als man ihn fand, war er nur bewusstlos sonst unverletzt. Man hatte sich in den USA über ihn informiert und so von dem Vorfall nach Samanthas Entführung erfahren. Die Ärzte nahmen an das er sich wie damals in einen komatösen Zustand befand und von allein wieder aufwachen würde. Seine Eltern hatten ihn im Krankenhaus nicht besucht oder angerufen. Die roten Rosen waren von dem französischen Ehepaar gewesen. Sie und jemand von der Botschaft waren seine einzigen Besucher in der letzten Woche. Das er auf wundersame Weise von seiner Farbenblindheit geheilt wurde, hatte er niemanden erzählt. Er fürchtete das man ihn dann länger im Krankenhaus behalten würde. Am Freitag hatte er es dann geschafft, dass man ihn gehen ließ er wollte unbedingt zurück nach England um an der Messe für die anderen Opfer des Unglücks teilzunehmen. Es hatte bereits einen Trauergottesdienst in Innsbruck gegeben doch zu diesem Zeitpunkte hatte Fox noch nicht das Bewusstsein wieder erlangt. Die beiden Franzosen hatten ihm davon erzählt, sie hatten teilnehmen können trotz ihrer Verletzungen. Die Frau hatte sich bei dem Unglück beide Beine gebrochen und ihr Ehemann war mit einem gebrochenen Arm und einer Gehirnerschütterung davon gekommen. Auch sie konnten sich nicht erklären wie Mulder es geschafft hatte, unverletzt der weißen Hölle zu entkommen.
Er hatte seine eigenen Probleme damit. Mulder hatte noch nie so etwas wie Glück gehabt. Der Gedanke ließ ihn nicht los und deshalb rannte er sich gerade die Lunge aus dem Leib. Er wollte seine Gedanken frei bekommen, wissen was genau passiert war. Doch mehr als ein lautes Geräusch und dann alles Dunkel, fand er nicht in seinem sonst so perfekten Gedächtnis. Das er am Leben war, konnte er sich genauso wenig erklären wie das verschwinden der Farbenblindheit oder die anderen Merkwürdigkeiten die ihm innerhalb der letzten Woche aufgefallen waren. So hatte er sich inzwischen nicht nur an Rot und Grün gewöhnt, sondern konnte auch alles ob nah oder fern deutlich erkennen. Seine Brille konnte er jetzt beim Lesen stecken lassen und wenn ihm seine Erinnerungen keinen Streich spielen dann hatte man ihm die Mandeln herausgenommen als er 10 Jahre alt war. Dennoch war er Vorgestern wegen einer leichten Mandelentzündung behandelt worden und dürfte auf Anordnung seines Hausarztes jetzt nicht joggen sondern das Bett hüten und vielleicht Eiscreme essen. So waren die Mandeln wieder da und jede einzelne Narbe die er gehabt hatte war verschwunden. Wie konnte das angehen? So nahmen die Rätsel kein Ende.
Was ihn aber am meisten verwirrte waren Erinnerungen die wie aus dem Nichts erschienen sind. Merkwürdige Lichter in der Nacht von Samanthas verschwinden. Sie waren so grell und er konnte sich nicht bewegen und dann Sam sie schrie nach ihm und er konnte ihr nicht helfen. Bildet er sich das jetzt nur ein? Hatte sein Vater recht das er an allem Schuld war? Er sollte auf sie aufpassen und er hatte sie nicht beschützen können. War er wirklich ein Feigling gewesen der vor Angst erstarrt war und nicht half als er ihre Schreie hörte? Aber was war dann das für ein graues Männchen das zu ihm kam und … und an der Wange berührte. Es hat sogar geredet aber ohne die Lippen dabei zu bewegen. So gern er Sciencefiction las und auch im Fernsehen sah, wo kam dieses Wesen her? Einbildung? Erinnerung? Was war es? Mulders Atem ging schneller und sein Herz schlug wie wild, die Muskeln in seinen Beinen fingen an zu rebellieren und ließen keine andere Wahl als kurz zu verschnaufen. Er blieb stehen, beugte sich kurz nach vorne. Eine Hand ging automatisch zur Seite um das Seitenstechen zu lindern. Er beschloss es hatte keinen Sinn weiter zu laufen. In der Nähe gab es ein Mac Donalds, Zeit für ein Kaffee und was zu Essen.
