Leuchtwerbung am Gasometer
Beitrag zur „Bürgerinitiative Gasometer“-Veranstaltung am 12. Juni 2008 im Rathaus Schöneberg von Cornelia Köster
Ob das Thema eine Marginalie oder einen Kernpunkt des Bauprojekts darstellt, darüber war sich die Bürgerinitiative nicht einig...
Erstmal ein längeres Zitat:
An den oberen zwei Ringen des Gasometer-Skeletts wird ein Leuchtdiodennetz nachts weit über dem Stadtteil Schöneberg sichtbar sein.
Die Ausrichtung des 33 x 20 m, also 660 Quadratmeter großen LED-Netzes im Querformat orientiert sich zum Fernbahnhof Südkreuz und zur Stadtautobahn im Süden.
Üblich wird das Abspielen von DVDs, deren Inhalt über ein Webinterface von der Firmenzentrale in Neuss eingepflegt wird.
Inhalte sollen möglichst zeitgleich und ortsbezogen sein.
Geplant ist die Bespielung von 10-Sekunden-Werbespots mit Wiederholung alle 2
Minuten.
Insgesamt werden maximal 10 Spots gesendet.
Auflage der Bezirksverwaltung ist, daß 20% davon kultureller Inhalt sein soll.
Für die Sanierung des Gasometer-Stahlskeletts werden 3 Mio. Euro benötigt.
Die Sanierung soll durch die Webeeinahmen finanziert werden.
Tagsüber wird das Industriedenkmal visuell nicht beeinträchtigt,
nur nachts „nach der Dämmerung“ soll Europas größter ‚Night Screen’ zum Einsatz kommen, der sog. ‚Werbestar am Himmel’.
Zu verdanken haben wir diese projektierte Belästigung dem „Projekt Zukunft“ –
einer „landesweiten Initiative“ von Harald Wolf (dem Berliner Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen sowie Mitglied der Partei „Die Linke“), die den „Strukturwandel Berlins zur Informations- und Wissensgesellschaft“ vorantreiben möchte. Dafür wurden Subventionen des „Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE)“ locker gemacht.
[Die deutsche Hauptstadt ist also ein „regionaler Entwicklungsstandort“ und muß „zu einem international anerkannten, wettbewerbsfähigen und attraktiven Standort“ fortentwickelt werden.]
Gefragt sind „Creative Industries“ und „IT-Standort-Strategien“.
Eine davon ist das sog. „Medienfassaden Festival Berlin 2008“, bei dem an 4 Orten im Berliner Stadtraum, darunter der Schöneberger Gasometer, sog. Kreative aus Kunst, Mediengestaltung, Film, Architektur, Urbanismus, Softwareentwicklung und Digitaler Poesie etwas entwickeln sollen, und zwar ortspezifische Inhalte. Das Ergebnis soll vom 18. Oktober bis 3. November 2008 zu sehen sein.
Es gehe hier um die Erforschung eines neuen Mediums in Bezug auf Inhalt, Format, Räumlichkeit und Ortsbezogenheit. Die sog. „Aktionsforschung“ stehe im Vordergrund. Und an diesem Punkt sollte man diesen bedrohlichen Quatsch mal richtig ernst nehmen, denn – Zitat – : Erfahrungen und Beobachtungen der Publikumsreaktionen während der endgültigen Urban Screenings im Oktober werden im Rahmen des Art Forum Berlin auf einer Paneldiskussion öffentlich diskutiert und abschließend in einer Publikation zusammengefaßt.
Meine Empfehlung: Die belästigten Anwohner sollten geschlossen hingehen und das Forschungs-Ergebnis massivst und penetrant beeinflussen. Was in der Wissenschaft verboten ist – Manipulieren – , hier sollte es Richtschnur sein!
Vielleicht ist es manchem noch nicht aufgefallen –
denen jedoch, die direkt im Südauslauf des Gasometers wohnen und nachts gerne schlafen möchten, sind die grellgelb blinkenden Leuchtelemente am Gasometer mit Sicherheit nicht entgangen.
Deren Beleuchtungsstärke und der Umstand, daß die auf die neongelben Quadrate gerichteten Scheinwerfer immerzu rhythmisch flackern und damit einen permanenten Störimpuls auslösen, legen nahe, daß diese seit ca. zweieinhalb Wochen anhaltende Leucht-Belästigung nicht nur überflüssig und schrecklich ist, sondern auch in einem Wohngebiet nicht zulässig sein dürfte – soweit es noch mit rechten Dingen zugeht und Einwohnerinteressen nicht einfach weggewägt werden können.
