Prolog "Von Leben und Tod"


Chilmark, Martha's Vineyard

Samstag 14.10.1961 23:00 h


Sie werden uns töten Teena!“ Bill Mulder lief aufgeregt in seinem Wohnzimmer auf und ab während seine Frau weinend auf der Couch saß. „Das ist nicht unser Sohn! Unser Kind ist TOT!“ schrie Sie ihn an. Ihre Stimme war fast hysterisch. Vor drei Tagen kam ihr Kind, hier in diesem Haus tot zur Welt. Wie immer war Bill nicht da gewesen, nur eine Hebamme hatte ihr bei der Geburt zur Seite gestanden. Ihr kleiner Junge war Tod und jetzt wollte Bill doch tatsächlich so tun als hätte es Vorgestern und Gestern nie gegeben. Ein anderes Kind, das er irgendwo in Washington aufgegabelt hatte, sollte den Platz ihres Babies einnehmen. Der kleine Junge lag nun in einem Tragekorb, auf dem Tisch direkt vor ihr, doch sie wollte ihn nicht einmal ansehen. ‚Nicht mein Kind!’ war alles woran sie denken konnte und der Anblick tat so weh. Warum konnte er DAS nicht verstehen?


Teena, du weiß was passieren wird. Wir haben ihnen ein Kind versprochen, NICHT NUR ich. DU bist am Projekt genauso beteiligt gewesen wie ich. Wir teilten dieselbe Meinung, sahen wie notwendig es für das Wohl aller ist. WIR haben ihnen unser erstgeborenes Kind versprochen, damit WIR eine Zukunft haben können!“ redete er auf sie ein, doch schien er keinen Erfolg mit seinen Worten zu haben. Er hatte dem Projekt sein Erstgeborenes versprochen und dabei den Fehler gemacht, bereits zu kassieren. Es war nicht mehr möglich aus diesem unheiligen Pakt heraus zu kommen und mit diesen Leuten war nicht zu spaßen. Sie kannten nur einen einzigen Weg, eine Lösung für die meisten aller Probleme. Tod! Tod für jeden der es wagte ihnen in die Quere zukommen, Tod für jeden der mit ihnen Geschäfte machte und seinen Teil der Abmachung nicht hielt! Wie konnte sie das nicht begreifen? Sie war doch damals dabei gewesen. Mr. Mulder wollte ganz sicher nicht sterben, er war noch viel zu jung dafür. Aber wie umgehen? Zwei Tage hatte es ihn gekostet, die perfekte Lösung für das Problem zu finden. Ein anderes Kind musste her und die Lücke füllen. Gestern kam ihm wie ein sechser im Lotto vor als er in einer kleinen Klink, außerhalb Washingtons, auf diesen Jungen stieß. Das Neugeborene war einfach im Warteraum der Entbindungstation abgelegt worden. Höchstwahrscheinlich gerade mal eine Stunde nach seiner Geburt. Mit Hilfe seines besten Freundes, konnte er den Bericht über diesen Vorfall verschwinden lassen und das Kind an sich nehmen. Es war perfekt, warum konnte sie das nicht begreifen?


Ja, es war eine einfache Lösung. Das musste auch sie anerkennen. Es war nicht ihrs, also was kümmerte es sie was aus diesem Geschöpf wird? Sie würde es wahrscheinlich nie wieder sehen. Nur sagen es ist ihrs und warten bis das Experiment zu Ende geht. Aber was war wenn er die Prozedur tatsächlich überlebt? Könnte sie dann dieses Kind in ihrem Haus dulden und so tun als ob es ihr eigen Fleisch und Blut ist? Ihr Mann verlangte da eindeutig zu viel, selbst wenn nie jemand davon erfahren würde, sie würde immer wissen es ist nicht ihrs, ihr Babyboy war tot. Konnte er nicht genauso den Verlust spüren wie sie es tat? Ja es klang damals alles so einfach. ‚Es ist nur ein Kind. Nur ein Kind für die Zukunft vieler anderer Kinder. Wir könnten dann eine glückliche Familie sein und bräuchten uns um nichts sorgen machen. Unsere anderen Kinder könnten aufs Collage gehen. Vielleicht wird unser nächstes Kind sogar der nächste Präsident oder oberster Richter’ oder ‚Es ist für das Wohl aller wenn wir kooperieren und so die Leben Tausender retten. Durch diese Experimente verschaffen wir uns Zeit um eine Lösung zu finden, damit wir alle eine Zukunft haben können.’ so oder so ähnlich konnte sie Bill und seine Kollegen immer noch im Hinterkopf hören. Diese Reden kannte sie alle auswendig. Ja sie konnte noch weitere Kinder haben und das Wissen, dass diese eine Zukunft haben würden von der Sie immer nur träumen konnte, ließ Sie damals zustimmen. Eine Entscheidung die sie nun bitterlich bereute und in ihren Träumen jeden Tag aufs Neue heimsuchte. War die Todgeburt eine Strafe Gottes weil sie und Bill eine derartige Entscheidung getroffen hatten? Würden sie mit dieser Tat wirklich die Zukunft ihrer Familie sichern oder auf ewig verfluchen? „Was wenn der Schwindel auffliegt?“ Sie hatte Angst und brauchte mehr Zeit um nachzudenken.