Oxford, England
Montag, 14.01.1985 8:00 h
Der Gedenkgottesdienst war mehr als verwirrend für Mulder gewesen. Er hatte sich die meiste Zeit beobachtete gefühlt so als wären sämtliche Blicke auf ihn gerichtet gewesen. Er war irgendwie froh als es vorbei war und wollte nichts lieber als nach Hause rennen und sich in sein Zimmer einschließen. Er bemühte sich wirklich es nicht wie Flucht aussehen zu lassen und versuchte einen neuen Geschwindigkeitsrekord für die Strecke Kapelle zum Wohnheim aufzustellen. Er konnte es einfach nicht ertragen. Jeder Blick schien zu sagen ‚Warum er?’ und jedes Wort das er hörte klang wie ‚Wieso er?’ er konnte die Stimmen schon nicht mehr hören. Er hatte geglaubt ihnen entkommen zu sein, doch kurz nach dem er den Dome erreicht hatte, klopfte es an seiner Tür. Professor Mark Conners, sein Tutor stand vor der Tür. Er war der Vater von Ellen Conners die das Lawinenunglück nicht überlebt hatte. Mulder hatte einen Schlag ins Gesicht erwartet oder Vorwürfe, doch stattdessen wollte er nur reden. Der Verlust seiner Tochter hatte ihn tief getroffen, er gab Mulder keine Schuld an dem Vorfall. Er brauchte Zeit und hatte sich deshalb bis Ende des Semesters beurlauben lassen. Er wollte nicht das Mulder es von jemand anderem erfährt und sehen wie es ihm ging, waren zwei seiner Gründe Mulder zu besuchen. Der dritte und letzte Grund war hinter der Tür vor der Mulder gerade stand. Mr. Conners hatte ihm einen neuen Tutor besorgt und sein erster Termin war jetzt Punkt 8:00 Uhr bei einem gewissen Adam Pierson. Ein Gastdozent, der hier für ein Jahr Geschichts- und Philosophie- Vorlesungen hält.
Er klopfte kurz und betrat dann ohne auf ein ‚Herein’ zu warten das Büro. Er war überrascht als er den Mann hinter dem Schreibtisch sah. Der wirkte kaum älter als er selbst. War das vielleicht nur eine Assistent des Professors, ein HIWI oder so etwas in der Art? Mulder war bei dem Anblick so verwirrt das er den verwirrten Gesichtsausdruck auf dem Gesicht des Mannes gar nicht bemerkte. Der Unbekannte brauchte gut eine Minute um sich zu fangen und musterte ihn dann mit den Augen. „Mr. Mulder nehme ich an?“ brach Pierson mit einem freundlichen Lächeln das Schweigen. „Ja. Und sie sind Professor Pierson?“ Unglaube schwang deutlich in Mulders Stimme mit. „In voller Größe.“ Sein Lächeln wurde breiter als er sah wie sich Mulders Augen vor Unglauben weiteten. Pierson war jung und konnte noch glatt für einen Studenten gehalten werden, nichts verriet sein wirkliches Alter und das sollte nach Möglichkeit so bleiben. Doch Pierson faste Mulders momentane Sprachlosigkeit als Genugtuung auf. Einen anderen Unsterblichen hier zu treffen, hatte ihn genauso überrascht und es gab nur noch wenig Dinge die das konnten. Er wollte eigentlich Schwierigkeiten aus dem Weg gehen, doch war ein Duell höchstwahrscheinlich unvermeidbar. Er wartete geduldig, ließ Mulder Zeit sich zu sammeln. Sollte er ruhig den nächsten Schritt machen.
„Entschuldigung. Mr. Conners hat mir gestern einiges von ihnen erzählt und ich muss gestehen, ich hatte heute einen älteren Herrn so um die 50 erwartet hier anzufinden. … Kein guter Start, finden Sie nicht?“ Mulder wusste das sein Verhalten nicht ganz angemessen war, konnte sich aber nicht helfen. Er hatte keine Ahnung was er sagen sollte um diesen nun wirklich misslungen Start wieder gut zu machen. „Schon okay. Ich bin diese Reaktion gewöhnt. Sag mal Fox, fragen sie dich in der Kneipe immer noch nach deinem Ausweis bevor Sie dir ein Bier einschenken?“ Die Frage kam trocken rüber und trieb Mulder die Röte vor Verlegenheit ins Gesicht. „Mulder, Sir. Einfach nur Mulder. Nicht Fox, niemals Fox und ja ich weiß was sie meinen, aber zum Glück gibt es hier Alkoholausschank schon ab 18 und da habe ich keine Probleme. Es tut mir Leid, könnten wir nicht einfach noch einmal von Vorne anfangen?“ Seine Stimme wurde zum Ende hin ein klein wenig leiser, unsicherer und er schenkte dem Prof. ein scheues Lächeln. Pierson hatte alle Mühe sich ein Schmunzeln zu verkneifen, der Junge gefiel ihm irgendwie. „Okay Mulder. Ich bin Adam Pierson. Freut mich dich kennen zu lernen und nenn mich Adam.“ Er schien es wirklich so zu meinen.
