Quesnay wurde als achtes von 13 Kindern seiner Eltern in einem Dorf im Arrondissement Rambouillet geboren, ungefähr 90 km von Paris entfernt. Sein Vater arbeitete als Landwirt und betrieb daneben einen Krämerladen; als er starb, war Francois erst acht Jahre alt. Im Alter von 16 Jahren begann er in Paris eine Lehre bei einem Kupferstecher, der Illustrationen für die chirurgische Akademie anfertigte. Hier entwickelte Quesnay sein Interesse an der Medizin, im Anschluss an seine Lehre absolvierte er eine Ausbildung zum Wundarzt im Chirurgiekollegium von Saint-Côme in Paris, 1718 war er Chirurg.
Eine medizinische Streitschrift verschaffte ihm einige Aufmerksamkeit. Sie richtete sich gegen den Leibarzt des Königs und dessen – damals weit verbreitete – Ansicht, praktisch jede Krankheit müsse mit einem kräftigen Aderlass behandelt werden. Quesnay dagegen empfahl, mit Blut als einem nützlichen Stoff vorsichtiger umzugehen. In Paris bekam er eine ehrenvolle Anstellung als Leibarzt des Herzogs von Villeroy, wurde 1744 Doktor der Medizin und schließlich 1749 von der einflussreichen Mätresse des Königs Ludwig XV., Madame de Pompadour, an den Hof von Versailles berufen. Als ihr vertrauter Leibarzt hatte er eine kleine Wohnung im Schloss; zu seinen Aufgaben gehörte es, alle Speisen zu prüfen, die sie zu sich nahm. Er wurde unter die offiziellen Hofärzte eingereiht, mit dem erklärten Anspruch auf die Nachfolge als oberster Leibarzt des Königs. 1751 wählte man ihn in die Akademie der Wissenschaften, 1752 erhielt er einen Adelstitel, nachdem er den Kronprinzen von den Windpocken geheilt hatte.
Quesnays Denken prägt der Blutkreislauf. Den kannte er gut, da er sein Studium durch die Zeichnung anatomischer Kupferstiche verdiente. Zu seiner Zeit waren Medizinern der Auffassung, dass zur Linderung der Entzündung durch zur Ader zu lassen der Blutdruck zu senken sei und zwar an einer von der Wunde entfernten Stelle. Quesnay wies über ein Modell von Rohren nach, dass es bedeutungslos ist, wo der Aderlass stattfindet, denn der Druck sinkt, ganz gleich, wo das System geöffnet wird. Dass dieser Nachweis1 von einem Chirurgen geliefert wurde, der sozial unter einem Mediziner standachte dies für die Mediziner ärgerlich; es machte den Landarzt Quesnay aber berühmt und
zum Leibarzt der Pompadour.
Dieser Streit war keine Lappalie, sondern ein Zusammenstoß von Theorie-Gebäuden: der bezüglich des Aderlassens noch dominierenden medizinischen Sicht Galenos (AD 129 – 200), dessen Texte erst mit der Renaissance in West-Europa wieder bekannt wurde, und der neuem empirischen Sicht des Blutkreislaufs durch Harvey (1578–1657), die erst durch [[Marcellus Malpighi|Malpighis] Entdeckung der Kapillaren 1661 überzeugte. Da nach Galen das produzierte Blut von den Organen konsumiert wird, während es nach Harvey wieder rezirkuliert wird, hat Galens medizinische Sicht eine Strukturähnlichkeit mit der ökonomischen Neoklassik, nach der Waren zur Erhöhung von Wohlbefinden konsumiert werden, während gemäß der ökonomischen Klassik „produktive“ Arbeit ein Input des nächsten Wirtschaftskreislaufes ist.
Erst aufgrund seiner Stellung am Hof beschäftigte sich Quesnay ab 1750 mit wirtschaftspolitischen Fragen, denn Frankreich drohte der Staatsbankrott. Er sah im wirtschaftlichen Kreislauf der Waren eine Art Blutkreislauf, wobei er auf den Lungenkreislauf verzichtete, da die Funktion der Lunge noch unbekannt war. Lavoisiers Experimente über die Funktion des Sauerstoffs fanden etwas später statt. Wie für den Organismus das Herz, so war die Landwirtschaft für den wirtschaftlichen Kreislauf besonders wichtig.
Anfangs waren Frankreichs Könige gegenüber ihren Fürsten sehr schwach und sie versuchten, deren Unabhängigkeit zu mindern. So wurde Versailles geschaffen, um die Adeligen zu zwingen, dort groß Hof zu halten, ihre Besitzungen zu vernachlässigen und zu verarmen. Ein halbes Prozent der Bevölkerung2 – der Hochadel, der behauptete, von den germanischen Eroberern abzustammen, und die mit Adeligen bestückte Kirche – bezogen fast die gesamten Netto-Einkünfte des Landes. Daher war fast die gesamte Nachfrage nach handwerklichen und industriellen Leistungen die Nachfrage von Adel und Kirche. Da Adel und Kirche keinen Beitrag zum wirtschaftlichen Kreislauf leisten – sie liefern keinen Output, der Input der nächsten Periode wird –, waren auch die für sie arbeitenden Handwerker für den produktiven Wirtschaftskreislauf belanglos. Die für diese Bedürfnisse verwandte Arbeit war daher „unproduktiv“, ein zentrales analytisches Element, das die klassischen Wirtschaftstheorie von Adam Smith bis John St. Mill von Quesnay übernahm.