So wie diese Lichtsmog-Zumutung sich zur Zeit gebärdet (und als „Vorlauf“ zur genannten Medienfassaden-Aktionsforschung verniedlicht wird), legt sie nur eins nahe:
Hier möchte derjenige, der das GASAG-Areal gekauft hat und
sich darauf gern frei nach seinen Wünschen zu schaffen machen möchte,
eine optische Duftmarke setzen.
Ein betroffener Anwohner meinte zu recht: der Grundstückskäufer zeige damit nur:
Ich kann hier machen, was ich will.
Mir kann keener.
Und: Der Gasometer gehört mir.
Aber ist das wirklich so?
Wenn man sich mit dem Thema „Großwerbung in der Stadt und speziell in Berlin und insbesondere in Berlin-Schöneberg“ beschäftigt, dann kann einem angesichts der selbstverschuldeten Ohnmacht der öffentlichen Hand, d.h. der selbst herbeigeführten ausgehebelten Eingriffsmöglichkeiten gegen die zunehmende Usurpierung, d.h. Privatisierung des öffentlichen Raums schwarz vor Augen werden – trotz all der Grelligkeit.
Gegen die jüngste grell-blinkende Belästigung am Gasometer hat die Bürgerinitiative sich an den Bezirksbürgermeister Band gewandt.
In einem Brief wird der Bezirk aufgefordert, zu prüfen, ob für diese
„sinnlose Energieverschwendung“ und
„erhebliche Belästigung der Anwohner“ überhaupt eine Genehmigung vorliegt.
Daß eine behördliche Genehmigung vorliegt, davon ist nicht auszugehen.
Dann nämlich hätte eine Prüfung stattfinden müssen, wer wie von solchen unverantwortlichen Mätzchen im öffentlichen Raum beeinträchtigt wird.
Von einer solchen Prüfung ist den Anwohnern jedoch nichts bekannt.
Eine Genehmigung liegt damit nicht vor.
Was vorliegt, ist folgendes:
Bisher nur die Vermutung, daß die Zusage zur Leuchtwerbung am Gasometer von Seiten des Bezirksamts an einen Mäzenaten-Vertrag für ein Jugendprojekt gekoppelt wurde. Sowie die bereits erwähnte bezirkliche Auflage, daß 20 % dieser nächtlichen Lichtverschmutzung, also 24 Sekunden von 2 Minuten, einem "kulturellen Inhalt“ vorbehalten sein sollen.
Daß ein solcher Vertrag geschlossen wurde, und zwar am 7. April 2008 zwischen dem Grundstückserwerber und der Abteilung Bauwesen des Bezirksamts, vertreten durch den Baustadtrat Krömer, das wissen wir aus dem Mund von Baustadtrats Krömer, der dieses auf der Bezirksverordnetenversammlung am 21. Mai auf eine Bürgerfrage geantwortet hat.
Die Bedenken des „Bürgerfrage“-Stellers Alexander Ziemann, „daß die geplante Leuchtreklame verunstaltend sein könnte“ und nach der Berliner Bauordnung Werbung nur bei Bautätigkeit an Gebäuden zulässig sei, wurde vom Baustadtrat Krömer mit der selbstherrlichen Behauptung weggewischt, man könne davon ausgehen, daß hier alles in bester Ordnung sei.
Das trifft natürlich nicht zu.
Und daß die Bürger-Vertretung in Gestalt des Bezirksamts in Gestalt des Baustadtrats mit einem Projektentwickler einen „Vertrag“ abschließt, dieser Vertrag, der massiv in die Belange Dritter eingreift, aber geheim und nicht einsehbar sein soll, ist natürlich überhaupt nicht in Ordnung.
Bekannt ist nur, daß der Baustadtrat Krömer (CDU) sich ohne jede Überprüfung anmaßt zu wissen, was den Anwohnern frommt.
Im Bezirksblättchen „Berliner Woche“ vom 14. Mai 2008 wird er mit folgenden Sätzen zitiert:
„Die Anwohner können gar nicht gestört werden, weil sie die Lichter gar nicht sehen können. Die Dinger leuchten schließlich alle nur Richtung Sachsendamm, und da wohnt niemand.“
Aus eigener Anschauung kann ich sagen – nämlich aus dem 4. Stock des Hauses Ebersstr. Nr. 79: Wer in der Ebersstr. südlich der Prinz-Georg-Str. wohnt und südlich der Leuthener in der Cheruskerstr., der hat nachts ein echtes blinkendes Problem.