Er ließ Mulder Platz nehmen und machte es sich selbst am Schreibtisch gemütlich. Noch einmal musterte er den jungen Mann vor sich. Er fragte sich wann es wohl so weit ist. In den letzten zweihundert Jahren hatte er sich mehr als nur Mühe gegeben dem Spiel aus dem Weg zu gehen, der Junge war noch nicht alt das konnte er deutlich spüren. Doch wieso reagierte er nicht? Ob er ihn direkt konfrontieren sollte? Kopf ab und dann weiter als wäre nichts gewesen? Mulder hatte gerade erst für Gesprächsstoff gesorgt, sein Tod würde Scoutland Yard Kopfschmerzen bereiten aber sie würden sich mit Sicherheit zuerst an die Angehörigen der fünf Opfer des Lawinenunglücks wenden, genügend Zeit also um unterzutauchen. „So was hat dich hierher geführt Mulder?“ War das zu deutlich? „Mr. Conners hat mir gesagt, das sie mein neuer Tutor sind und das er mir für heute einen Termin bei ihnen gemacht hat. Also hier bin ich.“ Pierson beobachtete ihn gründlich während er sprach, suchte in seiner Körpersprache, Augen nach Anzeichen. Die Augen waren Haselnuss braun und grün und spiegelten so viel, vor allem eine gewisse Traurigkeit aber nicht das, was er suchte. Keine Anzeichen von Erkennen oder Verwunderung. Selbst wenn er neu im Spiel ist, muss er sich doch über die Kopfschmerzen wundern, oder?
„Und was ist mit meinem Kopf?“ Subtiler ging es nicht, Piersons direkter Angriff auf das Unvermeidliche ließ Mulders Kinnlade runterklappen. Das Gespräch wurde langsam bizarr in Fox Augen und er wusste nicht was er darauf antworten sollte. Er kannte den Prof. noch nicht so gut und wollte es sich nicht schon am ersten Tag mit ihm verscherzen. Also vorerst keine vorlauten Bemerkungen, das Eis war noch zu dünn. „Verzeihung, ich weiß nicht was sie meinen. Das Köpfe rollen überlasse ich den Historikern. Ich für meinen Teil bevorzuge Psychologie.“ Er konnte seine Stimme wie ein Wunder klar und deutlich halten und sein Gesicht in ein neutralen Ausdruck zwingen. „Das Spiel. Das ‚Es kann nur einen geben.’ Spiel.“ Half Mulder auch nicht zu verstehen worauf Pierson hinaus wollte. „Tut mir Leid aber ich spiele lieber Stratego.“ Der Professor war wirklich mehr als sonderbar. „Oh du ahnst es nicht. Sag Mulder ist dir nach dem Lawinenunglück irgendetwas Merkwürdiges aufgefallen?“ Beide hatten nicht wirklich das Gefühl das der andere Verstand und das machte Mulder immer nervöser. Er kannte den Mann knapp 15 Minuten und wollte ihm mit Sicherheit noch nicht soweit vertrauen. „Nicht das ich wüsste.“ Versuchte er sich aus der Sache heraus zu reden und stellte fest das er schon mal überzeugender gelogen hatte.
„Wirklich?“ Ja die Augen waren der Spiegel zu der Seele und das Paar das er gerade betrachtete verriet ihm alles. Mulder hatte also etwas bemerkt. Es war Adams verdammtes Pech, das er ausgerechnet einem „Neugeborenen“ über den Weg laufen musste. Er wusste genau was in dem Jungen vor sich ging und aus irgendeinem verfluchten Grund, konnte er nicht anders. Er musste sich einmischen. Er gab Mulder noch etwas Zeit und als er nach einer Weile immer noch keine Anstalten machte zu antworten, versuchte er selbst seine Frage zu beantworten. „Wie sieht es zum Beispiel mit dem Rasieren aus? Nicht einmal verletzt in den letzten Tagen? Sind die Wunden vielleicht auf der Stelle geheilt?“ Der Junge brauchte nicht antworten, seine Augen verrieten ihn wieder. Adam hatte also einen Volltreffer gelandet und lächelte leicht. Jetzt kam die schwierige Phase. „Hattest du vielleicht plötzlich Kopfschmerzen als du hier bei meinem Büro angekommen bist?“ Mulders Reaktion auf die Frage war nicht ganz wie erwartet. Verwirrt okay aber offensichtlich keine Bestätigung, kein Wiedererkennungseffekt. „Das mit dem Rasieren stimmt, aber keine Kopfschmerzen. Ich war Rot- Grün Farbenblind vor dem Unfall jetzt aber nicht mehr.“ Die Antwort war leise und Adam hatte sich anstrengen müssen sie überhaupt zu hören. Es war aber nicht das was er erwartet hatte und zum zweiten Mal an diesem Tag war er überrascht und sprachlos. Wie sollte er das Gespräch fortsetzen ohne das Mulder in Panik gerät und flieht?
