brand eins 6/2008

Dicke Luft


Der Ökostrom-Anbieter Lichtblick steigt in den Gasmarkt ein. Mit Biogas.

Das wurde bislang nur von Bauern produziert. Jetzt aber übernehmen Investoren

das Geschäft und industrialisieren das Produkt.

Was die Frage unausweichlich macht, ob Biogas noch "bio" ist.


Text: Alexandra Werdes


- Der Monitor im Foyer des Lichtblick-Hauses in Hamburg-Altona soll

Freude bringen. Er zeigt den Mitarbeitern des Öko-strom-Anbieters stets

die neuesten Kundenzahlen. Heiko von Tschischwitz aber schaut längst

nicht mehr hin. Der Geschäftsführer weiß, dass die Ziffern nicht stimmen:

Seine Angestellten können die neuen Daten gar nicht schnell genug

einpflegen, so groß ist der Andrang. Zumal jetzt, da Lichtblick mit seinen

aktuell 405 000 Strom-Kunden auch auf den Gasmarkt drängt. Allein im

ersten Halbjahr haben mehr als 12 500 Verbraucher das neue Biogas

bestellt.

Lichtblick ist es gelungen, die Gebietsmonopole der Stromriesen zu

knacken. Der Branchenneuling klagte sich immer wieder in deren Netze

ein und zwang sie, ihre tatsächlichen Kosten offenzulegen. Es gab Zeiten,

in denen Tschischwitz in jedem Interview gefragt wurde, wie viele

Prozesse er gerade gegen die Konkurrenz führe. Und die "Taz" klärte ihre

Leser darüber auf, dass jemand Manschettenknöpfe tragen und trotzdem

"öko" sein könne. 2006, als Lichtblick erstmals schwarze Zahlen schrieb,

wurde Tschischwitz zum "Ökomanager des Jahres" gewählt. Für 2007

meldete das Unternehmen einen Umsatz von mehr als 210 Millionen Euro.

Zwischen Eon, Vattenfall, EnBW, RWE und deren Ablegern ist das 1998

gegründete Unternehmen zum größten unabhängigen Stromanbieter in

Deutschland aufgestiegen. Diesen Erfolg wollen die Hamburger jetzt

wiederholen: mit Biogas. "Den Strommarkt haben wir verstanden", sagt

Heiko von Tschischwitz selbstbewusst. "Jetzt wollen wir den Gasmarkt

ökologisieren." Eine mutige Ansage. Wer Erdgas durch "sauberes Gas"

ersetzen will, bekommt es mit einer Materie zu tun, zu der "öko" und "bio"

nur bedingt passen, da hoch spekulativ und anrüchig zugleich.

Biogas entsteht durch Zersetzung und Gärung, nach dem Prinzip "eiserne

Kuh": Vorn kommt Grünzeug rein, hinten viel Methan wieder raus - wie

beim Rindermagen. Anders als bei der Kuh entweicht das klimaschädliche

Gas jedoch nicht in die Luft, sondern wird, während die Biomasse gärt,

aufgefangen und in Energie verwandelt. Der Clou: Bei der energetischen

Verwertung wird nur so viel Kohlendioxid (CO2) frei, wie zuvor beim

Wachstum der Pflanzen aus der Luft gebunden wurde. Die CO2-Bilanz ist

ausgeglichen.

Eine neue Technik macht es zudem möglich, Bio-Methan so zu veredeln,

dass es Erdgas-Qualität erreicht und deshalb in die Gasleitungsnetze

eingespeist werden darf - also Zugang zu einem riesigen neuen Markt

erhält. Lichtblick ist der erste überregionale Anbieter, der aufbereitetes

Biogas zum Kochen und Heizen an private Haushalte liefert. Genauer

gesagt: ein Erdgas-Biogas-Gemisch. Fünf Prozent Biogas - so hoch ist der

von Lichtblick vorerst garantierte Anteil.

Fünf Prozent, das klingt bescheiden. Doch der TÜV bescheinigt dem Licht-

blick-Gas, "umweltfreundlicher als herkömmliches Gas" zu sein, weil

zumindest diese fünf Prozent klimaneutral verbrennen. Es sichert

Lichtblick ein Alleinstellungsmerkmal auf dem frisch liberalisierten Markt.