Das wird nicht passieren. Carl hat alle Spuren beseitigt, du kennst ihn, weißt was für ein guter Freund er ist. Er wird uns nicht enttäuschen. … Ich bin nicht nur für die Auswahl der Testobjekte zuständig, sondern kann auch dafür sorgen, dass es das Projekt so schnell wie möglich wieder verlässt. … Ich habe Zugriff auf die Daten, ich verspreche Dir, ich tue alles was notwendig ist. … Und wenn alles vorüber ist, dann lass uns noch einmal von vorne anfangen. … Wir werden andere Kinder haben. Vielleicht eine Tochter wie du dir immer gewünscht hast. … Und ich verspreche dir, dass ich dann alles tun werde, damit es unserer Familie gut geht und wir nie wieder so eine Entscheidung treffen müssen.“ Verzweiflung klang in jedem seiner Worte mit und auch Angst und Wut. Bill Mulder würde nicht mehr lange einen klaren Kopf behalten können. Was sollte er machen wenn sein Weib nicht zustimmte?


Das Gespräch ging weiter obwohl es immer später wurde und beide langsam mehr als nur Müde waren. So gegen zwei Uhr morgens kam man dann zu einer Einigung. Mr. Mulder hatte gewonnen, sie würden dieses Baby als das ihre ausgeben und an das Projekt übergeben. So grausam es klingen mag, beide hofften dieses Kind niemals wiederzusehen.


Quonochataug, Rohde Island

Freitag 02. November 1973 20:30 h


Die Kinder waren im Bett. Ein Gefühl von Déjà vu lag über dem Haus. Wieder befanden sich die Mulders in einer Situation wie vor 12 Jahren. Eine Entscheidung musste getroffen werden. Damals war nicht alles so verlaufen wie man es sich vorgestellt hatte. Das Experiment war ein Fehlschlag gewesen und das Projekt unzufrieden mit den Ergebnissen. Das Baby von damals hatte überlebt und lebte nun als „Sohn“ in der Familie. Er hatte kaum eine Reaktion auf die Tests gezeigt und war deshalb schnell aussortiert worden. Teena wollte das Kind zuerst nicht in ihrem Haus haben, doch um der alten Lüge willen, war auch ihr keine andere Wahl geblieben als zu zustimmen. So kam Fox zurück in ihr Haus, der Junge war damals nicht älter als ein dreiviertel Jahr gewesen und man hat den Nachbarn erzählt, dass das Baby krank gewesen sei und solange im Krankenhaus war. Damit konnte man auch gleich erklären warum der Junge so oft zu „Nachuntersuchungen“ musste. Obwohl er nicht mehr an der Testreihe teilnahm wollte man ihn unter Beobachtung behalten, wegen Spätfolgen und so weiter. Etwa drei Jahre später kam dann ihr kleiner Sonnenschein Samantha zur Welt, dass machte das Leben um einiges leichter. Samantha war ihr Kind und sie hatten schon genug geopfert das sollte ihnen keiner mehr nehmen. Die Jahre mit ihrer kleinen Tochter sind bisher die glücklichsten Jahre ihres Lebens gewesen und beide Mulders wollten nichts daran ändern. Doch das Projekt forderte neue Ressourcen, die Fremden verlangten Garantien. Um ihre Loyalität zu beweisen sollten alle am Projekt beteiligten etwas das ihnen am liebsten ist den Fremden überlassen. Sie würden eines Tages zu uns zurück gebracht, hieß es. Aber konnte man ihnen trauen? Schon einmal wurde ein Opfer von den Mulders verlangt und jetzt noch eins? Hörte es denn niemals auf?


Beide waren sich einig das wenn sie schon eines ihrer Kinder hergeben mussten, dann sollte es Fox sein. Er war ein guter Junge und Samantha liebte ihn wie einen Bruder ganz ohne Zweifel. Sie kannte die Wahrheit nicht und die Mulders könnten den Verlust ihres zweiten Kindes niemals verkraften auch in diesem Punkt waren sich beide einig. Erleichterung, dass man Fox damals aufgenommen hatte, machte sich nun in beiden breit. Er war ein guter Junge, intelligent und alles, doch hatte er es nie geschafft den leeren Platz in Teena Mulders Herzen auszufüllen. Alles erinnerte sie immer noch daran, dass ihr Babyboy eine Todgeburt war und der Schmerz saß immer noch tief, auch wenn Bill den „Vorfall“ längst vergessen hatte. Dennoch Fox war bereits einmal getestet und als Fehlschlag aussortiert worden. Würden Sie ihn nehmen? Man wollte ja schließlich nur eine Versicherung, eine Geisel haben und wenn alles vorbei war dann würden sie ihn zurückbringen. Es war so einfach auf diese Art das es doch wieder beunruhigend war. Es konnte soviel schief gehen.


Beide lieferten sich an diesem Tag eine heftige Diskussion, die erst durch Carls Ankunft beendet wurde.