„Okay. Ich will ehrlich sein. Aber dafür musst du mir versprechen bis zum Ende zu zuhören. Kannst du mir versprechen zu warten bis ich fertig bin?“ Seine Stimme hatte nun den Ton angenommen als würde er zu einem kleinen Kind sprechen. Ein Kind das jeden Moment Schreien und weglaufen konnte. „Okay, das ist nur fair.“ Mulder war sichtbar Nervös und seine Hände umklammerten fester die Armlehnen so als würde er sein Todesurteil oder tödliche Krebsdiagnose erwarten. „Es mag wirklich unglaublich klingen aber ich möchte das du mir zu hörst Mulder.“ Nach einer Pause und einem Nicken von Mulder fuhr Piersen fort. „Ich werde versuchen meine Behauptungen zu beweisen, aber das ist etwas unschön so das ich es erst erklären will. Hast du dich in den letzten Tagen einmal gefragt wie du ein Lawinenunglück unbeschadet überleben konntest? Es ist schwer zu erklären und die einzige Antwort die ich dir darauf geben kann ist, dass du es nicht überlebt hast.“ Pierson hob beschwichtigend die Hand versucht den nun etwas mehr als ungläubigen Mulder zu beruhigen und wartete bis er wieder bequem in seinem Stuhl saß, bevor er weiter sprach. „Es ist die Wahrheit. Mulder du bist an dem Tag gestorben und wiedergeboren. Du bist ein Unsterblicher und die einzige Art für dich zu sterben ist wenn du deinen Kopf verlierst.“ Er studierte Mulder gründlich ließ ihm Zeit die Worte zu verarbeiten. Es war definitiv zulange her das er einen Schüler hatte.
„Tod? Unsterblich? Soll das ein schlechter Witz sein? Was soll der Scheiß?“ Mulder war nun wütend und fühlte sich mehr als nur verarscht. Er hatte versprochen sich alles anzuhören, das war der einzige Grund, der ihn noch auf seinen Platz hielt und doch wenn er sich den Professor so ansah. „Ich bin wirklich Älter als ich aussehe. Wenn ich in meinen Vorlesungen jemals über Freud oder Jung spreche dann nicht weil ich über sie gelesen habe, sondern weil ich sie persönlich gekannt habe. Ich weiß es ist schwer zu verstehen aber es ist die Wahrheit. Wir leben schon seit Jahrtausenden unter den Menschen und versuchen unser Bestes dies Geheim zu halten. Ich werde dir etwas zeigen und dann urteile selbst. Glaub mir das muss man gesehen haben um es zu glauben.“ Er wartete nicht auf eine Reaktion sondern holte einfach einen kleinen Dolch, den er gewöhnlich als Brieföffner verwendete, aus einer der Schubladen seines Schreibtisches. Er zeigte Mulder die Handfläche seiner linken Hand und machte dann einen Schnitt von links nach rechts mit der Spitze der Klinge. Seine Hand blutete nur kurz und er beobachtete wie kleine blaue Blitze über die Wunde zuckten und wieder verschlossen. Nach nur ein paar Sekunden war alles wieder verheilt und nur noch das Blut bezeugte das es dort einmal eine Wunde gegeben hatte.
Mulder starrte ungläubig auf die Hand. Wie war das Möglich? „Wie … Wie ist das Möglich?“ fragte er und beobachtete fasziniert wie Pierson das Blut mit einem Taschentuch wegwischte und weiße Haut ohne die geringste Narbe zum Vorschein kam. „Das weiß niemand. Wir wissen nur das Wunden sofort heilen und je älter du wirst, umso schneller ist der Vorgang.“ Fox brauchte definitiv Zeit um das erst einmal zu verdauen, aber nenne es Instinkt, irgendetwas sagte ihm, dass dies längst noch nicht alles war und das es seine Schattenseiten hatte Unsterblich zu sein. Was hatte Pierson vorhin gesagt? Der einzige Weg zu sterben war wen man seinen Kopf verliert? Ein unschönes Bild machte sich in Mulders Gehirn breit und ließ ihn Schlucken. Kopf war schon zweimal erwähnt worden, so mit wichtig. „Was war das noch mal mit dem Kopf verlieren?“ Wichtig genug um es genau wissen zu müssen. „Nun, lange Rede kurzer Sinn. Wir können nur sterben wenn man uns den Kopf von den Schultern trennt und wenn du deinen dort behalten willst, musst du lernen mit einem Schwert umzugehen. Wir sehen es als ein Spiel, jeder von uns ist ein Spieler darin, auch du Mulder. Der erste Schritt ins Spiel ist für jeden von uns der Selbe, du stirbst einen gewaltsamen Tod. Danach findet dich, wenn du Glück hast ein Lehrer, der dir alles beibringt was du wissen musst um in diesem Spiel zu überleben.“ Adam machte eine kurze Pause wohl um zusehen ob er ihm immer noch Folgen konnte. Er hatte nun wirklich etwas oberlehrerhaftes an sich.