In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Sachsen

und Sachsen-Anhalt liefert das Unternehmen Biogas, zuvor gab es dort

keine Alternative zum Erdgas der lokalen Versorger und keinen

Wettbewerb, anders als in Hamburg und Berlin. Lichtblick, das beim Strom

auf Atomkraft und Kohle verzichtet, zielt auch als Gaslieferant auf

ökologisch sensible Kundschaft und verspricht saubere Verhältnisse. "Wer

auf unser Gas umsteigt", sagt der Unternehmenssprecher Gero Lücking,

"kann seine persönliche CO2-Bilanz verbessern, ohne an seinen

Gewohnheiten etwas zu ändern." Außerdem sorge jeder neue Kunde für

mehr Nachfrage und mittelfristig für mehr Bio-gas-Anlagen. Lichtblick wolle

möglichst bald bundesweit auftreten und den Bio-Anteil im Gas stetig

erhöhen.

Mit dem brandenburgischen Biogas gibt's mächtig Stunk

Rechtzeitig zum Markteintritt hat der Versorger, wie er versichert,

langfristige Verträge abgeschlossen. Einer garantiert die Lieferung von 1,3

Millionen Kubikmeter Biogas jährlich. Das hätte für die ersten 65 000

Kunden gereicht. Im brandenburgischen Jüterbog, etwa eine Zugstunde

südlich von Berlin, wurde eigens dafür eine Anlage errichtet. Doch es gibt

Probleme, auch noch ein Jahr nach dem geplanten Betriebsbeginn:

Jüterbog liefert nicht. Mancher Anwohner findet, das sei auch gut so.

Lichtblick und der Projektentwickler, die Hamburger Epuron, machen

einander seit Langem Scherereien. Der Gasversorger musste kurzfristig

neue Lieferanten finden. Epuron, eine Tochterfirma der finanziell schwer

angeschlagenen Conergy AG, soll wiederholt und vergeblich versucht

haben, aus dem Liefervertrag auszusteigen. Von Klagen auf

Vertragserfüllung und Schadenersatz ist die Rede. Noch bevor die Anlage

auch nur ihren Probelauf bestanden hat, wird schon mit Unbekannten über

den Verkauf verhandelt. Immer noch fehlen für die endgültige

Betriebserlaubnis wesentliche Verfügungen der Behörden. Ein guter Start

sieht anders aus.

Jüterbog ist eine typische ostdeutsche Kleinstadt. Nach der Wende haben

die russischen Truppen dort ein großes militärisches Sperrgebiet

hinterlassen; von den Kasernenblöcken sind nur Ruinen geblieben. Auf

dem einstigen Schießplatz steht die Biogas-Anlage. Sie mutet an wie eine

Jurtensiedlung für Riesen: neun Rundbauten aus Beton mit grünen Hüten.

Jeder Zylinder hat einen Durchmesser von knapp 30 Metern. In den

Behältern werden Mais-Silage und Gülle vergärt, bis sich unter den

Spitzdächern das Biogas sammelt.

Passt Massentierhaltung zum grünen Label Lichtblick?

35 000 Tonnen Mais soll die Anlage im Jahr verbrauchen. Den liefert die

Agrargenossenschaft von nebenan. Der Mais wird bei der Ernte auf dem

Feld gehäckselt, samt Stengel, Blatt und Kolben, danach wird die

Biomasse aufgehäuft und unter den Reifen von Traktoren verdichtet.

Ein paar bräunlich-gelbe Pfützen auf dem Betonboden, von denen ein

säuerlichscharfer Geruch aufsteigt, sind von einem Test mit der Silage

übrig geblieben. Die Milchsäurebakterien haben mit der Zersetzung

begonnen. Der eigentliche Gärprozess findet in den beheizbaren

Betonzylindern statt und dauert fast hundert Tage. Unter Luftabschluss

wird der Mix aus Biomasse und Gülle aufgewärmt und von einem

mächtigen Quirl ständig durchgerührt. Anaerobe Mikroorganismen

produzieren ein explosives Gemisch aus Methan, Kohlendioxid und

Schwefel, das sich unter den Dächern sammelt. Zuletzt wird das Rohgas

mit Hochdruck durch Wasser geleitet, wobei das Kohlendioxid wie in

Mineralwasser hängen bleibt und zischend in die Luft entweicht, ohne der

Klimabilanz zu schaden. Das gefilterte Gas hat einen Methangehalt von

mindestens 96 Prozent, so viel wie klassisches Erdgas. Bis dieses

Biomethan vielleicht später einmal ins Leitungsnetz eingespeist wird,

verwandeln sie es in Jüterbog in elektrische Energie.

Die Technik ist einfach, der Prozess durchweg "bio". Ob die Herstellung

auch ökologisch einwandfrei und sinnvoll ist, darüber gehen die Ansichten

auseinander.