Und weiter weiß der Baustadtrat Krömer lt. „Berliner Woche“, daß das alles Mumpitz ist, was Anwohner aufgrund der Beleuchtung am Gasometer belästigen könnte. Die Weihnachtssterne am Gasometer hätte er doch auch schon genehmigt, und da hätte es ja auch „keinerlei Klagen gegeben“, also – wörtliches Zitat des Baustadtrats Krömer (CDU) „was soll der Quatsch jetzt?“
Die Bürgerinitiative ist nicht nur der Auffassung, daß diese Äußerungen eines in leitender Funktion tätigen Bürgervertreters unwürdig sind, sondern auch, daß sie sachlich falsch sind und damit rechtsunwirksam.
Wir haben deshalb das Bezirksamt aufgefordert, jede eventuelle Genehmigung für Leuchtwerbung am Gasometer solange „nicht zuzulassen, bis eine fachliche und sachliche Erfassung der Belästigungssituation für die Anwohner durchgeführt wurde und insofern ein Unbedenklichkeits-Gutachten vorgelegt worden ist“.
Der Brief wurde letzte Woche abgeschickt, eine Reaktion liegt noch nicht vor.
Wie von anderer Seite zu hören war, soll – trotz seiner herausragenden Höhe – Reklame am Gasometer kein wirklich lukratives Geschäft sein. Weder der Standort weise die notwendigen Kriterien auf – zentrale Lage, hohes Verkehrsaufkommen, unentrinnbare Optik – noch sei die Unterhaltung des Leuchtdiodennetzes ein Pappenstiel. Was aus dem angeblich unattraktiven Standort minus Wartungskosten für das LED-Material herauskäme, so heißt es, beschränke sich auf einen kleinen 5-stelligen, wenn nicht gar 4-stelligen Euro-Betrag im Monat.
Für die 3 Mio. €, die angeblich allein die Gasometer-Sanierung kosten soll, muß das LED-Netz dann lange, wenn nicht ewig leuchten.
Bei seinen sonstigen Projekten ist der Grundstückserwerber andere Erlöse gewohnt. Bekanntlich hat er sich mit einem inzwischen aufgeflogenen Trick konkurrenzlos ohne vorherige Ausschreibung mehrere Restaurierungsaufträge von prominenten Baudenkmalen in der Stadt verschafft – mitsamt der Konzession, während der – eher langgezogenen als kurzen – Restaurierungsphase Gewinne aus Großflächen-Werbung an diesen Denkmalen zu erzielen, und dies, wohlgemerkt, ohne der öffentliche Hand für diese Einnahmen Rechenschaft ablegen zu müssen. Im Jahresbericht 2008 des Landesrechnungshofs Berlin, der letzten Monat erschienen ist, kann man diese Methode nachlesen (T 210 bis 221 bzw. S. 139 –145):
Vorneweg tritt eine Stiftung auf, die keinen Gewinn machen darf, wie z.B. die „Stiftung Denkmalschutz Berlin“, die Reinhard Müller mit seiner Frau Maria 1999 gegründet hat, und sagt der öffentlichen Hand: das mit den Denkmalen und dem Restaurierung- und Sanierungsbedarf erledige ich für Euch, und zwar komplett, also – wie man so sagt – im Paket, und dann ist der Stiftungsgründer nicht zufällig identisch mit dem Begründer, Inhaber, Partner, Teilhaber, Geschäftsführer von bestimmten Bauausführungsfirmen (wie REM+tec Gesellschaft für Projektentwicklung und Denkmalschutz mbH, Reinhard Müller GmbH, REM Gesellschaft für Stadtbildpflege und Denkmalschutz mbH, Wert-Konzept, KONZEPTplus Reinhard Müller & Co. GmbH) oder auch nur befreundet mit Firmen, die für den Geldsegen aus Werbung am Gebäude sorgen und diesen dann – natürlich komplett, weil eine Stiftung ja, wie gesagt, keinen Gewinn machen darf – an die beteiligten Werbeagenturen und Baufirmen ausschütten.
Eigentlich müßte so was unter den Begriff „Innovatives Finanzprodukt“ fallen – und demzufolge der Kapitalertragsteuer unterworfen werden. Die jedoch wird leider demnächst, ab 2009, für Großverdiener auf mickrige 25 % Abgeltungssteuer reduziert.