„Wenn man Pech hat, kommt dann wohl jemand und nimmt meinen Kopf. Ich hoffe doch das heute ausnahmsweise mein Glückstag ist, oder?“ Hölle der Junge kann Glück gebrauchen, stimmte ihm Adam ins geheim zu. „Ja. Das wäre mein Vorschlag. Ich kann dir alles beibringen was du wissen musst, um zu überleben. Aber zuerst was anderes. Als du bei meinem Büro angekommen bist, hast du da irgendetwas gespürt? Irgendetwas wenn schon keine Kopfschmerzen.“ Das wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen, er hatte Mulders Ankunft deutlich gespürt. „Nein. Nichts. Sollte ich etwas bemerkt haben?“ Neugierige Augen schauten ihn nun fragend an. Adam war sich nicht sicher was er sagen sollte, vielleicht war es noch zu früh. „Nun ja wir haben so etwas wie ein ‚Unsterblicher – Frühwarn – System’ eine Art Buzz wenn du älter wirst. Zu Beginn sind es normalerweise Kopfschmerzen, aber da du keine gespürt hast, verwundert mich das etwas.“ Es war ein bisschen mehr als ‚verwundert’, er hatte noch nie von einem Unsterblichen gehört der die Gegenwart eines anderen nicht spüren konnte. Ober war es vielleicht noch zu früh um so eine Behauptung aufzustellen? Er dachte immer, das wäre so etwas wie der Klaps den ein Neugeborenes nach seiner Geburt bekommt und wenn es schreit dann weiß jeder das alles in Ordnung ist.
„Da war nichts. Kann das bedeuten das ich so etwas wie Blind bin, was das frühzeitige Erkennen von Unsterblichen angeht?“ Mulder stellte die Frage recht trocken so als würde er nach dem Salz am Essenstisch fragen oder in einer Vorlesung den Professor bat etwas zu erklären, was er nicht verstanden hatte. Er schien sich definitiv nicht über die Bedeutung und die Ausmaße des Problems im Klaren zu sein. Es wäre ein gewaltiger Nachteil für ihn in diesem Spiel. Ein Spiel das keinen Zweiten kannte, aber soweit war Adam noch nicht gekommen in seiner Erklärung. Eins war ihm jetzt schon klar, Mulder war clever, er würde einen Weg finden diesen Nachteil aus zu gleichen. Was Mulder über seine Farbenblindheit erwähnte, hatte Adam nicht vergessen, aber das konnte bis zu einem späteren Zeitpunkt warten. Nun war es wichtig das Mulder die Grundregeln lernte und deshalb setzte er erst einmal seine Vorlesung ‚Unsterbliche 101’ für eine weitere Stunde fort. Am Ende hatte er erst einmal alle wichtigen Punkte einmal abgedeckt, verstehen würde später kommen und während des Trainings fand sich sicherlich die Zeit um das ein oder andere zu besprechen. Mulder war jung und zurzeit hilflos wie ein Neugeborenes, er brauchte noch jemanden der ihn beschützt. So überredete er ihn heute noch bei ihm einzuziehen, ein Angebot das der Junge ohne viel argumentieren annahm.
Oxford, England
Dienstag, 15.01.1985 1:08 h
Ein lauter Schrei riss ihn aus dem Schlaf und ließ ihn nach seinem Schwert greifen. Nicht einmal Cäsar hatte so laut geschrien als ihm das Messer, in der Ratshalle, in den Rücken gestoßen wurde. War das vielleicht ein Tier gewesen? Zwei Katzen die sich draußen prügeln? Ein weiterer Schrei verriet ihm das es scheinbar aus Richtung Gästezimmer kam. Adam war froh das er keine Nachbarn hatte und etwas abgelegen außerhalb der Universitätsstadt lebte. Diese Schreie konnten definitiv Tote wecken. Er fand seinen Schüler offensichtlich in einem Alptraum gefangen vor. Die Zudecke hatte die Schlacht bereits verloren und lag auf dem Boden. Pierson hatte sein Schwert immer noch in der Hand und lehnte es erstmal gegen die Wand bevor er die Decke aufhob und sich vorsichtig Mulder zuwandte. Gutes Zureden reichte nicht um ihn zu wecken, so das er ihn anstoßen musste, um ihn wach zu kriegen. Jetzt war zumindest klar warum der Junge es vorzog ein Zimmer für sich zu haben.