In der Jüterboger Biogas-Anlage wird während des Probebetriebs noch

Rindergülle aus den Ställen der Agrargenossenschaft herangekarrt. Auf

Dauer wird das nicht reichen. 25 000 Tonnen tierische Abfälle jährlich

sollen deshalb schon bald von einer Schweinemast geliefert werden. Die

existiert bislang aber nur auf dem Papier. Der Schweinemastbetrieb, der

wenige hundert Meter entfernt für die Biogas-Herstellung und auf

Rechnung eines niederländischen Investors entstehen soll, ist auf die

enorme Kapazität von 15 200 Tieren ausgelegt. Selbst in traditionellen

Tiermastbezirken bei Vechta oder im Münsterland halten große Betriebe

selten mehr als 5000 Schweine. Für die Jüterboger Anlage wurden 800

sogenannte Buchten beantragt und genehmigt, kleine Abteile, in die sich

jeweils 19 Schweine drängen sollen. Jedes einzelne Tier wird weniger als

einen Quadratmeter Platz haben.

Die Tiere sollen als Ferkel nach Jüterbog gebracht und wenige Monate

später zum Schlachten wieder abtransportiert werden. In ihren Buchten

stehen die Tiere auf nackten Betonplatten mit schmalen Schlitzen, durch

welche Kot und Urin wie durch einen Gulli rinnen, damit die Gülle

unterirdisch abfließen und durch Rohre zur nahen Biogas-Anlage gepumpt

werden kann. Laut Genehmigungsverfahren sind auch ein

Kadaverbehälter und ein Krankenabteil für 200 Schweine vorgesehen.

100-Lux-Lampen sollen in den Hallen das fehlende Tageslicht ersetzen.

Die Schweinemast genügt damit den gesetzlichen Mindestanforderungen.

Nur: Wie passen Massentierhaltung und Ökologie zueinander?

Auch wenn es Ökobauern waren, die auf ihren Höfen als Erste und im

Kleinen die Technik der Biogas-Erzeugung erprobt haben - das meiste

Biogas wird längst von konventionell arbeitenden Landwirten hergestellt.

Sie bessern damit ihre Ökobilanz auf. Bei der Gärung im Fermenter

entweichen zwar Methan und andere Gase, aber wertvolle Nährstoffe für

die Düngung der Äcker bleiben erhalten. Der Gär-Rest aus der Biogas-

Anlage kann einen Teil des Kunstdüngers ersetzen.

Gülle ist natürlicher Dünger, doch wird nach der Ausbringung auf den

Feldern Methan freigesetzt. Und das ist als Treibhausgas um ein

Vielfaches schädlicher als CO2. Gülle, die in Biogas-Anlagen verarbeitet

wird, hilft also nicht nur, klimaneutrales Gas zu produzieren. Außerdem

wird Methanausstoß vermieden, wenn von der Gülle nur die Gär-Reste auf

die Felder kommen. "Solange 90 Prozent des Fleisches konventionell

erzeugt werden, ist das doch das Beste, was man mit der Gülle machen

kann", rechtfertigt Gero Lücking von Lichtblick das neue Geschäft.

Andererseits: Ohne die Biogas-Anlage würde es in Jüterbog auch keine

Massentierhaltung geben. Zumal ausreichende Ackerflächen fehlen, die

später mit den Massen an Gülle gedüngt werden könnten. Und die

Genehmigung für die Schweinemast wird in der behördlichen

Umweltverträglichkeitsprüfung ausdrücklich an die Fertigstellung der

Biogas-Anlage geknüpft.

Hoppla: Öko-Gesetz fördert Gülle-Produktion

Jüterbog ist kein Einzelfall. Mittlerweile gibt es mehrere Projekte in

Brandenburg, bei denen Biogas-Anlagen nicht die bereits vorhandene

Gülle verwerten, sondern Massentierhaltung überhaupt erst zur Folge

haben. Es sind vor allem niederländische Großmäster, die sich aus

Platzmangel oder wegen der strengen Umweltauflagen daheim immer

öfter in Ostdeutschland ansiedeln, und das in einer dort bislang nicht

gekannten Größenordnung: 85 000 Schweine sollen es zum Beispiel in

Hassleben sein.

Für "eine katastrophale Entwicklung" hält das die Brandenburger Grünen-

Politikerin und Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm. Es empört sie

umso mehr, als sie selbst am Anstoß dafür beteiligt war: dem

Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). "Wir wollten, dass die Bauern mit

der Energieproduktion ein zweites Standbein bekommen", sagt die

Grünen-Abgeordnete Behm, "aber keine Industrialisierung der

Landwirtschaft."