Noch ein Wort zu Lars Oberg, der vor einem Jahr (am 24. Mai 2007) in fast schon sträflicher Neutralität von den jetzt akut gewordenen Leuchtdioden-Absichten berichtet hat: Zur Freude der Bezirksvertreter kündigte Müller an, noch in diesem Jahr mit einem Aufwand von 3,5 Mio. EURO den Gasometer sanieren zu wollen, der erheblich mit dem Rostfraß zu kämpfen habe. Zur teilweisen Gegenfinanzierung wolle er mit einer Werbeanlage aus Tausenden Leuchtdioden nachts Werbung in Richtung Autobahn ausstrahlen. Das Leuchtdiodennetz sei während der Tagesstunden quasi unsichtbar. Der Probebetrieb der Anlage habe am 23. Mai 2007 auf 30 mal 30 Metern [...] begonnen. Im Erfolgsfalle soll das Diodennetz auf 40 mal 50 Meter vergrößert werden.
Lars Oberg hat inzwischen dazugelernt und im Mai zum Thema „Genehmigung von großflächigen Werbeplakaten“ eine Kleine Anfrage für’s Abgeordnetenhaus vorbereitet:
1. Auf welcher Rechtsgrundlage und von welchen Stellen werden im Land Berlin großflächige Werbeplakate an Gebäuden (so genannte „blow ups“) genehmigt?
2. Welche speziellen rechtlichen Vorgaben gibt es für eine Genehmigung von großflächigen Werbeplakaten an denkmalgeschützten Gebäuden?
3. In wie weit entspricht es der Praxis im Land Berlin, daß die Genehmigung von Großflächenplakaten an Baudenkmalen bzw. denkmalgeschützten Gebäuden an die Verwendung der Werbeerlöse für den Erhalt bzw. die Sanierung dieses Gebäudes gebunden wird?
4. Wie und durch wen wird sichergestellt, daß die in den gerade genannten Fällen die Werbeerlöse in dem vereinbarten Umfang für die Sanierung des Gebäudes verwendet werden?
5. Wie verträgt sich großflächige und nachts leuchtende Reklame mit einem W o h n g e b i e t, wo es in Bebauungsplänen für Berliner Wohngebiete doch einschlägig heißt: "Selbstleuchtende, blinkende und an- und abschwellende sowie bewegliche Werbungen sind unzulässig."?
und diese, wie er mitteilte, „in den Geschäftsgang“ gegeben.
Was wiederum den Antrag „Ganz Berlin eine Werbefläche? Konzept zur Steuerung der Großflächenwerbung im öffentlichen Raum“ (Drucksache 16/1118) vom 16. Januar 2008, den die Grünen im Abgeordnetenhaus eingereicht haben, so weiß ich aus frischester Quelle, daß er es bis heute noch nicht „auf die Tagesordnung des zuständigen Stadtentwicklungsausschusses“ geschafft hat.
Zum Schluß noch 3 Zitate:
“Es ist [...] augenscheinlich, daß die großflächige Werbung in den letzten zwei Jahren ein Maß und eine Dominanz im Stadtbild angenommen hat, die eigentlich nicht mehr hinzunehmen ist.“
Das sagte der Baustadtrat von Mitte, Ephraim Gothe (SPD), am 29. Mai auf der dortigen Bezirksverordnetenversammlung.
Der Begriff „Lichtsmog“ bei Wikipedia:
„Der Begriff der Lichtverschmutzung bezeichnet die Aufhellung des Nachthimmels durch von Menschen erschaffene, installierte und betriebene Lichtquellen, deren Licht in den unteren Luftschichten der Atmosphäre gestreut wird.“
Man spricht daher auch von Lichtsmog.
und zuletzt:
"Der öffentliche Raum, der doch so wichtig ist für unsere Lebensqualität, droht heute in vielen europäischen Städten verloren zu gehen.
Ursache für diesen drohenden Verlust ist die finanzielle Situation der Städte, die in vielen Fällen gezwungen sind, den öffentlichen Raum an Developer abzugeben.“
Das sagt die berühmte Wiener Architekten-Gruppe COOP HIMMELB(L)AU,
die seit 40 Jahren existiert und zu deren international bekanntesten Arbeiten auch das Wohnbauprojekt " Gasometer B" in Wien zählt – ausgeführt in den Jahren 1995 bis 2001.