„Bitte nicht! Nein … Bitte … Bitte nicht schlagen!“ Fox war noch nicht ganz bei sich und Adam gefiel das Ganze immer weniger. „Ruhig. Komm wach auf, du hast einen Alptraum.“ Er schüttelte ihn leicht und Mulder öffnete die Augen, doch konnte man deutlich erkennen, das noch niemand zu Hause war. „Alles nur ein böser Traum. Hier ist es Sicher, also komm zu mir Fox.“ Sanft und geduldig sprach er weiter auf den jungen Mann ein bis er endlich halbwegs wach war. „Entschuldigen Sie. Es tut mir Leid ich wollte sie nicht wecken.“ Angst war in seinen Augen und Adam konnte sich keinen Reim daraus machen, was in dem Jungen vor sich ging. 5000 Jahre Erfahrungen konnten ein nicht auf alles vorbereiten. „Schon Okay. Alpträume sind was Fürchterliches und können sogar den Besten von uns treffen. Kann jedem passieren und ist ganz sicherlich nicht das erste Mal, dass ich dadurch aufgeweckt wurde.“ Versuchte Adam die Sache runter zu spielen. Egal von was Fox träumte, dass konnte nicht gesund sein und was hatte er im Schlaf geschrien als er ihn versuchte zu wecken? ‚Bitte nicht schlagen’? Unsterblichkeit war nicht sein einziges Problem. Wie es aussah ließ der Junge ihm die Initiative, es schien fast so als würde er auf irgendetwas warten. Ein Bild an der Wand hielt sein ganzes Interesse. Man erzählt sich das Still-Leben das manchmal können, doch war hier wohl eine klassische Ausweichtaktik am Werk.
„Willst du darüber reden?“ versuchte Adam die Aufmerksamkeit des anderen wieder auf sich zu richten, doch kam er scheinbar gegen eine Obstschale nicht an. „Fox? Komm las uns in die Küche gehen. Ich mach uns Milch mit Honig, danach können wir beide wieder besser schlafen.“ Er stand auf noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte und machte sich auf den Weg zur Küche. Er war sich sicher das der Junge ihm irgendwann folgen würde. Adam wusste eins aus Erfahrung, nach so einem schlechten Traum wollte man in der Regel nicht alleine sein, selbst wenn man so unabhängig wie Fox war. In einem geordneten Haushalt waren Milch und Honig schnell gefunden und auf den Herd gebracht. Er ignorierte den Jungen als er rein kam und sich an den Tisch setzte und bemühte sich redlich ein Lächeln zu unterdrücken und seine Gesichtszüge ‚neutral’ zu halten. Er wollte schließlich nicht den Eindruck erwecken das er sich vielleicht über Fox lustig machte.
„Warum haben sie mich behalten?“ fragte Fox nach einer Weile in seiner Milch vertieft. Adam wusste zu erst nicht was er meinte, erinnerte sich aber schnell wieder an das Gespräch was sie über das Abendessen geführt hatten. Mulder hatte nicht glauben wollen das alle Unsterblichen ‚Findlinge’ waren. Wollte nicht hören, dass die Mulders nicht wirklich seine Eltern waren. „Das weiß ich nicht.“ Was sollte er sonst antworten? Das wenige was er bis jetzt von Mulder wusste, war gelinde gesagt nicht das Familienidyll aus den 50iger TV- Serien. Mr. Conners schien bei ihrer Unterhaltung jedenfalls nicht untertrieben zu haben und seine Vermutungen waren wahrscheinlich korrekt. Das Bild wurde immer klarer und er konnte jetzt auch verstehen, warum der alte Professor ihn angesprochen hatte. Die Tatsache das er als Gastdozent kaum Studenten zu betreuen hatte, war sicherlich nicht der einzige Grund weshalb er Adam zu diesem Nebenjob überredet hatte. Es wäre nicht einmal seine Aufgabe gewesen. Fox war allein und brauchte mehr als jeder andere einen Freund, jemanden der sich ein wenig um ihn kümmerte. Auch Adam war allein, hatte es aber nie so deutlich gespürt wie er es in den Augen seines Schülers sehen konnte.
Oxford, England
Sonntag, 12.01.1986 12:00 h
Ein Jahr war es nun her das Mulder bei ihm eingezogen war und Adam konnte nicht behaupten das ihm diese Zeit keinen Spaß gemacht hat. Es hatte eine Weile gedauert bis er sich an die Angewohnheiten seines Mitbewohners gewöhnt hatte und das Mulder oft eine Spur aus den Überresten von Sonnenblumenkernen hinterließ, war dabei wohl das Schlimmste gewesen. Der Junge war recht schnell aufgetaut und der scheue schüchterne Junge entpuppte sich schnell als intelligenter, humorvoller Gesprächspartner, der es verstand hitzige Diskussionen zu führen und selbst jemanden mit ein paar Jahrtausenden auf dem Rücken ins schwitzen bringen konnte. Wenn man ihm die Gelegenheit gab, dann zeigte sein Schüler einen brillanten Verstand, der Wissen wie ein Schwamm aufsaugte und seinen Lehrer immer wieder in Erstaunen versetzte.