Im „Tableau économique“, einem Input-Output-Schema, zeigt Quesnay, dass Landbesitzer (Adel und Kirche) Leistungen der Handwerker und der Landwirtschaft beziehen, aber außer der Überlassung des Landes an die Landwirte nichts leisten, dass die Handwerker soviel zahlen, wie sie von der Landwirtschaft und anderen Handwerkern beziehen und dass die Landwirte Adel und Handwerk beliefern, ihr Eigenkonsum an handwerklichen und landwirtschaftlichen Leistungen aber gering ist. Nur die Landwirtschaft liefert mehr, als sie bezieht.

Quesnay kann nicht offen sagen, dass die Landbesitzer und alle, die für sie arbeiten, Parasiten sind. Dies wäre eine Kritik an dem Sozialsystem, dass er zu retten versucht. Aber zwischen der Arbeit der Handwerker, die vor allem für Adel und Kirche arbeiten, und denen der Landwirte sieht er einen Unterschied. Der Preis handwerklicher Produkte entspricht – wie in der gesamten ökonomischen Klassik – den Reproduktionskosten: den Kosten der verarbeiteten Materialien plus den Subsistenzlöhnen der Handwerker. Zeitweilig höhere Preise senkt der Wettbewerb wieder auf dieses Niveau. Die Preise landwirtschaftlicher Produkte liegen gemäß Quesnay dagegen über den Reproduktionskosten, so dass nur die Landwirtschaft Reichtum schafft, während andere Bereiche sich nur reproduzieren. Eine vergrößerte landwirtschaftliche Produktion senkt die Preise auch deshalb weniger, weil die Nachfrage fast unbegrenzt ist.
«Il faut distinguer … une augmentation par réunion des matières premières et de dépense en consommation de choses qui existaient avant cette sorte d´augmentation, d´avec une génération, ou création de richesse, qui forment un renouvellement et un accroissement réel de richesses renaissantes.»3
Quesnays Unterscheidung von Landwirtschaft und Handwerk (Industrie) findet eine Erklärung bei den britischen Klassikern: Für diese steigen bei erhöhter landwirtschaftlicher Produktion die Stückkosten und Preise landwirtschaftlicher Produkte, weil schlechtere Böden unter den Pflug genommen werden (Ricardo). Werden dagegen industrielle Produkte in höherer Stückzahl hergestellt, sinken die Stückkosten und Preise aufgrund der vertieften Arbeitsteilung (Adam Smith). Quesnay sieht dies genau umgekehrt, aber historisch völlig richtig:
Die Verschränkung von Denkanstößen aus dem Blutkreislauf mit der historischen Entwicklungsmöglichkeit Frankreichs zu einer durch die Wortwahl „politisch korrekten“ Theorie, die ein korruptes Sozialsystem retten sollte durch Reformen, ist wohl in dieser Art einmalig. Da in England die Einkommensverteilung und damit Produktion und Märkte anders waren, hatte schon Adam Smith Schwierigkeiten, diese französischen Aussagen zu verstehen. Smiths Kreislauftheorie folgte aber den Physiokraten und er hätte seine „Wealth of Nations“ Quesnay gewidmet, wäre dieser nicht vorher gestorben5. Zu den Schwierigkeiten der britischen ökonomischen Klassiker, die Physiokraten zu verstehen, kamen für die späteren Neoklassiker noch die Differenzen hinzu, die die ökonomischen Klassik von der diametral anderen Neoklassik trennt. Aussagen der meisten nachfolgenden Ökonomen über die Physiokraten zeigen nur, dass die theoretischen Elemente der eigenen Theorie es nicht erlauben, den Sinn der Physiokratie zu begreifen.
Turgot wird 1774 „contrôleur général des finances“ und beginnt die ersten Schritte, das Programm der Physiokraten zu verwirklichen. Da von der Korruption alle profitieren, treffen seine Reformen auf Widerstand. Als er die Getreidezölle innerhalb Frankreichs aufhebt, verlieren adeligen Steuereinnehmer ihre Einkünfte (sie zahlten dem König einen festen Betrag und erheben das Dreifache an Steuern). Als durch eine schlechte Ernte 1774 die Getreidepreise anstiegen, gewann das von den Steuereinnehmern geförderte Gerücht an Glaubwürdigkeit, durch den Freihandel würden nun Spekulanten, auch der König, am Getreidepreis verdienen; das Volk zog bis vor die Tore von Versailles. Als Turgot im Januar 1776 vorschlägt, die Fronarbeit der Bauern abzuschaffen und die Handwerkszünfte aufzulösen, als ersten Schritt, alle Privilegien zu beseitigen, muss der König seinen Gegnern nachgeben und seinen Rücktritt verlangen. Die physiokratischen Gedanken verlieren damit politisch und in den Pariser Salons ihre Bedeutung. Mit Jacques Necker kommt 1776 Turgots Gegner an die Macht, der Frankreichs komparativen industriellen Vortkomparativen industriellen Vorteil, die Produktion von Luxusgütern, und
durch weitere Staatsschulden die Französische Revolution fördert.
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