Das EEG sorgt seit 2000 dafür, dass die Verbraucher den Ökostrom

subventionieren. Und weil mit Biogas bislang vor allem Strom erzeugt

wurde, hat sich die Zahl der Biogas-Anlagen seither auf mehr als 3700

verdreifacht. Bayern war lange Champion auf diesem Feld. Nirgendwo

wurden so viele Anlagen gebaut. Doch die bayerische Landwirtschaft mit

ihren meist überschaubaren Betrieben eignet sich nicht für eine Naturgas-

Produktion im großen Stil. Zu teuer und zu aufwendig wäre es, die

Rohstoffe bei vielen verschiedenen Bauern einzusammeln.

Der Norden und Osten hat Bayern in der Gesamtleistung der Anlagen

längst überholt. Gründe dafür sind die Konzentration der Viehmastbetriebe

in Niedersachsen und die großräumigen Strukturen aus den Zeiten der

kollektivierten Landwirtschaft in Ostdeutschland.

Lichtblick profitiert vom Biogas-Boom, aber nicht direkt von den EEG-

Subventionen. Zwar wurde der Gaseinstieg für bäuerliche Betriebe durch

technische Innovation möglich und deshalb von der Politik gefördert.

Lichtblick aber muss das Bio-Methan zum Marktpreis einkaufen, der durch

das EEG mitbestimmt wird, wie der Pressesprecher Lücking betont. Das

Gesetz garantiert die günstigen Preise nur, wenn damit Strom erzeugt wird

- wer Biogas anders verwenden will, muss diesen Preis überbieten. Heute

ist Biogas mehr als doppelt so teuer wie Erdgas. Doch Lichtblick setzt

darauf, dass der Erdgas-Preis weiter steigt und es künftig immer teurer

wird, CO2 zu vermeiden. Dann könnte sich das Biogas rechnen.

Diese langfristige Perspektive allein hält den Markt noch in Bewegung.

Denn die inzwischen auf Rekordniveau gestiegenen Getreide- und

Futterpreise haben die einstige Euphorie gedämpft. "Die Zahl der Anlagen-

Neubauten ist erstmals rückläufig", sagt Claudius da Costa-Gomez vom

Fachverband Biogas. Wenn der Getreidepreis nicht sinke, rentiere sich für

einen Landwirt die hohe Investition in eine Bio-gas-Anlage nicht mehr.

"Was jetzt noch gebaut wird, sind größere Projekte, bei denen das Geld

von außen kommt." Zu den Großinvestoren gehören auch

Energieversorger wie Eon. Der Konzern lässt schon einige Erdgas-

Tankstellen mit Biogas beliefern.

Je mehr von den großen Biogasfabriken in Betrieb gehen, desto stärker

wird der Widerstand. Es sind längst nicht mehr nur Anwohner aus den

Landgemeinden und Naturschutz-Aktivisten, die gegen drohende

Geruchs-, Lärm- und Verkehrsbelästigung protestieren.

Der Hamburger Lichtblick-Konkurrent Greenpeace energy will so lange

kein Biogas auf den Markt bringen, wie die ökologischen Mindestkriterien

bei der Herstellung nicht garantiert sind. Dazu zählen: kein Einsatz von

Gülle aus industrieller Massentierhaltung, kein Einsatz gentechnisch

veränderter Pflanzen, kein globaler Handel mit Biomasse, keine

Verdrängung des Anbaus von Lebensmitteln durch Energiepflanzen.

Umweltschützer warnen vor Monokulturen und Gentechnik, weil

nachwachsende Rohstoffe begehrt und die Agrarflächen in Deutschland

ausgereizt sind. Möglichst viel müsse deshalb aus jedem Hektar

herausgeholt werden. Da Mais die beste Energieausbeute bringt, hat sich

der Anbau in Deutschland allein im vorigen Jahr verdoppelt.

In Penkun in Mecklenburg-Vorpommern läuft bereits eine Anlage, die auch

mit gentechnisch verändertem Mais betrieben wird. Die neue Biogas-

Technik wird die Tendenz zu Anlagen im großindustriellen Maßstab noch

verstärken und damit den Anbau von Energiepflanzen wie die Ansiedlung

von Mastbetrieben im großen Stil.

Der Lichtblick-Chef Heiko von Tschischwitz sagt, er habe nie "in der Öko-

Nische" bleiben wollen, beteuert jedoch: "Genmais wird es bei uns nicht

geben. Aber wir haben von Anfang an gesagt, dass wir ein ökologisches

Massenprodukt anbieten wollen." Das verlange nun einmal die

Bereitschaft zum Kompromiss. Denn die Alternative sei schlimmer: noch

mehr Kohlendioxid-Emission. Er weiß, dieses Argument scheint zurzeit

unschlagbar.

Die Frage ist allerdings, ob der Preis für dieses schlagende Argument

stimmt. -