Das Training mit dem Schwert stelle über das Jahr seine eigenen Herausforderungen. Fox war ein guter Techniker und nur Adams Erfahrung ließen ihm im Schwertkampf noch die Oberhand behalten. Aber so gut seine Technik auch war, ein Übungskampf war etwas anderes als ein reales Duell und das bereitete ihm Sorgen. Mulder hatte viel gelernt und die Fähigkeiten um aus so einer Begegnung als Sieger hervorzugehen. Es war viel mehr sein Herz, das da gegen setzte. Der Junge hatte noch nie getötet und Adam war sich nicht sicher, ob er jemals könnte. Fox Mitgefühl und die Tatsache, dass er das Leben anderer über sein eigenes stellte, könnten ihm leicht den Kopf kosten. Adam fürchtete sogar das er kaum Widerstand leisten würde, der Selbsterhaltungstrieb seines Schülers war gleich Null. Was machte man mit jemand, der nur ein geringes Selbstwertgefühl besaß und Schuld wie Briefmarken sammelte? Selbst wenn er das Haupt seines Gegners von dessen Schulter trennen würde, die Schuldgefühle hinterher allein könnten Fox zerstören.
Adam hatte große Lust nach Amerika zu fliegen um dem Bastard der Mulder eingeredet hat, dass er nur ein Fehlschlag und ein Leben nicht wert war, einen Dolch durch die Brust zu jagen. Wie konnte man so etwas einem Kind antun? Es hatte lange gedauert, bis der Junge Adam genug vertraute, um ihm von seiner Vergangenheit zu erzählen. Es geschah oft in der Nacht, wenn Fox wieder einmal einen Alptraum hatte. Es war ihr Ritual dann in der Küche zu sitzen und heiße Milch mit Honig zu trinken. Nachts war er dann mehr Therapeut als Lehrer, was ihn nicht allzu sehr störte. Das Reden half und Adam fand etwas in den Gesprächen das ihm helfen konnte, seinen Schüler zum kämpfen zu motivieren. Seine Schwester Samantha, die verschwand als er 12 Jahre alt war. Der Wunsch sie zu finden war stark in seinem Schüler und schaffte den Trick aus Fox einen guten Kämpfer zu machen. Abgerundet mit allem Wissen was Adam je über Selbstverteidigung, Strategie und Taktik gesammelt hatte, war aus ihm ein ernstzunehmender Spieler geworden.
Das Jahr war so schnell vergangen. Adam hatte seinen Vertrag um ein Jahr verlängert und Fox stand jetzt kurz vor dem Abschluss seiner Doktorarbeit. Im Juni schon, würden sie getrennte Wege gehen. Das Fox Mulder seinen Abschluss voraussichtlich mit summa com lauda abschließen wird, ist für jederman ein offenes Geheimnis. Die meisten Leute sehen das bereits mehr als ein Fakt und der Einzige der es noch nicht zu wissen scheint ist übrigens kein anderer als Mulder selbst. Er kann es immer noch nicht verstehen warum er bereits Stellenangeboten bekommt für die er seiner Meinung nach gar nicht qualifiziert genug ist. Adam brauchte sich bisher keine Sorgen über diese Angebote zu machen, doch vor etwa einer Woche war jemand vom FBI hier gewesen. Sie waren von seiner bisherigen Arbeit so begeistert, das sie ihn sogar Farbenblind nehmen würden. Für einen Normalsterblichen ein tolles Angebot, aber einen Unsterblichen? Sicher es könnte Fox seinem Zie,l seine Schwester zu finden, ein Stück näher bringen, doch war es mehr als nur riskant.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihm das es langsam an der Zeit war, Essen war fertig und das Bier kalt gestellt. Über ein gutes Essen konnte man bekanntlich über viele Dinge reden und hoffentlich ausreden. Die Sache mit dem FBI lag immer noch dick in der Luft. Mit einem Lächeln ging er noch einmal seinen Plan durch und deckte nebenbei den Tisch. Fox würde jeden Augenblick vom Joggen zurück sein. Er hatte den Braten gerade aus dem Ofen geholt als die Tür aufging und ein ziemlich durchgeschwitzter Mulder herein kam. Sein braunes Haar war nass und hing in Strähnen herunter, alles an ihm Schrie nach einer Dusche und so würde Adam wohl noch 10 Minuten mit dem Essen warten müssen.
„Was gibt es heute schönes zu essen?“ Es roch herrlich in der Küche und Fox brauchte nicht wirklich zu fragen was es gab, aber es war dennoch schön anzuhören. „Schweinebraten dazu Kartoffeln und Buttergemüse. Als Nachspeise habe ich Schokoladentorte. Das Bier ist schon kalt gestellt also beeil dich, sonst fang ich in 10 Minuten allein mit dem Essen an.“ Fox brauchte keine zweite Einladung und beeilte sich. Bereits nach 8 Minuten saßen beide zu Tisch und aßen was das Zeug hielt. Erst mit dem Nachtisch versuchte Adam langsam das Gespräch Richtung FBI zu dirigieren. Sein Schüler war außerordentlich stur und es würde schwer sein ihn zu überzeugen, aber einen Versuch was es wert. „So, hast du dich bereits entschieden was du nach deinem Abschluss machen willst?“ so unschuldig klingend wie möglich gestellt, dennoch ein direkter Einstieg, Mulder mochte es nicht wenn man zu lange um das eigentliche Thema herum redete, so etwas brachte sehr schnell sein heißblütiges Temperament zum kochen.
„Das Angebot vom FBI ist interessant. Sie haben den Fall meiner Schwerster immerhin untersucht und so könnte ich einen Blick in ihre Akte werfen.“ Kam als Antwort auf Adams Frage. „Aber dafür zum FBI gehen? Es gibt andere Wege um in Samanthas Akte Einsicht zu nehmen. Wege die weniger gefährlich und nicht so Risikoreich sind.“ Adam hatte so seine Zweifel, das der Junge überhaupt wusste, welche Schwierigkeiten da überhaupt auf ihn zu kommen würden. Er hatte immer noch nicht ganz verstanden was es bedeutete unsterblich zu sein. Er hatte noch kein Leben aufgeben oder Freunde zurück lassen müssen. „Es ist ein Job. Ein Job wie jeder andere, gut das Risiko verletzt zu werden, ist höher aber es sterben immer noch mehr Leute in ihrem eigenen Bad als Gesetzeshüter im Dienst.“ Bingo es war wirklich wie befürchtet. „Fox, du denkt noch immer wie einer von denen. Wenn du zum FBI gehst wird dein Leben vollständig durchleuchtet und weiß der Henker alles erfasst und in irgendwelchen Datenbanken gespeichert. Die moderne Technik macht es uns immer schwerer unerkannt zu bleiben und in ein paar Jahren wirst du dann mit diesem Problem leben müssen. Fox Mulder könnte dich dann auf jeden Schritt und Tritt verfolgen.“ Mulder wollte schon etwas sagen doch Adam machte mit einer Handgeste deutlich das er noch nicht zu Ende gesprochen hatte. „Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut? Nein? Dann solltest du das vielleicht einmal machen. Du bist unsterblich, das bedeutet nicht nur das deine Wunden schneller heilen sondern auch das du nicht älter wirst. Du siehst wie 20 aus und das wird sich auch nicht mehr ändern. Was werden wohl deine zukünftigen Kollegen darüber sagen? Oh ja und was erzählst du ihnen wenn du dich im Einsatz mal verletzt oder aus versehen erschossen wirst?“ Warum konnte Fox das nicht sehen?
„Es tut mir Leid. Es war eine dumme Idee. Aber es ist eine Chance meine Schwester zu finden. Das FBI hat die richtigen Ressourcen für meine Suche.“ Das sah ihm wieder einmal ähnlich die Konsequenzen die es für ihn mit sich bringen würde, interessierten ihn nicht. Das alte Problem, kein Selbsterhaltungstrieb! Wenn man nicht ständig auf ihn acht gab, konnte das noch einmal böse enden. „Du bist nicht allein. Ich bin auch noch da, unsere Ressourcen können sogar das FBI in den Schatten stellen und wer sagt das du ihre Mittel nur benutzen kannst wenn du Vereinsmitglied bist. Denk dabei auch an deine anderen Interessen, dieser Job ist mehr als Zeitraubend und könnte dir am Ende sogar die Zeit für deine Suche nach deiner Schwester nehmen.“ Kritisieren war leicht aber man musste auch Alternativen zeigen können um jemanden wirklich auf den richtigen Weg zu bringen. „Adam, wie meinst du das?“ Fox Neugierde hatte mal wieder den besseren über ihn gewonnen und jetzt hing er am Hacken. „Du kannst etwas was, sie können es gebrauchen. Soweit ich weiß lässt sich das FBI auch von Experten, die nicht fest angestellt sind beraten. So könntest du dir die Jobs aussuchen und mit deinem Doktortitel eine Praxis eröffnen, um wirklich unabhängig zu bleiben.“ Sie verbrachten den Nachmittag damit Möglichkeiten zu diskutieren und am Abend hatte man sich auf einen Kompromiss einigen können.